Corpus Christi (2019)

Im polnischen Film „Corpus Christi“ gibt sich ein junger Mann nach abgesessener Gefängnisstrafe als katholischer Priester aus. Die Tragödie enthält komische und anrührende Szenen, entgleist aber nicht zum Klamauk: Ein ästhetisches Meisterwerk! (ab 3. September 2020 in deutschen Kinos)

Bartosz Bielenia als
Bartosz Bielenia als "Pfarrer Tomasz" in Corpus Christi (2019)

Der Zwanzigjährige Daniel (Bartosz Bielenia) ist kein Musterkandidat für ein Weiheamt. Kein Priesterseminar nehme einen Straftäter auf, sagt ihm sein Gefängnisseelsorger. In seiner Zelle betet Daniel nachts den Rosenkranz, in den Gefängnisgottesdiensten engagiert er sich als Messdiener. Er fühlt sich aufrichtig zum Priester berufen. Andererseits bietet er dem Zuschauer auch ein anderes Bild. In der ersten Nacht seiner Freilassung wird gefeiert, Drogen und Sex inklusive – betrunken und unter dem Einfluss von Koks legt er in der Nacht noch ein Priestergewand an, das er wohl im Gefängnis hat mitgehen lassen. Das entspricht nicht dem klassischen Bild eines jungen Priesters in Polen.

Seine Zukunft soll denn auch eine andere werden: „Am anderen Ende des Landes“ soll er in einem Sägewerk für straftätig gewordene junge Männer arbeiten. Um dem noch für einen Augenblick zu entkommen, läuft er zur Kirche des kleinen Dorfes in der polnischen Einöde. Vielleicht um eine junge Frau, die allein in der Kirche sitzt und Musik hört, davon zu überzeugen, dass er nicht im Ort sei, um im Sägewerk zu arbeiten, behauptet er spontan, Priester zu sein. Die gestohlene Soutane dient der zweifelnden Frau – Marta (Rycembel Eliza) – kurzerhand als Beleg und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Schnell wird Daniel dem örtlichen Pfarrer vorgestellt und erhält einen Platz im Pfarrhaus. Mit etwas Glück fällt seine Lüge zunächst nicht auf. Wie es der Zufall will, wird der alte Pfarrer krank und muss zur Behandlung für einige Tage zur Behandlung fortgehen. Er bittet den jungen Daniel, der sich „Pfarrer Tomasz“ nennt, ihn zu vertreten, der zögerlich zusagt.

„Wir sind anständige Leute“

Schnell geht Daniel in seiner Rolle auf und schnell erfährt der junge Hochstapler dadurch die düstersten Geheimnisse der kleinen Gemeinde, sei es auf der Straße bei den anderen Jugendlichen oder in der Beichte. Ein großer Schatten erdrückt die Gemeinde, den "Pfarrer Tomasz" Stück für Stück zu lichten beginnt. Sein Amt verschafft ihm dabei die notwendige Autorität und einen Vertrauensvorschuss in der konservativen Region.

Sein Handwerk als Seelsorger zimmert sich Daniel aus den Erfahrungen als Messdiener, aus den Predigten seines Gefängnisseelsorgers oder etwa mit dem „Beichtratgeber“, den er noch im Beichtstuhl auf seinem Smartphone googelt, zusammen. Viel entscheidender allerdings wird seine einzigartige rhetorische und empathische Begabung, sein Gespür für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. So wühlt der unkonventionelle junge „Priester“ mit perfekt zugepassten Predigten und spontanen Aktionen schnell so einiges in der Gemeinde auf, die ihn dafür ins Herz schließt oder zumindest sehr respektiert. Die Gemeinde wiederum tritt oft ziemlich bieder, kleingeistig, verlogen, gehässig und unbarmherzig in Erscheinung: „Wir sind anständige Leute“, versichern sie Daniel auf dem Höhepunkt eines Konflikts, welcher allzu deutlich offenbart, dass das Gegenteil der Fall ist.

Barmherzigkeit oder Schicksal?

Die im vergangenen Jahr für den Oscar als bester internationaler Film nominierte Erzählung des Regisseurs Jan Komasa ist düster. Der Film zeigt die teils grausame Realität stets ungeschönt und konkret. Das macht die Handlung außergewöhnlich glaubwürdig. Komische Szenen durchbrechen zwar hin und wieder die ernste und angespannte Atmosphäre, die über der Gemeinde liegt. Allerdings artet das nie in Kitsch oder Klamauk aus, was der Geschichte die notwendige Größe, Tiefe und Würde verleiht. Eine ruhige Kamera, ein langsamer Schnitt und die Musik unterstützen dieses Stimmungsbild.

Der Film über den Hochstapler Daniel zeigt vor allem eines: Daniel gibt einen außergewöhnlich hervorragenden Seelsorger ab. Auf der Laufbahn eines Straftäters und im Gefängnis aber ist er in den Dynamiken der gesellschaftlichen Abwärtsspirale gefangen: Hier bestimmen Gewalt, Drogen und Resignation seine Zukunftsoptionen. Darin liegt eine Gesellschaftskritik am Umgang mit jungen Menschen, denen es aufgrund fehlender Barmherzigkeit und persönlicher Förderung an echten Perspektiven fehlt.

Die Erzählung beruht übrigens auf der wahren Begebenheit, dass der Neunzehnjährige Patryk Błędowski sich 2011 in Polen als Priester ausgegeben und Messen abgehalten hat. Die Geschichte wurde damals vom Drehbuchautor Mateusz Pacewicz medial aufgearbeitet und schließlich vom Regisseur von „Corpus Christi“, Jan Komasa, um fiktive Elemente erweitert.

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