Gottesdienst am 22. Juli 2018Mit Gottes Augen sehen

8. Sonntag nach Trinitatis, 1. Korinther 6,9–14(18–20)

Es ist Sommer. Die Sonne scheint und es ist heiß. Ich beobachte, wie die Kinder nackt und völlig unbeschwert im Garten umhertollen, sich mit Wasser bespritzen und sich des Lebens freuen. Sie sind völlig im Reinen mit sich und der Welt. Sie denken nicht darüber nach, wie sie aussehen. Ob sie zu dick oder zu dünn sind, zu groß oder zu klein. Geschlechtsunterschiede erkennen sie wohl, es spielt aber keine Rolle. Die Kinder sind zufrieden und glücklich. Unbeschwert von dem, was andere von ihnen denken könnten. Sie haben keine Angst, von anderen gesehen zu werden. Solange kein Erwachsener sie auf eventuelle Makel hinweist, fühlen sie sich wohl in ihrer Haut. Ich beneide die Kinder darum. Und gleichzeitig werde ich wehmütig beim Gedanken daran, wie schnell diese Unbeschwertheit zerstört werden kann.

Alles ändert sich dann, wenn andere Kinder beginnen, sie zu hänseln, sie auslachen, „Fetti“ oder „Lulatsch“ sagen und nicht mehr mit ihnen spielen wollen. Je älter wir werden, desto größer ist die Rolle, die unser Äußeres spielt. Überall wird uns vor Augen gehalten, was schön ist, wie der perfekte Körper auszusehen hat. Also treiben wir Sport, versuchen auf unsere Ernährung zu achten, verwenden oft sehr viel Zeit und Sorgfalt auf unser Äußeres. Manchmal verschwindet aber auch jedes Gefühl dafür, was uns noch guttut und wann alles ins Gegenteil umschlägt. Denn ganz leicht kann es auch zu viel werden. Wenn ich nur noch pausenlos trainiere. Und manchmal bestimmt die Diät plötzlich mein ganzes Leben und ich kann gar nichts mehr genießen.
Bei manchem wird es regelrecht zur Sucht, Sport zu treiben und Muskeln aufzubauen. Und dann geht das Gefühl für unseren Körper und was gut für ihn ist, verloren. Plötzlich tun wir ihm gar nichts mehr Gutes und es ist nicht mehr Achtsamkeit, Gesundheitsbewusstsein und Pflege, sondern wir schädigen uns selbst.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Menschen, die sich gehen lassen, sich selbst vernachlässigen und sich damit ebenfalls nichts Gutes tun. Ohne Frage, unser Körper ist wichtig. Über unseren Körper und unser Äußeres nehmen wir andere wahr und werden selbst wahrgenommen. Er vermittelt einen ersten Eindruck davon, wer wir sind und wie wir sind. Vieles spiegelt sich in unserem Äußeren wider und wie wir mit unserem Körper umgehen. Für unseren Alltag ist es natürlich besonders wichtig, dass der Körper gut funktioniert und wir uns möglichst ohne Einschränkungen bewegen können, uns gut und fit fühlen. Wir haben nur diesen einen Körper, und je älter wir werden, desto bewusster wird uns, dass wir sorgsam und pfleglich damit umgehen müssen.
Wenn es um Körperlichkeit geht, dann kann die Sexualität nicht außer Acht gelassen werden. Wem gebe ich meinen Körper hin? Wer darf ihn sehen, berühren, ihm nahekommen? Ist Sexualität für mich ein Ausdruck gegenseitiger Liebe oder geht es nur um die Befriedigung von Bedürfnissen? Bin ich für jeden zu haben? Oder ist es ein kostbares Geschenk, das nur jemand ganz Bestimmtes bekommt?

Letztendlich ist es so, dass ich ganz allein die Verant­wortung für meinen Körper trage. Und damit auch die Konsequenzen, wenn ich es übertreibe oder ihm schade. Wir existieren eben auch körperlich. Gott hat uns nicht allein den Verstand geschenkt, sondern auch den Leib, mit allen Möglichkeiten und Einschränkungen. Die Bedeutung des Körpers betont auch Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth. Er weist darauf hin, dass es nicht nur darum geht, Gott mit frommen Worten und Gebeten zu preisen. Auch unser Umgang mit unserem Körper soll Ausdruck des Lobes Gottes sein. Denn Gott hat ihn uns geschenkt und er will in jedem von uns wohnen.

