Wald, See, Stadt

Ein Weg durch den Wald hinter Sulecin, angeblich ein Teil des Jakobsweges in Polen: CIG-Autor Christian Heidrich begegnet dort Pilzfreunden, Waldarbeitern - und einem Pferd.

Wald, See, Stadt
© Christian Heidrich

Wen trifft man im tiefen Wald? Pilzsammlerinnen, Waldarbeiter, einen verirrten Fahrradfahrer. Und das kam so:

Am Abend zuvor, in Sulecin, sehe ich auf einer Tafel, die über die hiesigen Wandergebiete informiert, dass ich nach Lubniewice, das an drei Seen liegt und als ein touristisches Zentrum gilt, auch auf Waldwegen gelangen kann. Es ist nicht weit, eine Strecke von gut fünfzehn Kilometern. Und tatsächlich entdecke ich am Morgen einen schmalen, sandigen Pfad, der in die Richtung führt. Immer wieder sehe ich auch Hinweise auf den Jakobsweg, die mich eher irritieren: Liegt Santiago de Compostela nicht genau in der entgegengesetzen Richtung? Ich hoffe, dass in diesem Fall die Anekdote über den Geisterfahrer, der sich sicher ist, dass alle außer ihm falsch fahren, nicht zutrifft.

Die ersten eineinhalb Stunden bin ich allein, gehe an Wiesen und abgemähten Feldern vorbei, dann durch einen dichten, sandigen Wald. An der ersten größeren Weggabelung treffe ich zwei Pilzsammlerinnen, die mir erst die Richtung bestätigen und dann von ihrer Leidenschaft - „schon als Schulkinder haben wir gesammelt“ - erzählen. „Maslaki“, Butterpilze, kenne ich selbst von früher, auch den „Parasol“, den man wie ein Schnitzel braten kann. Bei den übrigen Namen muss ich passen. Die Damen erzählen, dass sie große Teile des Jahres auf Pilzgerichte zurückgreifen, ob getrocknet oder in Essig eingelegt. Und dann fragen sie mich, ob ich keine Angst hätte, „allein, nur mit Rucksack“. Eine Frage, die ich „so“ gar nicht beantworten kann. Denn Angst entsteht erst in gefährlichen, unübersichtlichen Situationen. Ich antworte, dass ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, gar nicht in gefährliche Situationen zu geraten.

Freilich, als ich eine halbe Stunde später vier junge Männer erblicke, die gerade ein Zigaretten- und Handypäuschen machen, ist mir dann doch ein wenig mulmig. Doch es sind Waldarbeiter, von denen zwei auf ihren Arbeitsgeräten sitzen - „damit die Arbeit nicht wegfliegt“, sagen sie mir grinsend. Dass ich eine größere Strecke zu Fuß gehe, das können sie nur schwer verstehen. Dennoch wünschen sie mir „Szerokiej drogi!“, einen allseits guten Weg also.

Und weil auch hier alle guten Dinge offensichtlich drei sind, werde ich eine halbe Stunde später von einem verirrten Fahrradfahrer nach der Uhrzeit und nach dem Weg gefragt. Ein wenig kann ich helfen. Und als ich erzähle, dass ich aus Opole stamme, sagt der Mann: „Da war ich beim Militär. Harte Zeiten waren das damals, im Sozialismus. Die ersten Monate, bis zur Vereidigung, durften wir die Kaserne nicht verlassen, und anschließend hieß es: Wenn Du einen ganzen Waggon mit Graupen aufgegessen hast, darfst du heim.“

Ach ja, und da war noch das Pferd. Kurz bevor ich den kleinen Ort erreiche, schaut es mich aus seiner Stallung heraus an. Ein schöner, ein schauriger Anblick.

Der Tag, es war gerade Mittagszeit, fand dann im Bus seine Fortsetzung. Als ich am Rathaus von Lubniewice eine Bushaltestelle entdecke und Menschen, die auf den Bus nach Gorzów Wielkopolski (früher: Landsberg/Warthe) warten, entschließe ich mich spontan zu einem Kurzausflug. Vierzig Minuten später bin ich in der Stadt.

Am Rande:
Die Rede des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski vor dem deutschen Bundestag, „im Herzen der deutschen Demokratie“, wird in der polnischen Presse ausführlich gewürdigt. Für die „Gazeta Wyborcza“ ist vor allem der europäische Leitvers bemerkenswert. Zwar wurde der Präsident anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsausbruchs in den Bundestag eingeladen, doch richtete er seinen Blick vor allem auf die „kopernikanische Wende“ in den deutsch-polnischen Beziehungen, sprach davon, die „Autostrada der Freiheit“ weiter zügig auszubauen.

Die Zeitung illustriert ihre Berichte mit dem Foto einer festen, herzlichen Umarmung zwischen Bronislaw Komorowski und Joachim Gauck. Es ist gut, solche Szenen, „das Wunder der Versöhnung“, im Alltagsgeschäft der Politik nicht untergehen zu lassen.

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