Die Wahrnehmung der Februarrevolution von 1917 im heutigen Russland

Für die meisten Menschen in Russland und darüber hinaus steht die Februarrevolution (Fevral’skaja revoljuzija), die Abdankung von Zar Nikolaus II. zugunsten einer provisorischen Regierung unter Fürst Georgi Lwow, die für die Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung sorgen sollte, im Schatten ihrer Nachfolgerin, der Machtergreifung Lenins und der Bolschewiken, allgemein bekannt als „Oktoberrevolution“. Nach dieser sind in Russland nach wie vor unzählige Straßen benannt, und es sorgte für große Empörung, als in der Ukraine Lenin-Statuen gestürzt wurden. Im Unterschied zur Französischen Revolution (1789) wird also nicht die gemäßigte Frühphase (mit Demokratie, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger usw.) betont, sondern die Radikalisierung und Vereinseitigung der Revolution.

Hinzu kommt, dass in jüngerer Zeit die Februarrevolution immer wieder auch als „Dolchstoß“ in den Rücken des an der Front kämpfenden Zaren und als Werk von Feiglingen und Förderern der Anarchie gesehen wird. Das belegen beispielhaft zwei der namhaftesten Kinofilme der letzten Jahre: 2008 kam der Film „Der Admiral“ von Andrej Krawtschuk heraus, ein Film über Alexander Koltschak, der 1919 bis 1920 der „weißen“ Bewegung als faktischer Staatschef und Oberbefehlshaber diente. Dort wird die feierliche Ordnung und Schönheit im Leben der Marineoffiziere vor der Februarrevolution ebenso betont wie die Frömmigkeit des Zaren und seines Offiziers, aber dann auch das Chaos, das von Februar bis Oktober 1917 herrschte. Anfang 2015 kam dann „Das Bataillon“ ins Kino, ein dramatischer Film von Dmitrij Meschiew über ein weibliches Bataillon, das im Sommer 1917 für den Kampf gegen Deutschland gebildet wurde. Hier wird die Feigheit führender Vertreter der provisorischen Regierung betont, der nur mit dem Mut echter russischer Frauen beizukommen war.

Traditionell tief verankert ist auch die Deutung der Februarrevolution aus Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ (in Hollywood neu verfilmt 2002, in Russland 2005 und 2009). Hier beschreibt ein Autor, der von der Sowjetmacht denkbar weit entfernt ist, die Mitgestalter der Februarrevolution als naiv und deshalb den Kriegswirren nicht gewachsen. Zugleich beschreibt er die Zeit zwischen Februar und Oktober 1917 aber auch als eine faszinierende Zeit, in der vieles möglich war – bis dahin, dass eine Messiasgestalt mit Hilfe von Deserteuren eine eigene Republik gründet und der Vertreter der Regierung strikt gegen Gewalt ist, weil er glaubt, er könne mit Reden die Soldaten wieder zum Gehorsam bringen.

Alexander Solschenizyn wiederum schließt seine Darstellung der Februarrevolution in die Romanreihe „Das rote Rad“ ein und betont allein schon damit die übermächtige Zwangsläufigkeit, die in seinen Augen von den Misserfolgen der russischen Armee im Ersten Weltkrieg über den Februar zum Oktober 1917 führt.

In der Tat ist im Nachhinein kaum vorstellbar, wie die Leute des „Februar“ Russland hätten zusammenhalten und vor dem Schicksal der Habsburgermonarchie oder des Osmanischen Reiches hätten bewahren können. Dazu waren sie schon ideologisch zu vielfältig: von Bürgerlich-Liberalen bis hin zu Sozialisten und Anarchisten. Außerdem krankte ihre Politik an einem Grundwiderspruch: An die Macht getragen wurden sie unter anderem vom Leiden des Volkes an den Folgen des Krieges, als Regierung hingegen hielten sie ihren Alliierten Großbritannien und Frankreich (ab April auch den USA) unverbrüchlich die Treue und gaben die Losung aus: „Krieg bis zum siegreichen Ende!“ Die einzige Chance für ein demokratisches Russland hätte unter diesen Umständen vermutlich in einem gesamteuropäischen Friedensschluss im Sommer 1917 bestanden, und auch dann wäre nicht klar gewesen, wie es weitergehen sollte.

Demgegenüber hatte Lenin entscheidende Vorteile: Zunächst einmal konnte er sich auf die Hilfe Deutschlands stützen und in einem Teil des russischen Reiches (ohne die Ukraine, Weißrussland und das Baltikum, die bis Ende 1918 unter deutscher Besatzung waren) sich auf die Niederringung des inneren Gegners konzentrieren. Das gesamte Territorium des früheren russischen Reiches, bis auf das Baltikum, Polen und Finnland, fiel ihm dann wieder in den Schoß, als die Deutschen den Krieg verloren.

Außerdem waren die Bolschewiken listig und brutal genug, um jeglichen Widerstand gegen ihre Macht zu unterdrücken. Und schließlich konnten sie dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ von Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 US-Präsident, eine eigene Ideologie entgegensetzen. Denn die Treue zum Zaren als Klammer des Vielvölkerstaates ersetzte bei ihnen die Idee der multinationalen sozialistischen Union (in der bis zum Zweiten Weltkrieg die einzelnen Nationen und Sprachen sich tatsächlich einer beachtlichen Autonomie erfreuten) als Keimzelle der künftigen Weltherrschaft des Sozialismus.

Insofern ist es verständlich, dass im heutigen Russland, in dem die „starke Hand“ nach innen und die Macht Russlands nach außen als Selbstzweck gilt, Lenin ebenso wie Nikolaus II. hoch im Kurs stehen, die Februarrevolution hingegen missachtet wird.

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