Heiliger Geist

Das „Bei-uns-Sein“ des einen Gottes, des inneren Du-Partners des Menschen.

Zur Theologiegeschichte

Das Interesse des theologischen Nachdenkens wandte sich in den ersten Jahrhunderten dem Heiligen Geist weniger zu, wenn auch die biblischen Texte in Verkündigung und Meditation breiten Raum einnahmen. In der Abweisung des Patripassianismus und Sabellianismus wurde der Heilige Geist eher beiläufig mitgenannt. Im Gefolge der Auseinandersetzung des 4. Jh. mit dem Arianismus konzentrierte sich die Diskussion mit den Makedonianern thematisch auf den Heiligen Geist, wobei Athanasius († 373) und die Kappadokier auf der Seite der Großkirche die führende Rolle spielten. Unter arianischem Einfluss entstand die These, der Heilige Geist sei ein Geschöpf Gottes, eine geschaffene Kraft. Um dem Spott zu entgehen, wenn Jesus entsprechend dem Konzil von Nikaia wesenseins mit Gott sei und der Heilige Geist ebenso, dann seien Jesus und der Heiliger Geist Brüder, verwendete das Konzil von Konstantinopel 381 den Begriff Homoousios für den Heiligen Geist nicht, sondern es teilte ihm göttliche Attribute zu (Kyrios, Lebendigmacher), bekannte sich zu seinem Ausgang vom göttlichen Vater, und stellte die Anbetung und Verherrlichung des Heiligen Geistes zusammen mit Vater und Sohn fest. In der Folge gelangte die theologische Redeweise von dem einen göttlichen Wesen (griechisch „ousia“, lateinisch „substantia“) in drei Hypostasen, unter ihnen der Heilige Geist, zu offizieller Geltung.

Die Theologie bemühte sich fortan, die genauere Eigentümlichkeit des „Hervorgangs“ des Heiligen Geistes, gerade auch in seinem Unterschied zum „Hervorgang“ des göttlichen Logos, näher zu ergründen, wobei verschiedene philosophische Begriffe und Metaphern verwendet wurden. Augustinus († 430) verstand in seiner einflussreichen Trinitätstheologie den Heiligen Geist als „Band der Liebe“ zwischen Vater und Sohn. In seiner Lehre von der Einwohnung Gottes im Menschen konnte er an biblische Texte (Röm 5, 5; Schekhina) anknüpfen. Auf einen leidvollen Weg der Entfremdung von Ost- und Westkirche führte die Einfügung des Filioque in das Glaubensbekenntnis der Westkirche. Die scholastische und reformatorische Theologie befassten sich mit dem Heiligen Geist vor allem in den Lehrstücken über die Gnade Gottes und über die Sakramente. Auf einen „personalistischen“ Weg, der dem Heiligen Geist ein Eigensein im Sinn des neuzeitlichen Verständnisses von Person zuschreibt und damit die Einheit und „Einfachheit“ Gottes auflöst, führte die Spekulation des schottischen Augustiners Richard von St. Victor in Paris († 1173), der den Heiligen Geist als „gemeinsam Geliebten“ des „liebenden“ Vaters und des „geliebten „ Sohnes bezeichnete.

Die ostkirchlich-orthodoxe Theologie wandte sich dem Heiliger Geist in zwei Phasen zu. In der ersten bis zum 14. Jh. galt ihre besondere Aufmerksamkeit dem Wirken des Heiligen Geistes in der Gnade, das sie als Vergöttlichung des Menschen thematisierte. In der darauf folgenden zweiten Phase entstand die spezifisch ostkirchliche „pneumatologische Ekklesiologie“ mit einer besonderen Schwerpunktsetzung bei der Epiklese in dem kirchenkonstitutierenden Sakrament der Eucharistie. Neuere ostkirchliche Theologen möchten die ganze Theologie „pneumatologisch“ geprägt sehen. Im II. Vaticanum wiesen die orthodoxen Gäste auf das „pneumatologische Defizit“ der lateinischen Theologie und Kirche hin, so dass das Konzil den Heiligen Geist, seine Gaben und Wirkungen, gerade auch in der Heiligung und in der Vermittlung des Glaubenssinns sowie seine Gegenwart in den konfessionell getrennten Kirchen relativ häufig erwähnte.

Systematisch

Eher als in den Spekulationen über innergöttlichen Ausgang, „Hauchung“ usw. kann der Heilige Geist im Glauben erfasst werden in seinen Wirkungen und in den von ihm geschenkten Erfahrungen. Theologisch lassen sie sich von der Selbstmitteilung Gottes her in Worte fassen, wenn auch nicht begreifen: Im geschichtlichen Verhältnis Gottes zur Welt offenbaren sich zwei Grundweisen der göttlichen Selbstmitteilung, als Wahrheit, die sich geschichtlich ereignet und den Menschen zukommt als Angebot göttlicher Zuneigung und Treue, und als Liebe, die sich nicht nur schenkt, sondern die auch die Annahme ihrer selbst bewirkt und – wenn menschliche Freiheit das nicht verhindert – die Transzendenz des Menschen auf Gott als absolute und vollendende Zukunft des Menschen hin öffnet. Wenn Gott sich so aus sich selber heraus-“wagt“, nicht um zu sich selber zu kommen, um sich zu „verwirklichen“, sondern um sich dem andern zu „geben“ (was bedeutet, dass Gott so groß ist, dass er frei am andern „kleiner“ wird), dann ist das Liebe. Das ist Gott als „Heiliger Geist“. Dieser  Heiliger Geist ist schöpferisch und lebendigmachend, er ist der welt-immanente Gott, der wahrhaft Neues entstehen lässt (Selbsttranszendenz). Er ist der Geist der Gnade, das innere Beten und Rufen, der Trost, Impulsgeber, Heiligung, das Bewusstsein, in der Freiheit der Kinder Gottes (Röm 8, 21) zu existieren. Er ist der Geist als Gegner der Welt im negativen Sinn, der Sünde, der Apathie, der Egozentrik, der Geltungssucht. Der Geist ist die Kraft der Verwandlung, die über den Tod hinausdrängt zur Auferstehung und zur Vollendung der Schöpfung. Er ist der Geist, der Menschen sucht und in den Dienst für andere beruft, der durch menschliches Mit- und Füreinander die Menschen auf Gott hin öffnen und ihnen die Einheit von Gottes- und Menschenliebe erschließen will, und so ist er der Geist der Kirche, in der er in immer neuen Impulsen und Aufbrüchen, aber auch im Amt lebt. Da er „weht, wo er will“ (Joh 3, 8), ist er in der Menschheit von Anfang an gegenwärtig und am Wirken, nicht nur in der Zeit und in den Grenzen der Kirche.

Die neuere Pneumatologie auf katholischer und teilweise auch auf evangelischer Seite ist großteils geprägt durch die Konstrukte einer „Personenkommunität“ in Gott. Ferner sind Vorbehalte gegen das Verständnis des Geistes überhaupt als Bewusstsein zu konstatieren, das gegen das Verständnis des Geistes als Leben ausgespielt wird. Beide Einseitigkeiten sind eher dazu angetan, ein bewusstes Bejahen des göttlichen Geistes als das „Bei-uns-Sein“ des einen Gottes, des inneren Du-Partners des Menschen, zu behindern als zu fördern. Das innere Bei-uns-Sein Gottes bedeutet eine werbende Stimme, einen Appell an das Gewissen, nicht aber geschichtsmächtiges Eingreifen. Das ist bei der Rede vom Heiligen Geist nach „Auschwitz“ stets mit zu bedenken.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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