KlarstellungenZu Gabriele Kubys Stellungnahme in der Herder Korrespondenz 11/2014 auf meinen Artikel in der Herder Korrespondenz 9/2014

Kuby eröffnet ihre Stellungnahme (zitiert S) damit, dass ich, ein an der Katholisch‑Theologischen Fakultät der Universität Wien lehrender theologischer Ethiker, in der Gender‑Theorie ein „Wachstums­potential für die eigene Lehre“ sehe. Dadurch scheint sofort klar zu sein und klargestellt zu werden, dass das von Kuby mehrfach hervorgehobene Katholischsein »dieses Professors«, der zwar nur „zwischen den Zeilen erkennen lässt, wo er steht“ (S 593), doch erkennbar „im Gender‑Mainstream zu schwimmen“ (ebd.) bereit ist, sehr zweifelhaft sein müsse.

Derart bezeugt Kuby erneut, was ich in meinem Artikel mit dem Moraltheologen Bruno Schüller einen „genetischen Fehlschluss“ genannt habe. Wer nicht offensiv gegen die Genderperspektive anschreibt, könne nicht wirklich katholisch sein. Darum setzt sich Kuby in ihrer Stellungnahme auch nicht ernsthaft mit meiner Argumentation auseinander. Stattdessen konfrontiert sie mich mit einer Überfülle von Themen, die sie in meinem Beitrag vermisst – angefangen von den Yogyakarta-Prinzipien bis hin zu Abtreibung, Samenspende und Leihmutterschaft, anderen Ausführungen von Judith Butler (etwa zum Inzestverbot) oder dem „Cyborg Manifesto“ von Dona Haraway.

Das leitende Anliegen meines Artikels war freilich konkreter umrissen. Es sollte aufgezeigt werden, dass Kritikerinnen und Kritikern der Gender‑„Ideologie“ den Begriff Gender in einer Weise bestimmen (und sodann als ideologisch ablehnen), die dem wissenschaftlichen Diskurs nicht gerecht wird. Diesem Faktum verschließt sich Kuby konsequent. Darum halte ich fest, dass Kubys methodisches Vorgehen unwissen­schaftlich ist und folglich ihre Thesen höchst problematisch sind. Denn auch eine kritische Diskussion bestimmter Inhalte auf der Ebene des Gender‑Mainstreaming, die ich in meinem Artikel ausdrücklich einschließe, ist nur sinnvoll, wenn zuvor einigermaßen geklärt ist, was der Begriff Gender besagt.

Im Folgenden konzentriere ich meine Klarstellungen auf drei Punkte:

1. Ideologiebegriff

Kuby klärt in ihrer Stellungnahme ihr Verständnis des Begriffs Ideologie, in dem sie gemäß Wikipedia dessen Beschreibung im „allgemeinen Sprachgebrauch“ zitiert. Ein solches Verständnis liegt in der Regel dem zugrunde, „was sich landläufig als Ideologiekritik gibt“ (Bruno Schüller), und verdeutlicht sich in vereinfachenden, vorurteilsbehafteten Argumentationsketten, die vorhandene »Gender-Verunsicherungen« gezielt aufgreifen und im Rahmen global wirksamer kulturrevolutionärer Szenarien verstärken, die, wie Kuby in ihrem Buch Die globale sexuelle Revolution (zitiert SR) festhält, keineswegs „sternenweit von nationalsozialistischen und kommunistischen Terrorsystemen entfernt sind“ (SR 27).

Kuby steht es selbstverständlich frei, diesen allgemeinen Sprachgebrauch von Ideologie ihren Ausfüh­rungen zugrunde zu legen. Es steht ihr aber nicht frei, diesen als wissenschaftlich zu begreifen oder auszugeben. Zwischen landläufiger und wissenschaftlicher Ideologiekritik besteht ein grundlegender Unterschied.

Ihre im Buch Die globale sexuelle Revolution vorgelegte Definition von Ideologie als ein „System un­wahrer, korrumpierter Worte“, welches in verschleiernder Taktik einem „Denksystem, das den Interessen einer Minderheit dient“ (SR 175), entspringt, mutet zumindest sehr eigenwillig an. Kuby gelingt es freilich mit undifferenzierter Leichtigkeit, diverse Worte wie Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit oder Gleichheit als korrumpiert und folglich als ideologisierte Schlüsselbegriffe darzustellen (vgl. SR 178ff.), was nicht einmal ansatzweise einer wissenschaftlichen Begriffsklärung entspricht.

2. Judith Butler

Ferner geht Kuby – jedenfalls scheinbar – auf meine Ausführungen zu Judith Butler ein. Auf Butler war in meinem Artikel deshalb einzugehen, weil sie von Kritikerinnen und Kritikern der Gender‑„Ideologie“ als Hauptfigur der Gender‑Theorie oft ausdrücklich genannt, wenngleich nur selten systematisch zitiert und daher noch seltener angemessen dargestellt wird. Vorweg sei festgehalten, dass Butlers Werke weder einfach zu lesen noch zu interpretieren sind. Viele ihrer – nicht selten zugespitzten – Aussagen werden auch im einschlägigen wissenschaftlichen Diskurs kritisch diskutiert und strittig interpretiert, allerdings auf einem Niveau, das zu erreichen sich Kuby nicht einmal bemüht.

Mir wirft Kuby vor, dass ich nicht auf die „Kenntnis des Werkes Judith Butlers“ (S 592) rekurriere, sondern nur ein Interview aus dem „Philosophie Magazin“ heranziehe. Das erstaunt sehr und ist nachprüf­bar unwahr. Wahr ist vielmehr, dass Kuby sich der Erkenntnis verweigert, dass Butler den Begriff Gender nicht so versteht, wie sie ihr unterstellt. Sie greift zwar die von mir zitierte Interviewaussage auf, wonach Butler biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht bestreite, bricht jedoch an dieser Stelle deren weitere Aussage ab, um sogleich hinzufügen zu können, dass solche Unterschiede keine „Relevanz für den Menschen haben“, da es ja Butlers Ziel sei, „ihre Relevanz zu zerstören“ (S 592). Was ich diesem Fehlurteil mit Rückgriff auf Butlers Werk entgegenhalte, scheint Kuby nicht zu interessieren. Dass Butler nicht vom „Zerstören“, sondern „Stören“ schreibt, entlarvt Kubys freie Interpretationsweise, in der sie Butlers Methode der Dekonstruktion nur als Destruktion erfasst. Offenbar steht für Kuby von vornherein fest, dass dieser „philosophische Kauderwelsch“ (S 592) abzulehnen ist.

Ein wahres Kauderwelsch bietet aber Kuby selbst an, in dem sie kritisiert, „Marschütz zitiert nur meine ‚Übersetzung’ dieser Gender‑Sprache“ (S 592). Anstatt darüber froh zu sein, weil dadurch die Peinlichkeit ihrer „Übersetzung“ nicht allzu deutlich wird, legt sie in ihrer Stellungnahme – wie auch in ihrem Buch – Butlers Zitat kombiniert mit ihrer „Übersetzung“ vor. Ausgerechnet aus jenem Abschnitt in Butlers Buch Körper von Gewicht, wo es zentral um die Frage geht, „welche Rolle die Kategorie des ‚biologischen Geschlechts` [sex]“ spielt, und wo Butler diese Rolle „von Anfang an normativ“ im Sinne eines „regulativen Ideals“ begreift, zitiert Kuby die wenige Zeilen später im Text stehende Aussage:

„Das ‚biologische Geschlecht’ ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit zwangsweise materialisiert wird. Es ist nicht eine schlichte Tatsache oder ein statischer Zustand eines Körpers, sondern ein Prozess, bei dem regulierende Normen das ‚biologische Geschlecht’ materialisieren und diese Materialisierung durch eine erzwungene ständige Wiederholung jener Normen erzielen.“

Wenn Kuby in ihrer Stellungnahme (wie auch in ihrem Buch) diese keineswegs einfach zu verstehende Aussage Butlers – für ein Verstehen wäre vor allem zu verdeutlichen, was Butler unter idealem Konstrukt (im Anschluss an Foucault), zwangsweiser Materialisierung und Körper als Prozess versteht – derart „über­setzt“, dass das in einfachen Worten auf Deutsch heißt,

„Männer und Frauen gibt es gar nicht. Das Geschlecht ist eine Phantasie, etwas, das wir nur deswegen glauben, weil es uns so oft gesagt wird. Gender ist nicht an das biologische Geschlecht gebunden, dieses spielt überhaupt keine Rolle, es entsteht nur, weil es durch die Sprache erzeugt wird und die Menschen glauben, was sie ständig hören. Identität ist im Blick Judith Butlers freischwebend und flexibel, es gibt kein männliches oder weibliches Wesen, sondern nur eine bestimmte performance, also ein Verhalten, das sich jederzeit ändern kann.“ –

dann ist das nicht nur eine glatte Fehlinterpretation (wobei das Wort Interpretation bereits fehl am Platz ist), sondern bezeugt eine Erkenntnisresistenz, die aus der Sicht Kubys einem vorweg abqualifizierten philo­sophischen Kauderwelsch gebührt. Mit Wissenschaftlichkeit oder qualifizierter Ideologiekritik hat das allerdings nichts zu tun. Kuby gibt freilich zu, dass ihre „‚Übersetzung’ dieser Gender‑Sprache […] ebenso willkürlich ist, wie die Inhalte, die sie ausdrückt“ (S 592). Im Klartext: Was Kuby als willkürlich erachtet, meint sie, auch willkürlich „übersetzen“ zu können. Damit erübrigt sich aber jeder sinnvolle Dialog zu diesem Thema, da alles behauptet werden kann, auch eine Top‑Down‑Revolution und anderes mehr.

