Ein protestantischer Pastor

Auf dem Rückflug einer PASTORALBLÄTTER-Info-Reise nach Indien erhielt ich im Tohuwabohu nach dem Canceln aller „Dreamliner“ einen Mittelplatz (17B) in der linken Reihe einer alten Boeing 777.

Mittelplätze sind nicht so begehrt, aber ich hatte wenigstens für viele Stunden etwas mehr Beinfreiheit. Links neben mir saß ein etwa 20-jähriger Inder, er studiert in Kassel, rechts neben mir ein - wie er selbst sagte - „Anglo-Inder“, Vater Engländer, Mutter Inderin. Der Student links las in einem Harry-Potter-E-Book, der etwa Vierzigjährige rechts las ein englisches Buch mit vielen Bildern über „Hinduismus“. Ich selbst las Suzanne Joinsons „Kashgar oder mit dem Fahrrad durch die Wüste“, das mich an eigene Reiseerlebnisse auf der chinesischen Seidenstraße erinnerte.

Der Inder links suchte nach zwei Stunden verzweifelt nach einem Film. Ich schaute staunend auf die zu keinem Zeitpunkt stimmende Flugroute am Minibildschirm. Der Anglo-Inder schlief.

Da es keine Filme gab, der Passagier-Computer den Geist aufgegeben hatte, der beste Schlaf bei einem 9-Stunden-Flug doch nur Illusion ist, setzten wir im Halbdunkel einer relativ maroden Boeing die anfangs begonnenen Gespräche fort.

Auf einem Mittelplatz ist man ausgeliefert. Links eher zurückhaltend freundlich, rechts eher „dauergesprächsbereit“, unterhielten wir uns dreisprachig: Englisch, Französisch und Deutsch. Der Inder links brachte seine erlernten Deutschkenntnisse an, der Halbinder rechts sprach Französisch, weil ich anfangs erzählt hatte, dass ich eigentlich diese Sprache mehr mag als das Englische. Ich weiß nicht, was die beiden Italienerinnen hinter uns, die sich zu zweit drei Sitze teilen durften, von unserem Gespräch verstanden haben.

Über dem Kaspischen Meer hatte auch ich die Augen geschlossen, über dem Balkan wurde es intensiv, über Prag eher kritisch. Denn mein rechter Sitznachbar meinte freundlich, einen „protestantischen Pastor“ habe er sich doch anders vorgestellt.

Dabei hatte ich mir alle Mühe gegeben, auf Französisch-Englisch-Deutsch so simple Fragen zu beantworten wie: warum Gott - wenn es ihn gäbe - all das Elend zuließe. Und der Anglo-Inder rechts hatte viele Beispiele. Er ließ sich nicht auf menschliche Schuld - „… und was sagen Sie zu Erdbeben und anderen Naturkatastrophen“ - oder gar auf den Teufel - „… warum löscht ihn Ihr Gott nicht einfach aus, wenn er Gott ist“ - ein. Wobei er (der Anglo-Inder) meine Antworten in der Regel zum Ausgangspunkt einer französischen Antwort und neuen Frage nahm, die ich auch nur zu zwei Dritteln verstand. Erst als ich ihm erzählte, dass ich seit Jahren an Tinnitus leide und leider auf dem rechten Ohr nicht mehr so gut höre wie auf dem linken, ließen seine Fragen nach.

Als wir - nachdem an der deutsch-tschechischen Grenze der Bildschirm wieder seine Arbeit aufgenommen hatte, mein linker Nachbar das Ende eines Filmes anschauen konnte und ich erfuhr, dass wir (nach knapp 8 Stunden Flug) vor knapp einer Stunde erst gestartet waren und noch etwa 1 ½ Stunden zu fliegen hätten - uns Frankfurt näherten, wurde er ruhiger und vertiefte sich in seine Hinduismus-Lektüre. Er wird sie bis Paris, „danach mit der Metro, dann mit der Eisenbahn durch den Tunnel“, längst ausgelesen haben.

Der Flug endete etwa 40 Minuten früher als erwartet. Vollkommen überraschend meinte der Kapitän, wir sollten … Und wir taten.

„I’m a seeker“ - hatte mein rechter Nachbar gemeint. Ich bin ein Suchender. „I’m a seeker too“, meinte ich. Keine Ahnung, ob das im Englischen korrekt ist.

Darauf seine freundliche Reaktion: „Pourquoi tu ne protestes pas? Tu es un protestant!“ Er meinte, ich solle gegen Gott protestieren, der all das Elend doch zuließe. Ich sei doch ein „Protestant“. Ja, ich hatte das Elend in Indien gesehen. Und kenne es nicht nur von dort. Und ich habe keine Antwort.

Dem Studenten links gab ich am Ende meine Karte mit einer ganz herzlichen Einladung, wenn er mal in die Nähe von Heidelberg käme. Dem Anglo-Inder rechts rief ich, schon im Gehen (er flog weiter nach Paris und blieb sitzen), ein liebes „au revoir“ zu. Beides wird wohl wenig fruchten.

Beide hatten neun Stunden lang einen „protestantischen Pastor“ erlebt, dessen „Zeugnis“ weder zum Protest gegen Gott noch zum Protest für Gott taugte. Ich schiebe es auf die Übersetzungsprobleme.

Vielleicht hätten die Italienerinnen hinter uns beredter geantwortet. Sie hätten uns ein „Benedetto!“ entgegengeschleudert, gar ein ausführliches „Io credo in Dio, Padre onnipotente, creatore del cielo e della terra; e in Gesù Cristo, suo unico Figlio, nostro Signore, il quale fu concepito di Spirito Santo, nacque da Maria Vergine …“ Doch ihr gefühltes „Benedetto“ ist zwischenzeitlich genauso „Geschichte“ wie das aufdringliche „Wir sind Papst!“. Weder sind wir Papst, noch Fußball-Weltmeister. Der eine oder die andere Promovierte unter uns Deutschen hat mehr gemogelt, als erlaubt ist. Unser Jubel-Jahr kommt erst 2017, der ökumenische Dialog fröstelt, und viele sind frühjahrsmüde.

Was war, das war.

Was ist, das ist.

Und was wird, steht in Gottes Hand.

Und so bleibt mein interreligiöser Dialog über den Wolken unvollendet.

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