Segen

In der Januar-Ausgabe der PASTORALBLÄTTER hatte ich angekündigt: „Die monatliche Ausgabe soll möglichst neben der Kirchenjahreszeit thematisch orientiert sein. Im Februar finden sich Beiträge zum Thema Segen, im März zum Thema Angst, im April zum Thema Leben. Diese Schwerpunkte ersetzen natürlich nicht die Gottesdienste, die sich weiterhin an den Perikopen nach der neuen Perikopenordnung orientieren, ergänzt natürlich durch möglichst vielseitiges Angebot an Alternativgottesdiensten.“

Schon das November-Heft 2019 stand unter dem Schwerpunkt „Alter“, sozusagen ein erster Versuch, dem ich 2020 konsequenter folgen möchte. Im Februar also das Thema Segen.

Claus Westermann hat die Sprachlosigkeit der Theologen 1968 so ausgedrückt: „Es ist von dem merkwürdigen Tatbestand auszugehen, dass das Wort ,Segen. segnen‘ sich in der profanen Alltagssprache bis in die Gegenwart durchgehalten hat und hier in seinem Sinn von jedem verstanden wird, während es im kirchlichen und theologischen Sprachgebrauch nur ganz am Rande überhaupt vorkommt, und wenn, dann in einem bloß formelhaften. abgeschliffenen Gebrauch und einem verschwommenen, unsicheren Verständnis.
In der profanen Alltagssprache hören und gebrauchen wir Sätze wie, Meinen Segen hast du!‘, ,Dazu kann ich meinen Segen geben‘, ,Der hat es abgesegnet‘, ,in gesegnetem Alter‘ oder ähnlich. Man weiß auch, dass früher einmal die Eltern vor dem Sterben oder vor einer Reise ihre Kinder gesegnet haben, aber man weiß nicht mehr, wie das vor sich ging. Man weiß auch noch, dass es in der Zeit vor den Maschinen einen Abschiedssegen gab, und singt noch den Satz aus dem Volkslied: ,... und gebet mir gleich einer Speis den Segen auf die Reis!‘ Segenswünsche auf Postkarten gibt es zu Millionen.

Was den kirchlich-theologischen Gebrauch betrifft, so ist festzustellen, dass der Segen in der kirchlichen Praxis sehr viel fester und tiefer verwurzelt ist als in der wissenschaftlichen Theologie. In dieser hat er niemals eine erkennbare Bedeutung gehabt, weder in der Exegese der Bibel Alten und Neuen Testaments noch in der systematischen Theologie, am Rande nur in der praktischen Theologie. In der gesamten Theologiegeschichte hat sich kaum jemals einer ernsthaft für den Segen interessiert. Die Bedeutungslosigkeit des Segens für die Theologie zeigt sich am deutlichsten daran, dass es niemals einen theologischen Streit um das Verständnis des Segens gegeben hat.
In der kirchlichen Praxis dagegen hat sich der Segen im Gottesdienst, bei den kirchlichen Handlungen und auch sonst in einem Maße durchgehalten, das umso erstaunlicher ist, als das Fragen nach dem Sinn des Segens auch in der kirchlichen Praxis ausblieb. Man muss schon sagen: Der Segen lebte von selbst, aus eigener Kraft weiter, er brauchte dazu keine Theologen.“
(Claus Westermann, Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche, Gütersloh 1968 – antiquarisch erschwinglich erhältlich – später komprimierend zusammengefasst unter der Überschrift „Segen, Von Claus Westermann“, unbedingt nachzulesen auf https://jochenteuffel.files.wordpress.com/2018/09/westermann-segen.pdf)

(Ich hatte Claus Westermann trotz aller Studentenbewegtheit und politischer Engagiertheit 1967 und 1968 in Heidelberg erlebt und zu den Psalmen gehört, eine „gesegnete“ Vorlesung. Keiner unter uns hat ihn – wie so viele andere Ordinarien – unterbrochen, oder seine Vorlesung, die oft eher einem Gottesdienst oder einer Meditation glich, gestört. Vielleicht spürten wir, die sonst eher mit Recht Lautes und Kritisches im Sinn hatten, dass Westermanns Art, zu lesen, etwas „Besonderes“, heute würde ich sagen „ein Segen“ war.)

