Geschichte leben: "Wir laufen nach dem Geruch deiner Salben" – Zur Heidelberger Disputation (1518)

Eine auf dem Universitätsplatz in Heidelberg, dem Ort des ehemaligen Augustinerklosters, in den Boden eingelaßene, zuweilen durch Straßenstaub und von den nahen Bäumen herabgefallene Blätter verdeckte Gedenktafel erinnert an einen kirchengeschichtlich denkwürdigen Tag. Ihre Inschrift (in Großbuchstaben): "Martin Luther 1483 (-) 1546 zum Gedächtnis an seinen Aufenthalt im Kloster der Augustiner und an seine Heidelberger Disputation am 26. April 1518 (-) im Lutherjahr 1983". Wie kam es zu diesem Ereignis?
Am 9. April 1518 brach ein inzwischen weithin bekannter Pfarrer und Profeßor der Theologie im Alter von 34 Jahren zu Fuß aus Wittenberg auf: Martin Luther. Nach 14 Tagen, am 21. oder 22. April 1518, traf er in Heidelberg, dem Ziel seiner Reise, ein, nachdem ihn, den vom langen Fußweg Ermüdeten, ab Würzburg (18. April) zwei Erfurter Ordensbrüder, die das gleiche Reiseziel hatten, im Wagen mitgenommen hatten. In Heidelberg wurde Martin Luther von Pfalzgraf Wolfgang, dem Bruder des Pfälzischen Kurfürsten, empfangen. Es gab ein offizielles Empfangsprogramm, dazu gehörte, wie heute noch, der Besuch des Schloßes und der Schloßkapelle.

Martin Luther kam dienstlich als Distriktsvikar zum fälligen Kapitel der sächsischen Reformkongregation im Heidelberger Augustinerkloster. Die eigentliche "Luthersache", die seit seinem Thesenanschlag ein halbes Jahr zuvor an der Schloßkirche zu Wittenberg den Weg in die kirchliche öffentlichkeit suchte, stand nicht auf der Tagesordnung. Dennoch wurde der 26. April 1518 zu einem wichtigen Datum der reformatorischen Anliegen Martin Luthers. Im Vorlesungßaal des Augustinerklosters fand eine öffentliche Disputation statt, die "Heidelberger Disputation". Mit im Auditorium bedeutende Theologen wie Johannes Brenz, Martin Bucer, Martin Frecht, Erhard Schnepf, die Martin Luther für seine Anliegen gewann. Luther legte 40 kritische Thesen zu Theologie und Philosophie vor. Er begründete sie mit Bibelzitaten und nahm dazu Gedanken des Apostels Paulus und deßen bedeutendsten Auslegers, des Kirchenvaters Augustin, auf. Martin Luther habe sich "geschickt gehalten und Ehre für Wittenberg eingelegt", kommentierte der Pfalzgraf (zit. M. Brecht).

Einen starken Eindruck müßen die Thesen bei nicht wenigen Heidelberger Theologiestudenten hinterlaßen haben, wie wir aus einem Bericht des Luther-Anhängers, des Dominikaners und späteren Straßburger Reformators, Martin Bucer, erfahren. Dieser bezeichnete ihn als "scharfsinnig gleich einem Paulus ... knapp und mit großer Bibelkenntnis" (M. Brecht). Martin Luthers ganze Aufmerksamkeit galt dem Evangelium. Es war "der wahre Schatz der Kirche" (These 62 der 95 Thesen von 1517), diesen wollte er aus den "Bodenschätzen" der Bibel heben und ans Licht bringen. "Siehe, dein Heil kommt" - Botschaften wie diese dem biblischen Israel im 6. Jh. v. Chr. geltende Heilsansage angesichts des zerstörten Jerusalems, der bis dahin als unzerstörbar geglaubten Gotteßtadt, waren für Martin Luther geschichtlich nicht überholt. Sie blieben über Israel und der Kirche ausgerufen und in Kraft. Gott setzt zu jeder Zeit seine Wächter ein, wachsame Frauen und Männer. Um Gottes und der Menschen willen schweigen sie nicht mehr, der Stimme des Evangeliums, der "Gutnachricht", verschaffen sie Gehör, geben sich und Gott keine Ruhe, bis der große heilsame Tag anbricht (Jesaja 62,6-12).
Zu Martin Luthers Zeiten schien niemand mehr die Stimme des Evangeliums zu kennen und zu hören. Die Tradition der Kirche hatte es mit Menschenweisheit, eigenem Machtgehabe und fragwürdigen Auslegungen überlagert, bis zur Unkenntlichkeit pervertiert. "Das Evangelium ist aber" - so Martin Luther - "ein Wort des Trostes und der Freude, die Stimme des Bräutigams und der Braut ..., ein Wort des Segens und des Friedens." Der Mensch kann es sich nach Martin Luthers aus dem Studium der Bibel gewonnener überzeugung nicht geben. Darum kennzeichnet seine neuen Einsichten zur zeitgenößischen Theologie und Philosophie ein äußerst kritisches Menschenbild. In der Heidelberger Disputation faßt er seine reformatorische Entdeckung zusammen. 28 Thesen zur Theologie (1-28) bilden darin den Schwerpunkt (diesen folgen 12 Thesen zur Philosophie, sie sind weniger bedeutsam und müßen hier nicht näher berücksichtigt werden). Hören wir uns ein wenig in Martin Luthers theologische Gedanken ein.

