ResilienzRobust und selbstbewusst wie Pippi Langstrumpf

Resilienzförderung unterstützt Kinder dabei, emotionale Stärke zu entwickeln. Zuverlässige Bindungen zu Bezugspersonen sind unverzichtbar. Eine Begriffserklärung

Robust und selbstbewusst wie Pippi Langstrumpf
© Michael Bamberger, Freiburg

Von der Ökologie bis zur Ökonomie – der Begriff „Resilienz“ wird in vielen Fachbereichen verwendet. Seinen Ursprung hat er in der Psychologie, wo er seit den 1950er-Jahren die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, tiefe Krisen eigenständig zu bewältigen. Es geht also ganz allgemein um psychische Widerstandsfähigkeit.

In der Pädagogik bedeutet das, die Kinder so zu stärken, dass sie für Entwicklungsrisiken und Belastungen besser gewappnet sind. Dabei geht es nicht um psychische Störungen. Vielmehr sollen die Schülerinnen und Schüler ihrem Alter und der kindlichen Entwicklung gemäß Fähigkeiten erwerben, um mit Problemen umgehen zu können. Wissenschaftler haben besonders drei Punkte im Blick:

  • dass sich Kinder auch unter andauerndem Risikostress beständig positiv gesund entwickeln,
  • dass die Kompetenz auch unter akuten Stressbedingungen erhalten bleibt und
  • die Fähigkeit, sich schnell von traumatischen Erlebnissen erholen zu können.

Mittlerweile geht die Forschung davon aus, dass Resilienz keine angeborene Eigenschaft ist. Jeder Mensch kann diese Fähigkeit entwickeln. Dabei kommt den ersten Lebensjahren besondere Bedeutung zu. Vor allem in dieser Phase stärken stabile Beziehungen und Interaktionen mit Bezugspersonen sowie positive Erfahrungen bei der Bewältigung von Problemen die Widerstandskraft. Kinder lernen, dass sie Gestalter ihres eigenen Lebens sein können. Wichtig sind auch positive Erfahrungen bei der Bewältigung von Transitionen, zum Beispiel beim Übergang vom Kindergarten in die Schule. Wissenschaftler beschreiben Resilienz als Kombination aus Voraussetzungen (Wissen, Erfahrungen) und der Bereitschaft zum konkreten Handeln (Performance). Im Ergebnis können Menschen mit ausgeprägter Resilienzkompetenz erfolgreicher und selbstständiger mit Belastungen umgehen – auch wenn sie im sozialen Umfeld weniger als andere gestützt werden. Als Prototyp eines resilienten Kindes könnte Pippi Langstrumpf gelten – auch wenn Astrid Lindgren die Figur lange vor den Erkenntnissen der modernen Resilienzforschung entwickelt hat. Pippi lebt ohne Eltern in einer verfallenden Villa, trägt geflickte Klamotten, scheut auch gegenüber Erwachsenen kein offenes Wort und entspricht damit so gar nicht dem damaligen Rollenmodell eines artigen Kindes. Trotzdem ist sie selbstbewusst, geht Probleme ohne Furcht und mit kreativen Ideen an.

Belastungen gut bewältigen

Astrid Lindgren deutet an, dass Pippi eine gute Beziehung zum Vater hat und zumindest als Kleinkind nicht allein gelebt hat. Auch Wissenschaftler sehen als wichtigste Voraussetzung für starke Kinder, in einer stabilen, wertschätzenden, emotional warmen Beziehung zu einer erwachsenen Bezugsperson aufzuwachsen. „Die erste große Botschaft ist: Resilienz beruht grundlegend auf Beziehungen“, resümierte Suniya S. Luthar, international bekannte Kindheitsforscherin und langjährige Psychologieprofessorin an der Arizona State University.* Darüber hinaus stützen weitere Faktoren die Ausprägung von Resilienz: etwa ein klar strukturiertes Erziehungsverhalten der Bezugsperson, soziale Unterstützung auch außerhalb der Familie, frühe Möglichkeiten für Selbstwirksamkeitserfahrungen, die Anregung kognitiver Kompetenzen, Fantasie oder auch ein Gefühl dafür, dass komplexe Erlebnisse verstanden und bewältigt werden können. Aus all diesen Erkenntnissen haben der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff sowie die Kindheitspädagoginnen Jutta Becker und Sibylle Fischer sechs Resilienzfaktoren entwickelt, die sie als besonders wichtig für die kindliche Entwicklung erachten (siehe Kästen). Nicht ohne Grund erinnern diese an die zehn Lebenskompetenzen, wie sie 1994 von der Weltgesundheitsorganisation WHO definiert wurden.

