Israelische Identität - Bibel oder Shoah?

Die Bibel ist der erfolgreichste Bestseller der Welt - die Shoah die größte Katastrophe, die die Juden getroffen hat. Die Judaistin Tzvia Koren-Loeb untersucht die Rolle, die die Heilige Schrift und der Holocaust im heutigen Israel bei der Identitätsbildung der Gesellschaft, vor allem ihrer Kinder und Jugendlichen, spielen.

Die Bibel ist der größte Bestseller der Welt. Wenn man das Wort "Bibel" in die Suchmaschine Google eingibt, findet man etwa 17 Millionen Websites. In der Bibel kann man alles finden: Kriege, Liebe, Glauben, Heiligkeit, Beziehungen, Natur, Poesie, Literatur. Sie bezieht sich insbesondere auf die Grundfragen menschlicher Existenz. Daß die Bibel versucht, die Perspektiven verschiedener Kulturen und Mentalitäten zu integrieren, macht aus ihr ein unverzichtbares Buch.

Text und Identität

Die Bibel ist der älteste Text, mit dem die Identität des jüdischen Volkes verbunden ist. Große Philosophen des 19. Jahrhunderts wie Nachman Krochmal (1785-1840), Hermann Cohen (1842-1918), Franz Rosenzweig (1886-1929) und Martin Buber (1878-1965) haben in ihrem Denken immer die Bibel als erste Quelle vor Augen gehabt und ihre Themen dadurch weiterentwickelt. Dennoch nimmt das Interesse an der Bibel im heutigen Israel stetig ab. Dies wurde schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Jacob (Coos) Schoneveld wahrgenommen und vor einigen Jahren von der israelischen Historikerin Anita Shapira von neuem thematisiert.

Dagegen sind die Shoah und ihre Folgen für Erziehung und Ausbildung der israelischen Jugend seit Jahren ein zentrales Thema. Zum Beispiel ist das sogenannte "Israeli Roots Project" Teil des Lehrplans der siebten Jahrgangsstufe an Gymnasien. Als eine Art Spurensuche sollen die Schüler die Geschichte ihrer Familien erforschen und dokumentieren. Die besten Arbeiten werden prämiert. Der Höhepunkt dieser methodisch- didaktischen Maßnahme ist für die israelischen Schüler eine Reise nach Polen: Seit 1988 findet am "Jom Ha-Schoa" (Holocaust-Gedenktag) der "Marsch der Lebenden" statt: ein Gedenkmarsch vom Konzentrationslager Auschwitz zum Vernichtungslager Birkenau, der von Überlebenden der Shoah angeführt wird und an dem junge Juden aus der ganzen Welt teilnehmen. Die Reise nach Polen und die Teilnahme am Gedenkmarsch sind ein kollektives Identitätszeichen des israelischen Bewußtseins bzw. der Ausprägung jüdischen Lebens in Israel. Welche Bedeutung haben Bibel und Shoah für die nationale Identität Israels? Welche Bedeutung könnten sie heute haben?

Säkulare Menschen in Israel verbinden heute die Bibel mit religiösem Fundamentalismus. Die Sprache der Bibel ist nicht identisch mit dem von der Mehrheit der Israelis gesprochenen Neuhebräisch und deswegen ohne Erklärung unverständlich. Die israelische Jugend hat zu den Geschichten der Bibel keine Beziehung mehr. Die jungen Menschen ziehen dem Studium der Bibel das von Hochtechnologie, Wirtschaft, Englisch und Jura vor. Die Geschichte Israels wird nicht mehr mit Hilfe der Bibel vermittelt. In der Schule wird sie schon einmal im Zusammenhang mit Disziplinierungsmaßnahmen benutzt: Schüler werden bestraft, indem sie ein Kapitel oder einen Passus aus der Bibel mehrere Male abschreiben müssen.

Bedeutung der Bibel im modernen Israel

Seit der Staatsgründung existiert Israel nicht mehr nur in den Träumen des jüdischen Volkes. Man scheint die Bibel nicht mehr wie früher zu brauchen, um sich mit dem Land zu identifizieren. Auch die Namen der Kinder stammen bei den modernen Israelis nicht mehr unbedingt aus der Bibel. Die israelische Identität scheint heute vor allem durch die Shoah und durch die Konflikte Israels mit den Palästinensern und seinen Nachbarländern bestimmt zu werden.

