Angst vor Krankheiten

Menschen, die viel zum Arzt gehen, ständig verschiedene Symptome an sich selbst entdecken und eine übertriebene Angst vor Krankheiten haben, werden oft belächelt. Dabei leiden sie unter einer ernstzunehmenden somatoformen Störung.

© Pixabay/Alterio Felines

Einbildung oder Krankheit? Der Teufelskreis der Hypochonder

Charlie Chaplin, Winston Churchill, Friedrich der Große, Thomas Mann, Andy Warhol – sie alle waren angeblich Hypochonder, wobei die Ausprägung ihrer Erkrankung nicht bekannt ist. Ebenso wenig wie bei bekannten deutschen Prominenten, die offen zu ihrer Hypochondrie stehen wie Harald Schmidt. Der Franzose Jean-Baptiste Molière widmete dem „eingebildeten Kranken“ bereits im 17. Jahrhundert sogar eine ganze Komödie. Das Krankheitsbild der Hypochondrie ist also schon lange bekannt, wenn auch nicht als solches anerkannt.

Die ständige Sorge um die eigene Gesundheit

Die Betroffenen bewegen sich in einem Teufelskreis. Täglich wird geradezu zwanghaft der eigene Körper abgetastet und genau angesehen: Fühle ich einen Knoten in der Brust? Was bedeutet der blaue Fleck an meinem Schienbein? Wieso habe ich seit mehreren Tagen Kopfschmerzen? Besonders bemerkenswert bei Symptomen, die Hypochonder an sich feststellen, ist, dass sie tatsächlich vorliegen und nicht eingebildet sind. Ihr ausgeprägtes Feingefühl und Gespür für den eigenen Körper, lässt sie jede kleinste Unregelmäßigkeit fühlen. In der Regel fürchtet sich der Patient vor einer ganz konkreten Krankheit. Der Betroffene sammelt Informationen über diese Erkrankung, spricht mit Familie, Freunden und Bekannten darüber und recherchiert im Internet. Der Besuch beim Arzt gehört zur alltäglichen Routine. Wenn dieser die Sorge aufgrund von Untersuchungen zuverlässig nehmen kann, da keine medizinische Indikation vorliegt, ist der Patient vorerst beruhigt. Bei schweren Formen der Hypochondrie bringt aber auch dies keine Erleichterung. Wenig später tauchen neue Symptome auf, die den Betroffenen ins quälende Gedankenkarussell um seine Gesundheit treiben. Der Kreislauf geht von vorne los.

Symptome von Hypochondrie

Wie bei allen psychischen Erkrankungen ist eine genaue Feststellung schwer. Viele Menschen erleben Phasen, in denen sie die Sorge tragen, erkrankt zu sein. Diese sind aber von der übertriebenen Angst vor Krankheit zu unterscheiden. Die folgenden Kriterien können als ausschlaggebend angesehen werden:

  • Der Betroffene beschäftigt sich übermäßig mit den Themen Krankwerden oder Kranksein.
  • Es liegen keine oder leichte körperliche Symptome vor. Sind die Symptome schwerwiegend, ist die Beschäftigung damit exzessiv und unangemessen.
  • Der Betroffene hat Angst um seine Gesundheit, macht sich viele Gedanken darüber. • Der Betroffene versucht ein extrem gesundes Leben zu führen oder vermeidet im Gegenteil Gesundheitsthemen.
  • Die Angst vor einer Krankheit muss mindestens sechs Monate bestehen, die Krankheit kann sich jedoch verändern.
  • Die medizinischen Untersuchungen bei einem Arzt oder mehreren Ärzten brachten negative Ergebnisse. Auch generelle Angst- oder Panikstörungen wurden ausgeschlossen.

Letzter Punkt ist relevant, da die hypochondrische Erkrankung große Ähnlichkeit mit Angst- oder Panikstörungen hat. Sie tritt auch häufig in Verbindung mit Depressionen oder schizophrenen Erkrankungen (sekundäre Hypochondrie) auf. Außerdem können sogenannte Subtypen unterschieden werden:

  • Der Betroffene sucht übertrieben häufig den Arzt auf, vom Hausarzt bis zu verschiedenen Fachärzten. Oder er macht im Gegenteil einen großen Bogen um Arztpraxen und Krankenhäuser.
  • Bei manchen Betroffenen äußert sich die Hypochondrie in überwiegend körperlichen Symptomen. Andere hingegen leiden verstärkt unter Angstgefühlen.

Hypochondrie zählt zu den somatoformen Erkrankungen; das bedeutet, dass sich negative Emotionen und Stress unmittelbar auf den Körper auswirken.

Gründe für die übertriebene Angst vor Krankheiten

Sichere Befunde dafür, warum manche Menschen unter übertriebener Angst vor Erkrankungen leiden, liegen nicht vor. Die Zahl der akut Betroffenen liegt bei rund 0,05 Prozent der Deutschen. Sechs Prozent zeigen leichte gesundheitsbezogene Ängste. Vermutlich liegt die Dunkelziffer höher, da es Hypochonder gibt, die den Besuch beim Arzt meiden. Es wird angenommen, dass es keine genetische Anlage gibt. Vielmehr liegt nahe, dass die Hypochondrie eine Bewältigungs- bzw. Selbstheilungsstrategie für andere Probleme ist. Die Betroffenen haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl und fühlen sich verwundbar. Durch ihre vermeintlichen Erkrankungen erhalten sie Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Hilfe.

Auslöser für die krankhafte Angst vor einer Krankheit kann auch die Erfahrung mit dieser Krankheit sein, wenn z. B. ein nahestehender Mensch unter Krebs gelitten hat und sogar daran starb. Wird die Angst vor einer Krankheit durch Informationen im Netz ausgelöst, spricht man heute von Cyberchondrie.

Hilfe für hypochondrische Menschen

In der Regel werden Patienten nicht medikamentös behandelt. Als wirksam haben sich vor allem psychotherapeutische Maßnahmen erwiesen. Besonders die kognitiv-behaviorale Psychotherapie zeigt Erfolg. Hier wird nicht nach den Ursachen in der Kindheit oder in anderen Erfahrungen des Patienten gesucht, sondern es geht darum, die Denkmuster (Kognition) – festgefahrene Überzeugungen – zu verändern. Wenn dies gelingt, werden mit dem Patienten entsprechend neue Verhaltensweisen eingeübt.

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