1. Korinther 6,9-14(18-20)

Heute gehen die meisten Menschen offen und entspannt mit dem Thema Sexualität um. Sie gehört zum Leben dazu, manche bezeichnen sie als die schönste Nebensache der Welt. Prostitution hat noch immer keinen guten Ruf, doch in größeren Städten ist sie legal, und die meisten Menschen denken gar nicht mehr groß darüber nach.
Die Worte des Paulus in seinem Brief aber sind deutlich und hart. Sie beschönigen nichts. Scheinbar haben einige damals in Korinth die sogenannte christliche Freiheit falsch verstanden und waren der Ansicht, dass sie problemlos ihre sexuellen Bedürfnisse bei Prostituierten befriedigen können. Dieses Verhalten rechtfertigten sie dann mit der Freiheit, die der Heilige Geist ihnen geschenkt hat. Durch den Heiligen Geist ist der Mensch nun ganz mit Gott verbunden, und deshalb kann er mit seinem Körper anstellen, was er will.
Diese korinthischen Christen, die sagen, es sei nicht wichtig, was man mit seinem Körper macht, spricht Paulus an. Er sagt, dass Gottes Heil nicht nur einem Teil von uns gilt, sondern dem ganzen Menschen. Denn Gott hat den ganzen Menschen geschaffen, mit Körper und Geist. Und wer das missachtet, der bekommt keinen Zugang zum Reich Gottes. Besonders betont Paulus dabei die Unzucht, wo­runter er alles fasst, was ihm sexuell verwerflich erscheint. Prostitution, sexuellen Verkehr mit Prostituierten, Ehebruch, Lustknaben und Knabenschänder. Unzüchtige, das sind für Paulus die, die freizügig und locker mit Sexualität umgehen, sozusagen leicht zu haben sind, es mit jedem tun. Für ihn gehört Sexualität in das Eheleben und nur dorthin.

Dennoch heißt das nicht, dass Paulus absolut leibfeindlich eingestellt ist. Gott hat den ganzen Menschen geschaffen mit Körper und Geist. Und alles, was der Mensch mit seinem Körper tut, betrifft nicht allein den Körper, sondern den ganzen Menschen. Und dieser ganze Mensch existiert nicht nur für sich selbst, sondern in der Beziehung zu seinen Mitmenschen, auch zu sich selbst und zu Gott. Und alle diese Beziehungen sind von unserem Tun betroffen. Christ zu sein bedeutet, zu Jesus Christus zu gehören, mit Leib und Seele zu ihm in Beziehung zu stehen.

Deshalb ist es nach Paulus unsere Aufgabe, auch mit dem, was wir mit unserem Körper tun, Gott zu preisen. Wir sollen unseren Körper hochschätzen und gut behandeln. Christliche Freiheit ist eine Freiheit, die in der Beziehung zu Jesus Christus wurzelt. Christus zeigt uns, wie wir uns richtig verhalten sollen, auch was den Umgang mit unserem Körper betrifft. Denn auch die Auferstehung zum ewigen Leben ist ja nicht nur eine geistliche, sondern auch eine körperliche.

Auf diesem Hintergrund kann man die Argumentation des Paulus durchaus nachvollziehen. Das heißt nicht, dass ich alles, was Paulus sagt, befürworten kann. Seine Aussagen zum Thema Homosexualität halte ich für schwierig. Sie in einem Atemzug mit der Unzucht zu nennen, das widerstrebt mir. Schließlich ist es eine Sache, seinen Körper willkürlich jedem anzubieten, und eine ganz andere, eine liebevolle Beziehung zu einem anderen Menschen zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Liebe zwischen zwei Menschen für Gott verwerflich ist. Gott ist die Liebe, und warum sollte er sich zwischen zwei Menschen stellen, die sich lieben?
Auch dass Paulus Knabenschänder und Lustknaben gleichstellt, kann ich nicht verstehen. Dass der, der sich an Kindern vergeht, ein Sünder ist, keine Frage. Doch warum sollte das Opfer auch ein Sünder sein?

