Kompletmodule

Wie könnte eine strukturelle Fortschreibung des Nachtgebets aussehen? – Ein Vorschlag.

Wie in diesem Beitrag gezeigt, halte ich es für sinnvoll, im Ritus der Komplet zwischen privat betender Einzelperson und öffentlich feiernder Gemeinde zu unterscheiden. Dennoch sollte ein einheitlicher Kern des kirchlichen Nachtgebets erkennbar sein.

Die Komplet ist für den Übergang vom Wachen zum Schlafen eingerichtet. Diesen Sitz im Leben muss man ihr ohne jede weitere Erklärung unmittelbar anmerken. Angesichts der Nacht – Bild für den Tod – soll die Komplet bedingungsloses Vertrauen auf Gott bekennen und einüben. Das ist der christliche Glaube: Das Leben ist stärker als der Tod. Diese Stärke kommt aber nicht aus menschlicher Kraft, sondern aus göttlicher Gnade. Basistext dafür ist in der Kompletgeschichte zunächst Psalm 91. Auch ostkirchlichen Traditionen ist dieser Psalm für die Stunde des Schlafengehens bekannt, und Basilius der Große empfahl einzig und allein diesen Text vor der Nachtruhe.

Das schließt andere biblische Texte natürlich nicht aus. Vor allem die Psalmen 4, 31 und 134 haben hier eine Erfolgsgeschichte. Seit dem 16. Jahrhundert stießen weitere Psalmen hinzu, wobei manche den Akzent verschoben bis hin zu Motiven von Leiden, Angst und Verzweiflung. Eine Abwechslung der Texte kann in der Komplet sinnvoll sein, im Vordergrund sollte aber immer der Vertrauensaspekt stehen. Wird die Komplet nicht täglich gebetet, legt sich jedenfalls Psalm 91 als festes Element nahe. Vor allem blieb die Komplet weitgehend unberührt vom kirchlichen Festkalender oder von Deutungen einzelner Wochentage (erst seit dem Konzil hat sich Letzteres eindeutig geändert). Der Tagesabschluss ist ein sinnvoller Ort für Rückschau und Vergebung, allerdings kam die Komplet über mehrere Generationen hinweg auch ohne dieses Element aus, das erst im Mittelalter vorangestellt wurde.

Ich möchte nun einen Vorschlag der Komplet in „Modulform“ vorstellen: Kernelemente, die niemals fehlen sollten und die schon für sich allein alles Wesentliche zum Ausdruck bringen, dazu Erweiterungsmöglichkeiten, die die Feier facetten- und abwechslungsreicher machen.

Die Kern-Komplet

  • Eröffnung: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn ...“ (Ps 124,8)
  • Psalmodie: Ps 91 (90)
  • Versikel: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“ (Ps 31,6)
  • Oration: „Herr und Gott, kehre ein in dieses Haus und halte alle Nachstellungen des Feindes von ihm fern. Deine heiligen Engel mögen darin wohnen und uns im Frieden bewahren. Und dein Segen sei über uns allezeit ...“
    oder: „Allmächtiger Gott, du hast uns zum Ende dieses Tages geleitet. Wir bitten dich: Bleibe bei uns und beschirme uns in den schweigenden Stunden der Nacht, damit wir, müde von der Unruhe dieser vergänglichen Welt, ruhen in deinem Frieden.“
  • Segensspruch: „Eine ruhige Nacht und ein gutes (vollkommenes) Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“

Diese elementarisierte Komplet ist ganz auf Ps 91 fokussiert. Der Eröffnungsvers anstelle des vertrauten „O Gott, komm mir zu Hilfe“ soll der Komplet einen eigenen Charakter gegenüber den anderen Horen verleihen.

Der Versikel aus Ps 31 stellt eine christologische Fortführung von Ps 91 dar, insofern es sich hier nach Lk 23,46 zugleich um die Worte Jesu am Kreuz handelt.

Die Oration „Herr und Gott“ führt das Engelsmotiv aus Ps 91 fort, der Alternativvorschlag eher die Todesmotivik. Diese zweite Oration habe ich aus einer evangelischen Vorlage übernommen. „Herr und Gott“ ist übrigens nur sachgerecht, wenn man an dem Ort der Komplet auch schläft („dieses Haus“).

