Liedpredigt zu "Davon ich singn und sagen will" – Martin Luther, Vom Himmel hoch, da komm ich her (EG 24)

Carl August Schwendegeburth, Luther mit seiner Familie am Christabend 1536
Carl August Schwendegeburth, Luther mit seiner Familie am Christabend 1536

Zum 400. Geburtstag Martin Luthers schuf Carl August Schwendegeburth den Stahlstich „Luther mit seiner Familie am Christabend 1536“, womit er uns einen Blick in das häusliche Leben des Reformators werfen lässt. Mit der Laute sitzt dieser am festlichen Tisch, rechts von ihm lugt der fünfjährige Sohn Martin über die Tischplatte, auf dem Stuhl neben ihm hält seine Frau Katharina die knapp zweijährige Margarete und vor ihr steht der dreijährige Paul, auf der anderen Seite ist die siebenjährige Magdalena zu sehen, die dem zehnjährigen Johannes einen Text vorträgt. Links am Ofen ist eine Verwandte der Mutter, Magdalena von Bora, zu erkennen, und bei den beiden Männern handelt es sich um zwei gute Freunde der Familie, zur Linken steht Philipp Melanchthon am Stuhl angelehnt, während sich zur Rechten Johann Walter dazugesellt hat. Dieser Stahlstich wurde immer wieder vervielfältigt, abgewandelt und koloriert, in der Sonntagsschule und dem Konfirmandenunterricht ebenso verteilt wie bei evangelischen Männer- und Frauenvereinen angeboten. Jedes Jubiläum hat eine neue Auflage hervorgebracht, Kataloge boten ihn in unterschiedlichen Größen und Ausführungen an, zuletzt zum Reformationsjubiläum 1917. Kaum eine Darstellung war so erfolgreich und weit verbreitet, sie hat nicht nur die Vorstellung vom Weihnachtsfest Luthers über Generationen hinweg geprägt, sondern auch die deutsche Weihnachtsfeier selbst. Auf dem Tisch mit den Gaben steht leuchtend der Christbaum, dessen Glanz sich in den Augen der Kinder und Erwachsenen widerspiegelt. Dieser Stahlstich galt bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder als Beleg nicht nur dafür, dass schon in der Stube Luthers ein Weihnachtsbaum stand, sondern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt der Reformator selbst als Erfinder des Lichterbaums. Nun ist die Geschichte des Weihnachtsbaumes sehr kompliziert, aber eines darf als sicher gelten: Weder kannte ihn Luther noch hat er ihn erfunden. Es ist das bürgerliche Ideal, das bedenkenlos in das 16. Jahrhundert übertragen wurde.

Dem Künstler Schwendegeburth kommt nicht zufällig das Jahr 1536 in den Sinn. Luther steht in der Blütezeit seines Lebens, die Bibel hat er vollständig übersetzt, auch dank seines Freundes Melanchthon. Die großen Schriften sind verfasst und damit die Leitlinien der Theologie dargestellt, die aufreibenden Auseinandersetzungen sind überstanden, das Schiff der neuen Kirche bewegt sich im ruhigeren Fahrwasser. Aus dem Rebell ist der treu liebende Ehemann und Vater geworden, und liest man seine Briefe aus jener Zeit, sei es an seine Frau oder auch an seine Kinder, dann nähert man sich schon sehr erstaunlich der Idylle dieses Bildes.

Die Laute ist Luthers Begleiter gewesen. Als Kind wurde er früh in der Musik unterrichtet, er hatte eine klare Stimme und spielte wie damals üblich Flöte. Später, als er für eine längere Zeit krank war, hat er sich das Lautenspiel selbst beigebracht. Ihr Klang hat ihn getröstet. Der Freund Johann Walter konnte über Luthers Musikalität geradezu ins Schwärmen geraten, oftmals habe er „gesehen, wie der teure Mann vom Singen so lustig und fröhlich im Geiste ward, dass er des Singens schier nicht müde werden konnte“.
Luther selbst erklärt: „Ich liebe die Musik, weil sie 1. ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist, 2. weil sie die Seelen fröhlich macht, 3. weil sie den Teufel verjagt, 4. weil sie unschuldige Freude weckt.“
Für ihn ist die ganze Schöpfung voller Gesang und erfüllt die Seele des Menschen. Vom Glauben soll erzählt werden, aber er soll auch erfahren werden, und indem ich singe, erzähle ich nicht nur eine Botschaft, sondern sie erfasst und erfüllt mich zugleich. „Davon ich singn und sagen will“, wird zu einer beliebten Formel Luthers, so soll das Evangelium zu den Menschen kommen.
Nicht nur in den Kirchen wurde gesungen, dort sangen im Grunde nur die Priester und die Schüler, auf den Straßen wurde gesungen und den Plätzen, und dort erklangen auch die Lieder der Reformation. Ein katholischer Zeitgenosse argwöhnte: „Es ist äußerst zu verwundern, wie sehr diejenigen Lieder das Luthertum fortgepflanzt haben, die in deutscher Sprache haufenweise aus Luthers Werkstatt geflogen sind und in Häusern und Werkstätten, auf Märkten, Gassen und Feldern gesungen wurden.“ Es waren „Gassenhauer“, die da überall erklangen, und jeder konnte mit einstimmen. Man musste nicht lesen können, der Text war schnell auswendig gelernt. Manchmal klang es auch laut und schrill, es war Protest und Bekenntnis, und gerne dichtete man eine Strophe um oder eine neue hinzu. Die Lieder lebten.