Der evangelische Theologe Jacob (Coos) Schoneveld, theologischer Berater der niederländisch-reformierten Kirche in christlich-jüdischen Fragen, der von 1967 bis 1980 mit seiner Familie in Jerusalem lebte, warnte schon in den 70er Jahren davor, daß die Vernachlässigung der biblischen Tradition die Grundlagen des jüdischen Staates zu erschüttern drohe. Er schlug vor, daß das Judentum eine theologische Systematik entwickeln solle und betrachtete die Bibel als gemeinsame Quelle für Juden und Christen, zu der die Menschen in der modernen Welt Zugang haben sollten.

Anita Shapira, die als Professorin für Geschichte des jüdischen Volkes an der Universität Tel Aviv lehrt und sich insbesondere mit der Geschichte des Zionismus und der Bevölkerung Israels in der Zeit vor der Staatsgründung und während des Unabhängigkeitskrieges beschäftigt, schreibt in ihrem Buch "Die Bibel und die jüdische Identität" (Jerusalem 2005), daß die Bibel, die vor der Gründung des Staates Israel und für seine Gründer eine wichtige Rolle in der jüdischen Kultur spielte, seit den 70er Jahren ihren Wert verloren hat. Sie führt dies vor allem auf die Veränderungen in der israelischen Gesellschaft nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 zurück. Im Gegensatz dazu sei in der Diaspora die Bibel für die jüdische Identität wichtig gewesen; und nach wie vor diente sie auch in Israel dazu, das Land, seine Natur und seine Geschichte besser kennenzulernen.

Schoneveld und Shapira betrachten die Rolle der Bibel in Israel aus verschiedenen Perspektiven: Schoneveld mit dem Blick des christlichen Fremden, der eine bestimmte Zeit in Israel lebte. Er ist zuversichtlich, daß die Bibel wieder an Bedeutung gewinnen kann. Den Weg dorthin sieht er in der Intensivierung der Beziehungen zwischen Juden und Christen in Israel. Shapira wiederum repräsentiert die Perspektive der säkularen jüdischen Israelin. Sie bezweifelt, daß die Bibel in Israel noch einmal so populär werden kann wie früher, läßt die Frage jedoch offen.

Neue Zugänge durch Lehrhäuser, Comics und Filme

Gibt es Wege, die Bibel ins Zentrum der hebräischen Kultur zurückzuholen? Ein erster Versuch dazu erfolgte durch die Gründung säkularer Lehrhäuser ("Jeschiwot"), Fach- und Volkshochschulen, in denen das Tora-Talmud-Studium intensiviert und unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Dort werden die Bibel und andere Quellen jüdischer Tradition unter historischen Gesichtspunkten studiert und diskutiert, ohne sie unbedingt mit den Religiösen zu identifizieren.

Die neueste "Jeschiwah", die im Jahr 2006 gegründet wurde, befindet sich in einem Armutsviertel im Süden von Tel Aviv. Sie ist ein Projekt des "Bina-Zentrums für jüdische Identität und hebräische Kultur" ("binah" = verstehen). Ihr Ziel ist es, eine neue Generation von säkularen Wissenschaftlern auszubilden, die nicht studieren, um einen akademischen Titel zu erlangen, sondern um sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen zu engagieren. 150 Studenten besuchten diese Jeschiwah im Jahr ihrer Gründung: Junge Leute vor bzw. kurz nach dem Militärdienst, aber auch Männer und Frauen mittleren Alters mit einer akademischen Bildung, studieren hier.

An drei Tagen der Woche wird in der Jeschiwah studiert. Während der zwei studienfreien Tage arbeiten die Studenten in Schulen und Vereinen des Wohnviertels. Der Lehrplan enthält die Fächer Bibel, Talmud und Kabbala, die Geschichte des Zionismus, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Das Lehrerkollegium besteht aus religiösen und säkularen Lehrern. Prominente Personen der israelischen Gesellschaft sind darunter vertreten, zum Beispiel der ehemalige Politiker und Autor Avraham Burg, der Rabbiner Joel Bin-Nun, der Judaist Ari Elon, Yona Arazi, Muki Zur, der Autor Dov Elboim, Aryeh Budenheimer (Budeh).