Doch trotz allem, was uns widerstreben mag, hat uns Paulus etwas zu sagen, das wir genauso wie die Menschen damals in Korinth hören sollten. Wir sind Gottes Geschöpfe, so wie wir sind, seine geliebten Kinder. Geschaffen zum Ebenbild Gottes. Das sollten wir ernst nehmen!
Paulus fordert die Christen in Korinth damals und auch uns heute auf, Gott auch mit unserem Körper zu ehren und zu preisen. Doch wie? Wir sollen uns und unsere Mitmenschen mit Gottes Augen sehen. Das ist der erste und wichtigste Schritt. Wenn wir sagen können: „Ich bin ein wertvoller Mensch und du bist ein wertvoller Mensch, genau so, wie wir geschaffen sind“, dann ändern wir die Sicht auf unser Handeln. Und vielleicht kann es uns helfen, innezuhalten und nachzudenken, bevor wir etwas tun, das andere und uns selbst verletzt.
„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“

Theoretisch können wir tun, was wir wollen. Doch nicht immer können wir die Folgen abschätzen. Sie können verheerend sein, wenn wir es übertreiben. Da übernimmt der Gedanke, dass ich alles tun muss, um dünn zu sein, die Macht, und plötzlich kann ich es nicht mehr selbst steuern und es zerstört mich. Oder jemand eifert einem vermeintlichen Schönheitsideal nach und legt sich dafür unzählige Male unters Messer, bis der Körper nicht mehr mitmacht. Eine andere will immer weiter über sich hinauswachsen, schneller sein, besser sein, stärker sein - und schließlich bricht sie zusammen, weil es der Körper nicht mehr schafft. Da ist einer, der damit prahlt, dass er jede Nacht eine andere Frau im Bett hat. Denkt er darüber nach, wie er sich dabei fühlt? Verliert dann nicht Zärtlichkeit jede Bedeutung für ihn?
Paulus will uns deutlich machen, dass es wichtig ist, dass wir uns mit Gottes Augen sehen. In seinen Augen sind wir schön, wertvoll und kostbar, jeder und jede Einzelne von uns, so, wie wir sind. Das können wir von unseren unbeschwert umhertollenden Kindern lernen. So unbeschwert und frei wie sie sind wir von Gott geschaffen, als besondere, einzigartige und wunderbare Wesen. Lasst uns als solche durch das Leben gehen, indem wir uns selbst und andere wertschätzen und dadurch Gott die Ehre erweisen mit seinem Geleit und seiner Hilfe.

Eingangsgebet:
Gott der Liebe und der Barmherzigkeit,
du schenkst uns die Freiheit zum Leben. Dafür danken wir dir. Befreie uns aus den Zwängen, die uns andere und wir selbst uns auferlegen. Zeige uns immer neu, wie sehr du uns liebst. Hilf uns, einander mit deinen Augen zu sehen und einander wertzuschätzen. Lass uns spüren, dass wir
zu dir gehören und darauf vertrauen dürfen, dass du es gut mit uns meinst.

Bausteine für das Fürbittengebet:
Barmherziger Gott, wir bitten dich für alle, die kein Zuhause mehr haben, die auf der Flucht sind und ihre Heimat verloren haben, lass sie ankommen und eine neue Heimat finden. Wir bitten dich für die Menschen, die kein Selbstvertrauen haben. Zeige du ihnen, dass sie liebenswert und gewollt sind.
Wir bitten dich für alle Menschen, die in Hass und Streit leben. Schenke ihnen den Mut, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun und ihren Hass zu überwinden. Wir bitten dich für alle Leidenden, deren Leben geprägt ist von Krankheit, Schmerz, Trauer und Einsamkeit. Stelle ihnen Menschen an die Seite, die sie trösten und ihnen Halt geben. Zeige, dass du bei ihnen bist und bei allen
Menschen, jetzt und allezeit.

Psalmvorschlag: Psalm 139,1-18.23-24
Evangelium: Matthäus 5,13-16
Lesung: Jesaja 2,1-5
Liedvorschläge: 168,1-3 (Du hast uns, Herr, gerufen)
295,1-4 (Wohl denen, die da wandeln)
497,1-7.13 (Ich weiß, mein Gott,
dass all mein Tun)
419 (Hilf, Herr meines Lebens)
171,1-4 (Bewahre uns, Gott)

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.