Wenn aber Wolfgang Waldstein, emeritierter Universitätsprofessor für Römisches Recht, in Anmerkungen zu Gabriele Kubys Buch Die globale sexuelle Revolutiondiese „Übersetzung“ Kubys als deutsche Über­setzung von Butler wiedergibt und daraus als „Grundannahme der Gender‑Ideologie“ einen „Aufstand gegen die natürliche Realität der menschlichen Natur“ (vgl. www.medrum.de/print/11554) folgert, dann ist das nur ein Beispiel für die Erweiterung der Dimension des Willkürlichen. Und wenn im Sinne dieses Buches auch innerhalb der Katholischen Kirche manche hochrangige Amtsträger die Auffassung vertreten, der Begriff Gender besage eine Neutralisierung des biologischen Geschlechts, weshalb das „von der Diktatur der Natur“ (SR 83) befreite Individuum nunmehr über die „volle Wahlfreiheit und die jederzeit veränderbare Selbsterfindung“ (ebd.) des Geschlechts verfügen würde, dann gehört es zur wissenschaft­lichen Verantwortung, klarzustellen, dass relevante Gender‑Theorien eben das nicht aussagen.

3. Zweites Vatikanisches Konzil

Aufschlussreich ist, dass Kuby in ihrer Stellungnahme auf die Inhalte meines abschließenden theologischen Teils nicht eingeht – mit Ausnahme dessen, was sie strikt ablehnt: dass Gender Studies auch ein Wachs­tumspotential für die eigene Lehre sein können und die Infragestellung einer bestimmten Form der naturrechtlichen Argumentation, welche Kuby in überdehnter Wahrnehmung so darstellt, als würde es mir mit einem Zitat von Joseph Ratzinger generell darum gehen, „die naturrechtliche Argumentation zu diskreditieren“ (S 592).

Dass es mir in diesem Schlussabschnitt vor allem entlang der Pastoralkonstitution Gaudium et spes um die dialogische Methodik theologischen Reflektierens ging, dürfte Kuby herzlich fernliegen. Denn in ihrer – im Anschluss an Marguerite Peeters – ebenso simplen wie wissenschaftsbefreiten begrifflichen Gegenüber­stellung von jüdisch-christlich geprägter Ethik und postmoderner Ethik (vgl. SR 91f.) ordnet sie den Begriff Dialog der (abzulehnenden) postmodernen Ethik zu. Das erstaunt erneut. Denn immerhin hat Papst Paul VI., den Kuby bezüglich der Enzyklika Humanae vitae äußerst zustimmend zitiert (vgl. SR 72ff.), seine Antrittsenzyklika Ecclesiam suam (1964) ganz dem Thema Dialog gewidmet. Er begreift hier die Kirche selbst als Dialog mit ihrem Gründer und als Folge daraus im Dialog mit den Menschen unserer Zeit. Diese Dialog‑Enzyklika wurde seinerzeit zur zentralen Voraussetzung für eine neue Diskussionskultur am Zweiten Vatikanischen Konzil.

Kuby erwähnt in ihrem Buch weder dieses Konzil noch diese Enzyklika. Die von ihr als Gegenbegriff zum Dialog genannte „Konfrontation unterschiedlicher Interessen“ scheint eher Kubys Verständnis von Kirche zu sein – allerdings im Gegenüber zur Welt und nicht (gemäß Gaudium et spesin der Welt von heute. Zwar markiert auch dieser Titel von Gaudium et spes eine Differenz von Kirche und Welt, in der aber die Kirche nicht – wie vorkonziliar üblich – primär im Gegensatz und in Abgrenzung zur Welt, sondern in „innigster Verbindung“ (GS 1) mit ihr begriffen wird. Und das bekundet sich dadurch, dass das Konzil mit „Achtung und Liebe gegenüber der ganzen Menschheitsfamilie […] mit ihr in einen Dialog eintritt“ (GS 3). Dieser Dialog impliziert auch die Frage nach der Wahrheit. Denn durch „die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme“ (GS 16).

Aufzuzeigen, dass – wie es in der Kirchenkonstitution Lumen gentium heißt – auch außerhalb des kirch­lichen „Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind“ (LG 8) und deshalb die Kirche auch der Genderperspektive „einen aufrichtigen und klugen Dialog“ (GS 21) schuldet, war Anliegen meines Artikels. Dass ein solcher Dialog auch ein Wachstumspotential für die eigene Lehre implizieren kann, ist ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils (vgl. GS 44), zumal andernfalls ein Dialog sinnlos wäre und gar nicht erst geführt werden müsste. Da aber alle Menschen Adressaten der unbedingten Liebe Gottes sind, ist ein solcher Dialog für die Kirche unabdingbar und „schließt niemanden aus, weder jene, die hohe Güter der Humanität pflegen […], noch jene, die Gegner der Kirche sind und sie auf verschiedene Weise verfolgen“ (GS 92).

Vermutlich spitzt sich die kirchliche Debatte um die Gender-„Ideologie“ auf die »katholisch adaptierte« Gretchen‑Frage aus Goethes Faust zu: „Nun sag’, wie hast du’s mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?“

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