"Ich bin keiner von den sprechenden Malern"Caspar David Friedrich und das Göttliche

Caspar David Friedrich war einer der bedeutendsten Künstler der deutschen Romantik. Die Kraft seiner Bilder liegt nicht zuletzt in ihrem Transzendenzbezug verborgen – ein Bezug, den zeitgenössische Betrachter immer seltener herstellen können.

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© Wikimedia Commons/gemeinfrei, Caspar David Friedrich: "Mönch am Meer"

Dass in prosaischen Zeiten ein Maler der Romantik wieder so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie Caspar David Friedrich, mag erstaunen. Andererseits sind es vielleicht gerade solche Zeiten, die die Sehnsucht nach einer anderen, eben nicht so ernüchternden, jedes Zaubers beraubten Wirklichkeit wecken. Nun lebte Friedrich seinerseits keineswegs in idyllischen Verhältnissen. Er wurde, in Dresden wohnend, Zeuge der Befreiungskriege, es gab gewaltsame Volksaufstände direkt vor seiner Türe, die Sorge um den Broterwerb begleitete ihn sein Leben lang. Die Nöte waren schlicht andere als heute; zu romantischer Stimmung veranlassten sie sicher nicht.

Doch da war eine Gewissheit in ihm, die ihm den Blick für den Zauber der Natur öffnete. Nicht die Menschenwelt war es, die ihn faszinierte, sondern jener Teil der Wirklichkeit, in dem er am unverfälschtesten das Wirken Gottes erblickte. Seine Wahrnehmung der Natur beruhte auf einem tief verwurzelten, offenbar unerschütterlichen Gottesglauben. Die Innigkeit der Empfindung, die sich in seinen Bildern ausdrückt, verdankt sich keiner Verehrung der Natur, sondern einer Verehrung dessen, was sich in der Natur nur zeigt. Die metaphysische Dimension seiner Bilder ist unmittelbar wahrnehmbar. Das verleiht ihnen ihre unvergleichliche Tiefe, das Gefühl des Betrachters, keine Abbilder, sondern Gleichnisse zu sehen.

Die herausgehobene Position des Menschen im Universum

Wenn Menschen in seinen Bildern auftreten, spielen sie darin nicht die Hauptrolle. Meist sind sie nur von hinten zu sehen, wie sie ganz in der Wahrnehmung der Natur aufzugehen scheinen. Der Betrachter des Bildes schaut sozusagen mit ihnen zusammen auf die Natur und sieht sie doch zugleich als die ihrerseits Natur-Betrachtenden. Das hat einen merkwürdigen Rückkopplungseffekt. Einerseits ergibt sich dadurch eine reflexive Brechung der Natur-Wahrnehmung, andererseits provoziert es die Identifikation mit dem gemalten Betrachter, der eben nicht das Zentrum des Bildes und nicht das Zentrum des Universums ist. Vielmehr erscheint er als jenes Wesen, das es vermag, in der Natur das Unendliche wirken zu sehen. Offenbar ist es diese Rolle, die Friedrich dem Menschen zuspricht. Darin liegt keine Abwertung, sondern ein Zurechtrücken seines Selbstverständnisses: Der Nabel der Welt bist Du nicht, aber Dir wurde das Vermögen geschenkt, die Schöpfung als solche wahrzunehmen und ihre Größe zu erkennen. Damit hat der Mensch doch eine herausgehobene Position im Universum. Allerdings muss er hinter dem zurücktreten, der größer ist als er.

Für Caspar David Friedrich verkörpert der Mönch das eitle Bestreben, durch Klügeleien und Grübeleien das Geheimnis der Transzendenz zu ergründen, das sich doch nur im Glauben erschließt. 

