Short-cuts

Sie erinnern sich vielleicht an den Film „Dr. Schiwago", Mitte der 60er-Jahre ein Straßenfeger, ein Kassenfüller, die Verfilmung des Romans von Boris Pasternak mit Omar Sharif, Julie Christie und anderen.
Mich haben - als ich den Film dieser Tage einmal wieder sah - die unendlich langen Einstellungen fasziniert, die langen Schnitte.
Das Auge hat Zeit, sich mit einer Landschaft, mit einem Gesicht, mit einem Gedanken vertraut zu machen. Und mir wird bewusst, was wir verloren haben. Verloren haben wir das Ausruhen bei einem Gedanken. Wir halten dem langen Blick in ein Augenpaar nicht mehr stand. Wir haben ein Bild gesehen und verlangen innerlich schon nach dem nächsten.
Ob das nun Bilder aus Erdbebengebieten, von Kriegsschauplätzen oder aus der Welt des Sports sind. Lange Einstellungen halten auf. Lange Schnitte werden unerträglich. Die Augen schauen weg. Die Ohren fordern Abwechslung. Wenn ich spüre, dass eine Rundfunk- oder Fernsehsendung so gnadenlos kurz geschnitten ist, schalte ich aus. Das ist mein ganz natürlicher, über die Zeit geretteter Schutz. Ich schalte aus und atme auf. Warum soll ich die Hetze noch teilen?
Wir leben in der Zeit der short-cuts, der kurzen Schnitte. Werfen Sie einen Blick in die Werbung. Besuchen Sie neue Filme, sehen Sie Musikvideos: short-cuts - kurze Schnitte. Kurzgeschnittenes. Schnelllebiges. Kurzlebiges.
„Dr. Schiwago" lebte von den langen Einstellungen. Ich wünschte mir, diese und jener unter uns hätte eine ähnlich lange Leitung. Die Bibel meint, das sei eine Chance. Warten habe Zukunft. Nicht nur in den Fastenzeiten.
Short-cuts sind bald out. Ich lebe - und ihr sollt auch leben. Sagt der mit dem langen Atem.
Dieser Atem lässt uns wirklich leben.

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