Einer der interessantesten Versuche, die Bibel in einer modernen Form zu präsentieren, ist ihre Umsetzung in Comiczeichnungen. Zum Beispiel veröffentlichte Schaj Cherkas humorvolle Comics über die frühe Geschichte Israels in der religiös orientierten Kinderzeitung "Otijot". Er publizierte auch schon Kindercomics zur Mischna (1987/88), über die Makkabäer, über die Geschichte Israels von der Zerstörung des ersten bis zur Zerstörung des zweiten Tempels (1996), über die Haggada und die Geschichte der Juden im damaligen Ägypten (1999) und über verschiedene in der Mischna und im Talmud erwähnte phantastische Tiere (2001). Auch Filme mit populären Schauspielern im israelischen Fernsehen sind eine gute Möglichkeit, der jungen Generation grundlegende Begriffe der Bibel und des Zionismus zu vermitteln.

Die Bibel - Personalausweis des jüdischen Volkes

Viele Wissenschaftler, Politiker und Medienvertreter Israels stimmen Anita Shapira zu, daß die Bibel die große Bedeutung, die sie vor der Gründung und während der ersten Jahre des Staates Israel für die jüdische Kultur innehatte, seit den 70er Jahren verloren hat, und fragen sich, ob und wie es möglich ist, diese Bedeutung für das moderne Israel zurückzugewinnen.

Nach Auffassung von Naomi Saroca, die an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Haifa lehrt, entspricht die Bibel der kollektiven Geschichte, die mit dem kollektiven Gedächtnis verbunden ist: Die Bibel ist der Personalausweis des jüdischen Volkes. Sie legitimiert das Entstehen des Staates Israel und vermittelt Kontinuität und Tradition. Sie ist der textuell-sprachliche Erlebnisursprung des jüdischen Volkes. Sie stellt Fragen und sucht nach Antworten. Im Zentrum der Bibel steht zwar der monotheistische Glaube, trotzdem ist sie für jeden Israeli relevant. Wir leben heutzutage in einer Zeit des Individualismus, und die Bibel kann als bedeutungsvolle Komponente der israelischen persönlichen bzw. nationalen Identität fungieren.

Moshe Grylak, Rabbi, Schriftsteller und Chefredakteur der orthodoxen Wochenschrift "Mischpachah" (Familie), vertritt den Standpunkt, daß die Bibel nicht nur ein Religions- oder Glaubensbuch ist, sondern ein Werk, das wie ein Magnet auch die profane Kultur und Lyrik an sich zieht. Nur religiöse Menschen sind fähig, die Bibel zu lehren - jedoch unter der Bedingung, daß sie dies aus Liebe zu ihr selbst tun und nicht, um andere zum orthodoxen Judentum zu bekehren.

Auch Uri Heitner, Direktor der Gemeindezentren für den Bereich der Golanhöhen und Mitglied des Kibbuz Ortal im Norden der Golanhöhen, sieht die Liebe zur Bibel als wesentlich für ihre Vermittlung an: Eine der wichtigsten kulturellen und pädagogischen Aufgaben der israelischen Gesellschaft sei es, israelischen Kindern und Jugendlichen wieder die Liebe zur Bibel nahezubringen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei die Liebe zum Studium der Bibel abhanden gekommen. Dafür nennt er folgende Ursachen: die Vorgabe des israelischen Ministeriums für Erziehung, die Bibel rein akademisch zu lehren, nämlich sich auf ihren historischen Aspekt zu fokussieren und die Exegese ins Zentrum zu stellen; die Intention der Schüler, die Bibel nur zu lernen, um die Prüfung zu bestehen; die Reduzierung der Lehrstunden und der zu behandelnden Bibeltexte mit der Folge, daß keine Vertiefung, Klärung von Grundfragen oder eine Auseinandersetzung des Lehrers mit schwierigen pädagogischen und kulturellen Herausforderungen mehr möglich ist; die Vertiefung des Kluft innerhalb der israelischen Gesellschaft zwischen den weltanschaulich Neutralen, die die säkulare Kultur repräsentieren, und den Religiösen bzw. Orthodoxen, die sich mit der Bibel identifizieren; das Auswendiglernen der Bibel, das im Gegensatz zur Pflege des Denkens steht; Lehrer, die nicht voll und ganz an die Relevanz der Bibel glauben.

Nach Uri Paz, Redakteur, Judentumsforscher und Rechtskorrespondent, entspricht die Distanz zur Bibel einer Distanz zum Staat Israel und zu den Idealen des Zionismus. Sie könnte verringert werden - etwa durch Bibelwanderungen in Israel oder durch ein Aufgreifen der Bibel und ihrer Motive in Kunst und Literatur. Beispiele dafür sind Bibelübersetzungen ins Neuhebräische wie das Buch des israelischen Publizisten und Schriftstellers Meir Shalev "Bibel Heute" (1985) oder die Reihe "Ha-Tanakh Be-Charusim" (Die Bibel in Reimen) von Ephraim Sidon, einem israelischen Satiriker, Kinderschriftsteller und Dramaturgen, der die Bibel in Versform erzählt und damit den Kindern den Zugang erleichtern will.

