Der Monatsspruch im Oktober 2007

Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!
Psalm 19,13

Um diesen Satz könnten uns Psychologen beneiden. So viel Erfahrungswissen von den Eigenheiten der menschlichen Seele liegt darin. Und so viel Heilungspotenzial. Aber widerspenstig ist der Vers auch.
Der ersten Hälfte können wir wohl ohne größere Umschweife zustimmen. Dass wir im Blick auf die eigenen Fehler nicht so klarsichtig sind wie im Blick auf die der anderen, wissen wir, jedenfalls im Prinzip. Und sollte uns dieses - zugegebenermaßen unbequeme - Wissen gelegentlich entfallen, so möge uns Jesu Wort vom Splitter und vom Balken wieder drastisch daran erinnern.

Aber der zweite Versteil! „Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!" Geht das überhaupt? Wie kann Gott mir etwas vergeben, was mir nicht bewusst ist? Merke ich das überhaupt? Wenn ja, woran?

Sigmund Freud fällt mir ein. Jedenfalls das, was von ihm ins psychologische Allgemeinwissen eingegangen ist: die Unterscheidung zwischen Über-Ich (Gewissen), Ich (Bewusstes) und Es (Unbewusstes); und damit zusammenhängend das Stichwort „Verdrängung". „Verdrängung", lese ich im Lexikon Psychologie, sei „ein seelischer Abwehrmechanismus, durch den Vorstellungen, Triebregungen und Wünsche vom Bewusstsein ferngehalten werden ... Verdrängte Inhalte verlieren nicht ihre Wirksamkeit." Sie können vielmehr störend in organische Funktionen und Verhalten eingreifen.

Wenn ich das mit dem Monatsspruch zusammenbringe, verstehe ich die Gebetsbitte so: Sprich mich frei von der unbewussten Schuld, damit sie nicht unbemerkt mein Verhalten steuert oder meine Körperfunktionen stört.

Jörg Zink hat den tröstlichen Satz geprägt: „Vergebene Schuld macht reiner als bewahrte Unschuld." Das ist vielleicht auch deshalb so, weil ein Mensch bewahrte Unschuld wohl nur mit einem hohen Maß an Verdrängung erkaufen kann. Wer aber um Vergebung bittet, tut das, weil er oder sie glaubt, dass es jemanden gibt, der oder die mit der Schuld zurechtkommt. Wenn ich also glaube, dass Gott auch Schuld vergibt, die mir nicht bewusst ist, kann ich eher wagen, mir Schuld bewusst zu machen. Auch solche Schuld, die ich nicht einfach ändern kann, z. B. wie sie zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Eheleuten entsteht. Vergebungsbewusstsein hilft, eigene Fehler zu bemerken und zuzugeben. Und es führt tiefer in die Gottesbeziehung hinein. Es könnte sich in Folge dieses Monatsspruchs ein heilsamer Zirkel von immer mehr Vergebung und immer mehr Vertrauen ergeben.

Von Abbas Dioskuros, einem der alten Wüstenmönche, erzählt man: „Er war in seinem Kellion und weinte über sich. Sein Schüler saß in einem anderen Kellion. Als er nun zum Alten kam, fand er ihn weinend und sagte zu ihm: ,Vater, was weinst du?' Der Greis erwiderte: ,Meine Sünden beweine ich.' Da sprach sein Schüler zu ihm: ,Du hast doch keine Sünden, Vater!' Da antwortete der Greis: ,In Wahrheit, Kind, wenn es mir gestattet wäre, meine Sünden zu sehen, dann würden drei oder vier (Menschen) nicht ausreichen, um sie zu beweinen.'" (Lebenshilfe aus der Wüste, Verlag Herder, Freiburg 1980)

„Sprich mich frei", bittet der oder die Betende im Vertrauen auf Gottes Gnade, die höher reicht als jedes Über-Ich und tiefer als alles Unbewusste. Am Ende dieses Monats feiern wir Reformationstag, feiern wir die Gnade, die uns freispricht, den Freispruch aus Gnade.

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