Schweigen

Kennen Sie das Grimmsche Märchen: „Die sechs Schwäne"? Darin verwandelt die böse Stiefmutter die Söhne des Königs in Schwäne. Nur seine jüngste Tochter übersieht sie. Die macht sich auf den Weg, die Brüder zu erlösen. Das ist schwer: Sechs Jahre darf sie kein Wort sprechen, nicht lachen, nicht singen. Die Schwester nimmt die Aufgabe an. Es kommt, wie es kommen muss: Im Wald, wo sie in einem Baum wohnt, findet sie der König des Landes. Er hat Gefallen an dem schönen Mädchen und nimmt sie zur Frau.
Seine Mutter ist auch böse. Als die schweigsame Schwiegertochter ein Kind zur Welt bringt, nimmt sie ihr das heimlich weg, bestreicht ihr nachts den Mund mit Blut und bezichtigt sie, ihr Kind aufgefressen zu haben. Die junge Königin kann sich nicht rechtfertigen. Sonst wären die Brüder verloren. Beim ersten und zweiten Mal wird sie von ihrem Mann verteidigt. Als dasselbe jedoch ein drittes Mal geschieht, lässt er sie auf den Scheiterhaufen bringen. Als das Feuer schon lodert, kommen die Schwäne. Die sechs Jahre sind um. Die Brüder sind durch das tapfere Schweigen der Schwester erlöst worden. Nun darf sie auch endlich sagen, was sich mit ihren Kindern zugetragen hat. Die werden herbeigeholt. Die böse Schwieger-mutter wird bestraft. So hat das Märchen einen guten Ausgang gefunden.

Warum habe ich es Ihnen erzählt? Weil es vom Schweigen handelt. Und deutlich macht, welch unterschiedlichen Charakter dies haben kann: Für die Schwester ist es eine unheimliche Last. Sie darf sich niemandem mitteilen, niemanden an ihrer Last beteiligen, sich nicht wehren, nicht um ihre Kinder kämpfen. Aber auch dem Mann, den sie liebt, keine Zärtlichkeiten zuflüstern, nicht von ihrem Glück singen. Wie qualvoll muss sie ihr Schweigen erlebt haben? Wie viel Mut musste sie aufbringen, es durchzuhalten? Für die Brüder ist es anders: Das Schweigen der Schwester ist für sie die Erlösung, lebensrettend.
Auch zwischen diesen Extremen hat Schweigen verschiedene Facetten, beschwerliche, sogar grausame, aber ebenso freundliche und heilsame.
Die Ersteren sind schmerzhaft oder sogar tödlich:
Zwei Menschen reden nicht mehr miteinander. Wollen nicht mehr miteinander reden. Weil ihre Liebe, Freundschaft, Kollegialität verloren gegangen ist, haben sie einander nichts mehr zu sagen. Das Gespräch ist mit der Zuneigung erstorben. Eisiges Schweigen herrscht, das die Umgebung mit frieren lässt.
In einer Gruppe redet keiner. Niemand traut sich, das Schweigen zu brechen. Es könnte peinlich sein, den Eindruck erwecken, man wollte sich hervortun, weil man als Erster das Wort ergreift. Oder man ahnt: „Wenn ich jetzt etwas sage, stehe ich allein da. Wenn alle anderen einer Meinung sind, mache ich mich mit meiner unbeliebt." Unsicherheit und Angst verleiten zum Schweigen. Jemand ist zum Schweigen gebracht worden. Vielleicht durch jahrelange Demütigungen. „Wer will schon wissen, was du zu sagen hast?" Ein Mensch, dem das Wort nicht vergönnt wird oder von dessen Wort keiner etwas erwartet, findet bald auch keine Worte mehr.
Nicht reden zu dürfen, wo man es eigentlich tun müsste, ist qualvoll (s. das Märchen). Aber nicht immer ist Schweigen schlimm. Oftmals ist es sogar gut!
In einer Gruppe ist es ein Zeichen von Nachdenklichkeit, wenn man auf einen Impuls hin nicht gleich zu plappern beginnt, sondern die Einzelnen nach einer Antwort suchen.
Es kann Ausdruck von feinem Takt sein, wenn die anderen die dumme Bemerkung des einen schweigend übergehen, um ihn nicht bloßzustellen.
Es weist auf Aufmerksamkeit hin, wenn die anderen das Schweigen des einen bemerken und fragen: „Möchtest du nicht auch sagen, was du denkst?" Und zeigen: „Uns liegt an dir und deiner Meinung. Es ist nicht belanglos, was du beitragen kannst."
Und für uns selbst? Wie gehen wir mit dem Schweigen um? Suchen wir es? Oder ist es uns manchmal unheimlich? Vielleicht beides.
Die Arbeit muss fertig werden. Konzentriert möchte ich darüber bleiben. Da bedarf ich der Ruhe. Es stört mich, wenn ich unterbrochen werde und über irgendetwas anderes reden muss.
Den ganzen Tag über waren Gespräche - im Büro, am Telefon, beim Besuch, im Unterricht, zwischen Tür und Angel… Wenn dann am Abend noch das Telefon klingelt, bin ich hin- und hergerissen: „Nehme ich den Hörer ab? Eigentlich möchte ich jetzt mit niemandem mehr sprechen. Nicht einmal mit den liebsten Freunden. Ist das unfair? Ich war doch auch froh, dass sie zu erreichen waren, als ich mit ihnen reden wollte!" Wir möchten nichts mehr sagen, weil wir so voll gestopft sind mit Sätzen und Gedanken, dass eigentlich kein Platz mehr ist für weitere. Wie beim Essen - wo man genötigt wird, noch zuzulangen, obwohl man längst nicht mehr kann. Wenn man nicht widersteht, ist einem hinterher schlecht.
Manchmal ist das Gegenteil der Fall: Wir können nichts mehr sagen, weil wir so ausgepumpt sind, dass da wirklich „nichts mehr zu holen" ist. Allenfalls ein paar hohle Phrasen, die wir aber lieber stecken lassen.

