Weder Eltern noch diejenigen, die beruflich mit Kindern arbeiten und sie betreuen, wünschen sich, dass ein Kind unglücklich ist. Im Gegenteil. Allen ist daran gelegen, dass es den Jüngsten von Geburt an gut geht und sie sich wohlfühlen. Dann freuen sich die Erwachsenen über ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre Gesten und ersten Worte und die Freude der Kinder überträgt sich auf sie. In diesem Zusammenhang wirkt es fast wie eine Provokation, einem Kind auch das Recht zugestehen zu wollen, unglücklich zu sein. Insbesondere in einer Gesellschaft, in der das Glück allgegenwärtig scheint, ob als „Babyglück“ einer bekannten Spielzeugmarke oder in unzähligen Ratgebern, die Eltern ein „glückliches Kind“ versprechen. Glück wird zur einzigen Währung, die zählt. Ein eigentlich kostbares Gut wird zur Geschäftsidee und Massenware. Glück lässt sich scheinbar kaufen und ist, wenn wir uns nur genügend anstrengen, leicht zu haben. Unglücklich zu sein aber wird zum Stigma. Das unglückliche Kind wird zum „Unglückswurm“.
Dieser Beitrag will aufzeigen, wie wichtig es für die Entwicklung eines Kindes ist, manchmal auch unglücklich sein zu dürfen. Besonders weil sich das Unglück, wie bspw. in zahlreichen Märchen, am Ende in kindliches Glück verwandeln kann.
Eine sichere Bindung
Kinder kommen als soziale Wesen auf die Welt. Schon kurz nach ihrer Geburt suchen sie den Kontakt zu ihren wichtigsten Bezugspersonen. Sie strecken ihre Arme nach diesen aus und wollen von ihren Eltern, und etwas später auch von ihren pädagogischen Fachkräften, sicher auf- und vor allem angenommen werden. Sie blicken auf, lächeln und erwarten neugierig eine Reaktion. Sie richten ihre ersten Worte an ihre Bezugspersonen und freuen sich, wenn diese sie wiederholen und ihnen nachplappern. Solchermaßen auf Resonanz bei ihrem Gegenüber zu stoßen, bestätigt sie in ihrer Existenz und gibt ihnen darüber hinaus das Gefühl, wertvoll zu sein: „Ich werde gehört und gesehen, also bin ich!“ Eine stabile Bindung zwischen den Kindern und ihren engsten Bezugspersonen entsteht. Diese vermittelt schon den Allerjüngsten Geborgenheit, Sicherheit und das Gefühl, ihrer Umgebung vertrauen zu können. Ein gutes Selbstwertgefühl und der Glaube, selbstwirksam zu sein, entstehen: Meine Gesten und Worte kommen bei denen, an die ich sie richte, an. Sie sind für mich da.
Laufen die Bemühungen eines Kindes, Kontakt zu seinen Bezugspersonen herzustellen, jedoch dauerhaft ins Leere, kann keine sichere Bindung entstehen oder sie wird mit der Zeit brüchig. Dies kann zu tiefgreifenden Unsicherheiten und Ängsten führen. Im schlimmsten Fall wird das Kind physisch und psychisch krank. Zum Glück ist dies nur selten der Fall.
Warum sind Kinder unglücklich?
Schon früh machen die Jüngsten die Erfahrung, dass ihre Bezugspersonen, vor allem ihre Eltern, aber auch diejenigen, die sie außerhalb ihres Zuhauses betreuen, nicht immer da sind. Der Schreck, wenn ihre Mutter sie in einer fremden Umgebung plötzlich kurz allein lässt, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Kinder, die gerade Kummer haben, fangen an zu weinen, wenn die pädagogische Fachkraft sie zu lange allein lässt. Immer wieder einmal unglücklich zu sein, ist ein ganz normaler Bestandteil jeder kindlichen Entwicklung. Auch wenn Eltern oder pädagogische Fachkräfte sich das wünschen: Sie können nicht immer für ein Kind und seine Bedürfnisse da sein und ihm nicht immer eine Umgebung bieten, in der es sich vollumfänglich wohlfühlt.
Wenn ein Kleinkind sich unglücklich fühlt, spielen meistens Verlustängste eine bedeutende Rolle. Es hat Angst, die Menschen zu verlieren, von denen es in seinen ersten Lebensjahren noch völlig abhängig ist. Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht machen sich bemerkbar, vor allem in Trennungssituationen. Die Jüngsten können ihr Unglück aber noch nicht in Worte fassen. Wie teilen sie es anderen mit, sodass diese verstehen, was gemeint ist?
