Kinder mit BindungsunsicherheitenAuthentisch und präsent sein

Die ein Schatten folgte mir die 7-jährige Anna (Name geändert), als sie vor zwei Jahren neu in den Hort kam. Egal was ich tat, wohin ich ging: Anna klebte an mir auf Schritt und Tritt. Spielen, Kontakte zu den anderen Kindern oder Erwachsenen – Fehlanzeige.
Anna ist kein Einzelfall. Da gibt es zum Beispiel stille, zurückgezogene Kinder, die kaum ein Wort sprechen. Oder distanzlose Kinder, die sich sofort auf jeden freien Schoß setzen wollen. Oder eben solche wie Anna, die sich auf eine bestimmte Person fixieren. Kinder mit Bindungsunsicherheiten sind ein leider vielfach unterschätztes Thema. Wird es ignoriert nach dem Motto: „Solche Kinder findet man doch nur in der Jugendhilfe“? Oder hängt es damit zusammen, dass gerade das Ankommen dieser Kinder mit einem Mehraufwand verbunden ist?

BESONDERS AUF KINDER MIT BINDUNGSUNSICHERHEITEN ACHTEN

Es braucht Betreuer und Betreuerinnen, die dieses Thema ernst nehmen. Die sich mit Themen wie Ankommen und Bindungserfahrungen professionell auseinandersetzen, um Verhaltensweisen zu verstehen. Die vor allem aber authentisch als Person auftreten und sich nicht hinter Erziehungspraktiken verstecken. Denn dafür haben speziell diese Kinder ein sehr ausgereiftes Gespür. Sie brauchen ein direktes Gegenüber. Jemand, der sich wirklich für sie interessiert, der eigene Grenzen und die anderer erkennt und klar benennt – also als Gesamtperson präsent ist.
Eine zentrale Rolle spielt bereits die Vorbereitung. Es ist unerlässlich, schon vor der Einschulung Eltern und Kinder kennenzulernen und die Räumlichkeiten vorzustellen. Wie entscheidend dieser erste Kontakt ist, wird häufig nicht registriert. Die Kinder wissen jedoch oft Jahre später noch die Farbe meines Pullovers oder die genauen Worte meiner Begrüßung. Hier zählen scheinbare Kleinigkeiten, wie die Ansprache des Kindes mit seinem Namen.
Für die Anfangszeit brauchen die Kinder eine feste Bezugsperson. Das kann durch ein Bezugserziehersystem realisiert werden. Aber häufig suchen die Kinder sich selbst eine Person aus. Diese sollte möglichst durchgehend präsent für das Kind sein. Was nicht heißt, dass sie sich permanent in physischer Nähe aufhalten muss. