"Wenn es Gott nicht gibt, sind wir verloren"Ein Gespräch mit dem Berliner Schriftsteller Hartmut Lange

Kunst und Religion stehen bis heute in einem engen Wechselverhältnis. Denn sie schaffen eine lebenswerte Welt, spenden Trost und bewahren das Geheimnis, sagt der Berliner Schriftsteller Hartmut Lange im COMMUNIO-Interview. Darin geht es auch um die exklusiv auf communio.de veröffentlichte Novelle "Die Absinthtrinkerin".

Porträt von Hartmut Lange
© Johanna Tück

Jan-Heiner Tück: Herr Lange, Sie haben einmal gesagt, man müsse die Vertikale aktivieren, um der Flächigkeit des Daseins zu entkommen. Würden Sie sich als einen transzendenzsensiblen Schriftsteller bezeichnen?

Hartmut Lange: Ja, ich würde mich als transzendenzsensibel bezeichnen. Wobei man sagen muss, diese Sensibilität hat fast jeder, aber nicht jeder bekennt sich dazu, weil man das gedankliche Überschreiten des Realen als religiöse Spinnerei abtun kann. Manche sagen in der Tat, das Gerede von Gott und Transzendenz sei künstlich und aufgepfropft.

Tück: Provoziert Sie das?

Lange: Nein. Jeder hat seinen eigenen Wahrheitsgrund, und wenn der nur immanenzbedingt ausfällt, geht mich das nichts an. Die Immanenz ist im Übrigen keineswegs gottlos. Es gibt Leute, die leiden vor allem darunter, dass ihnen der Glaube nicht gelingt.

Tück: Fromme Atheisten – sie würden gerne, aber können nicht. Wo sehen Sie die Hindernisse?

Lange: In der Arroganz des Verstandes. Gott kann man nur erfühlen, und nicht umsonst hat Hegel das absolute Wissen und Gott gleichgesetzt. Im Übrigen gibt es für den Gläubigen und den Atheisten denselben Grund, sich Gott zu nähern, nämlich den Wunsch nach Unsterblichkeit.

Tück: Gibt es da nicht auch die Sehnsucht, dass der andere, den ich liebe, den Tod überdauere?

Lange: Selbstverständlich gibt es diese Sehnsucht auch. Hier ist alles, was ich liebe und was meine Existenz möglich macht, mit einbezogen.

Das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen

Tück: Kommen wir auf Ihre Biografie zu sprechen: Sie sind 1937 in Berlin geboren – in Ihrem Buch "Der Lichthof" haben Sie Ihre Erfahrungen als Kind in der Zeit des Dritten Reiches beschrieben. Ein freundlicher Mann, der Sie auf den Knien geschaukelt hat, trug eine Mütze mit einem silberfarbenen Totenkopf. Eine Irritationserfahrung mit Folgen?

Lange: Das kann ich nicht beantworten. Ich kann mich nur daran erinnern, dass mich SS-Leute auf ihren Knien schaukelten und dass ich die Totenköpfe auf ihren Mützen sah. Von fern hörte man den Kanonendonner an der Weichsel und nun erklärten sie mir, die sowjetischen Soldaten würden den Kindern nach der Gefangennahme mit den Bajonetten die Bäuche aufschlitzen. Das machte mir Angst. Wochen später hatten mich die Russen auf den Knien und gaben mir Kekse zu essen.

Der Marxismus überzeugte mich durch sein Begehren nach sozialer Gerechtigkeit. Dies hat auch den Materialismus, den er predigte, möglich gemacht. Es war eine Art Bergpredigt, die nicht von Jesus, sondern von Marx in die Welt gesetzt wurde. Hier wurde der Marxismus-Leninismus auf religionsfeindliche Weise religiös.

Tück: Auf der Flucht vor der russischen Armee wurde dann Ihr Vater trotz Flehen Ihrer Mutter von sowjetischen Soldaten erschossen.

Lange: Ja, das Flehen meiner Mutter ist mir noch gegenwärtig, ebenso die Flucht vor den angreifenden Tieffliegern. Auch, dass mein Vater mit erhobenen Armen den sowjetischen Soldaten entgegenging. Wann genau er erschossen wurde, kann ich nicht sagen.