Das Hebräisch der Bibel, die Wörter, die Verse, die Betonung der Sprache - all das gibt die Schönheit der Bibel wieder. Deshalb plädiert der israelische Literaturkritiker, Dichter und Publizist Menahem Ben dafür, die Bibel zu lesen und sie vorzulesen - und zwar betont, geläufig und "geschmackvoll", um sie dadurch lieben zu lernen. Sara Yefet, israelische Historikerin mit dem Schwerpunkt "Bibelstudien" an der Hebräischen Universität in Jerusalem, schlägt vor, die Bibel täglich ohne Angst und Vorurteile, mit großer Offenheit zu lesen: Man solle dort beginnen, wo man gerade beginnen möchte. Den Rest werde die Bibel schon tun. Darüber hinaus müsse man heute beim Studium der Bibel in Betracht ziehen, daß die israelische Gesellschaft sich verändert hat, daß wir uns in einer technologischen Zeit mit Computer und Fernsehen befinden und daß sich die hebräische Sprache von ihrer Herkunft entfernt und neue Nuancen erhalten hat.

Seit dem Eichmann-Prozeß im Jahr 1961 spielt die Shoah eine zentrale Rolle für die israelische und die jüdische Identität. Yaira Amit, Leiterin der erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Tel Aviv mit der Bibel als Forschungsschwerpunkt, glaubt jedoch, daß dadurch die Bibel nicht einfach durch die Shoah ersetzt wird. Sie meint eine Tendenz in der israelischen Gesellschaft zu erkennen, wonach die Nähe zur Tradition gesucht wird und der Wunsch besteht, andere kulturelle Quellen außer der Bibel kennenzulernen. So werde der Kanon, nach dem die israelische Identität gestaltet wird, um weitere Quellen - neben der Bibel - ergänzt.

Der Rabbiner Neria Gutel, Präsident des "Orot Israel College" in Elkana, einer israelischen Siedlung im Westjordanland, und weltweit einer der besten Experten zum Thema "Israel und die Völker", greift Amits Forschungen auf und entwickelt sie weiter: Die Bibel allein mache nicht die israelische oder jüdische Identität aus. Zwar gebe es in der Bibel schöne Stellen, wie "Liebe Deinen Nächsten"; aber es gebe auch andere, wie zum Beispiel die von David, der das Land verheerte: "und ließ nicht leben Mann, noch Weib, und nahm Schafe, und Rinder, und Esel, und Kamele und Kleider, und kehrte zurück" (1 Sam 27,9). Um ihre Bedeutung zu verstehen, brauche man exegetische Hilfen, damit man etwa zwischen zeitweiliger Notanweisung und dem Gesetz für Generationen oder zwischen dem Gesetz des Einzelnen und dem Allgemeingesetz trennen könne. Die Exegese erkläre, lokalisiere, grenze ab, definiere und beleuchte die Absicht - nicht nur die Vergangenheit, sondern auch in bezug auf die Gegenwart. Dazu sei nicht nur die schriftliche Überlieferung wichtig, sondern neben der mündlichen Überlieferung auch die wörtliche Bedeutung des Bibeltextes ("Pschat") neben seiner homiletischen Interpretation im Sinn eines ethisch-aggadaischen Kommentars ("Drasch").

Die Shoah in Israels kollektivem Gedächtnis

Die Shoah gehört zum universellen Erbe aller zivilisierten Menschen. Sie hat Kriterien der absoluten Bosheit aufgestellt. Die Lehren der Shoah entsprechen einem kulturellen Erziehungskodex für humane Werte der Demokratie, Menschenrechte für Toleranz und Geduld und gegen Rassenhaß und totalitäre Ideologien. Zwar werden die Schrecken der Shoah seit der Unabhängigkeit Israels und der Stärkung der nationalen Sicherheit immer mehr ausgeblendet, aber die zionistische Bewegung und die Ablehnung des jüdischen Lebens in der Diaspora haben ihre Bedeutung auch betont: nämlich das existentielle Bedürfnis nach einem souveränen Staat Israel, das im Schatten seiner Bedrohung weiterbesteht. Der Staat Israel unternahm seit seiner Gründung wichtige Schritte in bezug auf die Shoah als kollektives israelisches Gedächtnis:

1. Im Jahr 1950 wurde durch die Knesset das "Gesetz zur Bestrafung von Nazis und Nazihelfern" erlassen. Es besagt, daß jemand, der während der Nazi-Herrschaft Juden ermordet hat oder daran beteiligt war, Juden gequält oder ausgehungert, Synagogen beschädigt oder andere Gewalttaten gegen Juden oder andere Völker verübt hat, des Verbrechens gegen das jüdische Volk und des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig ist. Dafür sieht das Gesetz die Todesstrafe vor.

