KirchenreformEin Anfang: der Dialog

Ohne Leidensdruck gibt es keine Veränderung. Das scheint ein grundlegendes Lebensgesetz zu sein, das auch für jeden einzelnen Christen und die Kirche gilt.

Offenkundig ist derzeit der Problemstau in der katholischen Kirche so groß geworden, dass etwas geschehen muss. Alle Schmerz- und Reizthemen müssen auf den Tisch. Denn nur was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden - so lautet das eucharistische Grundgesetz der Kirche. Entsprechend muss auch der Tisch des Wortes gedeckt sein.

Deshalb kommt dem jetzigen Treffen der rund 300 Katholiken in Mannheim, die über brennende Fragen ihrer Kirche in der Welt von heute sprechen, besondere Bedeutung zu. Damit soll ein mehrjähriger Gesprächsprozess in Gang gebracht werden, bei dem dann in größerer Repräsentanz das ganze Gottesvolk beteiligt sein wird. So hat die Bischofskonferenz nach langen, kontroversen Debatten entschieden. Der Begriff „Dialog" wird dabei offiziell vermieden, um keine unerfüllbaren Erwartungen zu wecken.

Anscheinend herrschen mancherorts Vorbehalte, ja Misstrauen gegenüber dem Dialog in der Kirche. Für die einen ist es nur unverbindliches Gerede ohne wirkliche Folgen. Für andere ist damit schon eine definitive Verbindlichkeit gegeben, die im Widerspruch zum Amtsverständnis und zur hierarchischen Kirchenverfassung stehe. Neben solchen Vorbehalten ist aber auch Resignation im Spiel: Wie viele Fragen liegen seit dem letzten Konzil und der Würzburger Synode auf dem Tisch? Wie viel ist über Communio, über Teilhabe und Kommunikation schon gesagt und geschrieben worden! Und doch ist das Gefühl groß, einerseits nicht wirklich Klartext zu sprechen und andererseits aneinander vorbeizureden. Allerdings ist nicht das Wort entscheidend, sondern das Ereignis - und die Perspektive österlicher Hoffnung und pfingstlicher Leidenschaft. So seien theologische und spirituelle Anregungen in Erinnerung gerufen.

Das Wort

Es geht um jene Grundhaltung des Hörens, die dem Evangelium entspricht. „Stehen wir also endlich auf, da uns die Schrift mit den Worten weckt: Die Stunde ist gekommen, vom Schlaf aufzustehen. Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit angedonnerten (aufgeschreckten) Ohren, was uns die göttliche Stimme jeden Tag mahnend zuruft: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht!" So heißt es im Vorwort der Benediktsregel, die man zweifellos als bewährtes Vorbild jeder geistlichen Erneuerung empfehlen kann.

Dialog ist weit mehr als eine Art Strategie oder Methode. Angesprochen und angesehen sein heißt: zum Leben kommen. „Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?", lautet eine Redewendung. Der Mensch braucht das Gegen-über, nicht zuletzt religiös. Was ihn entscheidend prägt, kann er sich nur sagen und gesagt sein lassen. Er kann es sich nicht selbst sagen - vor allem das Wort der Liebe nicht, der Anerkennung und Vergebung. Deshalb ist das Gespräch, ist der Dialog lebenswichtig, gleichermaßen faszinierend und gefährlich.

Im aufrichtigen Dialog lasse ich mich überraschen, anregen und bereichern. Ich gehe aber auch das Risiko ein, irritiert, überwältigt und verändert zu werden. Der Beziehungsraum des Dazwischen hat im Dia-log eine eigene Kraft, eine bewegende Dynamik. Deshalb muss man den Dialog wollen. Man kann sich ihm auch verschließen - zum berühmten einen Ohr rein, zum anderen raus. „Den anderen im Zuhören so groß wie möglich zu machen", sei das Wesen des Dialogs, meinte der jüdische Gelehrte Martin Buber.