Tück: Auch berichten Sie von einer Erfahrung im Lager. Ihre Mutter sei abends von einem Gang nicht zurückgekommen. Niemand habe sie vermisst. Da habe Sie als Kind – am Stacheldraht bis tief in die Nacht wartend – das Gefühl überkommen, ins Bodenlose zu fallen.

Lange: Ja, das Gefühl ins Bodenlose zu fallen hatte ich, als meine Mutter, die einen Arzt besuchte, sehr spät ins Lager, in dem wir gefangen gehalten wurden, zurückkam. Dies war für mich das erste existenzielle Erschrecken. Das zweite hatte ich, als ich wieder in Berlin war und erfuhr, dass man meinen Bruder ermordet hatte.

Marxismus und Melancholie

Tück: Im Berlin der sowjetischen Zone sind Sie dann aufgewachsen, Sie studierten an der Filmhochschule Babelsberg und waren zunächst überzeugter Marxist. Was hat Sie an der marxistischen Weltanschauung, die Religion für bare Illusion erklärt, fasziniert?

Lange: Der Marxismus überzeugte mich durch sein Begehren nach sozialer Gerechtigkeit. Dies hat auch den Materialismus, den er predigte, möglich gemacht. Es war eine Art Bergpredigt, die nicht von Jesus, sondern von Marx in die Welt gesetzt wurde. Hier wurde der Marxismus-Leninismus auf religionsfeindliche Weise religiös.

Tück: Warum sind Sie später zum Marxismus auf Distanz gegangen?

Lange: Weil ich erfuhr, dass er zur Diktatur entartet war und Millionen und Abermillionen Menschen auf dem Gewissen hatte. Die Ethik der Soziallehre war nur noch ein Mittel, dies zu verbergen.

Tück: War es nicht auch ein Befremden am Geschichtsoptimismus des Marxismus?

Lange: Mein Geschichtsverständnis war nicht marxistisch, sondern eher von Hegel bestimmt, der die Geschichte als eine Fortschrittsgeschichte von Freiheit und Vernunft versteht. Aber auch Kant spielte eine Rolle. Ich glaubte, dass sich der Kategorische Imperativ, jenseits aller zivilisatorischen Strömungen, am Ende durchsetzen würde.

Tück: Die existenzielle Angst vor dem Tod, das Gefühl der Verzweiflung haben bei Kant und Hegel keinen Ort. Im "Tagebuch eines Melancholikers" (1983) haben Sie diesem Empfinden der Sinnlosigkeit dann Ausdruck gegeben. Handelt es sich um ein Protokoll der Krise?

Lange: Ja. Aber auch das geschah unbewusst. Ich war ein Jahr lang arbeitsunfähig, während mein Unterbewusstsein mit einer neuen Metamorphose beschäftigt war.

Positiver Nihilismus meint die Forderung, dem eigenen, sinnlos geworfenen Dasein einen Sinn zu geben, im Vorlaufen auf den Tod, die eigene Existenz entschlossen zu vollziehen

Tück: Positiver Nihilismus – auf diesen Begriff haben Sie die Kehre in Ihrem Denken gebracht. Was verstehen Sie darunter?

Lange: Den Positiven Nihilismus hat Heidegger mit seiner Philosophie in die Welt gesetzt. Es ist die Forderung, dem eigenen, sinnlos geworfenen Dasein einen Sinn zu geben, im Vorlaufen auf den Tod, die eigene Existenz entschlossen zu vollziehen.

Tück: Aber gibt es bei Heidegger nicht einen tragischen Heroismus, der Sie befremden müsste?

Lange: Ja, das stimmt. Was mich an Heidegger befremdet, ist seine Überheblichkeit. Und dass er auf diejenigen, die den gedanklichen Vorlauf zum Tode nicht schaffen, herabsieht.

Tück: Religiöse Denker wie Pascal und Kierkegaard, aber auch Nietzsche haben Ihr Denken beeinflusst …

Lange: Ja, mich faszinierte das Pascalsche Erschrecken, der im Universum kein Leben entdecken konnte. Und ich billigte seinen Vorschlag, auf Gottes Existenz, da sie unerkennbar blieb, wenigstens eine Wette zu wagen. Kierkegaard und Nietzsche faszinierten mich durch ihre existentielle Umgetriebenheit. Der Däne wollte sich Gott um jeden Preis unterwerfen, während Nietzsche Gott als Gefangener seiner selbst in Szene zu setzen versuchte. Nicht der Mensch, der Übermensch ist bei ihm das Ziel. Dem hat Heidegger widersprochen. Er wollte den Durchschnittsmenschen, den "Man selbst" vor dem Nihilismus retten. Dies hat mich bis heute überzeugt.

