Über Kontemplation in Zeiten der Insolvenz"Gott ist Ruhe"

Bis vor kurzem hatte ich den Begriff noch nie gehört: „Zeitinsolvenz". In einem philosophischen Radiofeature ging es um die Erfahrungvon Endlichkeit. Nicht so sehr im Sinne der uralten Melancholie und Trauer angesichts von Vergänglichkeit, Sterben undTod. Die Rede war vielmehr von einer ganz eigenartigen Erfahrungder neuen und neuesten Zeit, der digitalisierten Moderne: Ich kann „Zeit sparen" so viel ich will, durch effektives Zeitmanagement, Multitasking, Delegieren, superschnelle Verkehrsverbindungen und ultimative IT-Technologie. Fast immer bleibe dabei - so wurde argumentiert- angesichts der ins Unendliche gesteigerten Datenflut, der je neuen Serien von Begegnung mit Menschen, Fakten und Herausforderungen die Erfahrung, sich und anderen etwas schuldigzu bleiben, eben Zeit, Zeit und innere Energie für persönliche Aufmerksamkeit,für Wahrnehmung, Wertschätzung, für Gespräch und eben auch „quality time" für sich selber.

Es ist in der Tat paradox: Beschleunigung schafft nicht unbedingt Entlastung. Beschleunigen als angebliches Sparen macht nicht selten eher arm denn reich. Zeitinsolvenz im persönlichen Leben, aber auch Bereich von Kirche, Pastoral und kirchlichem Gemeinschaftsleben kann, wenn man den Gedanken zu Ende führt, nicht trotz, sondern wegen aller Aktivität und Effizienz zum Bankrott führen. So müsste man sich dann allesamt bei uns - Basis, Hauptamtliche und Hierarchie -kritisch fragen und fragen lassen: Worum geht es Dir vor allem, was treibt uns um bei der Frage nach der Zukunftssicherung? Zu Recht wird gespart, werden Strukturen angepasst. Gleichzeitig aber droht eine Insolvenz an jener Währung, die christlichem Leben und so genanntenpastoralen „Räumen" erst die Existenzgrundlage gibt: Zeit für einander. Zeit für Gott. „Räume" nicht nur für „pastorales Handeln", sondern vorgängig und unabdingbar für Glaubenserfahrung, für Kontemplation, d. h. für die Erfahrung, dass Gottes schöpferischer Geist selber am Werke. Es könnte doch sein, dass er sich ganz neue und andere „Räume" der Gotteserfahrung für den Aufbau und die „Zukunftssicherung" von christlichen Gemeinden und Gemeinschaften sucht als es in manchen Reformprozessen diskutiert wird. Es könnte doch sein, dass er auch neuen Charismen, von Männern und Frauen, in unseren „pastoralen Räumen" zum Durchbruch verhelfen will.

Was ist Spiritualität? 

Zur Prävention und Vermeidung von Bankrott im Leben des Glaubens und des kirchlichen Gemeinde- und Gemeinschaftslebens ist also eine Grundbesinnung darauf notwendig, was für Christinnen und Christen denn eigentlich „Spiritualität" bedeutet. Es ist manchmal einfach bedauerlich zu sehen, was auch im Binnenraum der Kirche als „Spiritualität" ausgegeben wird. Geht es dagegen nicht immer und zuerst darum, einen Schatz zu heben und zu entfalten, den jeder und jede schon in sich hat, nämlich Erfahrung und Entfaltung des lebendigen Geistes Gottes in uns. Bevor bzw. indem ich nämlich Zugänge suche zu spirituellen Traditionen - außerchristlichen wie christlichen - sowie ihren Ausdrucksformen im Gebet und zu Methoden des spirituellen „coachings" und Managements, ist es unerlässlich, sich des Grunddatums christlicher und deshalb trinitarischer Spiritualität und Kontemplation zu vergewissern: Gott ist im Geist, den Jesus geschenkt hat, bereits in mir. Er sucht sich Raum in jedem Menschen: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (1 Kor 3,16) . Die con-templatio, d. h. die Begegnung mit diesem Geist und die bleibende Verbindung mit ihm scheinen mir das einzige Mittel zu sein, der Zeitinsolvenz und dem geistlich pastoralen Infarkt durch persönliche und strukturelle Überforderungen zu entgehen. Eine reine „Entspannungsübung" ist dies, wie noch zu erwähnen sein wird, freilich nicht. 