Was ist dafür ein Heilmittel? Wir könnten sagen: „Homöopathie" ist am geeignetsten:
Unheilvolles Schweigen lässt sich am besten „behandeln" mit heilsamem Schweigen. Wenn es wie andere Medizin einen „Beipackzettel" hätte, was stünde darauf?

1. Inhaltsstoffe:
Eine Zeit ohne äußere Störung. Und ein Ort, der unsere Aufmerksamkeit nicht ablenkt. (D. h., das Arbeitszimmer mit Telefon, Kalender und den verschiedenen „Vorgängen" auf dem Schreibtisch wird sich zumeist nicht eignen, um zur Stille und zum Schweigen zu finden.)

2. Anwendungsmöglichkeiten:
Unsere Landeskirche verfügt über ein „Haus der Stille". Dorthin kann fahren, wer einmal zur Ruhe kommen, schweigen möchte. Wer will, kann dabei von einem Seelsorger begleitet werden, der mit auffängt, was das Schweigen zunächst zutage fördert.
Unser Superintendent hat uns Pfarrer/-innen ermuntert: „Fahren Sie dorthin, ehe Sie krank werden." Eine gute, weise Empfehlung. Doch nicht immer lässt sie sich sofort umsetzen, wenn es nötig wäre.
Deshalb ist es sinnvoll - sozusagen prophylaktisch - Zeiten des Schweigens in den Alltag einzufügen, damit wir auch zwischendurch auftanken. Die Art, wie das geschehen kann, ist so verschieden wie wir Menschen und unsere individuellen Bedürfnisse: Für die einen sind es ein paar Stunden Gartenarbeit, die zum Abstand verhelfen. Bei der körperlich anstrengenden Tätigkeit in der Natur, wo sie mit niemandem reden müssen, gelingt es ihnen, die innere Unruhe loszuwerden. Und der äußerlich sichtbare Erfolg - der gemähte Rasen, das von Unkraut befreite Beet - sorgt für die Befriedigung, auf der auch innerlich Neues wächst. Andere fahren eine Strecke mit dem Rad, machen einen ausgiebigen Spaziergang durch den Wald. Wir sollten tun, was uns guttut. Was einen inneren Abstand ermöglicht, damit sich Ruhe überhaupt einstellen und Schweigen gelingen kann.
Im Predigerseminar haben wir den Rat bekommen: „Setzen Sie sich ab und zu einmal allein in Ihre Kirche." Machen Sie das gelegentlich? Dann haben Sie schon erlebt, dass Stille dort besonders gut möglich ist. Wenn Sie zum Schweigen und Hören kommen, nehmen Sie wahr, wie der Raum zu Ihnen spricht, in dem Sie sonst oft sprechen. Wie er die Gebete atmet, die dort vor Gott gebracht wurden, die Lieder, das Evangelium … Er nimmt auch auf, was wir mitbringen. Es ist etwas Besonderes, dort Gutes zu empfangen, wo wir so oft etwas an andere weitergeben sollen und dürfen.
Manche haben Bedenken: „Das geht doch nicht, während der Dienstzeit muss ich erreichbar sein!" Ich glaube, die Bedenken sind falsch. Die wenigsten werden ihr Bedürfnis nach Schweigen als Alibi für mangelnden Fleiß heranziehen. Und was die „Erreichbarkeit" anbelangt: Wenn wir einen Besuch machen oder anderweitig unterwegs sind, können wir die Tür auch nicht öffnen, ist das Handy ebenfalls aus.

3. Wirkungen:
Es klang schon an: Schweigen führt oft nicht gleich in die Ruhe. Im Gegenteil! Zunächst wird sich all das „Gehör" verschaffen, was in uns ist und für das wir im Trubel des Alltags oft nicht die nötige Zeit und Geduld aufwenden (können): die ungeordneten Gedanken, Fragen, Entscheidungen, die man in Zweifel zieht, „Altlasten", die unvermittelt hochkommen, die Erschöpfung …
Wenn wir diese Dinge geordnet, abgelegt haben (durchaus vergleichbar den Schreiben, die wir in Ordner heften, damit wir sie wieder finden, bzw. die wir wegwerfen, wenn sie überflüssig sind), fühlen wir uns wahrscheinlich erst einmal leer. Doch dies hat durchaus eine heilende Aufgabe: Es entsteht Raum für Neues, wir werden frei: für die Ruhe zum Lauschen - auf Worte, die sich neu entfalten, auf Gedanken und Lösungen, die sich einstellen. Auch unser Beten gewinnt eine neue Dimension. Sören Kierkegaard schreibt: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger … zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, … ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt, nicht sich selbst reden zu hören, Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört."
(zitiert in: Jörg Zink: Wie wir beten können. Stuttgart 1970, S. 22)

4. Nebenwirkungen:
„Das Wort kommt aus dem Schweigen, das Geschwätz kommt aus dem Lärm." Die Menschen um uns werden den Unterschied merken. Wir brauchen das Schweigen, damit unsere Worte auf die Dauer nicht zum Gerede verkommen.
Und noch eines: Einem Menschen, dem man abspürt, dass er in jeder Hinsicht schweigen kann, kann man sich anvertrauen. Wenn wir (hörend) schweigen können, ermöglichen wir denen, die notvoll schweigen mussten, vielleicht endlich, ihr Schweigen zu brechen - weil wir nicht die Geduld verlieren, wenn sie mühsam nach Worten suchen; weil wir ihnen nicht ins Wort fallen; nicht tot reden, was da an Not zutage kommt … Und sie können sich unserer Verschwiegenheit sicher sein - dass das uns Anvertraute bei uns gut aufgehoben ist - und bei dem, dem wir im Schweigen begegnen.
Wirkung und Nebenwirkung des „Medikaments Schweigen" wäre dann gleichermaßen heilsam und erlösend: „Unser Gott kommt und schweigt nicht." (Psalm 50,3)

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