Das menschliche Trostbedürfnis und die Kunst der Novelle

Tück: In den Achtzigerjahren haben Sie das literarische Medium gewechselt. Während Sie früher Dramen schrieben, sind Sie zur Form der Novelle übergangen. Warum?

Lange: Ich hatte während einer Probe überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, die ständigen Regieanweisungen als Prosa zu Papier zu bringen. Man wird unabhängiger. Der Prosaist braucht keine Schauspieler, kein Theater, um sich zu verwirklichen. Er braucht Leser. Und das macht ihn frei.

Tück: Ihre Novellen geben dem Rätselhaften Raum. Ist das ein Einspruch gegen das Diktat des Realismus, der nur das für wirklich erklärt, was sichtbar und empirisch überprüfbar ist?

Lange: Es gibt, denke ich, keine stilistische Diktatur in der Kunst oder der Literatur. Schon der Surrealismus füllt sich mit Rätselhaftem auf. Die Kunst gehört zur Vorstellungswelt und ist somit grenzüberschreitend.

Tück: Anders als die Erkenntniswelt der Vernunft, in der das Trostbedürfnis des Menschen keinen Ort hat, biete die Vorstellungswelt der Kunst dem Transzendenzbegehren Raum, haben Sie bei der Wiener Poetikdozentur gesagt. Würden Sie sagen: Extra artem nulla consolatio?

Meine Novellen etablieren einen eigenen metaphysischen Raum. Das heißt, sie sind ausschließlich meiner Phantasie und meiner Trauer und Verzweiflung gewidmet, unabhängig davon, ob dies theologisch abgesichert ist oder nicht.

Lange: Ja, das würde ich sagen.

Tück: Neben der Kunst ist für Sie auch die Religion ein "Ziehkind der Vorstellungswelt" – inwiefern?

Lange: Gott und damit alles, was die Totalität des Seins oder Nichtseins übersteigt, kann man sich nur vorstellen. Insofern ist es nur selbstverständlich, dass die Religion wie die Kunst ein Kind der Vorstellungswelt genannt wird.

Tück: Wenn Sie Religion als Produkt menschlicher Vorstellung begreifen, schließen Sie dann nicht aus, dass sich der Unbegreifliche in einem Akt der Offenbarung begreiflich machen könnte?

Lange: Das schließe ich keineswegs aus. Das Unbegreifliche macht, was es will, also kann es sich auch begreiflich machen. Aber solange dies nicht geschieht, bleibt es für mich unbegreiflich.

Tück: Was macht Sie so sicher, dass es nicht schon geschehen ist?

Lange: Da bin ich keineswegs sicher. Aber ich bin natürlich meinen begrenzten Fähigkeiten unterworfen.

Ist das Unwiderrufliche widerrufbar?

Tück: Die scholastische Theologie lehrt, selbst Gott könne das Geschehene nicht ungeschehen machen. In Ihren Novellen werden die zeitlichen Verhältnisse suspendiert, als wollten Sie das Unwiderrufliche widerrufen.

Lange: Meine Novellen etablieren einen eigenen metaphysischen Raum. Das heißt, sie sind ausschließlich meiner Phantasie und meiner Trauer und Verzweiflung gewidmet, unabhängig davon, ob dies theologisch abgesichert ist oder nicht. "Wo uns das Leben unglücklich macht, geschehen im Tod die Zeichen und Wunder." Damit ist alles gesagt. Denn vom Leben aus betrachtet, etabliert sich hier die Heiterkeit des Todes, ein Vorgang, der im Leben nie stattfinden kann. Und dies wäre wieder ein Grund zur Verzweiflung.

Tück: Damit spielen Sie auf Ihre berühmte Novelle "Die Heiterkeit des Todes" an. Was historisch unmöglich ist und moralisch als empörend empfunden wird, das wird hier als überlegene Wirklichkeit vorgestellt.