Dem Geist Raum geben im Schweigen 

Es gilt also, dem Geist Gottes im eigenen Herzen und im Raum der Kirche „die Weite" zu geben, die er zu seinem Wirken braucht. Sonst könnte er ja „das Weite" suchen. Es gilt, dem Heiligen Geist in unserem„Tempel" Raum zu geben, uns zu befreien von manchem, was ihm den Weg versperrt und den Lebensfluss bremst. Nicht nur Wohnungen sind vollgestopft mit vielem, was wir gar nicht benötigen, auch in unserem Innern würde es gut tun, Platz zuschaffen, Unwichtiges beiseite zustellen, Gewohnheiten, die keinen neuen Auf- oder Durchbruch wagenlassen, aufzugeben, Denkmuster, die immer in dieselbe Richtung gehen, zu hinterfragen, sich dem overkillmedialer Überflutung zu entziehen. Auch der Wortschwall mancher kirchlicher Instanzen mit nicht wenigenzweitrangigen - wenn nichtvöllig überflüssigen - Ausdrucksformen von ekklesialem Proklamations-, Koordinierungs- und Regelungseifer scheint manche menschlichen und geistlichen Kommunikationskanäle zu verstopfen. Kierkegaard hat gesagt: „Wenn ich Arzt wäre und mich einer fragte: ‚Was meinst du, muss getan werden?', so würde ich antworten: ‚Das erste, was getan werden muss, und die unbedingte Voraussetzung dazu, dass überhaupt etwas getan werden kann, ist: Schafft Schweigen! Gebiete Schweigen! Gottes Wort kann ja nicht gehört werden, und wenn es mit Hilfe lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, damit man es auch im Getöse hören kann, so bleibt es nicht Gottes Wort!'"

Bereitschaft zum Hören

Nun glaube ich, dass mit diesem Schweigen nicht das bloße Verstummender gesellschaftlichen und ekklesialen Logorrhö gemeint sein soll. Vielmehr wird angedeutet, dass eine neue Bereitschaft zum Hören wachsen will, welche sich in sensibler Wachsamkeit von Tiefenschichtender Existenz anrühren lässt und sich deshalb ohne Unterlass für die Begegnung mit dem Geist Gottes offenhält, der die Sinne schärft, der den Blick erhellt, unseren inneren Tempel vom Müll reinigt, der krumme und schiefe Prioritäten und Perspektiven zurechtrückt und damit entlastend und befreiend wirkt. Persönliche Gotteserfahrung und auch die zukunftsfähige missionarische Erneuerung der Kirche sind, so meine ich, nicht denkbar ohne die Fähigkeit, aus den tiefen Quellen der con-templatio zu trinken. Gerade ein „politischer" Theologe wie G. Gutierrez hat eindrucksvoll darauf hingewiesen, dass alles darauf ankommt, ob die spirituellen Quellen im eigenen Inneren und in der je persönlichen Lebensgeschichte sprudeln und ob man auch daraus trinkt („Beber ensu propio pozo").

„Den eigenen Gartenbewässern" 

Dazu passt ein Bild, das Teresa von Avila gebraucht: Sie vergleicht die Kontemplation mit einem Garten, der bewässert werden soll. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: Wir können das Wasser mit einem Eimer mühsam aus dem Brunnen schöpfen oder aber die Förderung durch ein Schöpfrad vereinfachen. Weiter können wir das Wasser, anstatt es in Behältern in den Garten zu schleppen, in kleinen Flüssen und Bächen dahin transportieren, wo etwas wachsen will. Das alles liegt in unserem Vermögen. Die weitaus beste Art der Bewässerung ist jedoch, wenn wir ersehnen, dass Gott selber es über alles Land und auch über Gerechte und wie Ungerechte regnen lässt und so alles und alle mit Leben erfüllt.