Meistens verschwindet die Angst des Kindes, verloren zu gehen, nicht dadurch, dass Erwachsene versuchen, ihm diese auszureden. Wichtig ist vielmehr, dass sie seine Emotionen akzeptieren und ihm gleichzeitig das Gefühl vermitteln, bei ihm zu sein. Dass sie ihm Schutz anbieten, damit es selbst wieder aus seiner unglücklichen Lage herausfindet. Gerade die Allerjüngsten leben immer im Augenblick, sie sehen noch nicht in die Vergangenheit oder Zukunft. Sie überwinden deshalb schnell ihr Unglück, sich allein und hilflos zu fühlen, sobald die Person wieder auftaucht, die sie vermisst haben.
Verlustängste mithilfe anderer zu überwinden, ist eine wertvolle Erfahrung. Ein Kind lernt so, mit Ängsten umzugehen und immer selbstständiger zu werden. Sätze wie „Nun hab dich doch nicht so“ oder „Stell dich nicht so an“ können hingegen toxisch wirken. Die Kinder fressen ihre unglücklichen Stimmungen in sich hinein. Eine große Leere in ihrem Inneren entsteht und je mehr sich diese ausbreitet, desto hilfloser und ohnmächtiger fühlen sie sich.
Unglücklichen Kindern begegnen
Kinder wollen gehört und gesehen werden. Dazu zählt auch, dass sie negative Gefühle zum Ausdruck bringen dürfen und diese akzeptiert werden. Sind die Jüngsten unglücklich, können sie dies selten in Worte fassen. Aber ihr Unglück lässt sich an ihren Gesten, einem oft traurigen Gesichtsausdruck und ihrer Körperhaltung erkennen. Manchmal verkriechen sich unglückliche Mädchen und Jungen in sich selbst, ziehen sich zurück, werden stumm und leise. Andere wiederum machen betont auf sich aufmerksam, werden anstrengend und mit zunehmendem Alter manchmal auch aggressiv.
Spürende Begegnungen, bei denen Fachkräfte die Gefühle des Kindes aufmerksam wahrnehmen (s. S. 10), helfen, dessen Unglück anhand solcher und ähnlicher Verhaltensweisen zu erkennen. Ihm seine Einsamkeit oder Verlustängste ausreden zu wollen, hilft nicht weiter. Das Kind fühlt sich unter Druck gesetzt und noch einsamer. Es muss immer das Recht haben, sich unglücklich fühlen zu dürfen. Dem ersten Impuls, ihm sofort helfen zu wollen, sollten Fachkräfte nicht immer nachgeben, außer es hat sich wehgetan, hat Schmerzen und erwartet Hilfe und Trost. Vielmehr geht es darum, eine vertrauensvolle Atmosphäre um das Kind herum zu schaffen. Ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu geben, damit es aus eigener Kraft wieder aus einer unglücklichen Situation herausfinden kann.
Natürlich müssen unglücklichen Kindern auch Grenzen gesetzt werden, wenn sie sich durch ihr Verhalten selbst oder anderen schaden. Aber vor jeder pädagogischen Intervention sollte man ihnen das Gefühl geben, sie bedingungslos anzuerkennen, so wie sie sind.
Manche Kinder bringen ihre starken Verlustängste von zu Hause mit in die Kita. Oftmals richten sich ihre Bindungswünsche dann auf die pädagogischen Fachkräfte. Erkennen lässt sich dies meistens an ihren Gesten und Verhaltensweisen. Sie gehen auf einem Ausflug gerne an der Hand einer Erzieherin oder eines Erziehers; sie wollen, im Gegensatz zu anderen, viel kuscheln, fangen schnell an zu weinen, wenn ihnen etwas nicht gelingt oder die pädagogische Fachkraft sich von ihnen entfernt. Die innere Leere, die sie in sich tragen, können Fachkräfte nicht ungeschehen machen, aber sie können versuchen, sie „mitzuspüren“. Sie tragen keine Verantwortung für das, was den Kindern zu Hause vielleicht widerfährt. Aber sie können sie in ihren Gefühlen begleiten, indem sie gerade diesen Kindern ihre Aufmerksamkeit schenken. Die Erfahrung, von der betreuenden Person in der Kita gehört und gesehen zu werden, kann den Jüngsten helfen. Manchmal ist dies ein erster Schritt, ihr Vertrauen in sich selbst und andere wiederherzustellen.
