Ich stehe nicht zur Verfügung

Die Grund­bedeu­tung von „Ur­laub“ ist „Erlaubnis“. Im Mit­telalter ist es die Erlaubnis, sich zu ent­fernen, die ein Höherstehen­der oder eine Dame dem niedri­ger Stehenden gibt. Heute versteht man da­runter die zeitwei­lige Be­freiung vom Dienst.
Juli und August sind die „Urlaubsmonate“. Hier liegen die „großen Ferien“, in denen in der Regel Pfarrerinnen und Pfarrer mit Kindern „Urlaub nehmen müssen“. Ältere Semester gehen dagegen gerne mal außerhalb der Hauptferienmonate in Urlaub.
Ich habe aus aktueller Literatur, die ich im September näher vorstellen möchte, die Begriffe „Resonanz“, „Verfügbarkeit“ und „Unverfügbarkeit“ neu verstehen gelernt. Es mag – nicht nur in unserem Beruf – ein entscheidendes Problem sein, dass anonyme oder uns bekannte „Mächte“ über uns verfügen. Gelegentlich aber sitzen die „Mächte“ in uns selbst.
Wie lange bin ich online am Tag?
Wer hat meine Handynummer?
Werde ich nervös, wenn ich außer blöder Werbung keine echte Mail bekomme?
Wer geht an die Tür, wenn es „privat“ klingelt?
Ich habe aus der genannten Literatur gelernt, dass echte Resonanz auch Unverfügbarkeit bedeutet. Dies hat theologische Implikationen, von denen im September zu reden sein wird.
Heute möchte ich im Editorial Mut machen, im berechtigten und notwendigen Urlaub „für den Dienst nicht zur Verfügung“ zu stehen. Damit Erholung nachhaltig gelingt, muss ich auch den inneren „Bereitschaftsdienst“ für eine heilende Zeit kündigen. Das heißt nicht nur, die üblichen To-do-Listen auszublenden, sondern diese im Urlaub auch nicht durch andere zu ersetzen. „Wir haben die Bella X und den Monte Y gemacht“ – das klingt verdächtig nach „erledigen, besorgen, wegschaffen, meistern, lösen, absolvieren“. Das klingt nicht nach „Urlaub“.

Hans Greuel (Tinnitus ist heilbar, Meerbusch 2018) hat aus langer ärztlicher Erfahrung Risikogruppen für Hörsturz und Tinnitus zusammengestellt. Auch unsere Berufsgruppe fällt darunter. Stichworte wie Pflichterfüllung, schlechtes Gewissen bei Vernachlässigung von Pflichten prägen unseren Alltag. Aufopferung, Zuverlässigkeit „sind ihre Stärken, Abschalten, Regenerieren und Belastungen adäquat verarbeiten zu können sind die Schwächen“ (S. 21). Immer noch erfahre ich in Gesprächen, dass eine 60-Stunden-Woche keine Seltenheit ist. Ein Kollege erzählte, wie – zurück aus dem Urlaub – fünf Beerdigungen in einer Woche auf ihn warteten. Dazu selbstverständlich Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Öffentlichkeitsarbeit, ein Pfarrkonvent und einiges mehr. Der „burn-out“ wird fast zum Normalfall der Mitmenschen, die ständig „verfügbar“ sein müssen.

Gegenwärtig macht man sich in den Medien, zum Teil auch (selbstkritisch) in der Politik, darüber lustig, dass es in bestimmten Gegenden Deutschlands keinen oder nur eingeschränkten Handy-Empfang gibt. Ich verstehe das aus der Sicht der Wirtschaft noch bedingt. Aber ist es nicht gelegentlich eine Erholung, wenn man nicht „in Reichweite“ ist? Manche schalten selbst „im Dienst“ den Anrufbeantworter ein. Immerhin kann man dann selbst entscheiden, ob der Anruf wichtig ist oder nicht.

Nicht erreichbar zu sein, das macht viele unter uns unruhig. Ich wünsche Ihnen im Urlaub die heilsame Ruhe, die notwendige Unerreichbarkeit und den Genuss der Befreiung derer, die vorübergehend nicht zur Verfügung stehen. Sie haben exakt diese Erlaubnis. Stehen Sie sich nicht selbst im Weg.
Gerhard Engelsberger

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