2. Am 10. September 1952 wurde durch den israelischen Außenminister Mosche Scharet und den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer der Wiedergutmachungs- Vertrag, das "Luxemburg-Abkommen" zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. Im Rahmen dieses Abkommens überwies Deutschland an Israel während der Jahre 1953 bis 1965 etwa drei Milliarden DM als Entschädigung für materielle Verluste bzw. das Leid der Juden während der Shoah- Zeit. Darüber hinaus verpflichtete sich die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, eine Rente an die Shoah-Überlebenden zu zahlen - einen festen monatlichen Betrag, der ihnen als Entschädigung für das Leiden in Konzentrations- und Vernichtungslagern bzw. für den Verlust von Grundrechten, wie zum Beispiel dem Recht zu studieren, zugesprochen wurde.

Ein Teil der Entschädigung für das beschlagnahmte oder zerstörte Vermögen der jüdischen Gemeinden in Deutschland (Synagogen und öffentliche Gebäude) wurde an die jüdischen Gemeinden, die in der Bundesrepublik Deutschland geblieben sind, zurückgegeben. Mit dem Luxemburg-Abkommen übernahm die Bundesrepublik die Verantwortung für die Folgen des Völkermords an europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Das Abkommen erkennt den Staat Israel als Repräsentant des jüdischen Volkes, besonders der Ermordeten in der Shoah an, und als Staat, der die Hauptlast der Integration der jüdischen Flüchtlinge und ihrer Rehabilitation getragen hat. Die persönlichen Entschädigungen erhielten auch Shoah-Überlebende, die weder in Israel lebten noch israelische Bürger waren.

3. Am 19. August 1953 wurde durch einen Beschluß der Knesset "Yad Vashem" als "Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust" in Jerusalem gegründet. Sie ist die bedeutendste Gedenkstätte der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Yad Vashem soll an die Shoah erinnern und ihre Lehren bewahren. Die Gedenkstätte erhielt den Auftrag, den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" (Chassid Umot HaOlam) an nichtjüdische Personen zu verleihen, die ihr Leben riskierten um Juden vor den Nazis zu retten. Yad Vashem wird jährlich von über zwei Millionen Menschen besucht.

4. Von 1953 bis 1955 wird im sogenannten "Kasztner-Prozeß" Israel (Rudolf/ Rezsö) Kasztner (1906-1957) der Kollaboration mit den Nazis angeklagt. Kasztner, Jurist, Journalist und zionistischer Gemeindeleiter in Rumänien und Ungarn, hatte als Mitglied eines jüdischen Rettungskomitees in Budapest mit dem ungarischen militärischen Geheimdienst und mit Spionageagenten der Reichsarmee verhandelt, um jüdische Flüchtlinge vor dem Konzentrationslager zu retten. Nach der deutschen Besetzung im Jahr 1944 stand Kasztner in Verbindung mit Sicherheitsoffizieren des Deutschen Reichs, unter ihnen auch Adolf Eichmann. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen hatte er als Zeuge zugunsten von hochrangigen Nazis ausgesagt. Das Gericht sprach Kasztner der Kollaboration schuldig. Nach Aussage des Richters habe er "seine Seele dem Teufel verkauft". Ein Jahr später hob der Oberste Gerichtshof das Urteil gegen Kasztner auf. Kurz darauf wurde er vor seiner Wohnung in Tel Aviv angeschossen. Er erlag am 15. März 1957 seinen Verletzungen. 2007 wurde sein Privatarchiv der Gedenkstätte Yad Vashem übergeben.