Lange: Ja, so ist es. Die Novelle erzählt von einer Liebesbeziehung zwischen einem toten SS-Täter und einer ermordeten Jüdin, die am zugefrorenen Grunewaldsee "Arm in Arm" spazieren gehen. Das irritiert einen Dritten, der das Paar sieht – seine moralische Entrüstung über diese "unmögliche" Beziehung wird in der Novelle nicht unterdrückt, läuft aber ins Leere.

Tück: Eine Variante der Frage nach dem Widerruf des Unwiderruflichen ist die Frage nach der Vergebung des Unvergebbaren. Sie spielt in Ihrer Novelle "Das Konzert" eine Rolle und hat theologisches Interesse hervorgerufen, selbst das von Papst Benedikt XVI. …

Lange: Das hat mich sehr gefreut, und ich war stolz darauf. Die Frage der Vergebung des Unvergebbaren ist allerdings nicht die entscheidende Frage in der Novelle. Es geht vielmehr darum, ob der Pianist Lewanski im Tod nachholen kann, was er im Leben versäumt hat. Er wurde 28-jährig von SS-Schergen ermordet. Die Novelle bewegt sich jenseits der Schattenlinie des Todes. Würde Lewanski nun posthum den späten Beethoven mit der entsprechenden Lebenserfahrung interpretieren können, dann würde das auch die Täter, die ihn umgebracht haben, erleichtern …

Im Zustand des Todes erfährt jeder, was sein Leben wert war und ob er Verbrechen begangen hat oder nicht. Im Tode sind wir alle gleich und bestenfalls Gott ausgeliefert – und wir haben keine Möglichkeit mehr, Verbrechen zu begehen.

Tück: Im Verlauf der Novelle spielt das Problem der Vergebung dann aber doch eine Rolle …

Lange: Ja, es werden unterschiedliche Haltungen, die Opfer gegenüber ihren Tätern einnehmen können, deutlich. Es gibt die unbedingte Vergebungsverweigerung von Frau Altenschul. Für sie wäre schon der Kontakt mit den NS-Schergen Verrat an den Opfern. Anders ist die Haltung des Schriftstellers Schulze-Bethmann. Er zeigt sich vergebungsbereit und unterhält Kontakte mit einem reuigen Hauptsturmführer. Das ist für Lewanski, den Pianisten, zunächst anstößig. Er empfindet es als Belästigung, wenn Täter Kontakt zu ihm aufnehmen möchten, und wimmelt sie entschieden ab. Ja, bei einem Spaziergang verliert er die Kontrolle, als ein Peiniger sich ihm nähern will, und er bewirft ihn mit Steinen – dabei macht er die abgründige Erfahrung, an seinem Täter beinahe selbst zum Täter geworden zu sein. Dieses Erschrecken verändert ihn. Für alle, die gehofft hatten, dass er im Tod nachholen kann, was er im Tod versäumt hat, und ein grandioses Konzert gebe, ist es verstörend, dass er am Ende nicht – wie angekündigt – in der Berliner Philharmonie sein Konzert gibt, sondern in einem unterirdischen Bunker, in dem alle Täter versammelt sind. Er scheitert allerdings an den Trillerkaskaden des späten Beethoven …

Tück: Das Wunder, dass das Unwiderrufliche widerrufen würde, findet nicht statt. Die Imagination zerplatzt und verbleibt im Irrealis … Es fällt auf, dass die Täter in der Novelle ausnahmslos reuig sind.

Lange: Die Täter sind nicht ausnahmslos reuig, sondern das Milieu ist existentiell unterschieden. Im Zustand des Todes erfährt jeder, was sein Leben wert war und ob er Verbrechen begangen hat oder nicht. Im Tode sind wir alle gleich und bestenfalls Gott ausgeliefert – und wir haben keine Möglichkeit mehr, Verbrechen zu begehen.

Das Geheimnis verteidigen

Tück: Die Poetik der Irritation wird im neusten Novellenband "Am Osloer Fjord oder der Fremde" fortgeschrieben. Auffällig ist, dass die Novellen immer kürzer und dichter werden – eine reductio in mysterium?

Lange: Ich bin über diese Entwicklung selber erstaunt, kann ihr aber nur folgen.

