Der Monatsspruch im Februar 2010

Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.
5. Mose 15,11

Madeleine Schickedanz erklärte kurz vor der Insolvenz des Versandhauses Quelle, sie würde nur noch von 600 Euro im Monat leben. Sie habe fast ihr ganzes Vermögen in den Konzern gesteckt, ihr persönlich bleibe so wenig, dass sie nun beim Discounter einkaufen müsse. Die Angst vor der Armut quäle sie. Die Erbin des früher prächtig dastehenden Unternehmens musste sich für diese Bemerkungen kritisieren lassen. Die wohlhabende Erbin wurde seit der Insolvenz ihres Unternehmens nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Man kann die Tragik dieser Frau ahnen. Sicher ist: Finanzielle Armut sieht anders aus als Madeleine Schickedanz: zunächst ungeschminkt, dann lumpig.
„Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld", behauptete Aristoteles Onassis vor Jahrzehnten. Er galt damals als der reichste Mann der Welt. Über seine Kontenstände hatte er einen guten Überblick. Arm war er nie. Innerlich mag er sich jedoch häufig leer gefühlt haben.
Eins steht fest: Wer Reichtum erworben hat, hat auch dem Zynismus die Tür geöffnet. Es wirkt so, als garantiere das Geld den Zynismus. Die Manager bauen Arbeitsplätze ab und erhalten dafür hohe Prämien. Man spricht von Erfolgen. Aber statt in Europa wird in Asien billig produziert. Der Wohlstand der einen wurzelt im Elend der anderen. Die Millionengehälter der einen bedeuten für die anderen den Einstieg in die Armut. Das ist zynisch. Wenn der Reichtum schon dem Zynismus das Tor weit aufmacht, dann macht die Armut es noch weiter auf. Armut kann sich den Zynismus leisten, Reichtum dürfte das eigentlich nicht!
„Du sollst deine Hand öffnen!" Es ist ein Gebot Gottes, das dem Zynismus die Stirn bietet. Das Gebot duldet selbst das nicht, was von anderen als Normalzustand erklärt wurde. Es ist nicht normal, dass die einen Millionenzahlungen kassieren, während die anderen am Hartz IV-Schalter Schlange stehen. Der Glaube lehrt, dass man diesen Zynismus nicht als Naturgesetz hinnehmen darf. Wenn die einen sagen: „So ist das nun mal" und von den Gesetzen des Marktes sprechen, dann hält der Glaube die Kritik gegen solche Gesetzmäßigkeiten wach. Die Gebote sorgen für eine dauernde Erinnerung. Sie korrigieren auch die eigene innere Haltung.

Armut offenbart sich in vielen Gestalten. Armut ist immer zynisch.
Sie kann sich als innere Leere in einem Menschen ausbreiten. Da muss nicht einmal materieller Mangel herrschen. In dieser Leere verliert selbst das, was man besitzt, seine Bedeutung. Moralische Werte rauschen in den Keller wie faule Wertpapiere in der Krise. Sogar der Wert der menschlichen Beziehung kann einen unvorstellbaren Kursverlust erleiden. Es gibt eine Armut, die überwiegend Menschen mit gut gefüllten Kassen befällt. Man erkennt sie an ihrem zu Markte getragenen Zynismus. Diese Sorte der Armen wird niemals ganz verschwinden.
Es gibt eine andere Armut: Die hat mit echtem Mangel zu tun. Nagender Hunger steht auf deren täglichen Speiseplan. Da warten Leute auf dem Flur des Amtes und nehmen ihren Bescheid zu Hartz IV mit bewundernswerter Gelassenheit entgegen. Kann ein Kind für 2,56 Euro am Tag satt werden und gleichzeitig keinen Schaden nehmen? Es geht um ein menschenwürdiges Leben! Und der Verdacht, dass man die armen Menschen durch den ständigen Mangel immer ärmer macht, hat sich hartnäckig festgesetzt. Wachsende Armut vernichtet mühsam erarbeitete Lebenschancen.
Armut statt Konsum: Karstadt und Hertie schließen ihre Kaufhäuser. Kein Geld mehr. „Die Sozialkaufhäuser hingegen können sich vor Kunden kaum retten", stellt eine Zeitung nüchtern fest. Das ist der Zynismus der Armut. Die hat sich in viele Familien und Menschen hineingefressen. Sie ist wie ein Geschwür, das nicht heilen will. Es ist Zeit, gegen den Zynismus zu arbeiten. Viele haben damit begonnen.
Annemarie Dose hat sich schon 1994 gegen den Zynismus gewehrt. Sie hat die „Hamburger Tafel" gegründet. Sie ist eine Stifterin gegen die Armut. Menschen, die wenig haben, können bei der Tafel für wenig Geld gute Nahrungsmittel einkaufen. Ehrenamtliche schenken der Tafel ihre Zeit und setzen ihre Arbeitskraft ein. Sie werben um Spenden, füllen Regale, sorgen für Obst und Vitamine. So beginnt für viele der Ausstieg aus dem Zynismus.

Die Bibel zeigt einem eine geöffnete Hand. Es ist meine eigene Hand! Sie gibt vom Überfluss auf der einen an die Armen auf der anderen Seite. Das Gebot dieses Monats öffnet einem die Hand zum Geben. Gottes Gebot ist den Armen ein Evangelium: Sie sollen satt werden! Denen, die klagen, ist es ein Gesetz: Nur wer zu geben bereit ist, wird den Zynismus draußen vor der eigenen Tür halten. Der bleibt draußen! Dass das Gebot die eigene Hand meint, das wird einem selbst erst Schritt für Schritt klar.

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