5. Der Holocaust-Gedenktag "Jom haSchoah" oder "Jom haSikaron laSchoah we- LaGwurah" ist seit 1959 israelischer Nationalfeiertag - Gedenktag für die Opfer des Holocausts bzw. für den Heldenmut und die Ghettoaufstände während der Shoah- Zeit. Bis zum Jom-Kippur-Krieg (1973) wurde in Israel an diesem Tag der Gegensatz zwischen "hier" in Jerusalem und "dort" in Europa bzw. zwischen den Juden, die in Israel für ihre Unabhängigkeit gekämpft und sie mit ihrem Heldenmut verwirklicht haben, und denen in der Diaspora, die als Opfer wie Kleinvieh abgeschlachtet wurden, betont. Nach dem Jom-Kippur-Krieg mit mehr als 2500 Toten auf israelischer Seite, hat man Israelis nicht mehr nur als Helden, sondern auch als Opfer betrachtet. Jom haSchoah ist der Tag einer tiefgehenden Rechenschaft vor sich selbst, besonders des jüdischen Volks gegenüber dem christlichen Volk. An Jom HaSchoah gedenkt man in Israel der Shoah in den Medien, aber auch in der Familie der Shoah-Überlebenden.

6. Ein wichtiges Datum ist auch der Eichmann-Prozeß im Jahr 1961. Adolf Eichmann (1906-1962), SS-Obersturmbannführer und Leiter des für die Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Referats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), war für die Ermordung von etwa sechs Millionen Menschen im weitgehend besetzten Europa zentral mitverantwortlich. 1960 wurde er von Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad aus Argentinien nach Israel gebracht, wo ihm der Prozeß gemacht wurde. Zwei Jahre später wurde er zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Die Shoah - Legitimation für den Staat Israel?

Der erwähnte "Marsch der Lebenden" vereint die israelische Gesellschaft durch Solidarität: "Wir waren dort (in Polen) mit ihnen (den Shoah-Opfern)", so empfinden Teilnehmer dieses Erlebnis, das anders und stärker ist als die kulturelle Realität, die durch den virtuellen Raum des Fernseh- bzw. Computerbildschirms vermittelt wird. Der Marsch der Lebenden ist eine Metapher des ganzen jüdischen Volkes, das den Sieg seines Lebenswillens trotz seiner Zerstörer errungen hat.

Die Reise nach Polen versucht, diese stolze israelische Erfahrung bewußtzumachen. Sie setzt die jüdische Diaspora fort und verbindet sie gleichzeitig mit der zionistischen Existenz im Land Israel. Der intensivste Augenblick, in dem die Verbundenheit der Shoah mit der israelischen Identität am stärksten zum Ausdruck kommt, ist der Gesang von "HaTiqwah", der Hymne des Staates Israel, an der Türöffnung zur Verbrennungsanlage und Gaskammer: Das Schicksal des schwachen und verstreuten Volkes im Tal des Todes ruft eindeutig nach einem Bekenntnis zu einem unabhängigen, starken Staat.

Die Reise nach Polen ist der Höhepunkt des Shoah-Studiums. Die Teilnehmer werden unmittelbar mit dem Umfeld des tragischen Geschehens konfrontiert, lernen es dadurch besser zu verstehen und seine Dimensionen zu begreifen. Mit dieser Reise ist die Verpflichtung verbunden, die Shoah kennenzulernen, sich zu erinnern und der nächsten Generation weiterzuerzählen. Durch das Sehen und Hören vor Ort werden Ghettos und Vernichtungslager konkreter und sprechen gegen eine Shoah-Leugnung an.

Allerdings gibt es auch namhafte Stimmen in Israel, die die Bedeutung des Marsches der Lebenden für die israelische Identität in Frage stellen. Ein traumatisches kurzes Erlebnis müsse nicht unbedingt als Basis für ein Denken in die Zukunft dienen. Diese Problematik, die die Sephardim in Israel von der Shoah der Aschkenasim entfernt, durchlief seit der Gründung des Staates Israel verschiedene Stufen. Raul Teitelbaum, israelischer Journalist, Shoah-Forscher und Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, ist ebenso wie die Schriftsteller Sami Michael und Eli Amir, die beide in Bagdad geboren sind, und Amnon Shamosh aus Syrien der Auffassung, daß sich während der ersten Jahrzehnte nach der Shoah Juden aus den islamischen Ländern mit dem Leiden ihrer Brüder aus Europa identifiziert haben. Später, während der 80er und 90er Jahre, gab es aber eine Zeit der Entfernung von der Shoah-Tradition und im letzten Jahrzehnt wiederum eine neue Annäherung durch die Erinnerung daran, daß auch Tausende von Juden aus Nordafrika in Konzentrationslager geschickt wurden: Somit verstanden sich auch sephardische Juden als Teil der Shoah.

