„Gott will im Dunkel wohnen“ – Liedpredigt über EG 16: Die Nacht ist vorgedrungen

Jochen Klepper (1903–1942) war mit einer jüdischen Frau verheiratet. Er war Dichter, verstand sich auch als deutscher Dichter. War lange sicher, dass ihm und seiner Familie nichts geschehen konnte im Unrechtsstaat. Mehr und mehr bekam er Kenntnis vom Unrecht, von der Gefahr, die ihm als Mann einer Jüdin und seiner ganzen Familie drohte. Er hatte große Meriten, vielleicht würde man ihn verschonen. Nicht aber seine Frau Hanni und insbe­sondere deren noch in Deutschland gebliebene Tochter aus erster Ehe, Reni. Sie waren Volljüdinnen.
Klepper hat besonders ausführli­che Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen, herausgegeben unter dem Titel „Unter dem Schatten deiner Flügel“.

6. November 1942 / Freitag
... Auch meine private Arbeit habe ich nun voll wieder auf­genommen: müde und verzweifelt. Ach, nur einen Lichtstrahl von Gott in diesem entsetzlichen Dunkel!
12. November 1942 / Donnerstag
Bei Hanni und mir ist es das Gleiche: von dem Gedanken an den Selbstmord kommt uns keinerlei Ruhe, keinerlei Gefühl der Befreiung. Wir wissen, dass Gott viele Wege hat, solchen Plan zu durchkreuzen. Dass wir aber der Versuchung standzuhalten vermögen, glauben wir nicht. Das Jahr geht hin, und wir vermögen uns nicht zu finden in das „So will ich unverdrossen an mein Verhängnis gehn“.
25. November 1942 / Mittwoch
Trüber Tag in steter Dämmerung und Nebel. Tiefe, tiefe Stille, in der aber nicht für einen Augenblick das Bewusstsein der aufgewühlten Zeit von einem weicht.
3. Dezember 1942 / Donnerstag
Wieder schimmerte nur am Mittag weich die Sonne auf, und der Rasen des Gartens begann noch einmal zu leuchten. Und sonst war’s abermals ein dunkel hindämmernder Tag. Den Vormittag habe ich noch einmal dem Garten gewidmet, ihn endgültig für den Winter bestellt, noch einmal Körbe mit Laub entfernt – der Garten ist wirklich ein kleiner Wald! – und die Blumenknollen und -zwiebeln eingedeckt. – Tiefdunkle Abende.
Weihnachtsvorbereitungen und Testamentsergänzungen ge­hen in diesen Tagen nebeneinanderher.
6. Dezember 1942 / Sonntag (Zweiter Advent)
Dunkel, stürmisch und regnerisch; so trübe, dass man zu al­len Mahlzeiten die Lampe brennen musste.
9. Dezember 1942 / Mittwoch
... Diese stillen, stillen, dunklen, trüben Tage. So lind, so voller Trauer des Himmels.
„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so wer­den wir sein wie die Träumenden.“
Noch ein Tag so qualvollen Wartens. Und doch geht alles so rasch –. Abends die arme Hilde bei uns zur Testamentsbesprechung. ...
10. Dezember 1942 / Donnerstag
Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott –
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der ums uns ringt.
In diesem Anblick endet unser Leben.

Es sind Buchstaben von so schwer gewordener Hand. Um Frau und Tochter vor Auschwitz zu retten, starben sie in dieser Nacht gemeinsam. Die beiden Frauen fanden Verwandte eng umarmt. Jochen Kleppers Augen waren offen geblieben und drückten ein großes Erstaunen aus; so die, die ihn fanden.

Die Nacht war ihm wichtig geworden. Schwermütig war er schon als Jugendlicher, später blieb auch an den wenigen helleren Tagen die andauernde Auseinandersetzung, die tägliche Bewältigung der Finsternis. Als Jochen Klepper seinen Lieder- und Gedichtband „Kyrie“ 1938 herausgibt, in dem das Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ als Weihnachtslied veröffentlicht ist, erweist sich die Nacht auch in diesen Gedichten als steter Weggefährte.
„Schon bricht des Tages Glanz hervor“, so lauten die ersten Worte des ersten Gedichtes, als fassten sie mit dem Gebetsruf „Kyrie“ – Herr! – das Wesentliche zusammen, die Bitte um das Licht des Lebens. Immer wieder Nacht und Tag, Licht und Finsternis, Glanz und Dunkel. Wenige Verse aus verschiedenen Gedichten lassen uns die Tiefe ahnen, aus der Klepper ruft und glaubt.

