Wenn man glücklich ist

Ich hatte im Sommer das Privileg, auf dem Schwanberg im Fränkischen im „Haus Respiratio" (www.respiratio.de) eine sechswöchige therapeutisch angelegte „Auszeit" erfahren zu dürfen. Acht Pfarrerinnen und Pfarrer mit „burn out"-Syndrom, an die Wand gefahren, ratlos, homines incurvati et incurvatae in se ipsos ipsasque, der Verletzungen müde, der Entschuldigungen leid, der Schau nicht mehr gewachsen, der Lösungen bar, treffen sich für 40 Tage. Dabei sind ein Seelsorger - im wahrsten Sinn des Wortes -, eine Gruppentherapeutin, eine Logopädin und Atemtherapeutin, ein Lauftrainer, ein Zen- und Tai Chi-Lehrer und eine Schwester aus der Kommunität. 40 „exklusive" Tage. Nie eingeschlossen. Aber abgeschottet. Familie auf Zeit. Alltag auf Zeit. Auf engem Raum und dennoch geschützt. Nach Bedarf abgeholt durch die klösterlichen Gebetszeiten.
40. Eine biblische Zahl, die nach meiner Erfahrung eine heilende Zahl ist. In 40 Tagen wird Saulus nicht zu Paulus, das geschah unterwegs. In 40 Tagen wird aus Elend nicht Glück, aber der Elende sieht Land. Nach 40 Tagen bin ich kein anderer, aber ich verstehe mich besser. Nach 40 Tagen weiß ich, wer ich war, wer ich bin oder wer ich gerne wäre. Wer das in 40 Tagen nicht weiß, braucht andere Hilfen. Es ist großartig, dass die badische, die bayerische und die württembergische Landeskirche diese Einrichtung „Haus Respiratio" - das „Geistliche Zentrum" auf dem Schwanberg wird von Schwestern der Communität „Casteller Ring" verantwortet - finanziell tragen. Es ist wichtig, dass unsere Kirche wie die katholische Kirche ein „Gespür für das Unglück" im Amt entwickelt.

Es mögen biografische Themen sein, die aufzuarbeiten sind, Mobbing unter Kolleginnen und Kollegen, Grenzen der körperlichen Belastbarkeit, Familien- oder Glaubenskrisen.
Wichtig ist es, auf einem abschüssigen Weg entpflichtet und freigestellt zu werden, zur „Besinnung" zu kommen und die Mündung des Stromes zu sehen, der mich mitgerissen hat - und der ich meist selbst bin.
Ich kann nicht sagen, dass ich „zu mir gefunden habe". Ich kann erst recht nicht sagen, dass ich in diesen 40 Tagen mein „Glück" gefunden habe. Das gelingt nur im konkreten Miteinander, Gegeneinander, Auseinander und Füreinander des Alltags. Aber ich konnte - freigestellt, spielerisch - üben. Ich musste nicht müssen. Ich durfte können. Und andere waren da. Lernten mich „kennen" und „konnten mich leiden" - oder nicht.
Der Teufel hat in den 40 Tagen Wüste Jesus „nur" dreimal versucht.
Doch das waren die zentralen Versuchungen:
• das Brot als Antwort auf den Hunger der Menschen,
• die Macht und Herrlichkeit,
• die Freiheit und Unverletzlichkeit.
Ich widerstehe diesen Versuchungen nicht.
Meint man - laut denkend -, dazu hätte ich „bestimmt etwas zu sagen …", dann kann ich der
Versuchung (noch) nicht widerstehen.
Ich will es können.
Ich will sogar meine eigene Schwächen „können".
Das mag für manche fremd klingen, in unserem Beruf sind solche Einladungen teuflisch. Meist „funktionieren" wir, erfüllen Bedürfnisse und haben ein Herz für die, die sie äußern.

Ich höre und lese den - mystischen - Anspruch, „leer zu werden". Allein, es gelingt mir nicht, mich zu vergessen. Ich will auch meinen Lieben nichts vormachen. Ich kann nicht über Scherben gehen, Löffel verbiegen oder Krebs heilen. Ich bin kein Scharlatan. Ich bin keiner, der Gott „hat". Ich bin einer, der Gott „braucht". Eben nicht nur das „Reden über Gott", sondern Gott „selbst". Nicht die „Ahnung", sondern das „Gesicht". Nicht die „Schwingung", sondern das „Lied". Nicht den „Kosmos", sondern den „Schöpfer". Ich habe einen „grandiosen Durst" nach Gott.

Warum gelingt es nicht, dass wir uns in der Kirche in einfachen Worten verständlich machen? Liegt es am Diktat des Verstandes? Liegt es an der Kontrolle unserer Emotionen? Liegt es an der Leichtfertigkeit unseres Glaubens? Liegt es an schlechten Erfahrungen oder schlechten Prognosen? Liegt es am „Ego" oder am vereinnahmenden „Wir"?

Tausend Gründe, tausend Versuchungen, anderen die Schuld zu geben.
Ich habe in den 40 Tagen verstanden, dass es überhaupt nichts bringt, anderen - oder sich selbst, das ist dann kein großer Unterschied - die „Schuld zu geben", sondern einfach „vorzukommen". Noch so ein schwieriger Begriff. Ich komme vor, also bin ich. Ich komme heraus, also bin ich. Ich streite, also bin ich. Ich liebe, also bin ich. Ich glaube, also bin ich.
Ich habe eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, mich zu finden.
Das Erstere ist wohl Gnade, das Zweite eine lebenslange Aufgabe.

Fulbert Steffensky (Schwarzbrot-Spiritualität, S.163) schreibt: „Wenn man glücklich ist, spürt man sich selber nicht. Man ist bei dem Menschen, den man liebt, man vergisst sich."
Ja, ich war ein glücklicher Mensch (unter Menschen) in diesen 40 Tagen.
Ich ziehe einen ersten Strich unter dieses wichtige Angebot meiner „Mutter Kirche":
Glücklich? Vielleicht ehrlicher.
Vielleicht barmherziger mit mir selbst.
Vielleicht erwachsener.
Ich spüre mich besser.
Und vergesse mich nicht.

Ein eigenartiger „Ernte-Dank".

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