Der Historiker Chaim Grossman, der an der Universität in Tel Aviv zur israelischen zionistische Kultur forscht, gibt zu bedenken, daß für die Teilnehmer des Marsches der Lebenden ihre Bindung an die jüdischen Welt, die doch voller Leben, Kultur und Tradition ist, durch eine tote Welt hervorgerufen wird. Die Rückkehr an die jüdischen Wurzeln finde nicht wirklich statt, da man eigentlich zu den toten Wurzeln zurückkehre. Auf der Reise nach Polen treffe man auf alte Grabsteine und das bittere tragische Ende der Juden, statt dort die Diaspora und ihren Glanz zu sehen bzw. das Judentum in seiner blühenden Kultur zu erleben. Die Lehre daraus stärke nicht die Liebe zum Staat Israel, sondern die Unterschiede zwischen "schwach = Shoah" und "stark = Sicherheit".

Jüdische Spurensuche in Vergangenheit und Gegenwart

Grossman fordert, das staatlich geförderte Reiseprojekt nach Polen zugunsten anderer wichtiger geographischer Orte aufzugeben. In Marokko zum Beispiel sei jüdisches Leben mit einer prächtigen eigenständigen Kultur seit über 2500 Jahren nachgewiesen, die jedoch nicht mehr existiere, da die Mehrheit der Juden 1948 nach Israel eingewandert sei. Eine Spurensuche israelischer Schüler dorthin würde sie an Orte führen, wo es über sehr lange Zeit jüdische Einheit, Tradition, Glauben, reiche jüdische materielle Kultur, gesellschaftlich-ökonomische Entwicklung der letzten Generationen und eine Basis von guten nachbarschaftlichen Beziehungen mit der islamischen Welt gab. So eine Reise könnte eine Brücke in eine zukünftige Welt der gemeinsamen Teilhabe sein: eine Spurensuche in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart, beispielsweise nach Jerusalem oder Galiläa oder in israelische Entwicklungsstädte im Negev, wo sie modernes wegbereitendes Tun erleben können.

Raul Teitelbaum ist der Meinung, daß die Reise der jüdischen Jugend nach Deutschland gehen müsse. Es sei wichtig, die Deutschen daran zu erinnern und die jüdische Jungend zu lehren, woraus dieses entsetzliche Phänomen erwachsen konnte, besonders vor dem Hintergrund der Verhältnisse der deutschen Gesellschaft heute. Andere Israelis stehen auf dem Standpunkt, daß man - mit Rücksicht auf die Opfer der Gegenwart - den Blick der Jugend auf die Palästinenser im Gazastreifen, erweitern solle.

Auf Zvi Gil, Shoah-Überlebender und Mitbegründer des israelischen Fernsehens, der für die Dokumentation und Erinnerungskultur der Shoah arbeitet, wirkt die ganze Atmosphäre während des Marsches der Lebenden manchmal wie ein Event oder ein "Happening". Der israelische Historiker Yehuda Bauer, einer der wichtigsten Holocaust-Forscher und Leiter des "International Centre for Holocaust Studies in Yad Vashem" von 1996 bis 2000, meint, daß man auf einem Friedhof nicht "marschieren", sondern auf den Zehenspitzen gehen sollte. Ebenso sollte man auf einem Friedhof nicht singen, Fahnen hissen oder politische Reden halten, wie es ranghohe Politiker aus Israel in der Vergangenheit schon gemacht haben.

Die Jugendlichen, die am Marsch der Lebenden teilnehmen, wollen sich während der Tage in Polen nicht ständig mit jüdischem Tod und Erinnerung beschäftigen. Sie verbringen ihre Zeit dort auch mit Tourismus- und Freizeitangeboten. Dies hält Chaim Grossman für abwegig, da man die Polen nicht unbedingt reich machen solle, denn die Polen ihrerseits hätten weder damals noch heute für Juden Gutes im Sinn gehabt.

Or Kashti, Korrespondent der israelischen Tageszeitung Haaretz, berichtete über das auffällige Verhalten mancher israelischer Schüler während der Reise nach Polen: Sie betrinken sich, besuchen Casinos, und manche sind in Gewalttätigkeiten verwickelt. Es gab schon in der Vergangenheit einige Fälle, wo israelische Schüler unangenehm aufgefallen sind. Deswegen verpflichtet das israelische Erziehungsministerium jeden Schüler, der an der Delegation nach Polen teilnehmen will, zu einem persönlichen Gespräch mit einer pädagogischen Beraterin, dem Direktor der Delegation oder dem begleitenden Lehrer. Außerdem soll eine Art Verhaltenskodex definiert und unterschrieben werden. Neuerdings ist die Teilnahme auch an die Abgabe einer theoretischen Arbeit zur Shoah-Erinnerung oder zu anderen Themen, die mit den Inhalten der Reise verbunden sind, geknüpft. Diese Arbeit muß noch vor der Reise bewertet worden sein. Darüber hinaus soll jeder Schüler nach der Reise freiwillig eine praktische Arbeit für die Gemeinde in dem Ort durchführen, in dem er lebt. Wenn möglich, sollte er Kontakt mit bedürftigen Shoah-Überlebenden aufnehmen, die an seinem Wohnort leben.

