Warum jemand heute noch so verrückt sein kann, Priester zu werdenDienst, der nach Leben schmeckt

Wer heute seiner Familie oder seiner Umgebung eröffnet, dass er sich für den Priesterberuf interessiert, erntet weithin Reaktionen von Unverständnis bis Gespött. Oder offene Ablehnung: "Wie kann man nur? Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen!" - und das selbst in sogenannten "katholischen Kreisen", die sich sonst über den Priestermangel schwer beklagen oder vom Bischof selbstverständlich eine Wiederbesetzung einer Priesterstelle erwarten.

Eine eigenartige Spannung tut sich auf, wenn es um den Priesterberuf geht (noch mehr bei Ordensberufen): Es soll und muss den Dienst des Priesters geben, aber ja nicht für meinen Sohn, Bruder oder Freund. Freilich gibt es auch die Reaktion: "Großartig, dass Du es wagst, Dich dafür zu entscheiden. Wir begleiten Dich dabei." Aber sie ist seltener und oft mit viel "Wenn" und "Aber" versehen statt mit freudig ermutigendem Unterton.
Und die jungen Männer selbst? Den Beruf des Priesters erleben sie heute bei weitem nicht mehr so aus der Nähe wie früher; junge Kapläne gibt es eher selten, weil nur wenige den Weg beginnen; die Seelsorgeeinheiten werden größer; und die Möglichkeiten, sich hauptberuflich in der Kirche zu engagieren, sind vielfältiger geworden. Dazu kommt die allgemeine Unverbindlichkeit der Lebensstile. Die hat ja auch bewirkt, dass die Zahl der Lebensentscheidungen für die Ehe mit einer kirchlichen Trauung drastisch zurückgegangen ist. Von der zölibatären Lebensform ganz zu schweigen, die in unserer sexuell hoch aufgeladenen Gesellschaft kaum noch verstanden wird, zumal sie etwas ganz anderes ist als ein mehr oder weniger zufälliges Single-Dasein. Der Zölibat ist eine bewusst gewählte und geprägte Lebensform.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ein Leben als Priester auch heute sehr faszinierend und erfüllend sein kann und ist.

Persönliche Motive

Ich selbst habe mich im Umfeld der 68er auf diesen Weg gemacht, in einer Zeit großer Umbrüche und Traditionsbrüche, in der man in der Schulklasse nicht gerade Ermutigung zum Priesterberuf erfuhr. Die Motive, die mich damals bewogen haben, sind trotz der großen Veränderungen in Kirche und Gesellschaft der letzten 40 Jahre doch bis heute wichtig und anziehend.

Den Boden bildeten bei mir eine katholisch geprägte Kindheit in einem Dorf bei Paderborn, ein guter Religionsunterricht in der Grundschule bei einem Lehrer, der selbst einmal hatte Priester werden wollen, ein gütiger, glaubwürdiger Pfarrer, der über 30 Jahre in unserem Dorf wirkte. Dann eine gediegene Ausbildung an einem humanistischen Gymnasium mit dem Erlernen der biblischen Sprachen (Griechisch und Hebräisch) und eine lebendige Zeit der Auseinandersetzung in Kirche und Gesellschaft unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Theologen wie Joseph Ratzinger (wir lasen seine "Einführung ins Christentum" im Oberstufenunterricht), Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Hans Küng, Eugen Drewermann zeigen die ganze Bandbreite der damaligen Diskussion.

Mancher mag sagen: Solche Voraussetzungen gibt es ja heute kaum noch; junge Leute wachsen jetzt ganz anders auf. Dennoch: Heute gibt es Neues, das den Dienst in der Kirche und den Dienst am Glauben der Menschen auf andere Weise herausfordert. Es hat sich nicht bewahrheitet, dass die Säkularisierung die Religion langsam verschwinden lässt oder überflüssig macht. Es hat sich nicht bewahrheitet, dass ein unaufhaltsamer Fortschritt alles zum Besseren führt. Es hat sich nicht bewahrheitet, dass die Lebensqualität der Menschen und der soziale Friede einfach weiter wachsen.

Religiosität liegt in der Luft

Im Gegenteil: Religion, oder besser gesagt Religiosität liegt in der Luft. Wenn auch nicht in christlicher oder kirchlicher Form, so doch als unabweisbarer Anknüpfungspunkt für existenzielle Fragen der Menschen nach dem Größeren, dem Anderen und nach dem Mehr als alles Habbare, Machbare und Kaufbare. Dem Fortschritt droht die Spitze abzubrechen angesichts der großen Finanzund Wirtschaftkrisen, die viel tiefer und nachhaltiger eine Vertrauenskrise offenbaren, eine Krise, die rein ökonomischer Institutionalität das Vertrauen entzieht. Außerdem geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander, die soziale Lage verschärft sich, und die Frage nach ethischen Maßstäben, nach verlässlichen Rückbindungen (re-ligio) und nach Lebens-Werten wird auf allen Ebenen sehr intensiv gestellt.

