Zum Tod des Arche-Gründers Jean Vanier Unermüdlicher Einsatz für behinderte Menschen

Bis zuletzt setzte er sich dafür ein, Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde zu ermöglichen. Nun ist Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, im Alter von 90 Jahren gestorben.

Menschen mit und ohne Behinderung leben zusammen.
Menschen mit und ohne Behinderung leben zusammen.© Unsplash

"Man sagt oft, dass ich der Gründer sei, aber ich bin einfach nur der, der als Erster gekommen ist." Es sind bescheidene Sätze wie dieser, die den Theologen und Philosophen Jean Vanier am besten charakterisieren. Dabei sind seine Verdienste von unschätzbarem Wert: Der ehemalige kanadische Marineoffizier und Theologe rief die christlichen Arche-Gemeinschaften für Menschen mit und ohne geistige Behinderung ins Leben. Angesichts der kontroversen Debatten über Trisomie-21-Bluttests ein nach wie vor wegweisendes Modell.

Wie die Federation de L'Arche en France mitteilte, starb Vanier im Alter von 90 Jahren in der Nacht zu Dienstag in Paris an den Folgen einer Krebserkrankung. Er hinterlässt ein Netzwerk von heute weltweit rund 150 "Archen" mit etwa 5.000 Mitgliedern in mehr als 35 Ländern.

Papst Franziskus erfuhr während seiner Balkanreise vom Tod Vaniers. Das Kirchenoberhaupt bete für den Verstorbenen und die Arche-Gemeinschaften, teilte Vatikansprecher Alessandro Gisotti im nordmazedonischen Skopje mit. Die Französische Bischofskonferenz würdigte die Lebensleistung Vaniers ebenso wie seine Anhänger in Deutschland, wo es Arche-Gruppen in Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg gibt. "Er hat ein außergewöhnliches Erbe hinterlassen", sagte Stephan Posner, Leiter der Internationalen Arche.

Vanier wurde am 10. September 1928 in Genf geboren. Er war Sohn des späteren Generalgouverneurs von Kanada, Georges Vanier, und wuchs in Kanada, England und Frankreich auf. Als er 15 Jahre alt war, trat er der Marine bei. Zuletzt diente er auf dem kanadischen Flugzeugträger "HMCS Magnificent". 1950 nahm er von der Marine Abschied, um in einer Kommunität bei Paris zu leben. Er begann ein Theologie- und Philosophiestudium. Ab 1962 lehrte er an der Universität von Toronto.

1964 ließ ihm der schlechte Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen keine Ruhe mehr. Mit einem Dominikanerpater nahm er zwei geistig behinderte Männer in ein Häuschen in Trosly-Breuil auf - ein französisches Dorf bei Compiegne. So entstand das erste Arche-Haus. Vanier befasste sich intensiv mit seinen Schützlingen, entdeckte "die Tiefe ihres Leidens und ihren Schrei nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch ihre Freude an der Gemeinschaft mit Menschen".

1965 übernahm der Arche-Gründer die Leitung des Behindertenheimes in Val Fleuri, wo 32 Männer mit einer geistigen Behinderung lebten. Er veränderte das Heim unter dem Konzept, dass Behinderte und Nichtbehinderte in Hausgemeinschaften miteinander leben. Aus dieser Idee entstand eine ganze Bewegung. 1969 wurden erste Arche-Gemeinschaften außerhalb Frankreichs gegründet, "Daybreak" im kanadischen Toronto und "Asha Niketan" im indischen Bangalore. In den 1970er Jahren folgten Strukturen, gemeinsame Leitlinien und eine Charta der Gemeinschaften.

Neben seiner Arbeit in der Arche gründete der Frankokanadier die internationalen Vereinigung "Foi et lumiere" (Glaube und Licht), in deren Gruppen sich Menschen mit Behinderungen, ihre Angehörigen und Freunde regelmäßig treffen. 1981 nahm Vanier ein Sabbatjahr und übergab die Arche-Leitungsverantwortung an seine Mitstreiter. Seither gab er seine Erfahrungen im Zusammenleben mit geistig behinderten Menschen weltweit in Vorträgen und Veröffentlichungen weiter.

2015 erhielt der Katholik den Templeton-Preis für Verdienste um die Menschlichkeit. Die Auszeichnung gehört mit umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro Preisgeld zu den höchstdotierten im Bereich Religion und Spiritualität. Ende 2016 erhielt Vanier aus der Hand des damaligen Premierministers Manuel Valls eine Ehrung der Französischen Ehrenlegion.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Vanier auf dem Gelände der ersten Arche-Gemeinschaft in Trosly-Breuil, rund 75 Kilometer nördlich von Paris. Nach einem Herzinfarkt im Oktober 2017 und einer überstandenen Operation trat er kürzer und verordnete sich eine längere Regenerationspause. "Menschen mit einer Behinderung, speziell mit einer intellektuellen, haben der Welt etwas zu geben und zu sagen", sagte Vanier einmal in einem Interview. "Sobald wir mit ihnen in Beziehung treten, beginnen wir, uns zu verwandeln."

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