Die Weisheit als Gottes Liebling – Predigt zum ökumenischen Tag der Schöpfung am 1. September

Alternativpredigt, Sprüche 8,22-36, Pfarrerin Sophie Kühne

Seit Urzeiten hat der Mensch gelernt, sinnvoll und kreativ auf der Erde zu leben, sie sich zunutze zu machen, anzubauen und zu ernten, abzubauen und zu produzieren. Es ist seinem Wesen immanent, zu fragen und zu forschen, wie er alles, was ihn umgibt, zum eigenen Vorteil gebrauchen und weiterentwickeln kann.
Er musste dabei aber immer wieder die Erfahrung machen, dass die ihn umgebende Welt ihm nicht unbedingt freundlich gesinnt war. Unwetter, Erbeben, Dürre oder Hochwasser und andere Katastrophen stellten ihn vor die Aufgabe, sich zu schützen vor ihren manchmal zerstörerischen Kräften und seinen Lebensraum zu sichern, um wirklich leben zu können.
Längst hat sich inzwischen nun aber die Notwendigkeit ergeben, dass der Mensch die Welt vor sich selbst schützen muss. Diese Frage stellt sich heute hartnäckig. Der ungezügelte Drang, die Erde zu erobern und grenzenlos auszubeuten, wächst sich mehr und mehr zu der Gefahr aus, sie dabei langsam, aber sicher zu zerstören. Es kommt darauf an, in der Postmoderne neu Weisheit zu finden zur Sicherung der Existenz des Menschen auf diesem Erdboden, auf den er angewiesen ist, Weisheit für sein Tun und Lassen in der Natur, in allen Bereichen des Kosmos, der ihn umgibt und in den er vordringt.

Neben den Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel findet sich noch eine im Alten Testament. Ganz versteckt steht sie im Buch der Sprüche und ergänzt die beiden älteren Berichte in ganz eigener Weise. Sie meint, dass der Schöpfergott nicht allein war, als er Himmel und Erde schuf. Die Weisheit war von Anfang an bei ihm als Mitschöpferin. Von wem stammt die Idee, wer hatte den Mut zu dieser Variation?
Schon seit jeher gerieten Menschen ins Staunen über das Wunder der Schöpfung. Angesichts der unzähligen, kaum begreifbaren Vorgänge in der Natur lobten sie Gottes Schöpfermacht, sie priesen die ungeheure, für den menschlichen Verstand nicht fassbare Weisheit, mit der alles erschaffen ist und erhalten wird. Es lag nah: Sie gaben dem Geist Gottes, der am Anfang über den Wassern schwebte, einen Namen: Sophia. Sie verstand man als eigenständige, mit dem Schöpfergott eng verbundene Kraft. Ein Dichter, der dieser Denkrichtung nahestand, die sich später besonders auf die Person des Königs Salomo berief, lässt die Weisheit in einer eigenen kleinen Rede zu Wort kommen.

Sprüche 8,22-31

Es klingt verblüffend: Die Weisheit ist vom Uranfang an aus Gott geboren. Sein guter Geist steht gewissermaßen schon hier im Alten Testament wie eine zweite Person neben dem Schöpfergott. Ein Gott in zwei Personen, von Ewigkeit her, als ganz feste, unveränderliche Größe. Fast automatisch kommen einem da Gedanken an den Beginn des Johannesevangeliums, wo es heißt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht ... Und das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“ (Joh 1,1-14). Hier unternimmt es der Evangelist Johannes im Grunde schon, in die Dualität Gottes und seines wirkmächtigen Wortes, das seinen Geist, seine Weisheit zu den Menschen bringt, nun Jesus Christus als den eingeborenen Sohn des Vaters einzufügen, er nimmt so für unser heutiges Verständnis schon das trinitarische Gottesbild ins Visier.
Die Weisheit war, so denkt der Dichter in den Sprüchen Salomos, schon seit Uranfang dabei, also auch an der Schöpfung beteiligt. In Bildern malt er diesen Gedanken nun für die Menschen aus: „Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfeste der Erde legte ...“
Von dem, was wir beim ersten Hören vielleicht schnell als simples, dem damaligen Stand gemäßes, heute aber unwissenschaftliches Bild beiseite zu legen geneigt sind, werden Vertreter der Evolutionsforschung aber staunend feststellen, dass es den heute vorliegenden Theorien von der Entstehung des Universums bis hin zum Leben auf der Erde in vielen Punkten doch sehr gerecht wird.
Sie könnten unsere modernen Erkenntnisse gut in diese Rede der Weisheit einfügen.
„Als er die Himmel bereitete“: Hier würden Wissenschaftler etwa die Urknallhypothese nennen. Was für ein unerklärliches Wunder hat sich da vollzogen in der Folge des Urknalls, bei dem aus der Kernspaltung eines Atoms in Jahrmilliarden das ganze Universum entstand. Was für ein Wunder geschieht bis heute jeden Augenblick, ohne dass wir es wahrnehmen, da sich das Weltall in atemberaubender Geschwindigkeit immer weiter ausdehnt, für Menschen schwer messbar, aber immerhin beobachtbar.
Gleich wieder stimmen die Wissenschaftler dann in die Rede der Weisheit ein: „Als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte ..., als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl ...“ Sie formulieren dazu ganz nüchtern: In der Tat, an vielen Stellen haben sich Meere oder riesige Eismassen im Lauf der Erdentwicklung zurückgezogen und festen Erdboden freigegeben. Jedoch: Ohne den Kreislauf des Wassers gäbe es gar kein Leben auf der Erde. Lebende Zellen haben sich zuerst im Wasser gebildet.
Und weiter: „Als er die Grundfesten der Erde legte...“, da entstand langsam der Lebensraum für die gesamte Pflanzen- und Tierwelt. So bunt, so vielfältig und doch weise geordnet. Das Verblüffende: Seit Urzeiten wird die Gestalt der Erde von den gleichen, einfachen Naturgesetzen bestimmt und geschützt. Astronomen, Physiker, Geologen, Biologen, Chemiker und andere Forscher kommen dem seit Jahrhunderten immer mehr auf die Spur und staunen über diese wunderbare Ordnung, die schließlich auch zur Existenz des Menschen führte.
Deshalb fährt die Weisheit dann in ihrer Rede fort: „Ich war seine Lust täglich und spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“
Nicht nur für Gottes Mitschöpferin, auch für uns Menschen ist es eine Lust, die Entstehung des Universums immer besser zu erkennen, die Herausbildung eines Planeten im guten Abstand von der Sonne, auf dem solch optimale Bedingungen herrschten, dass sich Leben entwickeln konnte, dass schließlich sogar als Krone der Schöpfung der Mensch auf der Erde einen Lebensraum gefunden hat. Was für ungeheure Fähigkeiten liegen in uns verborgen, was für ein Wunder der Schöpfung Gottes ist jeder Mensch!
Was sich da, soweit für uns erkennbar, in unendlich langer Zeit vom Urknall her an Entwicklung im Universum bis hin zum Leben auf der Erde vollzogen hat, es ist so unfassbar, selbst für atheistische Evolutionsforscher, dass manche von ihnen heute einfach sagen: Das alles ist feststellbar, aber nach wissenschaftlichen Maßstäben so absolut unwahrscheinlich, diese Welt ist ein solches Wunder, dass man gerade als Wissenschaftler nicht anders kann, als von einem Schöpfer zu sprechen, von einem guten Schöpferwillen, der das alles in Gang setzte und es bis heute nach wunderbaren, einfachen Ordnungen und Naturgesetzen, die so alt sind wie das Universum, weiter in Gang hält.