In der biblischen Sicht des neuen und ewigen Bundes zwischen Gott und seinem Volk ist eine besondere Perspektive auf Mensch und Welt eröffnet. Dieser Gott spricht, und sein Volk hört. Er verspricht, und vertrauend ändert sich alles. Gott macht im Zuhören den Menschen groß, und der Mensch macht glaubend und dankend im Zuhören diesen vielversprechenden Gott groß. Die ganze Welt(entstehung) wird im Bild eines schöpferischen Dialogs beschrieben, stets grundgelegt und begonnen durch das Zuvorkommen Gottes selbst. „Du sprichst in deinem Wort zu allen, die sind, und rufst ins Sein, die nicht sind. Du rufst sie, auf dass sie dich hören, und wenn sie dich hören, sind sie. Wenn du sprichst, sprichst du zu allen, und alle, zu denen du sprichst, vernehmen dich. Du sprichst zur Erde und berufst sie zur menschlichen Natur. Und die Erde hört dich, und dieses ihr Hören ist das Menschwerden", formulierte der Theologe, Mystiker und Kardinal Nikolaus von Kues.

Diese dialogische Sicht der Welt als Schöpfung Gottes erwächst aus der Glaubenserfahrung des Bundes. Der Gott Israels hat sich in verrückter Liebe an sein Volk gebunden. Sein Dialog mit ihm wird zum Beziehungsdrama, zur Auseinandersetzung, in der sich stets neu seine Treue inmitten menschlicher Untreue durchsetzt und bewährt. In christlicher Sicht wird dieses Geheimnis des Glaubens nirgends so konkret wie in der Gestalt Jesu Christi: Er ist der Beziehungsdialog Gottes mit dem Menschen in Person. In ihm ist offenbar geworden, wer Gott ist, wer der Mensch ist und was die Welt ist. Gott im Zuhören so groß wie möglich zu machen und ganz Ohr zu sein für ihn, ganz Leib und Leben: Das ist das Geheimnis Jesu Christi. Das Geheimnis Gottes in ihm ist es, den Menschen im Zuhören so groß wie möglich zu machen und ihm einen Namen zu geben, wie er größer nicht gedacht werden kann.

„Gott hat sein Ohr an deinem Herzen", folgert mit Recht Augustinus im Kommentar zu Psalm 147. Umgekehrt ist es die Würde des Menschen, Gottes zu bedürfen und auf seine Lebensstimme zu hören: Höre Israel! „Der Glaube kommt vom Hören", sagt der Römerbrief (10,17) und eröffnet einen Dialog.

Entsprechend lautet der theologische Zentralsatz jedes christlichen Dialogs: „In dieser Offenbarung spricht der unsichtbare Gott die Menschen aus dem Überschwang seiner Liebe als Freunde an und nimmt mit ihnen Beziehung auf, um sie zur Gemeinschaft mit sich einzuladen und in sie aufzunehmen" (Konstitution über die göttliche Offenbarung, Art. 2). Das ist die Wahrheit des Glaubens, um die sich alles drehen muss. Gottesfreundschaft ist der mystische Glutkern und die bleibende Verpflichtung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Gottesfreundschaft

Papst Paul VI. hatte in seiner Antrittsenzyklika „Ecclesiam suam" („Seine Kirche") betont, die Kirche müsse „tief in sich selbst hineinschauen und über ihr Geheimnis nachdenken". Daraus ergebe sich „ein starkes, ja unruhiges Verlangen nach Selbsterneuerung, nach Verbesserung der Fehler". Und aus diesem inneren Dialog der Gewissenserforschung kommt der Auftrag zum „Gespräch der Kirche mit den Menschen unserer Zeit".

Nicht zufällig wurden auf dem letzten Konzil zwei Kirchenkonstitutionen erarbeitet, die innigst miteinander verbunden sind und sich nur wechselseitig erschließen: Kirche mit ihrem Blick nach innen („Lumen gentium") und Kirche mit ihrem Blick nach außen („Gaudium et spes"). Kirche ist Kirche nur und in dem Maße, wie sie im Dialog mit ihrem Gründer und Herrn ihre eigene Geschichte bedenkt, und dies im Dialog mit der nichtkirchlichen Welt.

Die Kirche verwirklicht und empfängt sich selbst stets neu aus dem Geheimnis Christi „für euch und für alle". Der lebendige Gott offenbart seine Treue nicht nur im Reichtum der ausdrücklichen Glaubensgeschichte, sondern auch in den Zeichen der Zeit, zum Beispiel im Leidensdruck gegenwärtiger Kirchenrealität. Dialog ist nicht irgendeine beliebige Zugabe zum „eigentlich" Christlichen; er ist dieses selbst. Er gehört in die Mitte des Glaubens. Paul VI. formulierte es so: „Der Dialog setzt also bei uns eine innere Haltung voraus, die wir auch in unserer Umgebung hervorrufen und nähren wollen: Es ist die innere Verfassung dessen, der in sich die Last des apostolischen Auftrags spürt, der sich bewusst ist, das eigene Seelenheil nicht von dem Suchen nach dem Heil des anderen trennen zu können, der sich ständig bemüht, die Botschaft, die ihm anvertraut ist, in den Kreislauf des menschlichen Gesprächs einzuführen."

Nichttheologische Faktoren

Nicht das Verstehen ist das Normale, sondern das Missverstehen, lautet eine Erkenntnis vieler Kommunikationstheorien. Verständnis und Einverständnis sind immer Ergebnis von Dialog und Reflexion. Deshalb braucht es das ehrliche Gespräch. Viele Perspektiven, aber auch Wahrnehmungsverzerrungen und Projektionen spielen eine Rolle, auch Gefühle von Sympathie und Antipathie. Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf verbale, sondern ebenso auf nonverbale Dimensionen zu achten. Auch im kirchlichen Dialog ist viel Menschliches und Allzumenschliches im Spiel. Es gibt, wie man aus den Erfahrungen der ökumenischen Bewegung, ja der Kirchengeschichte insgesamt mühsam gelernt hat, auch die nichttheologischen Faktoren, zum Beispiel Angst vor Identitätsverlust, Machtwillen, Rechthaberei, Tendenzen zur eigenen Bestandssicherung. Papst Paul VI. mahnt deshalb bestimmte Grundhaltungen für die kirchliche Sendung an: „Klarheit, Sanftmut, Vertrauen, Klugheit". Ich lasse mich auf ein Abenteuer ein, dessen Ausgang noch offen ist. Ich lasse mir etwas gesagt sein, was ich mir selbst nicht sagen kann. Ich muss mir womöglich etwas anhören, was mir unangenehm oder gar ärgerlich ist. Und vor allem: Es ist stets zu hoffen, dass Gott selbst vorübergeht. Im Hinhören auf das Anderssein des anderen begegnen wir dem Geheimnis dessen, der größer ist als alle gegenwärtige Vernunft und Wahrheitsverwaltung.

Die Angst wahrnehmen

Zum wirklichen Dialog gehört, was meist unterschätzt wird: die Angst. Wer ernsthaft das Gespräch wagt, setzt sich dem Risiko aus, missverstanden oder eben kritisiert zu werden. Er betritt auf der Grundlage des Gemeinsamen den Raum des Strittigen. Angst ist aber auch eine produktive Lebenskraft. Paulus fand im Osterglauben den Mut, sich sogar seiner Ängste zu rühmen und sie zum „Material" des Gesprächs und der Auseinandersetzung mit seinen Gemeinden zu machen. Er konnte sich verletzlich zeigen und mit Schwächen, Ängsten öffentlich umgehen. Paulus hatte den Freimut zum offenen Wort und zum argumentierenden Konflikt. So ist Kirche lebendig.

Leider hat das Thema „Angst" weder in der Theologie noch in der kirchlichen Realität den zentralen Platz, der ihm gebührt. Denn Angst ist ein Grundbestand der Welt, insofern sie geschaffen, erlösungsbedürftig und erlöst ist. Angst wahrnehmen und mitteilen ist eine produktive Kraft des Christlichen. Viele Missverständnisse, viele Ärgernisse, viele Zerwürfnisse entstehen gerade im kirchlichen Raum dadurch, dass wir im Umgang mit unseren Ängsten Analphabeten sind.

