Kindliche EntwicklungWenn Kinder lügen

Wer Schüler beim Schwindeln erwischt, sollte besonnen reagieren und nach den Ursachen forschen. Das Spiel mit Lüge und Wahrheit gehört zur kindlichen Entwicklung dazu.

Wenn Kinder lügen
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Die siebenjährige Ella fing in der zweiten Klasse an, ihre Badeanzüge zu zerschneiden. Erst den einen, dann den anderen. Ohne Schwimmanzug konnte sie natürlich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Ihrer Klassenlehrerin erzählte die Schülerin, dass die Badeanzüge kaputtgegangen wären. Ihrer Mutter sagte sie gar nichts. Nach einiger Zeit fragte die Lehrerin bei Ellas Mutter nach, was denn los sei und ob sie nicht endlich einen neuen Badeanzug für ihr Kind kaufen wolle. Die Mutter fiel aus allen Wolken und stellte die Tochter zur Rede. Es kam heraus, dass der Schwimmlehrer sehr streng war, die Kinder anschrie und oft schimpfte. Vor lauter Angst wollte Ella nicht mehr schwimmen gehen. Sie hatte sich aber auch nicht getraut, ihrer Mutter oder der Lehrerin von ihrem Kummer zu erzählen.

Angst als Auslöser

Die Angst vor schwierigen Situationen oder vor Strafen ist ein häufiger Grund zu lügen. Manche Kinder lügen aus Scham, wenn sie zum Beispiel wieder eine schlechte Note in Mathematik erhalten haben. Oder sie wollen nicht zugeben, dem Nachbarn Geld aus dem Rucksack geklaut zu haben. Manchmal testen sie aber einfach nur, wie weit sie gehen können. „Kinder suchen sich genau wie Erwachsene oft den bequemeren Weg, um sich das Leben leichter zu machen“, erklärt Karin Hauffe-Bojé, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus Bremen. Meist handelt es sich dabei um kleine Flunkereien. Das Zähneputzen ist angeblich schon erledigt oder die Hausaufgaben schon gemacht, obwohl die Schultasche noch unberührt in der Ecke steht. Ein weiteres Motiv ist der Wunsch, von anderen anerkannt und bewundert zu werden. Dieses Bedürfnis steckt hinter manchen tollen Geschichten, bei denen Erwachsene nur den Kopf schütteln, weil sie offensichtlich nicht stimmen können. Ab dem Alter von ungefähr drei Jahren sind Kinder in der Lage, bewusst zu lügen. Das haben Entwicklungspsychologen in mehreren Studien nachgewiesen. Seitdem weiß man auch, dass die meisten Kinder auf dieser Welt schummeln und tricksen. So testeten kürzlich die Psychologin Angela Evans und ihr Team von der kanadischen Brock University Drei- bis Achtjährige. Die Kinder sollten ein Stofftier erraten, das hinter ihrem Rücken lag. Die Psychologen verließen den Raum und baten die Kinder, nicht nach dem Kuscheltier zu sehen. Kaum waren sie allein, drehten sich jedoch fast 80 Prozent um. Als sie gefragt wurden, ob sie das Gebot befolgt hätten, sagten drei Viertel der kleinen Probanden Ja.

Andere Studien brachten ähnliche Ergebnisse. In gewisser Weise sind Lügen also normal. Und vor allem sind sie ein Zeichen geistiger Reife. Denn eine kleine Lügnerin besitzt bereits die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie hat das, was Psychologen Theory of Mind nennen. Dieser Begriff bezeichnet die Fähigkeit, sich in Gedanken anderer hineinversetzen zu können, also die Perspektive zu wechseln.

Lügen zu verstehen, ist wichtig

So betrachtet, ist schummeln und mogeln eine kreative Leistung. „Kinder müssen auch lernen, Lügen zu erkennen“, meint die Psychotherapeutin Hauffe-Bojé. „Sie sollten ein Gespür dafür entwickeln, wem kann ich trauen und wem nicht.“ Das Spiel mit Lüge und Wahrheit gehört zur kindlichen Entwicklung. Es ist für Kinder wichtig, Lügen zu verstehen und zu unterscheiden: Wann ist eine Flunkerei harm los, wann steckt eine „böse“ Absicht dahinter und wann kann man vielleicht aus Höflichkeit schwindeln, um andere nicht zu verletzen. Schließlich nehmen es auch Erwachsene mit der Wahrheit nicht so genau. Jeder Mensch lügt mehrmals am Tag, wenn auch nicht immer vorsätzlich.