30 Jahre später griff Magdalene L. Frettlöh die Segensvergessenheit der Theologie nicht minder bahnbrechend und zeitlos auf: Theologie des Segens. Biblische und Dogmatische Wahrnehmungen, Gütersloh 2002. Ebenfalls heute als pdf-Datei (antiquarisch als Buch leider zu teuer) zum Download frei unter https://www.reformiert-info.de/daten/File/Upload/doc-5698–1.pdf

In dieser Monatsausgabe der PASTORALBLÄTTER wird das Thema „Segen“ aufgegriffen in den Bausteinen mit einer Vielfalt an praxisbezogenen Segensformulierungen. Theo Berggötz schreibt über „Kranke segnen“, Hans-Ulrich Gehring über „Predigt und Segen“, Bernd Jörg Diebner über den „aaronitischen Segen“ bezogen auf den gottesdienstlichen Gebrauch, Maximilian Heßlein trägt eine Konfirmationspredigt zum Thema „Gesegnet und ein Segen sein“ bei, von mir kommt die Predigt zu einer Goldenen Konfirmation mit dem Thema „Segen, der Rhythmus Gottes“, Günter Kusch schreibt einen Alternativgottesdienst zur Jabbok-Geschichte „Gesegnet und gezeichnet“, und schließlich trage ich in „Spiritualität und Amt“ kritische Gedanken bei: „Votum und Segen sind keine theologische oder religionspädagogische Spielwiese“.

Suche ich einen Sammelbegriff für all die Sehnsüchte, die wir in uns tragen und denen wir als Angehörige geistlicher Berufe begegnen, dann finde ich ihn am ehesten in diesem alten Begriff: Menschen haben Sehnsucht nach Segen, möchten gesegnet leben, gesegnet werden, selbst ein Segen sein.
Mit diesen und anderen Erwartungen kommen Menschen zu uns in der Hoffnung, wir hätten die spirituelle Kompetenz von Priesterinnen und Priestern. Könnten Wege lesen, Zeichen deuten, Segen zusprechen, Steine wegräumen, Gott zum Eingreifen bewegen. Hätten Einsichten in Geheimnisse und Verständnis für Umwege. Hätten einen Vers für die Schuld, einen Reim auf den Tod und einen Spruch gegen die Not. Alexander Deeg nennt uns anspruchsvoll „Resonanzexperten“.
Ich suche einen geistlichen Weg, der verantwortlich, tröstlich, segensreich mit diesen virulenten Erwartungen umgeht. Die Sehnsucht nach gelingendem Leben, nach gnädigem Sterben und selbst nach einer heilenden Kraft gegen jeden Tod entspringt nicht der Hybris des Menschen, sondern seiner spirituellen Quelle, dem Segen Gottes.

Ich lade die Leserinnen und Leser zum Nachdenken ein:
Was geht in mir vor, bevor ich einen Segen zuspreche?
Und was in Gemeindegliedern, die im Gottesdienst, bei der Trauung und Konfirmation, beim Krankenbesuch oder am Ende des Seelsorgegesprächs gesegnet werden?

Ich wurde an ein Sterbebett gerufen. Eine hoch betagte, schwer kranke Frau wollte im Kreis ihrer Familie noch einmal Abendmahl feiern, bevor sie stirbt.
Wir feiern in großem Ernst das Mahl, wir beten gemeinsam, ich lege zum Segen die Hand auf. „Sie rufen mich an, wenn etwas ist“, sage ich zur Tochter.
Wenige Wochen später steht die alte Frau vor meiner Pfarramtstür, klingelt, bedankt sich, drückt mir Sprachlosem einen Geldschein in die Hand. „Das Abendmahl hat mir geholfen, und Ihr Segen“, sagt sie und lässt mich in größter Verunsicherung zurück.

Menschen in unserer Gemeinde haben einen viel un­gebrocheneren Zugang zu Wundern, eine erheblich geringere religiöse Scham als wir Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie bringen „unkomplizierter“ zusammen, „was zusammengehört“: Gott und Leben, Kirche und Heilung, Segen und Rettung, Gebet und aufrechten Gang.

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