Du bist als Stern uns aufgegangen,
von Anfang an als Glanz genaht.
Und wir, von Dunkelheit umfangen,
erblickten plötzlich einen Pfad.
Dem Schein, der aus den Wolken brach,
gingen wir sehnend nach.
(aus: Das Kirchenjahr)

Ich, dem Gott Heil und Gnade zugedacht,
war Finsternis und Tod und Nacht!
Du, Herr, in deiner Himmel höchster Pracht,
wardst ein Gefährte meiner Nacht!
(aus: Weihnachtslied)

Die Welt liegt heut im Freudenlicht.
Dein aber harret das Gericht.
Dein Elend wendet keiner ab.
Vor deiner Krippe gähnt das Grab.
Kyrie eleison!
(aus: Weihnachtskyrie)

Welch Dunkel uns auch hält,
sein Licht hat uns getroffen!
Hoch über aller Welt
steht nun der Himmel offen.
Gelobt sei Jesus Christ!
(aus: Himmelfahrtslied)

Du bist gekommen,
Glanz voller Morgenlicht.
Wir sind entnommen
Dunkel und Strafgericht.
(aus: Pfingstlied)

Aus seinem Glanz und Lichte
tritt er in deine Nacht:
Und alles wird zunichte,
was dir so bange macht!
Nun darfst du in ihm leben
und bist nie mehr allein,
darfst in ihm atmen, weben
und immer bei ihm sein.
(aus: Geburtstagslied)

In der Mitte der Nacht tötet der Verderber die Erstgeburt Ägyptens. In der Mitte der Nacht beginnt Israel seinen Befreiungsweg – bei orthodoxen Juden noch heute Anlass zu einer Nacht des Wachens am Vorabend des Passahfestes. Nach der Überlieferung der koptischen Kirche sind Adam und Eva am Ende des Tages aus dem Paradies vertrieben worden und kamen um Mitternacht auf die Erde. In der Mitternacht wird der Erlöser geboren, nach vielen Überlieferungen in einer dunklen Grotte. In der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und feierte mit seinen Jüngern „Nachtmahl“. Nachts machte man ihm den Prozess. Als Jesus verraten, verurteilt und verleugnet ist, kräht der Hahn. Als Jesus auf der Höhe des Tages gekreuzigt wird, verdunkelt sich das Land, es wird finster.

Es ist die dunkle Seite in diesem ewigen Wechselspiel von Tag und Nacht, die uns bei allem Tagwerk und aller Tagorientiertheit so oft bestimmt. Heute, wo Millionen ge­zwungen sind, die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht zu machen, wo Menschen und dem Lebensrhythmus Gewalt angetan wird, heute ist diese tiefe Symbolik nur dem ver­ständlich, der sich ohne die Geräuschkulisse des Tages und ohne Kunstlicht der Nacht aussetzt, ihren Geräuschen, Albträumen, Ängsten dem einen, ihrer erholsamen Ruhe dem anderen.

Am schlimmsten ist dem Menschen wohl die Vorstellung, das Licht nicht mehr zu erblicken. Der Psalm 49 endet: „... aber doch fahren sie ihren Vätern nach und sehen das Licht nimmermehr. Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben, sondern muss davon wie das Vieh.“ Die „Hölle“ wird beschrieben als Ort schrecklicher Dunkelheit. Und so beginnt auch die orthodoxe Osterliturgie in der tiefsten Finsternis der Nacht, von der sich erst das eine Licht, dann die vielen an ihm entzündeten Lichter nicht mehr besiegen las­sen.

Gott lässt den Menschen in seiner Nacht nicht allein. Am Ort der Gefährdung, wo ich nicht unterscheiden kann, wo alle Sinne hellwach werden und Gefahren nur ahnen, schenkt Gott den Gefährdeten Zeichen, Stützen und Trost. Das wan­dernde Gottesvolk kann sich an der Feuersäule orientieren, die Suchenden aus dem Morgenland am Stern. An Pfingsten leuchten Feuerzungen in die Gemeinde, die im Finstern sitzt, am Ende der Nacht wird Jesus auferweckt. Ein Engel in der Gestalt eines Blitzes bringt den im Morgengrauen das Grab aufsuchenden Frauen die frohe Nachricht.
Was die Propheten angesagt hatten, ist eingetroffen: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60)
Doch nicht nur, dass das Volk im Finstern ein Licht sieht, dass Jakobs Stern aufgeht, es ist mehr. „Es wird ein einziger Tag sein“, schreibt der Prophet Sacharja, „es wird nicht Tag und Nacht sein, und auch um den Abend wird es licht sein“ am Tag des Herrn. Der Seher Johannes führt diese Vision fort: Das neue Jerusalem kommt vom Himmel herab auf die Erde. Leid, Geschrei und Schmerzen finden damit ein Ende – al­les ist neu: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit des Herrn erleuchtet sie ... Und ihre Tore werden nicht verschlos­sen am Tage, denn da wird keine Nacht sein.“