Abends trafen sich die jungen Leute des Ortes an der Dorflinde, ein Bänkelsänger kam hinzu. Er ist unterwegs und hat viel zu erzählen. Er tritt in die Mitte und beginnt sein Lied:

Ich komme aus fernen Landen her
und bring euch viel der neuen Mär,
der neuen Mär bring ich so viel,
mehr denn ich euch hier sagen will.

Es kommt zum Wettbewerb. Wer hat die neuste Mär, die beste Nachricht? Der erhält den Siegerkranz von einer Jungfrau überreicht. Und danach wird ausgiebig getanzt. Das Lied ist beliebt und bekannt, ein echter Gassenhauer. Und warum sollte nicht auch ein solches Lied sich zu einem biblischen Lied eignen? Und wie Luther das Lied vor sich her singt, wird aus dem Platz um die Dorflinde das Feld von Bethlehem, werden aus den jungen Männern die Hirten, und der Bänkelsänger wird zum Engel. Und seine Botschaft kommt nicht von irgendwoher, sondern es ist die Botschaft des Himmels an die Erde - und welche Nachricht konnte sie übertreffen? Es ist die Botschaft, die alle Menschen betrifft, dieses Kind „will eu’r Heiland selber sein“. Im griechischen Text steht „Retter“, aber schon in der Übersetzung verwendet Luther das germanische „Heliand“, weil dieses Kind retten und heilen wird, weil es den Riss, der durch die Welt und durch unser Leben geht, schließen wird. Davon ist zu singen und zu sagen.

Vielleicht hat Luther bei diesem Kinderlied seine eigene Familie im Blick, und womöglich hat er die Texte sogar auf seine Familie aufgeteilt. Das wird bisweilen angenommen, sicher ist es nicht. Erkennbar ist die traditionelle Dreiteilung, wie sie sowohl im Gottesdienst wie im Spiel verwandt wird. Auf die Engelsbotschaft folgt der Aufbruch der Hirten und zuletzt die Anbetung. Nimmt man das Jahr 1534 als Entstehungsjahr, dann könnte der achtjährige Hans die Rolle des Engels gesungen haben. Magdalena, Martin und Paul hätten dann wohl die Hirten gespielt und sich nach der 5. Strophe auf den Weg zur Wiege gemacht, wobei es möglicherweise die Wiege der gerade eine Woche zuvor geborenen Margarete gewesen sein könnte. Ab der 6. Strophe gesellten sich auch die Eltern hinzu. Auffallend gleichen sich die 5. und 7. Strophe, die Botschaft des Engels findet in der Beobachtung der Hirten seine Entsprechung. Was angekündigt wurde, ist zur Wirklichkeit geworden. Auch wenn das Spiel die biblische Geschichte wiederzugeben scheint, bleibt die Distanz. „Mit den Hirten“ sollen wir gehen, aber wir sind nicht die Hirten, wir leben in unserer Geschichte, im Jetzt, allerdings hat das Geschehen jener Zeit seine Bedeutung auch für unsere Gegenwart. Die folgenden Strophen dürften, bleiben wir im Spiel, die älteren Kinder gesungen haben, vielleicht hat die 12. Strophe der Vater selbst übernommen, hier kommt die Lebenserfahrung des Erwachsenen zum Tragen. Der Bogen, den die Anbetungsverse spannen, reicht von der Schöpfung bis in die Ewigkeit. Sie erzählen von dem unergründlichen Geheimnis Gottes, der in die Armut einer Krippe zu den Menschen kommt. In einfacher, ja geradezu kindgemäßer Sprache behandelt Luther die großen und komplizierten Themen der Christologie. Eindrücklich sind die Bilder, einprägsam sind die Verse, eingängig wird das Evangelium - diese Botschaft, die nicht zu übertreffen ist: das Evangelium, diese gute Mär und wunderbare Kunde. Sie wird ins Herz geschrieben, mehr noch gesungen.

