Der Monatsspruch im Oktober 2019

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!

Sie beugt sich zu mir herüber: „Diese Kollekte heute passt mir gar nicht.“ Sie lässt den Klingelbeutel bewusst vorbei, ohne etwas hineinzulegen. „Schließlich bin ich doch ein freier Mensch und darf selbst entscheiden, wem ich geben will und wem nicht!“ In der Tat, haben wir nicht das Recht dazu? Es wird sie noch im fortlaufenden Gottesdienst beschäftigen, denn am Ausgang spricht sie mich noch einmal darauf an. Ihr ginge es nicht um die Höhe der Kollekte, aber um das Von-Herzen-Geben ginge es schon. Ist das heute eine typische Reaktion auf die verschiedenen Kollektenansagen? Ich wähle aus. Ich gebe nur, wenn mir der Zweck gefällt? Eigentlich finde ich es gut, dass sie sagt, was sie denkt, auch wenn ich es so nicht teile. Es fordert heraus, nicht nur aus Gewohnheit zu geben.
Mir fällt die Geschichte vom Scherflein der armen Witwe ein (Markus 12,41–44).
Wählt sie auch aus? Davon ist nicht die Rede. Sie gibt mehr, als sie entbehren kann. Sie gibt es in aller Bescheidenheit in den Gotteskasten am Tempel und ist beschämt über die geringe Summe. Der Monatsspruch klingt wie eine Antwort auf ihre Zweifel, ob es genug sei. „Fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben.“ Jesus stellt sie als Vorbild hin. Sie ist bescheiden, der Reiche neben ihr gibt viel, ist stolz, möchte gesehen werden. Bei Matthäus heißt es, die rechte Hand solle nicht wissen, was die linke tut, damit sich niemand rühme und eine Belohnung erwarte.
Es ist von „Almosen“ die Rede. Was verstehen wir heute darunter? Das Wort hat in einer Zeit sozialer Absicherung einen Bedeutungswandel durchgemacht.
Ich frage eine Kirchenvorsteherin. Sie kennt die Geschichte von der Witwe am Gotteskasten, aber sie sagt, heute spräche man nicht mehr von „Almosen“. Almosen sei ja nur wenig und hätte einen negativen Beiklang. Ein sogenannter Kirchenferner wird noch deutlicher. Almosen, das sei fast etwas Beleidigendes. Mehr als ein Almosen ist dir dieser Mensch nicht wert? Almosen sei so etwas Hingeworfenes, fast Verächtliches. Auf jeden Fall sehr wenig. Wir brauchten eher größere Summen, um Hilfebedürftigen beizustehen. Für alte Menschen, Wohnungslose, Flüchtlinge reichten Almosen nicht. Er findet, dass die Kirchenkollekten ein „alter Zopf“ seien. Im Alten und im Neuen Testament gehört Almosengeben zum unverzichtbaren Ausdruck des Glaubens.
Ich lese in der Zeitung die Überschriften: „Bafög ist eine Sozialleistung, kein Almosen“ und „Youtube verdient Millionen und gibt uns Almosen“. Das Wort ist noch da, aber der Bedeutungswandel ist deutlich! Lehne ich deshalb das Wort aus dem Buch Tobias ab? Ist es eine geschäftliche Frage oder eine der inneren Einstellung? Es ist gewiss kein Loblied auf Armut. Für wen wären sonst die Almosen? Geht es nicht vielmehr um meine Haltung, mit der ich gebe? Ich denke an meine Nachbarin in der Kirche. Die Witwe im Gleichnis gibt mehr, als sie sich leisten kann. Sie gibt mit dem Herzen. Sie zeigt ihr absolutes Vertrauen. Gott sorgt für sie. Die Gabe des Reichen ist groß, mit ihr kann mehr bewirkt werden. Aber er hält viel zurück, weil er seinem Besitz mehr vertraut als Gott. Lukas schreibt: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ Es geht eigentlich gar nicht um die Höhe einer Gabe. Wichtiger ist das, worauf wir im Leben bauen. Worauf verlasse ich mich? Auf meine eigene Leistung, auf meine strotzende Gesundheit, auf meinen beruflichen Aufstieg? Sind sie mir so wichtig, dass ich mich auf mein Vertrauen nicht verlassen würde?
Etwas Festes in der Hand haben ist beruhigend. Aber da
rauf verlassen? Was ist mit den Menschen, die alles verloren haben und mit ihren wenigen Habseligkeiten zu uns kommen? Eine Freundin erzählt von ihrer syrischen Nachbarin, die ihr jeden Samstag selbst gebackene Kekse bringt als Dank für ihre Hilfe bei Behördengängen und beim Ausfüllen von Formularen. Jedes Mal sagt sie mit einem beschämten Lächeln: „Es ist nur wenig.“

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