Eine Begegnung von Bibel und LebenBibliolog

Biblische Geschichten und Lebensgeschichten legen sich gegenseitig aus, durchdringen und verweben sich, gehen Wege miteinander - dies ist ein Glücksfall oder auch ein Geschenk. Das gibt es, seit Jahrhunderten und auch in der Gegenwart. Vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, der Kirche fern stehend, aber manchmal durchaus auch der Kirche verbunden, ist die Bibel jedoch eher das sprichwörtliche „Buch mit sieben Siegeln". Und auch Menschen, die regelmäßig zum Gottesdienst gehen, erleben nicht immer, dass die Bibel ganz unmittelbar mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat. Das hat viele und ganz unterschiedliche Gründe - nicht zuletzt weht der Geist, wo er will.

Aber möglicherweise liegt es auch daran, dass sich die biblischen Texte nur zum Teil erschließen, wenn man sie hört, sie liest und über sie spricht. Wenn man biblische Geschichten nur aus der Perspektive des Gegenübers in einer gewissen Distanz betrachtet, nur über sie nachdenkt, dann versteht man sicherlich manches, aber anderes bleibt einem verschlossen, denn lesen, hören und reflektieren bleibt immer ein bestimmter und begrenzter Zugang. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass nach einer Phase, in der der historische Abstand zu den biblischen Texten und ihre Fremdheit zur heutigen Lebenswelt besonders betont wurden, heute wieder stärker nach direkter Begegnung, nach Berührung, nach unmittelbarem Angesprochenwerden von den Texten gefragt wird. Unterschiedliche kreative Zugänge und Methoden dazu sind in den letzten Jahrzehnten entwickelt worden, die vielen Menschen die Bibel als Buch des Lebens neu erschlossen haben. Aber nicht allen liegen aktive spielerische Formen mit einem re ativ großen Selbsterfahrungsanteil in einem längeren Gruppenprozess, wie sie beispielsweise das Bibliodrama voraussetzt. Andere Menschen bleiben lieber mehr bei sich selbst, möchten sich weniger zeigen, weniger agieren und sich schließlich auch nicht auf entsprechende Veranstaltungen einlassen, sondern der Bibel in den vertrauten Handlungsfeldern in der Gemeinde, im Gottesdienst, im Bibelkreis, in der Frauengruppe oder im Gesprächskreis nahe kommen. 

Eine solche Möglichkeit, die Bibel als lebendig und bedeutsam für das eigene Leben zu entdecken, ohne die vertrauten Formen der Gemeindearbeit zu verlassen, bietet der Bibliolog. Bibliolog ist eine in Deutschland noch recht junge Form, mit einer Gruppe, Gemeinde oder auch Schulklasse einen biblischen Text gemeinsam zu entdecken und so auszulegen, dass seine Bedeutung für das eigene Leben unmittelbar erlebbar wird. 

Entwickelt wurde der Zugang zu biblischen Texten von Peter Pitzele, einem nordamerikanischen Juden, auf der Grundlage seiner literaturwissenschaftlichen und psychodramatischen Kenntnisse. Peter Pitzele versteht den Bibliolog vor seinem jüdischen Hintergrund als modernen „Midrasch" - der jüdische Weg, biblische Texte dadurch auszulegen, dass man sich für die Fragen interessiert, die der Text aufwirft, aber nicht beantwortet. Wie die Rabbiner der Antike nennt Peter Pitzele dies das „weiße Feuer", das zwischen dem „schwarzen Feuer" der Buchstaben lodert. Wenn man das „weiße Feuer", die Zwischenräume zwischen den Buchstaben des Textes, schürt, dann eröffnet dies die Möglichkeit, seine eigenen Lebenserfahrungen mit den biblischen Texten zu verbinden und dadurch dem Text auf neue Weise nahe zu kommen. Man verlässt dabei die distanzierte Position des Gegenübers zum Text und tritt sozusagen selbst in die Geschichte ein. Statt über den Text zu sprechen (bzw. im Gottesdienst den Überlegungen der Predigerin oder des Predigers zuzuhören), entdeckt man sozusagen den Text von innen. So können sich biblische Geschichte und Lebensgeschichte miteinander verweben und es wird unmittelbar deutlich, was die Bibel mit unserem Leben zu tun hat. 