Resilienzfaktoren 

Resilienzfaktor 1 *

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Kinder sollen lernen, ihre eigenen Gefühle und Gedanken richtig wahrzunehmen, zu sich selbst in Beziehung zu setzen (zu reflektieren) und gleichzeitig andere Personen ebenfalls angemessen wahrzunehmen. Selbstwahrnehmung umfasst drei ineinander verzahnte Konstrukte: das Selbst-Konzept, die Selbstwahrnehmung im engeren Sinne und die Selbstreflexivität. Fremdwahrnehmung bezeichnet die Fähigkeit, andere Personen und deren Gefühlszustände angemessen wahrzunehmen und sich richtig in deren Sicht- und Denkweise hineinversetzen zu können.

Resilienzfaktor 2 *

Selbststeuerung

Es geht um die Fähigkeit, sich der eigenen inneren Zustände (Emotionen und Spannungen) bewusst zu sein sowie deren Tiefe und Dauer zu kontrollieren. Dann können Kinder auch ihr Verhalten regulieren, etwa bei Wut oder Enttäuschung. Dazu müssen sie lernen und erfahren, wie man sich selbst beruhigen kann und welche Alternativen es zum eigenen Verhalten und Handeln gibt. Etwa ab dem 5. Lebensjahr sind Kinder in der Lage, ihre Gefühle selbstständig und ohne ständige Rückversicherung bei Bezugspersonen zu regulieren. Das ist auch eine wichtige Voraussetzung für die Fähigkeit zur Empathie, mit der Kinder sich in die Gefühle ihres Gegenübers hineinversetzen können.

Resilienzfaktor 3 *

Selbstwirksamkeit

Dabei steht das grundlegende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Kinder sollen die Sicherheit erlangen, auch Hindernisse überwinden zu können, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. „Was ich mache, hat einen Effekt und beeinflusst die Lage“ – mit dieser positiven Haltung sollten sie an eine Sache herangehen. Denn schon die Art und Weise, wie man sich einem Problem nähert, bestimmt den Erfolg und führt am Ende zur Bestätigung des Selbstwirksamkeitserlebens. Erfolge stärken die Selbstwirksamkeitserwartung, Misserfolge schwächen sie. Selbstwirksame Kinder haben eher das Gefühl, Situationen kontrollieren zu können, und beurteilen deshalb Ereignisse realistischer als andere.

Resilienzfaktor 4 *

Soziale Kompetenz

Sozial kompetente Kinder sind in der Lage, soziale Situationen einzuschätzen und sich im Umgang mit anderen adäquat zu verhalten. Sie können sich emphatisch in andere Menschen einfühlen, selbst behaupten und Konflikte angemessen lösen. Auch die Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, die Kommunikation aufrechtzuerhalten oder angemessen zu beenden, spielt eine wichtige Rolle. Dazu kommt die Möglichkeit, sich soziale Unterstützung zu holen, wenn das nötig ist.  

Resilienzfaktor 5 *

Umgang mit Stress

 Menschen empfinden den Charakter von herausfordernden, als „stressig“ erlebten Situationen unterschiedlich. Es geht darum zu lernen, solche Situationen angemessen einzuschätzen, zu bewerten und zu reflektieren. Nur dann lassen sich die eigenen Fähigkeiten wirkungsvoll aktivieren und die Stresssituation bewältigen. Wichtig dabei ist es, aktiv auf solche Situationen zugehen und Bewältigungsstrategien angemessen einsetzen zu können. Dazu gehört, die eigenen Kompetenzen und auch Grenzen zu kennen – verbunden mit der Fähigkeit, sich notfalls soziale Unterstützung zu holen.

Resilienzfaktor 6 *

Problemlösen

Hier geht es darum, komplexe Sachverhalte zu verstehen, um dann mit dem eigenen Wissen Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen. Orientierung bietet der sechsstufige Problemlösezyklus des Psychotherapeuten Donald Meichenbaum: • Problemanalyse • Benennen von Möglichkeiten und Alternativen • Beschaffung näherer Informationen mit Blick auf die Ziele • Auflistung der Vor- und Nachteile aller Möglichkeiten • Entscheidung • Überprüfen der Entscheidung und möglicherweise Änderungen Bereits Kinder können solche übergeordneten Strategien erlernen. Denn das „Versuchs- und Irrtumsverhalten“ (trial and error) als einfachste Strategie führt oft nicht zum Ziel.

* Resilienzfaktoren nach: Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jutta Becker, Sibylle Fischer: Prävention und Resilienzförderung in Grundschulen – PriGS. Ein Förderprogramm

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