Liedpredigt zu "Nun freut euch, lieben Christen gmein" (EG 341 Martin Luther)

Lucas Cranach der Ältere, Martin Luther
Lucas Cranach der Ältere, Martin Luther

Ein Freiheitsruf. Ein Aufatmen. Ein Lied. Der Verfasser zieht glückliche Bilanz. Leben heißt: aufrecht gehen dürfen und sich nicht ducken müssen bis zum bitteren Ende. Das Lied von der Freiheit eines Christenmenschen hat uns erwischt, glaube ich. Hoffentlich verändert es uns auch. Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen.

Wir sind gemeinsam den Strophen gefolgt. Einige haben wir gesungen, andere wurden uns gelesen. Den Rettungsauftrag Gottes, den er seinem Sohn erteilt, sowie den barmherzigen Zuspruch Christi an uns interpretierten die Solisten. Schließlich haben uns Orgelklänge geholfen, die großartige Botschaft zu meditieren. Und eben endete die verabredete Minute der Stille. Wir haben sie uns gegönnt. Sie ist uns in völliger Ruhe gelungen. Nun mag die Predigt die Botschaft vertiefen.

Ich sehe den Autor von Text und Melodie auf einem Gemälde Lucas Cranachs des Älteren vor mir. Entstanden zwischen 1522 und 1524, lese ich als Fußnote. Luther trägt noch die Mönchskutte der Augustiner, aber keine Tonsur mehr. Dunkles Haar fällt auf die breite Stirn und über die Ohren herab. Seine rechte Hand, die Finger etwas gespreizt, ruht auf dem Herzen. Die Linke liegt auf dem ledernen Einband der Bibel. Vielleicht ist es ein Exemplar des hastig vergriffenen „Septembertestamentes“? Seiner in nur elf Wochen verfassten Übersetzung der Schriften des Neuen Testamentes. Am meisten fesselt mich an diesem Bild der Blick des Porträtierten. Seine Augen sind weit geöffnet. Erfahrenes zu verarbeiten. Kommendes zu sehen. Bemüht, den Überblick zu behalten. Vertrauend dem, der das Fundament aus Gnade gelegt hat: Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene. Es gibt keinen anderen Grund, der das Leben trägt. Weil er es erträgt. Weil er es wandelt.
Dieser freie Blick Luthers. Klar. Wach. Überlegen. Wie die Strophen seiner Ballade. Das ist das eine. Anderes erzählt mir sein geschlossener Mund. Er sagt, dass hier nur dann einer spricht, wenn er tatsächlich etwas zu sagen hat. So sich die Lippen regen, haben die Worte Gewicht. Sie kommen aus dem Herzen. Entspringen dem Geist. Bauen Brücken vom dreieinigen Gott zu jedem Menschen hin. Die Liedverse zeigen es ausdrucksstark, berührend und wegweisend.

Luthers Lied von der grundhaften Freude eines Christenmenschen entsteht im Jahre 1523. Und wird da zum regelrechten Herzensbrecher. Man muss sich die Zeit nehmen, Zeile für Zeile zu verinnerlichen. Sie bringen zur Sprache, was ihr Schreiber als wahr und befreiend erkannt hatte. Die Melodie unterstreicht den Inhalt, und das Ganze wird in jenen Tagen zum Ohrwurm. Wem das Herz voll ist, geht der Mund über. Wer von Freude und Glück überwältigt wird, singt, summt, tanzt, springt. Ein Lied auf einer Rast am Lebensweg. So wirkt es auf mich. Herrlich, diese Auszeit genießen zu dürfen. Der Blick schweift ins Weite. Das Land liegt vor einem. Der Blick geht zurück. Die Strecke bis hierher war nicht ohne.