„Geistesgegenwärtig leben"

Die Bilder von Quelle und Wasser sprechen indirekt von den verschiedenen Wegen in der Gotteserfahrung und im Gebet. Mit Worten und ohne solche, in überlieferten oder in eigenen Worten. Dass es aber überhaupt zum Gebet kommen kann, hat seinen Grund in der Ermöglichung dazu durch den Geist, der ungeschuldet in unser Herz ausgegossen wurde. Dazu sind uns in der Schrift viele Symbole des Geistes geschenkt, die an ihn erinnern: Wasser, das den dürren Boden tränkt (Jes44,3); Feuer, das Jesus mit der Taufeim Heiligen Geist in Verbindung bringt (Mt 3,11); die Taube, die die Gegenwart Gottes symbolisiert (Mk 1,11); Wind, der sowohl auf die Kraft als auch auf die Zartheit des Geistes hinweist (Joh 3,8; Apg 2,2; 1 Kön 19,12). In der Tat: Der Geist hat viele Namen und sowohl männliche wie weibliche Züge. Bald ist er wie tiefste Stille, dann aber wie Sturm und schäumende Meereswoge. Er kann tosen und zart musizieren Er bricht Starres auf und biegt Krummes gerade. Dieser Geist ist Leben, denn Gott hält seine Schöpfung und auch mich am Leben. Christliche Spiritualität muss deshalb immer vor allem„geistesgegenwärtig" sein, d. h. wach und aufmerksam und - so paradoxes manchem erscheinen mag - eben darin zugleich kontemplativ und zu mutigem Handeln und Sprechen bereit. Die Kontemplation, die ich meine, ist sicher oft ausdrückliches Gebet, aber ich verstehe sie zuallererst als eine alles umfassende Seh- und Erfahrensweise, die nicht bei der Oberfläche stehen bleibt, also als eine Lebens- und Glaubenshaltung, die in jedem Moment für ein „Mehr", ja für Gott offen zu sein sich bemüht und mit ihm „rechnet". Franz von Assisi hat gewünscht, dass seine Brüder und Schwestern es vor allem darauf aus seien, „den Geist des Herrn zu besitzen und sein heiliges Wirken", und zwar immer und überall, im beharrlichen Gebet wie in der Feier der Sakramente, aber auch in der Schöpfung, in der Arbeit, in der Begegnung untereinander und in der Solidarität mit den Armen.

Der ununterbrochenen „Geistesgegenwart" in uns inne zu bleiben, im vitalen Kontakt mit ihm - das liegt allem Beackern kirchlicher und pastoraler „Felder" voraus und wird es immer begleiten müssen. Liegen die Prioritäten dagegen anders, wird es Christen ergehen wie einem legendären Schreinermeister, dessen Artefakte durchaus begehrt waren. Es wollte deshalb die Produktion steigern durch Verdoppelung der eigenen Kräfte. So sah ihn ein Freund eines Tages mit letzter Kraft an einem Baumstamm werkeln, ohne dass die Arbeit noch rechte Fortschritte machte. Der Freund riet, doch einmal nachzuschauen, ob die Axt denn auch noch scharf genug sei. Unser Schreinermeister antwortete, dafür habe er keine Zeit, die Arbeitdränge zu sehr. 

Die Erfahrung und der Rat des Paulus

Die Suche nach Gotteserfahrung und Kontemplation und nach Gebetserfahrungen, die mehr sind als Last und Gesetz, die im Gegenteil „Geist und Leben" spenden, konfrontieren nun aber nicht selten mit der anderen Erfahrung, dass wir gar nicht wissen, wie wir beten sollen. Paulus spricht in seinem Brief an die Römer diese Erfahrung an: „Der Geist nimmt sich unserer Schwäche an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein." (Röm. 8,26 f.).

Ich finde, das ist inmitten aller Erfahrungen von Stress und Zeitinsolvenz doch sehr schön, weil entlastend und befreiend: Manche spirituelle Lehrerinnen und Lehrerermuntern sogar dazu, dem Seufzen durchaus hin und wieder die eigene Stimme zu leihen, natürlich eher im stillen Kämmerlein als in der Öffentlichkeit, z. B. ins eigene Kopfkissen hinein oder im vertraulichen Austausch, also als Form der Befreiung von Ballast im eigenen Herzen und als Ausdruck der Bereitschaft, sich vor allem von Fesseln zu befreien und befreien zu lassen, die ich mir selber auf dem abschüssigen Weg in die Zeitinsolvenz angelegt habe.