Tück: Ihre schnörkellose Prosa ist von der Kritik immer wieder herausgestellt worden. Feilen Sie lange an der Sprache Ihrer Novellen?

Lange: Nein. Ich feile nicht daran herum. Es geschieht intuitiv und ist die Sprache, die ich zu Papier bringe. Ich neige zur Logik, und zwar auf kürzestem Wege. Und zur Klarheit. Die Poesie und Anschaulichkeit darf darunter aber nicht leiden. Auch nicht die Tiefe. Der frühe Rilke wäre ein Beispiel unter vielen, die ich schätze.

Tück: Auch im neuen Novellenband werden die zeitlichen Verhältnisse suspendiert. Einem Museumsbesucher begegnet Regine Olsen, die Verlobte Kierkegaards. Sie will wissen, ob Kierkegaard Gott wirklich erfahren hat. Was hat Sie veranlasst, diesen Stoff aufzunehmen?

Lange: Mit Kierkegaard und Regine Olsen war ich immer schon beschäftigt, wie mit Nietzsche oder Kleist. Und ich fand die Eigenliebe Kierkegaards faszinierend, der seine Verlobung, um Gott zu gefallen, mit albernen Argumenten widerruft.

Wenn es Gott nicht gibt, sind wir verloren, egal ob wir an ihn geglaubt haben oder nicht.

Tück: Ihre Poetik der Irritation wird in der Novelle "Die Absinthtrinkerin" deutlich. Sie wirft die Frage auf, ob Kunst uns der Sterblichkeit entreißen kann …

Lange: Ja, es passiert etwas, was man sonst nicht für möglich hält. Im Musée d'Orsay versenkt sich ein Betrachter in Edgar Degas' Gemälde "Der Absinth" und murmelt, als könne er die Porträtierte ansprechen, es sei gewiss nicht angenehm, in trauriger Verfassung mit einem Glas Absinth ins Bild gesetzt zu werden, aber immerhin, Degas habe sie durch seine Kunst der Sterblichkeit entrissen … Da hört er beim Verlassen des Museums plötzlich eine Stimme, es ist die Absinthtrinkerin. Sie erinnert daran, zu ihrer Zeit eine berühmte Schauspielerin gewesen zu sein, sie habe dem Maler als unglückliche Frau, nicht aber als Alkoholikerin Modell gesessen – und bittet darum, ob er, der Betrachter, aus dem Gemälde das Glas und die Karaffe nicht retuschieren könne. Wie sich diese verstörende Begebenheit dann auswirkt, zeigt die Novelle.

Tück: Insgesamt lassen sich Ihre Novellen als strenge Etüden des positiven Nihilismus lesen. "Ich will der Welt das Geheimnis beimischen und ich will, dass hinter der Schattenlinie des Todes doch mehr ist als das sprichwörtliche Nichts." Ist hier nicht eine Sehnsucht, dass vom Anderen her doch eine Überwindung des Nichts erfolgt?

Lange: Aber ja. Diese Sehnsucht habe ich nie bestritten. Wenn es Gott nicht gibt, sind wir verloren, egal ob wir an ihn geglaubt haben oder nicht. Aber uns fehlt der Gottesbeweis, also sollte man sich an folgenden Ausspruch erinnern: Gott liebt es, sich zu verstecken.

Tück: Das wäre allzu gottprotzigen Predigern entgegenzuhalten, aber bei Pascal heißt es auch – und hier lässt er Gott sprechen: "Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest." Das müsste doch eigentlich den Agnostiker Hartmut Lange fast an seinen Zweifeln zweifeln lassen – oder?

Lange: Es wäre schön, wenn Gott mich schon gefunden hätte, aber sicher bin ich mir nicht. Er ist in meinem Transzendenzbedürfnis schon immer anwesend. Aber als Bedürfnis. Was das bedeutet, darüber versuche ich weiter nachzudenken.

Tück: Gegen den um sich greifenden Funktionalismus könnten sich Kunst und Religion verbünden und das Geheimnis verteidigen.

Lange: Sehr richtig. Es wäre nötig, Kunst und Religion in einer Hinsicht zu vereinen: Sie sollen uns eine Welt schaffen, in der man leben kann, und wenn dies auch nur in der Atmosphäre des Trostes geschieht.

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