Die Bergpredigt

Der allgemein geläufige Titel "Bergpredigt" meint die Rede Jesu auf einem Berg, die im Matthäusevangelium des Neuen Testaments in den Kapiteln 5–7 wiedergegeben wird. Die literarisch anspruchsvolle Komposition dieses Textes wird in der Kennzeichnung als "Lehrrede" deutlicher als im üblichen Titel einer "Predigt". Matthäus entfaltet die Lehre Jesu und gestaltet kunstvoll ein Programm christlicher Identität.

Bergpredigt
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AUFBAU DER BERGPREDIGT – EINER, DER AUFTRITT, UM DAS GESETZ ZU ERFÜLLEN

Der Berg als herausgehobener Ort schafft in antiker Tradition die Szenerie für eine große öffentliche Rede. Mit dem Abstieg nach der Rede sowie Beginn und Ende des Sprechakts wird ein dramatischer Rahmen geschaffen. Die Rede selbst beginnt mit den Seligpreisungen, diese bilden mit den Logien vom Salz der Erde und Licht der Welt eine Einführung in die Thematik der Rede. Sie steht im Zeichen der Forderung nach der Erfüllung von Gottes Weisung und der „größeren Gerechtigkeit“, die der jüdischen Gesetzesbefolgung gegenüber gestellt wird (Mt 5,17–20): Jesus hebt die Gültigkeit von Gesetzen und Propheten nicht auf, er erfüllt sie. Mit der Goldenen Regel in Mt 7,12 („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“) entsteht ein Rahmen für die folgenden Antithesen, die Weisungen Jesu und das Vaterunser. Auf die Goldene Regel folgen die Bildworte von den zwei Wegen, von den falschen Propheten, vom Erfüllen des Willens des Vaters und vom Haus auf dem Felsen. Schließlich lässt der Evangelist die Rede mit einer Beschreibung der staunenden Hörer enden.
Eine inhaltliche und formale Entsprechung findet sich in der „Feldrede“ im Lukasevangelium (Lk 6,17–49): Auch sie enthält Seligpreisungen und die Goldene Regel, verschärft allerdings deutlicher die Gebote Jesu, insbesondere den Aspekt der Feindesliebe.

Sprachlich zielt die Bergpredigt auf eine existentielle Ergriffenheit des Zuhörers, suggestiv wirken die rhetorischen Mittel des Autors auf das Gewinnen für die Lehre Jesu hin. Der Zweck, den Matthäus dabei verfolgt, ist es, den Leser über das messianische Zeugnis Jesu zur Begegnung mit Gott zu führen: Jesus tritt eben nicht als Schriftgelehrter auf, sondern in der Sicherheit des mit absoluter Vollmacht ausgestatteten Lehrers (Mt 7,29).

INHALT DER BERGPREDIGT – ÜBER GOTTES- UND NÄCHSTENLIEBE

Die ethische Unterweisung Jesu hat drei inhaltliche Schwerpunkte: Alle moralischen Forderungen konzentrieren sich in dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Dieses Grundgebot verlangt vom Menschen eine vollständige Erneuerung. Und jene Gesinnung schließlich muss sich im konkreten Tun der Liebe manifestieren.
Seine Lehre trägt Jesus in Gleichnissen und Beispielgeschichten vor, die vom Hörer verlangen, sie in einem Übersetzungsprozess auf das eigene Leben zu übertragen. Auf dem Weg jener doppelten Liebe ist es dann das Gewissen des Einzelnen, das entscheiden muss, wann der Mensch zum Nächsten wird: So schildern die Antithesen exemplarische Verhaltensweisen, die sich dem eigenen Gewissen folgend auf die individuelle Lebenssituation übertragen lassen.

