Freilich muss man die Texte ein wenig ausreden lassen

In Michael Trowitzsch, „Karl Barth heute“ (Weimar 2007), auf das mich ein Kollege nach einem Vortrag bei einer Pfarrkonferenz hingewiesen hatte, las ich unter vielen anderen wesentlichen Gedanken den Satz - bezogen auf die Heranführung von Karl Barths Werk an die Gegenwart:

„Freilich muss man die Texte ein wenig ausreden lassen.“ (S. 17f)

Das ist nun - bezogen auf Barths manchmal schier aus-ufernd Kleingedrucktes (in dem Trowitzsch allerdings das Spannende vermutet und entdeckt) - auf jeden Fall wahr. Er zitiert aus Barths Kirchlicher Dogmatik IV/1 (S.108):

„Es geht um das leise, nicht laute - milde, nicht harte - vertrauliche, nicht fremde Aufwecken der Kinder im Vaterhaus zum Leben in diesem Hause.“ (S.19)

Und das - alles auf zwei Seiten - verbindet er mit einem Brecht-Gedicht:

„Wie lange
Dauern die Werke? So lange
Als bis sie fertig sind.
So lange sie nämlich Mühe machen
Verfallen sie nicht.“

(Die Gedichte, Frankfurt 1981, S. 387; Anfang des Gedichtes „Über die Bauart langandauernder Werke“)

So mag ich also samstagnachmittags vor den Bruch-

stücken einer Predigt sitzen, die am kommenden Vormittag ein Ganzes werden sollen.

So kann ich über einen paulinischen Perikopentext grübeln oder über das im EG-Psalmen-Teil Unterschlagene eines Psalms. Kann einen Passus aus den PASTORAL-BLÄTTERN gut finden, aber der Schluss passt nicht.

Ich nehme die komprimierten Gedanken als Hinweis zu unserem „Umgang“ mit der Bibel. Schon immer habe ich mich dagegen gewehrt, „Texte zu predigen“, es sei denn, man würde sich darauf einigen können, dass „Predigen“ vom lateinischen „praedicare“ kommt: „Das heißt: etwas vorsagen, dadurch kundtun, dadurch rühmen und so das zu-Sagende in seinem Glanz erscheinen lassen. Dieses ,predigen‘ ist das Wesen des dichterischen Sagens.“ (M. Heidegger, Hebel der Hausfreund, Pfullingen 1991, S. 20)

Wie also kann es gehen, dass ein mir von einer Kommission vorgeschlagener, gelegentlich willkürlicher Aus-Schnitt eines weit umfangreicheren biblischen Textes aus einem noch wesentlich umfangreicheren Werk zum Glänzen kommt? Durch mein Reden oder mein Schweigen, durch meine Mimik oder Gestik, durch meine Pausen oder durch mein Zögern in seinem Glanz erscheint?

Und wie soll es gehen, dass dieser kleine Text von vielleicht fünf oder zehn Zeilen am Sonntagmorgen nicht nur glänzt, sondern einverleibt wird, damit auch spürbar und sättigend das Wort Fleisch werden darf und es nicht nur beim Vorkosten bleibt?

Trowitzsch hat mir einen großartigen Hinweis gegeben:

„Freilich muss man die Texte ein wenig ausreden lassen.“

Vielleicht krankt unsere Predigt gar nicht daran, dass wir angesichts des 2. Glaubensartikels sprachlos geworden sind, was ich bisher manchmal vermutet habe. Vielleicht liegt die Crux darin, dass wir Jesus Christus gar nicht ausreden lassen? Dass wir Paulus, Johannes, Markus und Petrus mit unseren - selbstverständlich - viel zahlreicheren Worten überfahren? Wir lassen die Bibel nicht ausreden.

Die Fundamentalisten erschlagen die biblischen Worte mit einem Gebets-Schau-Laufen, die Friedensaktivisten mit klaren Analysen und programmatischen Sätzen, die in Zeit-Management Geschulten mit einem gefühlten „Amen“ nach jedem Gedanken, die Alten mit einem Zusammenschnitt aller eigenen sechs Predigten „über“ Lukas 7,11-16, die Lyrik-Kundigen mit drei Gedichten aus unterschiedlichen Epochen, und die Charismatiker geraten schon beim Verlesen von Vers 14 in Verzückung.

Ich habe karikiert.

Aber es bleibt dabei: Wir lassen nicht ausreden!

Wir lassen die Bibel nicht ausreden!

Wenn ich Bert Brechts Gedichtanfang recht verstehe, ist das „ausreden lassen“ nicht nur in der Flut der Polit-Talks ein Problem.

„Wie lange
Dauern die Werke? So lange
Als bis sie fertig sind.
So lange sie nämlich Mühe machen
Verfallen sie nicht.“

Bezogen auf die Predigt, an der nach wie vor die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher die „Qualität“ eines evangelischen Gottesdienstes für sie persönlich wesentlich orientieren, heißt das vielleicht doch, das „Unfertige“ gelten zu lassen, das „Bruchstück“ zu schätzen. Es ist nicht damit getan, die Predigt - und hoffentlich den Bibeltext - ins Netz zu stellen.

Aber mehr noch wüsste ich eigentlich gerne selbst nach bald 40 Jahren Predigtdienst einen Weg, der nicht nur in der Meditation der Pfarrerin bzw. des Pfarrers endet, sondern für die versammelte Gemeinde die biblischen Texte „ein wenig ausreden“ lässt. Über Anregungen, Zwischenrufe oder weiterführende Gedanken freue ich mich.

Ich dachte an die Kirchenmusik, die in diesen Jahren dabei ist, der Predigt den Rang abzulaufen. Kein Mensch wird die Johannes-Passion von Bach verlassen, bevor er nicht „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ oder im dritten Teil des Weihnachtsoratiums den Chor „Herrscher des Himmels“ gehört hat. Selbst die Matthäus-Passion wird niemand beenden, bevor er nicht - wenigstens - „Wenn ich einmal soll scheiden“ gesungen, gehört, empfunden, erlebt hat.

Menschen, so mache ich in Gottesdiensten an verschiedenen Orten die Erfahrung, setzen sich nach dem Segen wieder und hören der Organistin?/?dem Organisten zu. Früher war das „Orgelnachspiel“ ein musikalisches Hinausbegleiten. Heute bleibt man bis zum letzten Ton. Nach einer angemessenen Pause gibt es manchmal

Applaus, manchmal nicht. Aber jedenfalls ist alles gehört.

Ob wir Pfarrerinnen und Pfarrer in einer Art Eigenübung beginnen müssten, die biblischen Texte „ausreden zu lassen“, bevor wir das „ausreden lassen“ von unseren Gemeinden erwarten?

Und wie könnte das gehen?

Einen gesegneten September und Freude am Predigen! (Dafür erreicht Sie ein Band der PASTORALBLÄTTER, randvoll mit guten Texten und Gedanken. Ich habe den Eindruck, beim „ausreden lassen“ müssen wir noch üben. Vielleicht ist das eine wesentliche „Hörübung“ oder eine Einladung in die „Gehörschule“ oder zur „Otoskopie“ - Offenbarung 3,14-21).

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