Konkret sieht dies so aus: Die Leitung führt nach einer kurzen Erläuterung der „Spielregeln" in eine biblische Geschichte hinein. Sie erzählt die Situation, möglicherweise den Zusammenhang der Geschichte und regt die Fantasie der Teilnehmenden an, so dass sie sich gut in die Szene hineinversetzen können. (Hierbei vermittelt sie übrigens auch wichtige historische Informationen, damit wirklich alle mitmachen können, ohne zu historisch oder theologisch „falschen" Aussagen zu kommen.) Sie liest dann einen oder mehrere Verse aus der Bibel. Dann weist sie der Gemeinde die Rolle einer biblischen Gestalt zu und spricht sie in dieser an. 

In der Geschichte von dem Besuch Jesu bei den Schwestern Marta und Maria (Lk 10,38-42) könnte zunächst Vers 38 gelesen werden: „Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf." Der Gemeinde, Gruppe oder Schulklasse wird zunächst die Rolle der Marta zugewiesen: „Sie sind Marta. Marta, du lädst Jesus ein, bei dir zu Gast zu sein. Was bewegt dich dazu? Was erwartest du dir von diesem Besuch?" 

Wer möchte, äußert sich dazu (nacheinander) in der Rolle der Marta, und zwar in der Ich-Form. Die Anwesenden identifizieren sich mit der biblischen Gestalt, erkunden sie sozusagen „von innen". Gleichzeitig füllen sie die Rolle und ihr Verständnis dieser biblischen Person aber mit ihren persönlichen Erfahrungen und Zugängen. 

Auf der Folie der persönlichen Lebensgeschichte mag daher die eine spontan äußern: „Ich möchte ihm etwas Gutes tun! Immer unterwegs, immer wollen alle etwas von ihm, bei mir soll er sich einmal ausruhen dürfen!" Ein anderer sagt hingegen vielleicht: „Ich möchte möglichst viel mitkriegen von Jesus, und am meisten höre ich natürlich von ihm, wenn er bei mir zu Gast ist!" Eine Dritte könnte äußern: „Ich bin selbst ganz überrascht, dass ich mich das getraut habe - aber irgendwie kam es so über mich." 

Die Äußerungen werden von der Leitung sprachlich aufgenommen und verstärkt. Mit dieser Technik des „echoing" werden die eher leisen Aussagen für alle hörbar, und nur angedeutete emotionale Gehalte werden hervorgehoben. Damit wird einerseits jede Äußerung als wertvolle subjektive Aussage gewürdigt. Andererseits bekommen diejenigen, die sich äußern, die Chance, sich selbst noch ein wenig besser zu verstehen und noch tiefer in die Rolle hineinzukommen. Dieses „echoing" verlangt von der Leitung neben der Fähigkeit zur Empathie und einem guten Kontakt zu den Einzelnen ein hohes Maß an Übung, denn Missverstehen und Fehlinterpretationen entmutigen und verkehren die Chance des Bibliologs in ihr Gegenteil. Wichtig ist zudem, dass von der Leitung die Rolle nicht „besser" ausgefüllt wird, sondern die Identifikation der jeweiligen Person das Entscheidende bleibt. Dabei kann als „interviewing" auch nachgefragt werden, wenn beispielsweise Inhalte nur angedeutet werden. Die Leitung muss dabei jedoch in der Linie der Teilnehmerin bleiben, es ist nicht ihre Aufgabe, einen Aspekt hervorzulocken, der sie selbst interessiert, der aber aus der Gemeinde nicht kommt. 

Nach einigen Äußerungen lenkt die Leitung zum Text zurück, ein Bibliolog ist immer eng am Text orientiert. Ein nächster Satz oder Abschnitt wird gelesen. Erneut wird an einer Stelle innegehalten, wo Fragen an den Text offen bleiben. Die Gemeinde bekommt erneut eine Rolle zugewiesen, die entweder eine ande re Person oder auch die gleiche Person in einer späteren Situation sein kann. Erneut äußern sich Einzelne. 

So könnte weiter Vers 39 gelesen werden: „Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu." Dann wird vielleicht Maria gefragt: „Maria, wie ist das für dich, zu Jesu Füßen zu sitzen und ihm zuzuhören, während deine Schwester schafft?" 