Sprüche 8,32-36

Die göttliche Weisheit bleibt aber nicht bei der Lust und Freude an der Schöpfung stehen. Leise mahnt sie uns am Ende, im Umgang mit der Schöpfung auf Gottes Wegen zu bleiben, sein großes Geschenk an den Menschen nicht zu missbrauchen, sondern zu erhalten und zu schützen. Deshalb soll er an der Tür der Weisheit wachen. Nur so ist Leben wirklich möglich, nur so findet es Gottes Wohlgefallen, nur so bleibt die Welt ein Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Sonst - und hier nimmt die Weisheit kein Blatt vor den Mund - sonst wird Leben nachhaltig zerstört und der Tod tritt seine Herrschaft an.
Hier müssen wir Menschen inzwischen sehr demütig den Kopf senken. Weil wir selber uns oft als nur wenig weise Geschöpfe nach Gottes Art verhalten, malt es uns die Natur an vielen Punkten sehr deutlich vor die Augen, es brennt uns regelrecht auf den Nägeln, was wir zum Teil mit Gottes so herrlicher Schöpfung anrichten in der Meinung, sie sei uns ja von ihm anvertraut und wir könnten damit tun, was wir wollen. Wir könnten ihre Früchte hemmungslos ernten und verbrauchen, in Massen anhäufen oder einfach entsorgen, ja vor allem könnten wir selbst Schöpfer spielen: Wir haben es gelernt, zu züchten, zu klonen, künstlich zu düngen, mit chemischen Zusatzstoffen fast endlos haltbar zu machen.

Jedoch haben wir nicht oder schlecht gelernt, maßvoll zu bleiben in unserer Ernährung und im Verbrauch von Rohstoffen. Wir haben schlecht gelernt, gerecht mit allen zu teilen. Wir haben schlecht gelernt, das Existenzrecht der Pflanzen und Tiere selbst zu achten und zu schützen. Wir spielen uns als ihre Herren auf - und sind doch selbst nur Geschöpfe Gottes.

Viele Menschen fragen heute sehr kritisch, ob nicht die Erd­erwärmung, die Veränderungen des Klimas, die Hochwasserkatastrophen, die schlimmen Folgen mancher Erdbeben, auch so manche Zivilisationskrankheiten die Quittung Gottes dafür sind, dass wir die Mahnungen seiner Weisheit seit Langem einfach in den Wind schlagen.
Bevor es womöglich zu spät ist, sollten wir einmal Pause machen in unserem endlosen Schaffen, Bauen und Machen. Es kann nur helfen, dass wir uns besinnen und umkehren zur Weisheit, die sich vielleicht irgendwo auf unserem Erdkreis versteckt hat und schläft, weil sie sich oft nutzlos vorkommt. Wecken wir sie auf, holen wir sie in unsere Mitte. Lassen wir sie wieder mitspielen im Leben. Geben wir ihr zu verstehen, dass unsere Lust auf Überleben sehr groß ist, dass wir sie dazu brauchen und von ihr lernen wollen, unsere Erde nach Gottes Gebot zu pflegen und zu bewahren. Vielleicht hat sie dann wirklich auch neu ihre Lust an uns Menschenkindern und Freude an der Erhaltung von Gottes wunderbarer Schöpfung.

Gebet:
Du göttliche Weisheit, das ganze Universum, alle Dinge und Geschöpfe dieser Welt verdanken sich Dir. Du lässt uns teilnehmen an Deiner Sorge um die Erde. Hilf uns, sie so zu erhalten und zu nutzen, dass auch kommende Generationen auf ihr leben können. Das bitten wir Dich durch Christus, unseren Herrn.

Psalmvorschlag: Psalm 104
Lesung: Epheser 1,3-6
Liedvorschläge: 424 (Deine Hände, großer Gott)
427 (Solang es Menschen gibt auf Erden)

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