Der Segensspruch war über Jahrhunderte der Eröffnungssegen der Komplet. Seit dem Konzil ist er der Abschlussvers: Nacht und Tod werden unmittelbar zueinander in Beziehung gesetzt.

Dieser Entwurf macht aus dem Ratschlag des Basilius ein kompaktes Gesamtritual. Es dürfte besonders für Einzelpersonen geeignet sein, die vom Tag erschöpft sind und sich unmittelbar vor der Nachtruhe befinden.

Erweiterungsmöglichkeiten

Im nächsten Schritt können weitere Elemente hinzutreten. Einzelpersonen werden vielleicht spontan auswählen oder eigene Traditionen entwickeln. Feiernde Gemeinden können die Komplet nach eigenem Urteil zu einem festlichen Nachtgebet ausbauen.

  • Tagesrückblick: Stille oder Schuldbekenntnis können vor der Psalmodie stehen. Die Komplet so zu beginnen ist seit Jahrhunderten verbreitet.
  • Erweiterte/alternative Psalmodie: Die Reihe Ps 4 – 91 – 134 ist schon bei Benedikt bezeugt, später kam Ps 31,2-6 hinzu. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es alternative Kompletpsalmen, unter denen Ps 16, Ps 31 (in voller Länge) und Ps 139 am ehesten der Botschaft von Ps 91 entsprechen. Psalmen, die den Akzent von Vertrauen zu Schuld, Leiden oder Angst verschieben, entsprechen hingegen dem genuinen Sinn der Komplet nicht.
  • Lesung: Anstelle des Versikels Ps 31,6 kann eine Lesung stehen. Die historisch bedeutendste ist Jer 14,9, viele andere sind denkbar. Es kann das aus dem Stundenbuch bekannte Responsorium folgen, das wiederum Ps 31,6 entspricht.
  • Hymnus: Aus dem Stundenbuch kommen vielleicht „Christus, du bist der helle Tag“ und „Bevor des Tages Licht vergeht“ in Frage. Streiten kann man darüber, ob ein Hymnus am Anfang oder nach Psalmodie und Lesung stehen sollte. Ich neige dazu, Hymnen immer aus der Schriftbetrachtung herauswachsen zu lassen.
  • Nunc dimittis: Das „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht“ des greisen Simeon (Lk 2,29-32) ist im frühen Mittelalter Bestandteil der Komplet geworden. Dies wurde neutestamentlicher Hauptgesang, so wie Benedictus und Magnificat in Laudes und Vesper. Es ist die gewichtigste christologische Brücke zwischen Ps 91 und der betenden Kirche angesichts von Nacht und Tod. Es in die Komplet zu integrieren ist mehr als naheliegend.
  • Bittgebet: Vor der Oration kann ein Bittgebet stehen: Seine Bedeutung für die christliche Identität wird nach meinem Eindruck oft unterschätzt. Besonders wo eine Gemeinde nicht oft zusammenkommt, sollte ein Bittgebet nie fehlen, auch nicht in der Komplet. Es bieten sich an: Stilles Gebet, ausformulierte Fürbitten, Vaterunser oder der traditionsreiche Versikel Ps 17 (16),8: „Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel“, der auch auf Ps 91 anspielt.

In dieser Liste mag man die marianische Antiphon vermissen. Sie war der Komplet im 13. Jahrhundert zugewachsen und hat inhaltlich nichts mit ihr zu tun. Meines Erachtens verunklart es besonders die Bedeutung des Segens für die Nacht, wenn im Anschluss noch einmal die Zielrichtung des Gebetes wechselt und neu etwas hinzufügt, wo nichts mehr hinzuzufügen ist. Daher sollte die marianische Antiphon nicht an die Komplet angehängt werden – so beliebt sie auch geworden sein mag.

Eine solche modulartig aufgebaute Feier könnte geeignet sein, in unterschiedlichen Situationen eine angemessene Gestaltungsform zu finden, ohne den Kerngehalt der Komplet zu verunklaren. Als separate Publikation mit verschiedenen Vertonungsvorschlägen könnte sie zugleich ein Versuch für eine Fortentwicklung des Stundenbuches sein, dessen jetzige Gestalt nicht die vom Konzil angestrebte Verbreitung gefunden hat.

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