Auf jeden Fall ist das Seufzen, von dem Paulus spricht, bereits ein Atmen des Geistes in mir. Der Geist möchte in uns beten, so wie es der Wille Gottes ist. Wer es wahrnehmen und zulassen kann, wird aufatmen und neben der Erleichterung auch neue Lebensfreude verspüren. Das „Seufzen im Geist" ist wie eine geheime Verheißung, dass wir Anteil an der Wahrheit haben dürfen, die nach dem Wort der Heiligen Schriftfrei macht. Schließlich lädt uns Paulus ein, unseren kleinen Horizonteinzufügen in den weiten Horizont der Schöpfung, die nach Paulus ja auch seufzt, weil auch sie noch auf dem Wege ist und nach unserer Gefährtenschaft und Solidarität ruft (Rom 8).

Kontemplatives Beten ist wie Atmen

Der Geist Gottes „mischt" sich also ein in unser Leben, betet in uns. Der Geist sucht einen Raum, in dem er wirken kann. Aber wie kommen wir in Kontakt mit dem Heiligen Geist, wie gelingt es uns, in der Zerstreuung und Überforderung der Alltagswelt, an ihn zu denken, mit ihm zu rechnen und drauf zu vertrauen, dass er unser Leben und unseren Dienst befruchtet und gegebenen Falls auch gründlich neu ordnen hilft? Ausgangspunkt wird dabei immer diese Zusage bleiben:

„Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Röm 5,5) Unter den vielen möglichen Zugängen zu einer „heutigen" Kontemplation ist mir der Grundgedanke und die Erfahrung wichtig geworden, dass Gottes Geist in mir atmet und dass man Kontemplation und Gebet nicht „vollziehen" muss, sondern wie im Atmen „leben" kann. Das befreit auf ungeahnte Weise. Ich weiß mich dann auch gerade in Einsamkeit und Stress mitgetragen von einergroßen, den Kosmos und die ganze Menschheit umfassenden Strom von Leben, von Wohlwollen, von „Gnade", von jener Liebe, die Gott selber ist. Wer meint, das komme einer eher östlichen pantheistischen Erfahrungsweise nahe, sei auf das „Gotteslob" verwiesen, dem man jedenfalls Tendenzen zum Schwelgen in orientalischen Spiritualitäten kaum nachsagen kann: Eines der auch heute ansprechenden Lieder darin ist das von Huub Oosterhuis, wo es heißt. „Du bist der Atem, wenn ich zu dir bete" (GL 627,3). Weiter ist mir eine ganz einfache Art des Herzensgebetes wichtig geworden, das die Türen öffnet für das Eindringen des Geistes Gottes. Ich wüsste heute jedenfalls Schwerpunktthema nicht, was man Ermutigenderes und Beruhigenderes beten könnte als etwa mit ganz wenigen Worten das:„Komm Schöpfer Geist". Damit versuche ich einfach meine Existenz - so gut ich es kann - Gott hinzuhalten und zugleich alles oder nichts zu erwarten, gerade in Krisen und Zeiten der Unruhe. Jesus selber hat es in seinem „Dein Wille geschehe" ja so gelehrt.

Eine Erfahrung des Franz von Asissi

Und auch Franz von Assisi kann in Zeiten der oben genannten Insolvenzzeigen, worauf es ankommt. Sein unaufhörliches „Mein Gott und alles" ist das aufmerksame Verweilen in der Gegenwart von Gottes Geist. Er meinte damit ja nicht „Mein Gott und mein alles" - so als würde er Gott persönlich in Besitznehmen. Sein Grundgebet meint vielmehr: „Mein Gott und alles, was zu dir gehört", d.h. er sucht und findet Gottes Spuren in allem wieder: In der Schönheit der Natur, in der Kirche wie im Antlitz eines Aussätzigen. Für ihn war die Geschichte mit ihren Licht- und Schattenseiten der „Ort", an dem er Gott begegnete und anbetete. Und gegen Ende seines Lebens entsteht ein Gebet, in dem es heißt: „Gott, du selber bist Ruhe".

Unsere Welt ist und bleibt abergewaltsam und laut, die Schöpfung seufzt auch unter den Wunden, die Menschen ihr zufügen. Unsere Kirche, unsere Gemeinden und wir selber sind ziemlich rat- und atemlos geworden. Aber der Gang zur Quellemacht Mut, zeigt die wahren Prioritäten und Perspektiven auf und ist damit in all der Unruhe, die uns immer begleiten wird, doch eine Quelle des Friedens und der inneren Ruhe.

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