Ein absurder Punkt ist das Bedürfnis mancher Teilnehmer, beim Marsch der Lebenden zu beweisen, daß es die Juden noch gibt. Statt dessen sollten die Juden zeigen, daß sie eng mit den Aufgaben der Gegenwart verbunden sind. Dies würde bedeuten, den anderen zu zeigen, wie man einander besser verstehen und in Kooperation und gutem Leben existieren kann. Es ist wichtig, die schrecklichen Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs wahrzunehmen, zu erinnern und sie sowohl im kollektiven als auch im persönlichen Gedächtnis festzuhalten; aber die "Industrie", die um den Marsch der Lebenden herum entstand, erweist denjenigen keine Ehre, die damals im Konzentrationslager und in den Ghettos waren, und auch jenen nicht, die das Erbe dieser Opfer weitertragen.

Nach Or Kashti sind in den letzten Jahren jährlich etwa 25000 israelische Schüler mit den Delegationen nach Polen gefahren. Die Zuschüsse des israelischen Erziehungsministeriums für die Delegationen nach Polen sind sehr hoch - etwa tausend Euro pro Schüler. Die Reisekosten von Gruppen, die selbständig nach Polen reisen, sind noch höher. Nicht alle Schüler können sich diese Kosten leisten, und viele von ihnen sind dadurch benachteiligt.

Uzi Dayan, israelischer Politiker, General in der israelischen Armee und Neffe Mosche Dayans, sowie der Student Asaf Raguan vertraten 2006 in der Internetzeitschrift "YNET" die Ansicht, daß ein Einsatz in Israel dem Marsch der Lebenden vorzuziehen sei. Im Jahr 2006 gab es 260000 Shoah-Überlebende in Israel. Ein Drittel von ihnen leidet bis heute unter einer schändlichen ökonomischen, seelischen und gesellschaftlichen Not. 73 Prozent von ihnen sind 76 Jahre alt und älter, 20 Prozent sogar älter als 86 Jahre. Viele leiden unter Krankheiten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und ihren Folgeerscheinungen. Mehr als 10000 befinden sich in ständiger medizinischer Behandlung. Dayan und Raguan halten es für sinnvoller, das Geld etwa in Betreuungspersonal, in Notrufsysteme, die Finanzierung von Zahnarztkosten, Hörgeräten, Brillen und orthopädischem Zubehör zu investieren anstatt in den Marsch der Lebenden. Sie werfen den Knessetabgeordneten vor, sich nie mit der gleichen Energie für das Wohl der Shoah-Überlebenden eingesetzt zu haben wie zum Beispiel für die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen.

Koexistenz aller Traditionsstränge

In der Frage nach der nationalen Identität Israels ergibt sich ein breites Meinungsspektrum. Dabei verläuft die Tendenz nicht gegen die Tradition als solche. Man vergißt in Israel nicht so schnell, daß die Bibel ein Teil der Tradition und der Geschichte der Juden ist. Ein Volk ohne Tradition und Geschichte hat keine Zukunft. Eine Entscheidung zwischen Bibel oder Shoah wäre deshalb vorschnell und würde der Wirklichkeit der modernen pluralistischen Gesellschaft in Israel nicht entsprechen. Israel ist der einzige Staat der Welt, in dem Juden die Bevölkerungsmehrheit darstellen. Doch mehr als die Hälfte der Juden in Israel sind säkulare Juden. Israelische Identität hat mehrere Quellen und Traditionsstränge, und sie ist mit der Bibel, mit der Shoah und auch mit den Auseinandersetzungen für und um den eigenen unabhängigen Staat verbunden. Für die Identitätsfindung des gesamten israelischen Volkes in diesem Staat wird das Ringen um die Koexistenz der verschiedenen Traditionen von zentraler Bedeutung sein.

Stimmen der Zeit-Newsletter

Mit unserem kostenlosen Newsletter informieren wir Sie über Neuheiten auf unserer Homepage.