Wider falsche Selbsteinschätzung
In der ersten Thesenreihe (1-12) bestreitet Martin Luther die Möglichkeit des Menschen, etwas zu seinem Heil beizutragen. Menschenwerk und Gottes Wirken sind unvereinbare Gegensätze. Weder das (göttliche) Gesetz/die Gebote noch der eigene, in der Natur gegebene, Antrieb haben den Menschen dazu gebracht, sich selbst, Gott und dem Nächsten gerecht zu werden, er konnte seine wesenhafte Erfüllung so nicht finden. Alles Bemühen, Gott zu gefallen, bringt ihm nichts als das Scheitern an sich selbst oder führt ihn in die heillose Selbstgerechtigkeit. Gottes Thora hält ihm einen Spiegel vor, seine Unzulänglichkeit, sein Weitab vom Ziel, seine Sünde (das hebräische Wort "ht’" hat die Grundbedeutung "sich verfehlen/ein Ziel verfehlen"). Darum sieht Martin Luther den Menschen gänzlich auf die Gnade Gottes angewiesen. Gott allein wirkt Gutes in mir, macht mich "(ge)recht". Die Frucht solcher Gerechtigkeit ist "Liebe, Freude, Friede, Geduld, Gütigkeit ..." (Galater 5,22).

Gnade suchen
In der zweiten Thesenreihe (13-18) setzt sich Martin Luther mit der Willensfreiheit des Menschen auseinander, sie ist bis heute umstritten. Er fragt nach den anthropologischen Grundlagen unseres Handelns. Wie kann ich Gott gefallen? Wann lebe ich im Einklang mit meinem "Woher" und "Wohin"? Was ist vor Gott gut, was ist böse? Was kennzeichnet christliche Ethik? "Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht ..." (Römer 7). Martin Luther wollte dem Menschen keineswegs den Mut zu eigenem Handeln nehmen. Sein Fragen dringt tiefer: in die gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch und die (selbst erfahrene) Unmöglichkeit, diese Störung von sich aus aufzuheben. Der Mensch "muß an sich verzweifeln, um fähig zu werden, die Gnade Gottes zu erlangen" (zit. M. Brecht).

Von Gott reden
In der dritten Thesenreihe (19-24) thematisiert Martin Luther das Handeln Gottes. Wie kann der Mensch Gottes Werk und Wirken verstehen und weitersagen? Was heißt von Gott reden, was ist "Theo-Logie". "Nicht der heißt mit Recht Theologe, der das Unsichtbare Gottes, begriffen an den Schöpfungswerken, erschaut, sondern der das Sichtbare und die Rückseite Gottes als das in Leiden und Kreuz Angeschaute begreift." Theologie des Kreuzes ("theologia crucis") kontra Theologie der Herrlichkeit ("theologia gloriae"). "Das Kreuz allein ist unsere Theologie!" Gott in seiner Menschlichkeit und Schwäche begreifen, in seiner Verborgenheit und Niedrigkeit am Kreuz. Leid - kein Argument gegen Gott, kein Zeichen, von Gott verlaßen zu sein.

"Der wahre Schatz der Kirche"
In der vierten, der letzten Thesenreihe zur Theologie (25-28) denkt Martin Luther dem Verhältnis von Glauben und Werken, von Gottvertrauen und menschlichem Tun, nach. Hier ist der Reformator ganz bei seinem Lebensthema, der Gerechtigkeit Gottes. Sie erschließt sich ihm als Evangelium vor allem aus seinem Studium der Psalmen, des Römer- und Hebräerbriefes. Grundlegend wird für ihn Römer 1,17: "Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): Der Gerechte wird aus Glauben leben." Martin Luthers Kommentar: "Nicht der ist gerecht, der viel wirkt, sondern der ohne Werke viel an Christus glaubt." Menschlich gute Werke folgen aus solchem Glauben. Das Gesetz fordert mich, und ich handle nicht danach, "die Gnade sagt: Glaube an Christus, und schon ist alles geschehen". Wiederentdeckung des "wahre(n) Schatz(es) der Kirche", des "allerheiligste(n) Evangelium(s) der Herrlichkeit und Gnade Gottes", seiner Liebe, die ich nicht verdienen muß. "O welch eine Tiefe ... der Weisheit und der Erkenntnis Gottes" (Römer 11,33). Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, besinnt sich auf ihren Grund, läßt sich erneuern, läuft "nach dem Geruch deiner Salben" (Hoheslied 1,3). Ist sie rein äußerlich betrachtet auch eine sehr menschliche Einrichtung - ihrem Wesen nach ist sie eine Schöpfung durch Gottes Wort ("creatura verbi"). Sie lebt durch sein schöpferisches Wirken. "Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist ..." (EG 126)