In der 14. Strophe, beim Susannine, werden womöglich die Kinder ihr jüngstes Geschwisterlein, die Magareta, gewiegt haben. Das „Kindelwiegen“ war der Mutter als ehemalige Nonne bestens vertraut. Es entstand bereits im 13. Jahrhundert in den Frauenklöstern. Bei der Aufnahme in die Ordensgemeinschaft schnitzten sich die Frauen aus Holz eine Puppe, die das Jesuskind darstellen sollte. Sie wurde wie ein Kind gebadet und gewickelt, umarmt und liebkost. Zu Weihnachten wurde es dann im Rhythmus des Glockenklanges in der Krippe geschaukelt. Im Verlaufe der Zeit wurde das „Kindelwiegen“ von den Kirchen übernommen und wurde zuletzt auch Volksbrauch. Luther greift diese Sitte auf und bezieht sie in sein Krippenspiel ein, aber er verändert sie. Nicht ich wiege das Kind, sondern das Kind kommt zu mir. Nicht ich bette es, sondern es macht sich ein Bettelein in mir. Das „Kindelwiegen“ ist, wenn man so will, evangelisch geworden. Aus diesem Grund können wir fröhlich sein und auch das Susannine singen.

Luther hatte keine Berührungsängste mit dem Volksbrauch, dieses Lied zeigt es sehr deutlich. Und er hat somit eines der schönsten und auf jeden Fall bekanntesten Weihnachtslieder geschaffen. Allerdings kam das Kranzlied, bei dem es um den Wettbewerb um die beste Neuigkeit ging, in Verruf. Das lag eher am Tanz, der mit dem Lied verbunden war, der als unsittlich galt und an einigen Orten sogar verboten wurde. Die Melodie, die Luther gleich mit übernommen hatte, erinnerte in jeder Zeile an das Kranzlied. Es wurden neue Melodien geschrieben, auch der Freund Johann Walter, der auf dem Stahlstich von Carl August Schwendegeburth mit abgebildet ist, schuf eine neue Melodie. 1539 komponierte nun Luther selbst jene Weise, die wir auch heute noch singen. Sie hatte sich schnell durchgesetzt. Die enge Verbindung von Text und Melodie wird oft herausgestellt, das Lied ist leicht nachzusingen und für ein Kinderlied hervorragend geeignet. Die Melodie umfasst einen relativ großen Tonumfang, er reicht von den Sphären des Engels bis in die Tiefen unseres Lebens, sie umschließt alle Generationen. Wir stehen gemeinsam an der Krippe.

In dem Lied wechseln Ort und Personen, es gibt eine Wechselbeziehung von Ankündigung und Ereignis, von Frage und Antwort. Es gibt das Bekenntnis des Einzelnen und das Lob der Gemeinschaft. Die 15. Strophe singen alle gemeinsam, Kinder und Erwachsene, und wenn man so will auch Menschen und Engel. Diese Botschaft erfüllt Himmel und Erde. Eine neue Zeit wird angekündigt. Das Weihnachtsfest wurde im 16. Jahrhundert am Morgen des 25. Dezember begonnen, das war in Sachsen wie einigen anderen deutschen Landen auch der Neujahrstag. Das meint zunächst auch „ ... und singet uns solch neues Jahr“, aber sicherlich ist damit auch die neue Zeit gemeint, die mit dem Kind begonnen hat.
Am 25. Dezember predigt Luther in der Schlosskirche zu Wittenberg:
„Ich kenne keinen größeren Trost, der dem Men­schen gegeben wäre, als dass Christus ein Mensch, ein Kind, ein Säugling wurde, der im Schoß der lieblich­sten Mutter spielt und an ihrer Brust liegt. Wen gibt es, den dieser Anblick nicht ergriffe und tröstete? Nun ist die Macht der Sünde, der Hölle, des Gewissens und der Schuld überwunden, wenn du zu diesem spielen­den Kinde kommst und glaubst, dass es gekommen ist, nicht zu richten, sondern zu retten.“
Das ist die Botschaft dieses Tages, die gute neue Mär.

Literatur: Blail, Georg: O du fröhliche. Die Geschichte unserer schönsten Weihnachtslieder, Stuttgart 1994; Claussen, Johann Hinrich: Gottesklänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik, München 2. Aufl. 2015; Franz, Ansgar/Reich, Christa: Vom Himmel hoch, da komm ich her, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Band 3/Heft 12, Göttingen 2005; Geck, Martin: Luthers Lieder. Leuchttürme der Reformation, Hildesheim 2017; Hahn, Gerhard: Evangelium als literarische Anweisung. Zu Luthers Stellung in der Geschichte des deutschen kirchlichen Liedes, München 1981; Jenny, Markus: Luther, Zwingli, Calvin in ihren Liedern, Zürich 1983; Korth, Hans-Otto: Zur Entstehung von Martin Luthers Lied „Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her“, JLH 44 (2005), S.139-154; Luther, Martin: Die Lieder, hrsg. von Jürgen Heidrich und Johannes Schilling, Stuttgart 2017; Nagy, Sigrid: Es wuchs ein Baum im Paradies. Wie Luther im 19. Jahrhundert zum Weihnachtsbaum kam, Weimar 2003; Rößler, Martin: Liedermacher im Gesangbuch, Band 1 (ctb 4), Stuttgart 2. Aufl. 1992; Strauchenbruch, Elke: Luthers Weihnachten, Leipzig 2011

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