Umgang mit dem eigenen Unglück
Die Beziehungserfahrungen in der eigenen Kindheit spielen im pädagogischen Umgang mit den Jüngsten eine bedeutende Rolle. Sie beeinflussen die Fachkräfte in ihrer pädagogischen Beziehungskompetenz. Dies gilt besonders für den Umgang mit unglücklichen Mädchen und Jungen. Da gibt es z.B. die Kollegin, die sich als Kind niemals unglücklich fühlen durfte, weil ihre Eltern das gestört hat. Viele Väter und Mütter empfinden es als Makel, ein unglückliches Kind zu haben, sie schämen sich dafür, es verletzt ihren Stolz und sie machen sich Vorwürfe. Die Jüngsten spüren genau, wenn ihre Eltern es nicht ertragen, dass sie unglücklich sind. Dann verbergen sie ihr Unglücklichsein aus Loyalität und tun so, als ob mit ihnen immer alles in Ordnung ist. Die eigene Erfahrung, als unglückliches Kind eher abgelehnt worden zu sein, hinterlässt oftmals Spuren auch im professionellen Umgang mit unglücklichen Kindern. So kann es passieren, dass pädagogische Fachkräfte das Unglück eines Kindes übergehen oder bagatellisieren. Dies geschieht aus dem Gefühl heraus, dass ihnen selbst damals auch nicht geholfen wurde. Sie wenden sich dem Kind nicht zu, weil eigene Kindheitserfahrungen zu einer wenig empathischen pädagogischen Haltung geführt haben und sie der Meinung sind, dass es selbst lernen muss, mit sich und seinem Unglück klarzukommen. Vorbilder, sich in ein trauriges Kind einzufühlen, haben gefehlt. Auf der anderen Seite kann die Erfahrung, als Kind mit seinen Gefühlen ständig übergangen worden zu sein, aber auch gerade dafür sensibilisieren, das Unglück eines Kindes besonders feinfühlig wahrzunehmen und nachzuempfinden. Man weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr ein solches Kind Unterstützung braucht. Insofern spielen in sämtlichen pädagogischen Berufen eigene Kindheitserfahrungen immer eine bedeutende Rolle und es lohnt, sich ihren Einfluss auf die eigene Beziehungsgestaltung mit Kindern zu vergegenwärtigen.
Kinderglück & erfahrenes Unglück
Die Jüngsten können nicht nur ihr Unglück, sondern auch ihr Glück kaum sprachlich zum Ausdruck bringen. Sie leben immer im Augenblick. Wenn sie glücklich sind, sieht man es ihnen förmlich an, sie lachen, kugeln sich vor Freude und ihre Augen strahlen. Auch ihr häufig geäußerter Satz „Ich freue mich …“, z.B. auf den Geburtstag, den Ausflug oder ein Geschenk, auf das Weiterlesen einer spannenden Geschichte, nimmt das Glück ins Visier. Mithilfe eines einfachen Satzes bringen sie die Freude zum Ausdruck, mit der sie etwas erwarten. Ein Hinweis darauf, dass sie hoffen, dass etwas Erfreuliches geschehen wird und ihre Erwartungen daran erfüllt werden.
Das Glück der Kinder ist genau wie das der Erwachsenen ein rares Gut. Aus empfundenem Glück heraus entwickelt sich ihr Vertrauen in sich selbst und das Gefühl, für andere wertvoll zu sein. Wer schon als Kleinkind solches Glück empfindet, bleibt von Verlustängsten, die alle heranwachsenden Jungen und Mädchen erleben, dennoch nicht verschont. Aber die Gewissheit, Glück zu erfahren, hilft dabei, Unglück zu überwinden. So ist beides auf diese Weise eng miteinander verwoben. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Es geht nicht darum, dass die Jüngsten immerzu glücklich sein sollen. Das ist unmöglich, keine pädagogische Arbeit kann das leisten. Wenn Kinder nicht unglücklich sein dürfen, geht auch der Zauber des Glücks schnell verloren. Es geht darum, dass sie beides für sich zulassen können: Glück und Unglück.
INFO
Das Projektkind
Wenn die Kindheit nicht als etwas Eigenständiges und ganz in sich selbst Ruhendes, sondern bereits von Geburt an als ein Übergangsstadium hin zu einem nützlichen und erfolgreichen Erwachsenendasein gesehen wird, werden Kinder häufig zu sog. Projektkindern ihrer Eltern. So steht nicht das Kind als Kind im Zentrum der Erziehung, sondern die Vorstellung, was später einmal aus ihm werden soll. Es wird zu einem Projekt seiner Eltern und der Erwachsenenwelt. Unglücklich zu sein, wird zum „Störfaktor“, weil es als Hindernis für ein reibungsloses Fortkommen betrachtet wird. Im Gegensatz dazu bleibt das unglückliche Kind, das seinen Kummer zum Ausdruck bringen darf, sich selbst und seinen Gefühlen treu. Es bleibt unverstellt, und wir sollten es darin unterstützen, statt es uns Erwachsenen angleichen zu wollen.