Das verdeutlicht Friedrich zum Beispiel mit seinem Bild Der Mönch am Meer. Es zeigt vor einem grandiosen, das Bild vereinnahmenden See- und Horizontausblick einen winzig kleinen Menschen auf einem schmalen Strandstreifen. Die Erde macht nur einen verschwindend geringen Anteil an der Bildkomposition aus, beherrschend ist der Himmel. Der Mensch aber, der auf das Meer hinausblickt, ist ein Mönch. Nun könnte man glauben, dass dieser auch einen besonderen Zugang zum Göttlichen in der Natur hat. Doch seine Verlorenheit und Winzigkeit sprechen dagegen, ebenso wie Friedrichs eigene Deutung dieses Bildes. Für ihn verkörpert der Mönch das eitle Bestreben, durch Klügeleien und Grübeleien das Geheimnis der Transzendenz zu ergründen, das sich doch nur im Glauben erschließt. Es ist ein Vanitas-Motiv. Selbst in der Gestalt dessen, der die größtmögliche Gottesnähe erwarten lässt, kann sich Gottesferne manifestieren, sofern er der Hybris erliegt, das Ewige spekulativ einfangen zu wollen.

Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich
Caspar David Friedrich: "Wanderer über dem Nebelmeer", © Wikimedia Commons/gemeinfrei

Eine ganz andere Welthaltung drückt der Wanderer über dem Nebelmeer aus. Hier bildet ausnahmsweise ein Mensch die Bildmitte. Er steht in stolzer, aufgerichteter Haltung auf einem offenbar mühsam erklommenen Berggipfel, den Wanderstock neben sich aufgestützt. Die Nebel, über die er hinwegblickt, sind wild bewegt, und sein Blick geht in die Ferne, auf noch höhere Berge und den Horizont hin. Dieser Mensch hat sich, anders als der Mönch, nicht in der Ebene bewegt, sondern er hat einen Berg erstiegen. Das ermöglicht ihm nun einen Blick über die Nebel hinweg, welche die Erde verhüllen. Das, was unten liegt, hat er hinter sich gelassen, es beschäftigt ihn nicht mehr. Sein Blick ist frei für das Weite, Unendliche, das einen richtigen Sog auf den Betrachter ausübt. Vielleicht ist es das Ende seines Lebensweges, das der Wanderer erreicht hat. Auf jeden Fall erscheint er befreit für die Wahrnehmung des Erhabenen und Erhebenden, das sich ihm in der Natur offenbart. Sein sicherer Stand trotz des schroffen Felsens signalisiert, dass er am Ziel angekommen ist. Er kann sich ganz der Wirkung des Ausblicks ergeben, der ihm durchaus durch Anstrengung, aber offenbar nicht durch Selbstüberhebung zuteil geworden ist.

Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.

Für Caspar David Friedrich war die Reinheit des Empfindens der Königsweg zur Wahrheit, in der Wahrnehmung der Natur ebenso wie in deren Darstellung. Ein auf die Ratio reduzierter Glauben war so wenig seine Sache wie eine auf Technik reduzierte Malerei. Handwerkliches Können musste schon sein, das gehörte dazu. Doch das war nur das Mittel, um angemessen ausdrücken zu können, was sich im Inneren des Künstlers abspielte: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke oder gar Tote erwartet." So war er auch überhaupt nicht einverstanden mit jenen Malern, die hochgelehrt über das Wesen der Kunst reden konnten – die "sprechenden Maler" –, ohne imstande zu sein, jenes vorgebliche Wissen in ihren Bildern zu verewigen. Die Kritik an seinen zeitgenössischen Kollegen ist insgesamt reichlich harsch. Er wirft ihnen nicht nur die Unfähigkeit vor, im Bild auszudrücken, was sie in Worten ausdrücken. Bei vielen nimmt er auch mangelndes technisches Vermögen, das Fehlen wahrer Empfindung, Ergebenheit gegenüber aktuellen Moden oder umgekehrt Rückwärtsgewandtheit und eine Neigung zur Nachahmung statt zur Gestaltung wahr. "Dieses Bild ist groß, aber die Größe fehlt im Bild" war noch eine seiner harmloseren Urteile über die Kollegen. Als Mensch war Friedrich sicherlich nicht einfach. Er war aber auch ein Mensch, der es sich selbst nicht einfach machte. Nur so ist das, was er geschaffen und hinterlassen hat, zu erklären.

In seinen Bildern verbindet sich Individuelles und Allgemeines

Denn die Reinheit der Seele, die erst das wahrhafte Naturempfinden und die wahrhafte Naturdarstellung ermöglicht, musste erst einmal errungen werden. So gesehen, war das Künstlertum, das vor Friedrichs Augen alleine Bestand hatte, nicht zuletzt eine ethische Herausforderung. Sein inniger Gottesglauben, das Gefühl, auch in schwierigster Lebenslage in Gottes Händen und also getragen zu sein, hat ihm die Aufgabe der inneren Vervollkommnung sicherlich erleichtert. Ob es anderen auch so ging, ist die Frage. Als seine Frau einmal Geburtstag hatte, teilte er ihr mit, dass er sie an ihrem Kurort nicht besuchen und ihr auch nichts schenken werde. Er hatte aber einen guten Rat für sie parat: Damit sie nicht gänzlich leer ausgehe, möge sie doch jemand anderem eine Freude machen und zum Beispiel einem Bedürftigen einen Taler schenken. So könne sie sich an dessen Freude erfreuen. Dadurch gewinne der innere Mensch. Wahrscheinlich war sie für diesen Hinweis sehr dankbar und auch dafür, dass ihr Mann sich nicht nur um den eigenen inneren Menschen kümmerte.

Was Caspar David Friedrich zu einem der herausragenden Vertreter der Romantik macht, ist nicht nur jenes Streben nach dem Unendlichen, das in allen seinen Bildern spürbar ist und eine magische Wirkung auf den Betrachter ausüben kann. Vielmehr verbinden sich in seinen Bildern auch Individuelles und Allgemeines. Da es nicht vorrangig die Ratio ist, die den Weg zur Transzendenz eröffnet, sondern vor allem das Empfinden, ist der Zugang je individuell. Der Künstler wird in seiner Individualität sichtbar, genauso ist aber auch der Kunstbetrachter in seinem individuellen Sein angesprochen, wenn er das Kunstwerk rezipiert. Beide müssen ihren eigenen Weg finden, auch wenn das Ziel dasselbe ist. Das verträgt sich sehr gut mit dem christlichen Gedanken der Personalität und der Vorstellung, dass der Gewissensruf an jeden einzelnen Menschen ergeht und von jedem einzelnen Menschen auch auf seine Art beantwortet werden muss.

Kann man die Bilder von Caspar David Friedrich ohne jenen Transzendenzbezug noch verstehen? Geht das Streben so nicht ins Leere? Oder denkt sich jeder ein eigenes Strebensziel hinzu?

Für die Wucht der Friedrich'schen Bilder ist der heutige Mensch noch empfänglich. Der Sog, den sie ausüben, sich aus sich herausziehen zu lassen in eine Wirklichkeit jenseits des schnöden Alltagslebens, hat seine Wirkung nicht eingebüßt. Gibt es jedoch noch ein Verständnis dafür, was den Maler damals in seinem Innersten antrieb und wohin es ihn zog, als er seine Bilder malte? Das ist zunehmend fraglich. Zum einen existiert praktisch keine unberührte Natur mehr. Sie trägt selbst dort, wo sie "renaturiert" wurde, den Stempel des menschlichen Zugriffs und der technischen Verzweckung. Insofern spiegelt sie vor allem den Menschen wider und kein höheres Wesen. Zum anderen ist die Zuversicht, dass es ein solch höheres Wesen gebe und man sich ihm kindlich glaubend anvertrauen könne, weitgehend geschwunden. Kann man die Bilder von Caspar David Friedrich aber ohne jenen Transzendenzbezug noch verstehen? Geht das Streben so nicht ins Leere? Oder denkt sich jeder ein eigenes Strebensziel hinzu?

Wenn jedoch auch das Ziel des Strebens individualisiert ist und nicht bloß der Weg, droht die Tiefe der Kunstwerke von Caspar David Friedrich verlorenzugehen. Dann wird man sie vielleicht irgendwann nur noch als kitschig empfinden. Das allerdings wäre nicht dem Künstler anzulasten, sondern ausschließlich dem Betrachter.

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