Gerade in solcher Situation gibt es eine neue Sehnsucht und Suche nach Persönlichkeiten, nach Autoritäten, die für etwas Verbindliches, Echtes, Authentisches stehen und sowohl der Zuwendung zum Menschen wie auch der Kommunikation mit dem immer Größeren, mit dem "Mehr-als-alles" fähig sind. Deshalb sucht unsere Zeit eher nach Zeuginnen und Zeugen denn nach Lehrern, Informanten und Machern.

Deshalb wird für junge Menschen am Priestertum und an den Priestern das anziehend sein, was sie zu authentischen Persönlichkeiten macht in der glaubwürdigen Zuwendung zu den Menschen und in der Zeugenschaft für eine ,Religiosität', die das Suchen und Fragen der Menschen ernst nimmt und doch nicht dabei bleibt, sondern zu einer personalen Begegnung mit Gott und den Menschen führt. Oder anders gesagt: was sie zu Persönlichkeiten macht, deren "Glaube nach Freiheit schmeckt" (Andreas Knapp) und die dem heute massiv und populistisch um sich greifenden Atheismus ein Gottesbild gegenüberstellen, das den Erfahrungen der Menschen eine Entsprechung und eine Alternative zugleich ist.
Wenn junge Leute heute von den Grundfragen getrieben werden: Wie gelingt mein Leben? Wie gelingen meine Beziehungen? Wie gelingt meine Zukunft? Was für einen Sinn hat alles? Gibt es einen Gott, der für mein Leben bedeutsam ist? Oder anders gefragt: Wo kann ich leben? Mit wem? Wie? Wozu, aus welchen Quellen und wofür? Für welche Ziele? Dann muss der Dienst, der Beruf (die Berufung) des Priesters auf diese Fragen eine positive Antwort geben können.

Priestersein - eine bedeutsame Alternative

Aus meinen eigenen Erfahrungen in 35 Jahren Priestersein (davon fast 19 als Bischof) kann ich sagen, dass dieser Beruf die Möglichkeit zur Verwirklichung einer eigenständigen geistlichen Persönlichkeit bietet, und dass er in Beziehung steht mit einer großen Fülle und Buntheit von Personen, Lebensbereichen und Lebenssituationen, wie es das bei dem heute weithin vorherrschenden und geforderten Spezialistentum nur noch selten gibt. Er ist ein zukunftsträchtiger Beruf, weil gerade in diesen kritischen und zugleich unverbindlichen Zeiten Orientierungen, Perspektiven, Werte und ,Anhalts'-Punkte immer wichtiger werden und weil er eine bedeutende Alternative ist zu den ,modernen' ökonomisch-marktorientierten und leistungsorientierten Lebensentwürfen von Menschen, die im Hier und Jetzt nichts verpassen wollen, weil sie an ein größeres Leben nicht glauben.
Nur um dieses Zieles willen, das weit über eine bürgerliche und ökonomische Absicherung in einem guten Job hinausgeht, ist die Lebensform des Priesters verständlich zu machen, die sich radikal auf Gott und seine Kirche und auf die Menschen einlässt: einfach und ohne zu große materielle Abhängigkeiten, gehorsam d. h. hörbereit auf die Wirklichkeit, auf den Willen Gottes und die Gemeinschaft der Kirche, und - heute am umstrittensten - ehelos als Zeichen einer echten und tiefen Bindung an Gott und an den Dienst für die Menschen, wie Jesus selbst es vorgelebt hat.

Noch immer halte ich diese Lebensform - einfach, hörbereit und im Stil Jesu - für angemessen, auch wenn sie für das Priestertum dogmatisch nicht zwingend notwendig ist. Ist nicht gerade in unserer sehr vom Materiellen bestimmten, von einem bindungslosen Freiheitsbegriff geprägten und durch die "sexuelle Revolution" überrollten angstbesetzten Gesellschaft ein solcher authentischer Lebensstil bedeutsam?

Die Oberfläche durchstoßen

Freilich höre ich jetzt schon alle Einwände derer, die von unglaubwürdigen Priestern enttäuscht wurden, die die Kirche - vor allem aus den Medien - als Zwangssystem erfahren oder tatsächlich persönlich verletzt worden sind. Ich höre die Einwände derer, die sagen: "Das ist so nicht lebbar, das ist zu anstrengend." Für viele wird der Priester mehr und mehr zum gehetzten Manager, der tausend Erwartungen gerecht werden soll, oder aber zu einer Randfigur, von der nicht mehr erwartet wird, was ihm (dem Priester) selbst so lebenswichtig erscheint. Und ich höre die Einwände derer, die der Kirche keine großen Zukunftschancen geben und damit auch nicht dem Beruf des Priesters.