Die Seligpreisungen (Mt 5,3–12) sind gewissermaßen das Tor zur Bergpredigt. Planvoll arrangiert nehmen sie die zentralen Themen der folgenden Rede vorweg. Als zur Zeit Jesu verbreitete Redegattung sind die Makarismen der Bergpredigt einzigartig: Sie versprechen das Heil den heillosen Menschen, unabhängig von jeglicher menschlicher Vorleistung; der Zeitpunkt der Erfüllung dieses Heils ist die Gegenwart: „Selig, die arm sind vor Gott;/ denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 5,3) Die Reich-Gottes Verkündigung Jesu beinhaltet das messianische Zeitgefühl – dass Gottes Verheißungen in der Jetztzeit wahr werden. Die Seligpreisungen konfrontieren den Menschen mit der Umwertung aller Werte, nicht als Ressentiment gegen das Leben und sein alltägliches Glück, sondern als Mahnung und Anfrage an unseren Lebensstil.

Auch die Antithesen (Mt 5,21–48) bilden von ihrer formalen Struktur her eine eigene Texteinheit. Die einleitende Formel „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist…“ wird mit dem Gegensatz „Ich aber sage euch…“ zum Muster für die Thesen zu Zorn und Versöhnung, zur Ehe und Scheidung, zum Schwören, zur Gewaltlosigkeit und zur Nächsten- und Feindesliebe. Die Botschaft der Antithesen nimmt bei Jesus ihren Anfang und endet im Handeln der Adressaten. So soll sich die überlieferte Botschaft vom Anbruch des Reichs Gottes in der jeweiligen Gegenwart des Lesers und Hörers bewahrheiten – erst wenn diese ihr Leben nach dem Evangelium ausrichten, ist das Überlieferungsgeschehen vollendet. Die Antithesen zeichnen exemplarisch ein vollkommenes christliches Leben, in dem sie Konflikte des menschlichen Alltags mit Wegen der Versöhnung verbinden. Die Vision einer versöhnten Welt nimmt – in der Grundrichtung der jesuanischen Ethik – ihren Lauf von der inneren Heilung des Menschen zu einem umfassend gelungenen Leben in Wort und Tat.

Innerhalb der gesamten Bergpredigt nimmt das Vaterunser die zentrale Stellung ein, sodass diese gewissermaßen zu einem Schlüssel für das Verständnis jenes Gebets wird. Es wird umrahmt von der Darstellung der guten Werke: dem Grundsatz der Gerechtigkeit, der Aufforderung zur Almosengabe, dem richtigen Fasten und dem Beten im Allgemeinen. (Mt 6,1–18). Als vertrauensvolles Bitten in allen Anliegen ist das Gebet nach der Aufforderung Jesu besonders bestimmt von unbedingter Erhörungsgewissheit. Die Anrede „Vater“ ist dabei Zeugnis seiner einzigartigen Nähe zu Gott, dessen Liebe zu jedem einzelnen Menschen Jesus offenbaren will.

RADIKALE FORDERUNGEN DES NAZARENERS

Häufig werden die Forderungen Jesu in der Bergpredigt als „radikal“ bezeichnet: Sie verlangen einen Einsatz, der ein Verhalten gemäß dem Gesetz übersteigt und den Anderen aus unbedingtem Wohlwollen gänzlich als Person anerkennt. Radikal ist dieser Anspruch auch gemäß seiner etymologischen Bedeutung – der Mensch wird in seinem Herzen, der Wurzel allen Denkens, Fühlens und Handeln beansprucht. Der ethische Appell Jesu ist nicht moralisch rigoros: Die Forderung nach Vollkommenheit (Mt 5,48) meint kein Perfektionsideal, sondern vielmehr die vollständige, ungeteilte Nachfolge. Und jene radikale Hingabe an Gott wiederum ist ohne Barmherzigkeit gegenüber den Menschen, dem Nächsten unmöglich. Dies ist das Besondere der von Jesus geforderten Vollkommenheit.

