Tod und Trauer

Abschied, Verlust und Trauer sind Themen, die wir eigentlich lieber meiden. Sie kommen im Kita-Alltag nur selten zur Sprache, obwohl pädagogische Fachkräfte die kindliche Auseinandersetzung mit Tod und Sterben als äußerst bedeutsam beschreiben. Schließlich ist der Tod der existenziellste aller Abschiede. Er ist tief verwoben mit den Sinnfragen des Lebens: dem Warum, Woher und Wohin.

Begegnet man den Themen Tod und Verlust im beruflichen Kontext, verspürt man statt unmittelbarer Trauer oft deutlichen Handlungsdruck und -unsicherheit. Wie reagiert man richtig auf die kindlichen Fragen, wenn man die Antwort selbst nicht kennt?

„Wo ist Omi, wenn sie tot ist?“

Ein Großteil der Deutschen stirbt heutzutage in Krankenhäusern oder Seniorenheimen. Somit geschieht der Sterbevorgang heute meist ohne familiären Beistand. Viele der Hinterbliebenen nehmen erst bewusst Abschied, wenn der Angehörige bereits verstorben ist. Da das Kind die plötzliche und unvermittelte Trennung nicht einordnen kann, ist der Schmerz umso größer, je intensiver die emotionale Verbindung zum Verstorbenen gewesen ist. „Warum hat mich Oma einfach so verlassen? Das ist böse und gemein von ihr!“
Hinzu kommt, dass sich die Atmosphäre zu Hause verändert: Mit der Beerdigung und in den Erwachsenengesprächen geht etwas vor sich, dass das Kind nicht verstehen kann. Anscheinend geschieht hier etwas ganz Schreckliches, etwas Geheimes. Diese Bruchstücke, die das Kind intuitiv wahrnimmt, werden durch die Fantasie aufgefüllt – und fertig ist das Schreckensbild des Schattenwesens.

Wie äußert sich Trauer bei Kindern?

Allgemein lässt sich sagen, dass jedes Kind unterschiedlich trauert. Sowohl in der Art und Weise, als auch in der Dauer der gesamten Trauerzeit. Jedoch kann die Trauer bei Kindern in verschiedene Phasen unterteilt werden. Diese Phasen dauern nicht bei jedem Kind gleich lang an. Manche Kinder überspringen sogar eine Phase oder fallen ein zweites Mal in eine frühere Phase zurück.
Es ist möglich, dass ein Kind nach Erhalt der Information, dass ein Angehöriger verstorben ist, zunächst einmal keine große Reaktion zeigt. Das kann daran liegen, dass das Kind eine gewisse Zeit benötigt um die Bedeutung dieser Nachricht zu verstehen. Sobald das Kind den Verlust auch als Verlust wahrnimmt, löst dieser Trauer aus. Einige Kinder reagieren zunächst hilflos, verständnislos oder sogar wütend. Sie verstehen nicht, warum der Verstorbene sie verlassen hat und finden das gemein. Spontane Gefühlsausbrüche sind in so einer Situation ganz normal und gehören zum Trauerprozess dazu.
In der nächsten Phase kann es vorkommen, dass Kinder sich zurückziehen. Sie kämpfen mit Appetitlosigkeit, schlafen unruhig und zeigen weniger Interesse an Dingen, die sie eigentlich gerne tun (Spielen, Malen, Basteln). In dieser Phase kann es hilfreich sein, den Kindern Erinnerungsstücke an den Verstorbenen an die Hand zu geben. Diese können zum Beispiel alte Fotos sein oder ein Kleidungs- oder Schmuckstück. Es gibt den Kindern Halt und spendet Trost.
In der letzten Trauerphase gewinnt das Kind wieder mehr Interesse an Aktivitäten, wird aufgeschlossener und lebendiger. Zwar verspürt es dennoch hin und wieder Trauer, jedoch nicht mehr so häufig und so intensiv wie zu Beginn des Trauerprozesses.

Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod?

  • Kinder bis zum dritten Lebensjahr haben nur ein begrenztes bzw. gar kein Verständnis vom Tod, Vierjährige hingegen entwickeln bereits ein einfaches Verständnis („der Tod ist nicht das Leben“), können aber noch nicht verstehen, dass ein Mensch tot sein kann. Sie akzeptieren den Tod nicht als Ende, sondern glauben an eine Austauschbarkeit von Leben und Tod, quasi an eine Art Weiterleben unter veränderten Bedingungen. Fragen wie „Friert die Omi im Grab?“ oder „Wo bekommt sie ihr Essen her?“ sind in diesem Alter nicht ungewöhnlich.

  • Vier- bis fünfjährige Kinder reagieren im Vergleich zu später noch spontan und mit wenig Angst auf das Thema Tod. Im Alter von fünf Jahren beginnen die meisten Kinder damit, den Tod als Ereignis zu verstehen, das anderen zustößt (in ihrer Vorstellung vor allem alten und bösen Menschen). Dass eine Krankheit eine Todesursache sein kann oder dass auch Kinder sterben können, ist schwer vorstellbar.

  • Mit Beginn des Schulalters haben sich der Zeitbegriff und die damit verbundenen Vorstellungsmöglichkeiten so weit entwickelt, dass sich das Verständnis bzw. die Ahnung von der unausweichlichen Tatsache des Sterbens verdichtet. Über den eigenen Tod machen sich Kinder weniger Gedanken, jedoch ängstigt sie zunehmend die Vorstellung, was denn sein wird, wenn die Menschen, die sie lieben und umsorgen, plötzlich sterben könnten. Solche Gedanken lösen intensive Gefühle und erhöhten Gesprächsbedarf aus. Zunehmend entwickeln die Kinder auch ein naturwissenschaftliches Interesse, um den Tod begreifen zu können. Zudem beschäftigen sie sich häufiger mit Attributen des Todes und interessieren sich für Friedhöfe, Gräber und Beerdigungen.

Wie können pädagogische Fachkräfte Kita-Kinder und deren Eltern in ihrer Trauer begleiten?

Machen Sie sich bewusst: Wenn ein Kita-Kind von einem Trauerfall betroffen ist, ist dies nicht nur eine private Angelegenheit der Familie. Für die Zeit des Tages, die das trauernde Kind in der Kita verbringt, sind Sie als pädagogische Fachkraft verantwortlich für das Wohlergehen des Kindes.
Am besten bitten Sie die Eltern um ein Gespräch, wenn Sie vom Trauerfall erfahren. Eltern sollen von ihren Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten in Bezug auf die kindliche Trauer sprechen können. Ganz im Sinne der gewohnten Erziehungs- und Bildungspartnerschaft sollten sich Eltern und Kita-Fachkräfte austauschen, sich gegenseitig informieren und beraten. Bei aller Anteilnahme am Tod eines Angehörigen – und sei er noch so dramatisch – steht das trauernde Kind im Zentrum der Bemühungen. Sie können die Eltern dadurch immens entlasten, da diese selbst mit ihrer Trauer umgehen müssen und häufig sehr unsicher sind, wie sie die Situation bewältigen sollen.
In manchen Fällen können sich die Sichtweisen von Familie und Kita erheblich voneinander unterscheiden, da bspw. religiöse Fragen oder persönliche Sozialisationshintergründe unterschiedliche Anschauungen begründen. Gerade dann ist es wichtig, dass sich Elternhaus und Kindertagesstätte absprechen und nicht rivalisieren. Das würde das trauernde Kind in einen Loyalitätskonflikt zwingen, da auf beiden Seiten wichtige Bezugspersonen für das Kind stehen. Kinder können jedoch auch gut zwischen beiden Bereichen unterscheiden – in der Kita ist das so, zu Hause ist es anders. Agieren Sie in diesem Fall vorsichtig und einfühlsam, aber ziehen Sie sich nicht resigniert zurück – das wäre nicht im Sinne des Kindes!


Quellen:

    • Franz, M. (2017): Tabuthema Trauerarbeit. Kinder begleiten bei Abschied, Verlust und Tod. München: Don Bosco Medien GmbH.
    • Kindergarten heute – Kleines Themenpaket „Tod und Trauer in der Kita“
    • www.familienhandbuch.de/familie-leben


    Online-Kurs zum Thema

    Die QiK Online-Akademie bietet einen Kurs für pädagogische Fachkräfte in Kitas zum Thema "Trauerarbeit: Begleiten Sie Kinder und Eltern" an. In diesem Kurs wird vermittelt, wie Kita-Kinder den Tod als existenziellsten aller Abschiede wahrnehmen und verarbeiten. Dabei gewinnen pädagogische Fachkräfte Einblick in die grundlegende Entwicklung von kindlichen Vorstellungen über den Tod und erlangen Sicherheit im Umgang mit trauernden Kita-Kindern und Eltern, die im Trauerfall nach Beratung suchen.

    Hier finden Sie alle Informationen zum Online-Seminar: https://bit.ly/358yFBM


    Video-Interview: Margot Käßmann über den Umgang mit den Themen Tod & Trauer

    Kinder zwischen drei und sechs Jahren entwickeln allmählich eine gewisse Vorstellung vom Tod, können dessen Endgültigkeit und Unvermeidbarkeit aber noch nicht erfassen.

    • Wie kann der christliche Glaube Kindern beim Umgang mit den Themen Tod und Verlust helfen?
    • In welcher Form können pädagogische Fachkräfte diese Impulse in der Kita einbinden?

    Die Fragen stellte Ulrike Fetzer, Onlineredakteurin für den Bereich Pädagogik im Verlag Herder.



    Video

    Video-Interview mit Margot Käßmann am 7. Mai 2019


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