Dennoch bleibe ich dabei: Wer diese erste, oftmals oberflächliche Sicht auf Kirche und Priestertum durchstoßen kann und sich auf den christlichen Glauben, auf den personalen Gott und dessen Ebenbild (den Menschen) einzulassen wagt, der wird im Dienst des Priesters und im Zusammenspiel der Dienste der Kirche neue Dimensionen entdecken, die anziehend und auch heute lebenswert und lebbar sind.
Wer eine persönliche Spiritualität und ein selbstverständliches Gebetsleben pflegt, wer gute, bedeutsame menschliche Beziehungen pflegt mit Männern, Frauen, Familien und den Mitbrüdern, wer seine Gemeinde trotz Weite und Größe als seine "Familie" ansieht und sich positiv in der großen Gemeinschaft Kirche geborgen weiß, wer die menschliche, pastorale und spirituelle communio in guter Balance lebt, wer das Mensch-Sein und Christ-Sein und Priester-Sein immer wieder neu zu verbinden sucht, der kann auch in großen Herausforderungen und Spannungen leben, und nicht nur überleben. Ihm werden die Schwierigkeiten nicht erspart, aber er wird ihnen gewachsen sein - wenn auch immer "in zerbrechlichen Gefäßen" (vgl. 2 Kor 4,7).

Priesterliches Leben hat wenig mit abgekapseltem Privatleben (privare = rauben), jedoch viel mit höchstpersönlichem Dienst für Gott und die Menschen zu tun. Und niemand sollte die Kraft unterschätzen, die ihm aus dem Gebet, der Feier der Eucharistie, der Erfahrung, von Gott her vergeben zu dürfen, und der Feier der Sakramente an "Knotenpunkten des Lebens" zuwächst, selbst wenn die Disposition der Menschen dafür nicht immer unseren Erwartungen entspricht: Gott ist größer als unser Herz! (vgl. 1 Joh 3,20). Der Priester hat eben ganz Anderes und Größeres zu geben, weil er wohl sich selbst gibt, aber nicht aus sich selbst!

Außerdem hat mir ein berühmtes Wort von Augustinus - es gilt sicher auch für Priester - immer sehr geholfen, das offensichtlich für ihn selbst einen wichtigen Trost enthalten hat: "Ubi me terret, quod vobis sum; ibi me consolatur, quod vobiscum sum. Vobis enim sum episcopus, vobiscum sum Christianus. Illud est nomen suscepti officii, hoc gratiae; illud periculi est, hoc salutis." (Augustinus, Sermo 340,1; PL 38,1483) - „Wo mich in Schrecken hält, was ich für euch bin, da macht mir Mut, was ich mit euch bin. Denn für euch bin ich Bischof, mit euch zusammen bin ich Christ. Das eine ist der Name des Amtes, das andere bedeutet die Gnade. Das eine bezeichnet die Gefahr, das andere schenkt das Heil."

"Hab Mut, er ruft dich!"

Ich komme noch einmal auf meine katholische Kindheit zurück, auf meine kleine ,heile' Welt. Als ich 14 Jahre alt war, überkam unser Dorf ein gewaltiges Hochwasser, bei dem vier Kinder einer Familie und deren Großmutter ertranken. Damals zerbrachen in mir alle allzu heilen Weltund Gottesbilder. Aber der Trost, die Hilfe, die Kraft, die von der gläubigen Dorfgemeinschaft, von den Jahrtausende alten Riten der Kirche und der Eucharistiefeier bei dem Begräbnis ausgingen, haben mich tief berührt. Außerdem waren wenig später die Auseinandersetzungen mit der sogenannten 68er-Bewegung durchaus keine ,heile' Zeit, die mich glatt zum priesterlichen Dienst geführt hätte. - Gerade in dem Ringen mit dem Widerständigen des Lebens wuchs meine Entscheidung; darin lag auch ihre zunehmende Attraktivität.

Die Suche nach dem Größeren und Anderen, die Zuwendung zum Menschen in der Buntheit seiner Lebenssituationen und die Erfahrung tiefer Gemeinschaft im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe bleiben die Anziehungspunkte für eine lebenslange Entscheidung zum priesterlichen Dienst. Er bleibt eine hochriskante, aber gerade darin erfüllende Berufung. Auch noch so viele Einwände und gegenteilige Erfahrungen können für mich diese Anziehungskraft nicht übermächtigen.

Auch heute, mitten in den Suchbewegungen nach einem Priester- Bild, dass den Zeichen der Zeit entspricht, möchte ich jedem sagen, der sich auf die Suche nach dem rechten Menschsein, Christsein und Jüngersein begibt: "Hab Mut, steh auf, er ruft dich!" (Mk 10,49).

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