Die AbsinthtrinkerinEine Novelle

Ausschnitt von Edgar Degas Bild
© Musée d’Orsay - Ausschnitt aus dem Bild "Der Absinth" von Edgar Degas

Gibt es einen Ort der Ewigkeit? Und könnte es sein, dass einem dort etwas passiert, das man nie und nimmer für möglich gehalten hat? Allerdings. Es ist das Musée d'Orsay. Wenn man sich diesem Gebäude nähert, wird man den Eindruck nicht los, es stünde schon sehr, sehr lange dort. Ursprünglich war es ein Bahnhof, der um 1900 erbaut worden war, und die Entscheidung, das Ganze in ein Museum umzuwandeln, fiel erst im Jahr 1977. Seitdem kann man auf sechzehntausend Quadratmetern mehr als viertausend Exponate besichtigen. Es sind Gemälde, Skulpturen, Graphiken aus der Zeit zwischen 1848 und 1914, und was mich dazu veranlasste, den imposanten Bau jedes Mal, wenn ich in Paris war, zu besuchen, war ein einziges Detail: Es war Edgar Degas' Gemälde "Der Absinth", von dem ich fasziniert war.

Das hochformatige, 92 mal 98 Zentimeter große Ölgemälde zeigt ein Interieur, das in der Zeit des Impressionismus entstanden ist. Zu erkennen sind ein Mann und eine Frau, die sich in einem Café aufhalten. Die Frau trägt einen dunkelroten bodenlangen Rock und eine rosafarbene Jacke mit einem weißen Kragen, ihre Haare sind hochgesteckt und werden von einem hellgrauen Hut bedeckt. Neben der Frau sitzt ein Mann mittleren Alters. Seine Kleidung ist dunkel gehalten, lediglich ein weißes Tuch bildet den Kontrast zu seiner schwarzen Jacke. Vor den beiden steht ein Tisch, darauf zwei Gläser. Das rechte Glas ist mit einem bräunlichen Getränk, das linke mit Absinth gefüllt. Im Hintergrund erkennt man eine mit einem Vorhang versehene Fensterreihe, und der geringe Lichteinfall durch ebendiese Fenster lässt darauf schließen, dass es sich um eine abendliche oder nächtliche Situation handelt.

Ich liebe die Dämmerung, sodass ich auch diesmal versuchte, wenige Minuten bevor man das Museum schloss, anwesend zu sein, und offenbar war es der hoffnungslose, in sich gekehrte, ja todernste Anblick der Frau, der mich veranlasste, ein paar tröstende Worte zu sagen.

"Mademoiselle", flüsterte ich, "auch wenn es Ihnen nicht gefällt, in endgültiger Traurigkeit mit einem Glas Absinth vor den Augen in aller Ewigkeit dazusitzen, glauben Sie mir, man hat Sie von der Sterblichkeit befreit und etwas Besseres kann man sich nicht wünschen".

Als ich die Garderobe betrat, um meinen Mantel zu holen, hörte ich, ich wusste nicht woher, eine Stimme, sehr leise, als wäre sie nur für mich bestimmt: "Interessant. Sie wollen also jemanden trösten, der nicht mehr anwesend ist? Haben Sie vergessen, wer dort, und auf so eindringliche Weise, porträtiert wurde? Mein Name ist Ellen Andrée, und ich war, auch wenn es lange her ist, einmal sehr berühmt".

Ich sah mich um, konnte niemanden erkennen, aber ich wusste natürlich, dass Degas diese Schauspielerin darum gebeten hatte, für ihn in seinem Atelier Modell zu sitzen. Später, nachdem das Bild ausgestellt worden war, musste er den Vorwurf entkräften, er hätte sie damit als Absinthtrinkerin denunziert.

Ich fuhr in mein Hotel, und bis zum Abendessen gelang es mir, die Irritation, die mich beim heutigen Besuch im Museum erfasst hatte, zu vergessen. Es gab auch keinen Grund, mir, nachdem ich ein paar Worte geflüstert hatte, einzubilden, man hätte darauf geantwortet. Ich wusste schließlich, was Degas veranlasst hatte, etwas auf so eindringliche Weise zu malen.