Möchten wir von Martin Luther lernen
Was er in seiner Kirche als schlimme Mißstände erkannte, brachte er im Hören auf die Stimme des Evangeliums mutig ans Licht, keine Auseinandersetzung scheuend, "disputierend", d. h. "ins Reine bringend", "genau erörternd". Was er vom Evangelium selbst gehört hatte, predigte er verständlich, sagte es weiter in einer Sprache, die das Volk verstand, und machte die Bibel durch seine übersetzung allen zugänglich. Evangelische Christen/Protestanten achten "aus gutem Grund" auf seine Stimme. Erhellend ist, was er in einem Brief (1522) schrieb: "man wolle ... sich nicht ,lutherisch‘, sondern ,Christ‘ nennen ... Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein, ebenso bin ich auch für niemand gekreuzigt ... Wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi mit meinem heillosen Namen benennen sollte? Nicht so, liebe Freunde, laßt uns die Parteinamen tilgen und uns Christen nennen". Menschen, die miteinander auf die Stimme der biblischen Verheißung lauschen: "Siehe, dein Heil kommt" (in dem im Hebräischen mit "Heil" übersetzten Wort klingt der Name Jesus an!), sich nicht selbst genug sind, sondern aus Gottes Gnade leben. In der Orientierung an Jesus von Nazareth, dem Evangelium in Person, kann ich "guten Willens" mit Herz, Mund und Händen das Menschenmögliche tun. Ich weiß mich in meiner Unzulänglichkeit angenommen und darf an jedem geschenkten Tag darum bitten, "daß dir all mein Tun und Leben gefalle" (M. L., Morgensegen).
Gerne nehme ich in Heidelberg den Weg über den Universitätsplatz, bleibe vor der Gedenktafel stehen, halte inne, überlege, wie kann ich heute die Erinnerung an Martin Luthers reformatorische Entdeckung für mich wach halten, sie weitersagen in unsere Zeit hinein. Ich sehe sie als "Wegmarke", sie weist mich in eine gute Richtung: zu "Glaube, Hoffnung und Liebe", Gottes Gabe. In der Liturgie des evangelischen Gottesdienstes finde ich sie am schönsten in dem auf den Kyrieruf folgenden "Gnadenspruch" bzw. "Zuspruch aus Gottes Wort" mit dem Präfamen "Hört den Trost des Evangeliums".

(Literatur: Luther Deutsch, Bd. 1, hg. v. Kurt Aland, Stuttgart 1969, 379 ff. - Martin Brecht, Martin Luther. Sein Weg zur Reformation 1483-1521, Stuttgart 1981, 198 ff. - Gerhard Ebeling, Luther, 4. Aufl., Tübingen 1981, UTB 1090. - Heinz Janßen, Berührungspunkte. Worte der Bibel ins Heute gedacht, Saarbrücken 2011. - Heinz Janßen, Gottes Wort und Menschenwort. Lesen - Hören - Weitersagen, Saarbrücken 2012.)

Gebet 1: Herr, ziehe du mich, hilf mir und schenke mir die Kraft und Gabe, daß ich’s glauben kann: Ein neues, reines Herz vermag ich nicht zu machen, es ist dein Geschöpf und Werk. Gleichwie ich die Sonne und den Mond nicht machen kann, daß sie aufgehen und hell scheinen am Himmel, so wenig kann ich auch schaffen, daß das Herz rein sei und ich einen gewißen Geist, einen starken festen Mut habe, der unerschütterlich ist und nicht zapple, zweifle oder wackle an deinem Wort.

Gebet 2: Lieber Gott, gib uns den Heiligen Geist, der das gehörte Wort in unsere Herzen schreibe, sodaß wir’s annehmen und glauben und uns seiner in Ewigkeit freuen und trösten.

(Beide Gebete von Martin Luther, in: Frieder Schulz, Hg., Heute mit Luther beten, Gütersloh 1978, GTB/Siebenstern 272)

Liedvorschläge: 278 (Wie der Hirsch lechzt nach frischem Waßer) 291 (Ich will dir danken) 280 (Es wolle Gott uns gnädig sein)

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