Gott ist das Licht aller. Im Vorgriff auf diesen Tag, dem keine Nacht mehr das Licht raubt, kann ich meine Nächte im Wachen oder in erholsamem Schlaf ohne Todesangst und Beklemmung leben, weil ich gewiss bin, dass der, der so viele aufgerichtet hat, die ihm begegneten, auch mich am Ende meiner Nacht aufrichten wird. Dieses Morgenlicht ist mir gewiss, so drückend und ängstigend auch die Nächte noch auf mir lasten.
Christen sind Menschen, die die innere und äußere Nacht nicht zu verleugnen brauchen. In Gottes Wort haben sie Öl für die Lampen, stützen sich gegenseitig in schwerer Zeit, teilen Öl schon vor der Mitternacht und sind sich gewiss, dass der Tag kommt, dem keine Nacht mehr folgt. Christen sind Grenzgänger im Morgengrauen, werden Boten des Lichts für die, die noch im Dunkeln selbst ihre Tage verbringen.

Jochen Klepper schreibt (unter dem Titel „Abendlied“):

Ich liege, Herr, in deiner Hut
und schlafe ganz mit Frieden.
Dem, der in deinen Armen ruht,
ist wahre Rast beschieden. 

Ich achte nicht der künftgen Angst.
Ich harre deiner Treue,
der du nicht mehr von mir verlangst,
als dass ich stets aufs Neue

zu kummerlosem, tiefen Schlaf
in deine Hand mich bette,
vor allem, was mich bitter traf,
in deine Liebe rette.
Sind nun die dunklen Stunden da,
soll hell vor mir erstehen,
was du, als ich den Weg nicht sah,
zu meinem Heil ersehen. 

Du hast die Lider mir berührt.
Ich schlafe ohne Sorgen.
Der mich in diese Nacht geführt,
der leitet mich auch morgen.

In unserem Gesangbuch steht das Lied eines Menschen, der unzähligen anderen mit seinen Liedern Licht in ihr Dunkel brachte, der selbst aber für die, die er liebte, so sehr ver­zweifelte und keinen Weg mehr sah.
Das Buch, in dem er seine wichtigsten Gedichte veröffent­lichte, trägt den Titel „Kyrie“ – „Herr“. Es ist ein Ruf. Eine Bitte, eine Klage.
Wir finden darin ein „Trostlied am Abend“:

In jeder Nacht, die mich bedroht,
ist immer noch ein Stern erschienen.
und fordert es, Herr, dein Gebot,
so naht dein Engel, mir zu dienen.
In welchen Nöten ich mich fand,
du hast dein starkes Wort gesandt.

Hat banger Zweifel mich gequält,
hast du die Wahrheit nie entzogen.
Dein großes Herz hat nicht gezählt,
wie oft ich mich und dich betrogen.
Du wusstest ja, was mir gebricht.
Dein Wort bestand: Es werde Licht.

Hat schwere Sorge mich bedrängt,
ward deine Treue mir verheißen.
Den Strauchelnden hast du gelenkt
und wirst ihn stets vom Abgrund reißen.
Wann immer ich den Weg nicht sah:
Dein Wort wies ihn. Das Ziel war nah. 

In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.
Gebet 1:
Herr, unser Gott,
wir danken dir für diesen Morgen,
für die Gemeinschaft untereinander
und für einen neuen Tag un­seres Lebens.
Einige von uns bringen ihre Freude mit.
Sie klingt noch nach.
Gott sei Dank.
Andere sind traurig.
Kommen nicht zurecht.
Spüren Schuld und stoßen an ihre Grenzen.
Sie klagen dir ihre Not.
Leuchte unser Dunkel aus.
Nimm die Last von unserer Seele
und sprich uns frei.

Gebet 2:
Es ist kalt und dunkel geworden.
Unter uns sind Menschen gestorben,
die wir lieb hatten.
Die Nachrichten sind voll von
Meldungen des Schreckens,
des Krieges, der Vertreibung und Not.
Wann tröstest du mich, Gott?
Wann spüre ich das Licht
d den Glanz deiner Nähe?
Mein Glaube ist klein, meine Hoffnung gering.
Wie soll ich anderen von deiner Güte erzählen,
bin ich doch selbst ein Rohr im Wind.
Herr, stärke meinen Glauben.
Meiner Hoffnung gib Nahrung.
Denen, die mir Freund sind, gib Geduld.
Den anderen schenke Nachsicht.
Und lass mich nicht zum Grund
von Ärger und Enttäuschung werden.
Gib mir einen neuen gewissen Geist.

Lieder nach Texten von Jochen Klepper (Auswahl):
16 (Die Nacht ist vorgedrungen)
64 (Der du die Zeit in Händen hast)
379 (Gott wohnt in einem Lichte)
380 (Ja, ich will euch tragen)
452 (Er weckt mich alle Morgen)
457 (Der Tag ist seiner Höhe nah)
532 (Nun sich das Herz von allem löste)

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