Am Vormittag darauf, ich war wieder zum Musée d'Orsay unterwegs, überlegte ich, ob ich mich dem Eingang nähern sollte oder ob es nicht besser wäre, mich in der Stadt anderweitig umzusehen.

Als ich schließlich doch die Garderobe betrat, musste ich warten, bevor ich den Mantel abgeben konnte, und wieder glaubte ich, eine Stimme zu hören. "Schön, dass Sie wieder da sind", hörte ich, und mir wurde klar, dass ich Mühe haben würde, vorurteilsfrei und mit dem üblichen Gefühl der Bewunderung vor das Gemälde zu treten.

Der Raum war überfüllt, sodass ich gezwungen war, mich einer Gruppe anzuschließen, und es dauerte eine Weile, bevor man das Bild freigab. "Es ist immer dasselbe", dachte ich. "Der Mann blickt nach links, sie auf abwesende Weise vor sich hin, und die Karaffe mit dem Absinth ist beinahe leer".

Aber war da nicht wieder die Stimme? Wollte man mich, indem man sich beschwerte, daran hindern, etwas zu bewundern, das mir als Beweis galt, wie strikt und bedingungslos die Kunst in der Lage ist, die fundamentale Verlorenheit des Menschen darzustellen?

Am Wochenende war ich damit beschäftigt, Fotos und Gemälde, die von Ellen Adrée bei Wikipedia veröffentlicht waren, anzusehen, und es war schon bemerkenswert, mit welcher Fülle diese Schauspielerin der Nachwelt erhalten geblieben ist. Allerdings auf belanglose Weise, und es gab, davon war ich überzeugt, nur dies eine Porträt, nämlich "Der Absinth" von Degas, an dem ich mich nicht satt sehen konnte.

"Erstaunlich", wollte ich sagen, als ich wieder in die Garderobe trat, "erstaunlich zu sehen, wie präsent Sie zu Ihrer Zeit waren. Fast wie ein Supermodel von heute. Aber hätte Degas nicht das Glas und die Karaffe mit dem Absinth hinzugefügt, Sie wären weit weniger berühmt".

"Das ist nicht mein Problem", hörte ich jemanden antworten. "Hauptsache, man zwingt mich nicht, immer nur vor diesem Glas mit Absinth zu sitzen. Ich bin keine Trinkerin. Ich habe mich lediglich bereit erklärt, die Rolle einer unglücklichen Frau zu spielen, und das ist mir, wie Sie sehen, sehr gut gelungen. Aber Glas und Karaffe müssen weg, und Sie könnten mir dabei behilflich sein". "Glas und Karaffe müssen weg … Was meint Sie damit?"

Ziellos begann ich in den Räumen des Museums hin- und herzugehen, grübelte darüber nach, was genau man von mir verlangte. Sollte ich mir etwa ein Messer besorgen und, beginnend links am oberen Bildrand, schräg über Schulter und Absinthglas hinweg, bis hin zur weißen Manschette des Mannes, einen scharfen Schnitt ausführen? "Unmöglich", dachte ich, spürte aber, dass ich diesen absurden Gedanken so schnell nicht wieder loswerden würde.

Ich beschloss, erst einmal ins Bistro zu gehen, um etwas zu trinken, und nun, während ich auf die Bedienung wartete, ertappte ich mich dabei, wie ich den Kasten mit dem Besteck, der auf dem Tresen stand, beobachtete.

Dort lagen neben Gabeln und Löffeln auch einige Messer, und warum ich, und ohne zu zögern und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand mir zusah, eines der Messer in die Jackentasche steckte, wusste ich nicht zu sagen. Ich wusste nur, dass ich in jenen Raum zurückkehrte, in dem das Gemälde von Degas ausgestellt war, und dass ich Mühe hatte, das, was ich in der Jackentasche umklammert hielt, loszulassen und dass ich dagegen ankämpfte, etwas zu tun, das nie und nimmer meine Absicht sein konnte.

Ich sah auf das Glas und den Absinth, spürte das Messer in meiner Hand, und spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich das Museum auf der Stelle verlassen musste, um es vielleicht nie wiederzusehen.

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