Heft 11/2011Heilige Spuren

Inhalt

Die Darstellung vieler Heiligenstatuen lügt. In Stein gemeißelt, wirken die Frauen und Männer oft statisch, und der Stein, aus dem sie geschlagen bzw. das Holz, in das sie geschnitzt wurden, wirkt so beneidenswert robust, fast schon unverwüstlich. So, als könne nichts und niemand den dargestellten Menschen etwas anhaben. Doch die Realität sah ja allzu oft ganz anders aus. Viele Heilige waren verletzlich und mussten im Lauf ihres Lebens schmerzhafte Verwundungen ertragen - oft von Vertretern der eigenen Kirche, von denen sie nicht verstanden wurden. Auch der Ort vieler Heiligenstatuen ist irritierend. Sie stehen harmonisch integriert in einem Kirchengebäude, so selbstverständlich, als ob es Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Kirche nie gegeben hätte. Dabei war das Leben vieler Heiliger alles andere als harmonisch, in der Kirche eckten sie an und fühlten sich unverstanden. Diese mitunter unbequemen Zeitgenossen brauchte die Kirche zu allen Zeiten, um infrage gestellt zu werden, eigene Schwächen zu erkennen und sich dadurch weiterzuentwickeln. Heilige lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Doch bei aller Verschiedenartigkeit haben sie eins gemeinsam: Sie sind manch beschwerlichen Weg in der Kirche (und nicht außerhalb der Kirche) gegangen. Die Kirche ist heute - ebenso wie in der Vergangenheit - auf Menschen angewiesen, die sich wie die Heiligen in ihrer Zeit manchmal auch unbequem zu Wort melden und dazu beitragen, die Zukunft der Kirche zu gestalten.