DIE „WAHRE GERECHTIGKEIT“ JESU ALS KERN CHRISTLICHER ETHIK

Auslegungsgeschichtlich hat die Deutung der Bergpredigt im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlichste Modelle zur Interpretation des Christseins hervorgebracht. Mit der Übersetzung der Botschaft Jesu in die eigene Gegenwart war meist eine Abschwächung der Forderungen verbunden: Einerseits der Preis, um die irritierende Fremdheit der Bergpredigt zu überwinden und sie im Leben der jeweiligen Adressaten ankommen zu lassen. Andererseits auch Ausdruck der Perspektivenvielfalt, die in dieser Rede schon angelegt ist. So findet in jeder Auslegung ein Aspekt besonderen Ausdruck, der den zeitgeschichtlichen Herausforderungen entspricht. So ist die Bergpredigt Programm eines Christseins, das als Prozess zu verstehen ist, in dem der Einzelne unterschiedlich weit voranschreitet: Ansporn für jeden Gläubigen, diesen Wachstumsprozess zu beschreiten.

Um die zentrale Bedeutung jener Rede für die christliche Moral zu erfassen, muss ihr Verständnis grundsätzlich im Kontext der drei synoptischen Evangelien, die das Reich Gottes ankündigen, erschlossen werden. Die Bergpredigt bildet eine Optionsbasis, deren Interpretation notwendig wird und zu einer eigenen Stellungnahme bewegt. Die „größere Gerechtigkeit“ bedeutet die befreiende Wahrheit Gottes zugunsten des Menschen – ein Grundsatz, der in der Bergpredigt exemplarisch in konkreten Stellungnahmen ausgelegt wird. Dies beinhaltet die Forderung, das Gerechtigkeitskriterium eigenständig anzuwenden: So können die Seligpreisungen auf reale Zustände von Unrecht oder Leid bezogen werden. Die Gottesherrschaft verstanden als absoluter Gegenpol verlangt dann Konsequenzen auf jeder gesellschaftlichen Ebene (vgl. die befreiungstheologische „Option für die Armen“). Die Antithesen können dann als hoher Anspruch nicht vollkommenheitsethisch verfälscht, sondern sozial sensibel verstanden werden. In diesem Sinne fordern auch die Bilder vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ (Mt 5,13–16) dazu auf, nach dem Prinzip jener „größeren Gerechtigkeit“ die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse mitzugestalten.

Auch wenn die Bergpredigt kein politisches Programm für den Umbau der Gesellschaft oder des Wirtschaftssystems enthält, gilt es doch, ein christlich-solidarisches Menschenbild, das eine bessere Welt für alle anstrebt, auch politisch zu verteidigen: Gegen von Menschen geschaffenes Unrecht und für eine menschliche Zukunft von Werten geprägt, die das Zusammenleben stärken. (vgl. N. BLÜM: Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht) Gefordert ist ein Christentum der Tat, das ganz konkret Zeugnis für das Reich Gottes ablegt: In der prinzipiellen Scheidung von allem Bösen; im sichtbaren Tun der Nächstenliebe, Solidarität mit den Armen, Dienst am Frieden und dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit.

Eine radikale Hinwendung zu den Aufforderungen der Bergpredigt bedeutet nicht, sämtliche Antworten für das Christsein im Alltag auf dem Silbertablett zu erhalten – vielmehr sind die aufkommenden Fragen und die Verunsicherungen eine Zumutung. Nur in einer Haltung der Bereitschaft,  dass die Botschaft der Bergpredigt das eigene Leben von Grund auf verändern kann, wird die Einladung dieser so bildlich aufgezeigten Zukunftsperspektive in ihrer vollen Tragweite wirksam. Auch wenn die Christen unserer Zeit vor ganz anderen Herausforderungen stehen, als die der jesuanischen Lebenswelt, ist dieser Text noch immer voller revolutionärer Impulse, die gleichermaßen für die Gegenwart fruchtbar werden können.

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