Wer seine Angst nicht wahrzunehmen und nicht zu gestalten lernt, ist tragischerweise genötigt, sich und anderen Angst zu „machen". Oder er wird „rückgratlose Ganzhingabe" üben müssen, das offene Wort scheuen, herumlavieren mit dauerndem Schielen darauf, was die anderen bei Hofe sagen, wo man sich lieb Kind machen will.

1975 hatte der damalige Limburger Bischof Wilhelm Kempf einen immer noch aktuellen Hirtenbrief geschrieben: „Mut zum Leben - Antworten des Christen auf die Herausforderung der Angst". Mir ist seitdem keine andere lehramtliche Äußerung zu diesem Aspekt kirchlicher Realität bekannt. Auch in der Theologie ist dazu wenig zu erfahren. Warum? Es braucht eine Spiritualität und Pastoral der Angstwahrnehmung auf allen Ebenen des Kirchlichen. Wie soll ein kreativer Dialog gelingen, wenn bestimmte Themen von vornherein ausgeklammert oder gleich verboten werden? Wie wollen wir weiterkommen, wenn kritische Äußerungen ausgeblendet oder ihren Verfassern Strafen angedroht werden? Wie kann ein Dialog zielführend sein, wenn man immer nur auf Reizthemen förmlich zwanghaft fixiert bleibt? Nicht zuletzt: Wie kommt ein aufrichtiger Dialog zustande, wenn man positionslos immer nur darauf wartet, was die anderen und die Oberen sagen?

Macht und Ohnmacht

Über solche Widerstände und Abwehrhaltungen ist offen zu sprechen. Es gilt, sich unserer Ängste zu rühmen. Denn auch darin ist Gottes Geist am Werk, der von der Angst vor der Angst erlöst und Mut auch zum Angst(mit)teilen macht. So wird aus der Angst voreinander die Angst um einander, die begnadete Angst.

Nicht zu unterschätzen im Dialog ist die Machtfrage. Wer hat das letzte Wort? Wer sagt wem noch ehrlich die Meinung? Wo erfahren Amtsträger wirklich ungeschminkt, was Mitchristen denken? Schon Augustinus notierte mutig: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof; das eine ist die Gnade, das andere die Gefahr." Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen dem Glaubenssinn aller im Volk Got­tes und dem hierarchisch verstandenen kommunialen Amt tatsächlich? Es gibt in der Kirche auch da zu viel Angst voreinander - nicht zuletzt deshalb, weil die Machtgefüge zu wenig transparent und zu wenig kommunikativ sind. Groß ist die Verständigungsnot, weil eine evangeliums- und zeitgemäß überzeugende Theologie und Spiritualität des Amtes weithin fehlen - im verbindlichen Miteinander zwischen dem notwendigen besonderen Hirten-, Priester- und Lehramt und dem aller Getauften. Die allzu schnelle Rede vom Dienst und vom Dienen kann freilich Macht- und Leitungsfragen überdecken. Ebenso werden bisweilen die Bischöfe samt Papst und die Amtsträger an den Pranger gestellt, als gehörte zu ihnen nicht auch das entsprechende Gottesvolk einschließlich der Kritiker. Wie viel Unkenntnis voreinander und übereinander herrscht doch oft in der einen Kirche. Dialog hat immer mit Macht und Ohnmacht zu tun. Macht ist weder zu verteufeln noch zu vergöttlichen, sondern realistisch christlich zu gestalten.

Ignatius von Loyola schrieb in seinem „Exerzitienbuch", dass „jeder gute Christ bereitwilliger sein muss, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen; und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener sie versteht, und versteht jener sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe; und wenn das nicht genügt, suche er alle angebrachten Mittel, damit jener, indem er sie gut versteht, sich rette". Diese Weisheit sollte den so notwendigen Dialogprozess in der ganzen Kirche Gottes anregen und begleiten.

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