Anschließend könnte die Gemeinde oder Gruppe erneut in die Rolle der Marta versetzt und sie gefragt werden, was sie sich in ihrem Innersten erhofft von ihrer Aufforderung an Jesus, Maria anzuweisen ihr zu helfen. Oder Jesus könnte gefragt werden, wie für ihn diese Situation ist. Auch eine im Text nicht direkt genannte Gestalt könnte befragt werden, vielleicht eine Freundin der Schwestern, wie sie die Szene erlebt hat oder ein Jünger Jesu, was dieser Dialog bei ihm auslöst. Selbst das Tuch in der Hand der Marta könnte eine Stimme bekommen - Fantasie ist erlaubt im Rahmen des weißen Feuers. Wichtig dabei ist nur, dass der Bibliolog im Rahmen des Textes verbleibt. Jesus kann also nicht gefragt werden, was er Marta antwortet - denn das lesen wir im „schwarzen Feuer" des Textes, wohl aber, mit welchen Gefühlen oder Anliegen er dies tut. 

Nach einigen Szenen wird der Bibliolog abgeschlossen. Die Leitung entlässt die Gemeinde aus den Rollen und führt in die Gegenwart zurück. Die unterschiedlichen Aussagen und damit auch die unterschiedlichen Zugänge zum biblischen Text bleiben nebeneinander stehen und werden nicht in eine einheitliche Botschaft aufgelöst. 

Der Bibliolog geht davon aus, dass der gleiche Text von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen auf ganz vielfältige Weise gehört wird. Ganz unterschiedliche Aspekte und Aussagen des Textes werden wichtig, je nachdem, wer sie in welcher Lebenssituation wahrnimmt. Es gibt nicht die eine Botschaft - weder des Textes noch der Predigt -, der die einzelnen nur zustimmen oder sich von ihr abgrenzen können, sondern es geht um den je persönlichen Zugang zum Text. Damit nehmen die Einzelnen auch unterschiedliche ‚Botschaften' oder Einsichten für sich mit, die in der Identifikation und der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Rolle erst entstehen. 

Bibliolog vertraut dabei auf die Kraft und Wirkmächtigkeit biblischer Texte. Er geht davon aus, dass die Texte Menschen heute erreichen, bewegen und durchaus auch verändern, wenn man ihnen direkte Begegnungen mit Menschen ermöglicht. Dabei gibt es nicht selten überraschende Entdeckungen im biblischen Text und in seinem Verständnis. Gerade Geschichten, die kundigen Bibelleserinnen und -lesern sehr vertraut sind, können im Bibliolog noch einmal ganz neu erlebt werden. Für Menschen, die wenig Kontakt mit der Bibel haben, eröffnet der Bibliolog häufig einen überraschenden Zugang zur Bibel. „Das alte Buch hat ja ganz viel mit meinem Leben zu tun!", wird nicht selten gestaunt. Als bereichernd wird dabei auch erlebt, unterschiedliche Sichtweisen und Deutungen zum gleichen Text kennenzulernen. Die Gemeinde, Gruppe oder Schulklasse kann sich dabei als auf einem gemeinsamen Weg befindliche Gemeinschaft erleben, für den Unterschiedliche Unterschiedliches beizutragen haben, ohne dass dies als „besser" oder „schlechter" bewertet wird. Beim Bibliolog ist es unerheblich, wer wie viel theologische Bildung oder kirchliche Sozialisation mitbringt - alle Beiträge sind gleich wertvoll (wie nicht zuletzt durch das wertschätzende „echoing" immer wieder deutlich gemacht wird). In Gruppen oder Schulklassen zeigt sich dies manchmal darin, dass die Redeanteile im Bibliolog anders sind als in anderen methodischen Zugängen. Auch die Generationen können sich auf diese Weise am gleichen Geschehen beteiligen. Gleichzeitig ermöglichen die Äußerungen der anderen, gewohnte Sichtweisen zu erweitern oder zu verändern. Dies ist auch theologisch wichtig, weil dabei deutlich wird, dass der Text immer größer ist als alle Deutungen, die wir uns von ihm machen und er nie in der eigenen Deutung vollständig erfasst ist. 

Bibliolog erinnert an manches, was seit vielen Jahren in Gemeinden und von Hauptamtlichen bereits praktiziert wird, und auf den ersten Blick kann es so wirken, als könne man es „einfach mal ausprobieren". Die Methode ist jedoch einigermaßen komplex und erfordert bestimmte Fähigkeiten, die man in einer entsprechenden Fortbildung erwerben sollte. Gerade für Menschen mit Erfahrung im Umgang mit biblischen Texten und mit Gruppen ist eine einwöchige Fortbildung in der Regel ausreichend, um mit dieser Methode beginnen zu können. Informationen über aktuelle Bibliolog-Fortbildungen sowie weitere Informationen zur Methode und ihren Hintergründen finden sich unter www.bibliolog.de. 

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