Für einen gelassenen Umgang mit dem Thema plädiert Coach und klasseKinder!-Kolumnistin Ursula Günster-Schöning. „Vorwürfe, lange Diskussionen oder Bestrafungen führen in der Regel nicht zum gewünschten Erfolg“, sagt die Organisationsberaterin, die seit vielen Jahren Erzieherinnen und Erzieher weiterbildet. Ab dem Alter von fünf Jahren lernen Kinder langsam, wahre von unwahren Behauptungen zu unterscheiden. Fachkräfte sollten daher zuerst überlegen, wie alt das Kind ist und welche Motive hinter einer Lüge stecken könnten.

Wie aber sollen sie bei kleinen Flunkereien reagieren? Durchgehen lassen oder besser gleich intervenieren? Am besten ist es, der Wahrheit die Stange zu halten, rät die Kinderpsychologin Hauffe-Bojé. „Machen Sie den Kindern klar, dass der Umgang untereinander angenehmer ist, wenn man sich darauf verlassen kann, was der andere sagt.“ Die Therapeutin empfiehlt, mit dem Kind unter vier Augen zu sprechen, wenn man es bei einer Lüge erwischt hat.

Nicht persönlich nehmen

Gelassen bleiben und sich nicht persönlich angegriffen fühlen: Das fällt manchmal nicht leicht. Vor allem wenn Kinder öfter die Unwahrheit sagen oder sich gar als notorische Lügner entpuppen. „Notorisches Lügen ist aber nicht angeboren, sondern Kinder wurden von Erwachsenen dazu gebracht. Kinder wollen normalerweise ehrlich sein“, erklärt Karin Hauffe-Bojé. In solchen Fällen müssen Erzieherinnen und Erzieher vorsichtig die Ursachen erkunden. Vielleicht neigen die Eltern des Kindes ja zu Übertreibungen, ohne sich dessen bewusst zu sein, und das Kind ahmt das Verhalten nach. Manchmal steckt hinter erfundenen Geschichten von großen Reisen auch ein geringes Selbstwertgefühl.

Ein autoritäres Klima begünstigt die Tendenz, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. „Wenn ein Kind Angst vor Streit oder Strafe hat, lügt es oft noch mehr“, sagt Ursula Günster-Schöning. Ideal wäre es, wenn Kinder in ihren Eltern und Erziehern Vertrauenspersonen sehen, denen sie alles sagen können. Und die ihnen vorleben, dass Ehrlichkeit doch am längsten währt. So können Kinder erkennen, dass Lügen keine schöne Sache ist – aber eben auch kein Verbrechen.

Hintergrund

Theory of Mind ist die Fähigkeit, zwischen dem eigenen Wissen und dem der anderen zu unterscheiden. Das Verständnis für die Gedankenwelt des Gegenübers entwickelt sich, sobald ich meine eigenen Gedanken und Absichten erkennen kann. Ungefähr ab dem Alter von vier Jahren können Kinder die Perspektive anderer einnehmen. Lügen erfordert außerdem einen gewissen Grad kognitiver Kontrolle – man muss in der Lage sein, die Wahrheit zurückzuhalten, um zu lügen.

Was tun, wenn Kinder lügen?

Tipps für den pädagogischen Alltag

  • Besonnen reagieren. Das Kind nicht anschreien oder bestrafen.
  • Das Kind nicht vor der Gruppe bloßstellen.
  • Das Kind unter vier Augen fragen: Was ist passiert? Wie fühlst du dich? Kann ich dir helfen?
  • Zeigen Sie die Folgen der Lügen auf, ohne Vorwürfe zu machen. Kinder, die oft lügen, machen sich nicht beliebt, eher im Gegenteil.
  • Je nach Alter der Kinder kann man vermittelnde Figuren einsetzen; wie zum Beispiel den „schlauen Fuchs“, der etwas vorspielt und die Kinder dann um Rat fragt, was sie in der Situation tun würden.
  • In der Gruppe allgemein das Thema Lüge besprechen. Welche Erfahrungen haben die Kinder mit Lügen, wie kann man es vermeiden?
  • Den Mut zur Wahrheit loben. Zeigen Sie, dass man mit der Wahrheit weiter kommt.

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