Am 10. November wird der, der gerade Station macht, vier Lebensjahrzehnte vollenden. Was hat sich nicht alles Bewegendes ereignet?
„Dem Teufel ich gefangen lag …“
Das ist ein bitteres Fazit. Luther hat diese Erfahrung exemplarisch für seine Generation tiefer als jeder seiner Mitmenschen gemacht. Die überwältigende Erkenntnis, dass die Existenz des Menschen in der Welt keine gesicherte, sondern eine radikal bedrohte darstellt, trieb ihn auf den Abgrund zu. Der Mensch ist ausgeliefert. Die Gründe für seine Bedrohtheit hat er selbst geschaffen. So ist es bis heute. Nur eine „Tagesschau“ lang steht uns die Lage drastisch vor Augen. Allerdings fehlt der Gottesbezug. Auch scheuen wir die Mühe, Dinge auf Gott hin bzw. von ihm her zu deuten. Schuldige werden allerdings immer gefunden. Die Verantwortung will oft keiner übernehmen. Deshalb fühlen wir uns nicht mehr auf sicherem Boden. Alles schwankt.
In Luthers Lebenssicht waren Himmel oder Hölle täglich präsent. Für ihn zerbrach die alte Welt, die alte Kirche in dem Augenblick, als ihm klar wurde, dass sie nicht fähig wäre, ihn gegen die Schrecken der Hölle und des erschrockenen Gewissens in Schutz zu nehmen. Die Sicherheiten, die diese Kirche gegen die höllische Verdammnis bietet, gleichen Illusionen. Da sich Luther Gott selbst gegenüber sieht, sich ihm, von Sünde besessen, ausgeliefert erkennt, bleibt ihm nichts weiter übrig, als schutzlos das Ende abzuwarten. Gute Werke zählen nicht. Der Zorn Gottes würde ihn ungefiltert hart treffen. Wenn er klagt: „Zur Hölle musst ich sinken“, dann wird diese verzweifelte Passivität spürbar. Nicht mal ein Todeskampf beginnt. Der Mensch ist erledigt.

Doch dann leitet Gott die barmherzige Wende ein. Das Wunder der befreienden Erkenntnis Martin Luthers besteht darin, dass die fieberhaft erhoffte Gnade Gottes weder durch Leistung noch durch Selbstrechtfertigung zu kriegen sei. Ihn packte zuvor der Zorn gegen Gott und die Bedrohung, die von ihm ausging. Denn den im Herzen gebeutelten Mönch quälte die Gerechtigkeit des Evangeliums. Diese stellte doch das absolute menschliche Versagen heraus und bewies, ein chancenloses, verlorenes Menschlein zu sein.

Er schreibt. „Ich war unmutig gegen Gott. So raste ich in meinem verwirrten Gewissen vor Wut; aber ich klopfte dennoch ungestüm bei Paulus an (Römer 1,16.17), von brennendem Durste getrieben, zu erfahren, was er meine. Da erbarmte sich Gott mein, unaufhörlich sann ich Tag und Nacht, bis ich die Worte zu merken begann ... Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes ... zu begreifen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt aus Glauben. ,Der Gerechte lebt seines Glaubens!‘ Da fühlte ich mich völlig neu geboren. Die Tore hatten sich mir aufgetan; ich war in das Paradies selber eingetreten.“
Jetzt zeigt die Bibel dem Pendler zwischen Kloster und Katheder ein anderes Gesicht.

„Werk Gottes“ bedeutet, dass Gott Segen wirkt.
„Kraft Gottes“ meint die Stärke, mit der er uns kräftig macht.
„Weisheit Gottes“ - das ist seine Entscheidung für uns. Damit wir weise urteilen, menschlich, liebevoll. Insbesondere als Kirche. Was trägt uns künftig? Zahlen und Strukturen sind nur Hilfsmittel. Es kann nur die Gewissheit sein, die Luther im Vertrauen auf Christus besingt, der uns sicher macht: „Wer glaubt an mich und wird getauft, demselben ist der Himmel erkauft, dass er nicht werd verloren.“ (Vers 5)

Ein Lied zur Rast auf dem Wege. Er forderte den Wanderer heraus. Die Ablassfrage ließ die Position des Begnadigten im Wittenberger Thesenanschlag sichtbar werden. Seine Standhaftigkeit wird auf die Probe gestellt - im Verhör auf dem Augsburger Reichstag. In der darauffolgenden Leipziger Disputation. Er sieht sich genötigt, klarzustellen, dass weder Papst noch Kirche unfehlbar sind, sondern allein die Heilige Schrift fehlerlos, in ihrer Autorität unantastbar ist. In der letzten Strophe unseres Freiheitsliedes haben wir es gesungen: „... und hüt dich vor der Menschen Satz, davon verdirbt der edle Schatz ...“ Gemeint sind die Satzungen und Lehren, deren Untermauerung von Machtstrukturen und Freiheitseinschränkungen der Gläubigen.

Wenn auch der Aufbegehrer scharf verurteilt wird, selbst die Bannandrohungsbulle zwingt ihn nicht in die Knie. Er weiß, auch als ein Gebannter und im Reich Verachteter, um seine tragenden Wurzeln. Christus hält ihn fest. Denn er hat dem Menschen zuerst die Liebe erklärt. „Ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden.“ (Vers 7) Solche liebevolle Verbundenheit bereitet Herzklopfen. Das habe ich, das haben wir doch nicht verdient. Unser sündiges Leben hat der Tod verschlungen. Aber am Ostertag ging dem Tod der Atem aus. Das Leben stand auf und siegte. Das Leben ist er, Christus, der Herr. Und wir können in die Zukunft gehen, behütet und getröstet wunderbar.
Luther bleibt aufrecht und tapfer. Auf dem Wormser Reichstag kann er nicht anders, als zu dem zu stehen, was ihn rettete: Christi Freispruch. Nicht aus Mangel an Beweisen, sondern aufgrund erwiesener Schuld. „Mein Unschuld trägt die Sünde dein, da bist du selig worden!“ (Vers 8) Das ist der springende Punkt. Quelle der Unerschrockenheit und zugleich des Glaubensmutes.
Dieses Lied beschreibt die Summe theologischer Erkenntnis des Wittenberger Professors. Er lehrt, dichtet, schreibt. Bis etwa 1530 durchlebt er die Phase höchsten geistigen Schaffens, die sich in zahlreichen Schriften niederschlägt. Das, was er zu Papier bringt, wird Deutschland und Europa prägen. Der Wert, den wir bei Gott haben, versetzt uns in einen neuen Stand. Wir sind entlastet.

„Nun freut euch, lieben Christe g‘mein, und lasst uns fröhlich springen, dass wir getrost und all in ein mit Lust und Liebe singen, was Gott an uns gewendet hat!“ (Vers 1) Der Immer-noch-Mönch hat den gnädigen Gott gefunden. Das war der Durchbruch. Dennoch steht das Gewonnene oft auf dem Prüfstein und droht angefochten verlustig zu gehen. Nur eine stete Auseinandersetzung bewahrt vor Resignation und Gleichgültigkeit. Das müssen wir uns als etablierte Kirche ins Stammbuch schreiben.

Ein Lied zur Rast im Gottesdienst. „Was ich getan hab und gelehrt, das sollst du tun und lehren, damit das Reich Gotts werd gemehrt zu Lob und seinen Ehren!“ (Vers 10) ­Obgleich der Boden schwankt, dürfen wir fest stehen.
Vielleicht gelingt es uns, dass man uns die innere Freude einer zum Leben befreiten Existenz anmerkt. Weil wir den Tag besonnen beginnen. Weil wir versuchen, den Nächsten zu sehen, wie Gott uns sieht. Weil wir uns besinnen und wissen: „Die Güte unseres Herrn ist‘s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ (Klagelieder 3,22f.)

Bildquelle. Heinz Schilling, Martin Luther - Rebell in einer Zeit des Umbruchs, Sonderausgabe München 2016, S.116

Eingangsgebet:
Du bist es, Herr, der mein Leben zum Guten wendet. Oft bin ich taub für dein Wort. Schlage die Hand aus, die du mir reichst. Lass dein Wort spurlos vorüberziehen. Du wirst nicht müde, mir nachzulaufen. Jetzt bleibe ich stehen. Ich halte stille. Vergib mir meine Schuld und öffnen meine Sinne, dir zu begegnen. Lass mich erkennen, was auf dem Spiel steht. Du, meine Hoffnung, mein Halt und meine Hilfe in Ewigkeit.

Bausteine für die Fürbitten:
Dreieiniger Gott, weitherziger Vater, echter Freund, liebevoller Beistand, wir bitten dich:
für die Gleichgültigen, Gewissenlosen, Gewinnsüchtigen - wende ihre Gedanken,
für die Berechnenden, Hartherzigen, Selbstgerechten - erweiche ihre Herzen,
für die Mächtigen, Einflussreichen, Entscheidungsträger - eröffne ihnen Weisheit.
für die Bedürftigen, Behinderten, Benachteiligten - hilf ihnen zur Gerechtigkeit.
für die Gemeinden, Kirchen und Religionen - lass uns versöhnlich leben.

Evangelium: Johannes 8,3-11
Lesung: Daniel 9,18b.19
Epistel: Römer 1,16.17
Liedvorschläge: 345 (Auf meinen lieben Gott)
349 (Ich freu mich in dem Herren)
355, 1-3 (Mir ist Erbarmung widerfahren)
410 (Christus, das Licht der Welt)
421 (Verleih uns Frieden gnädiglich)

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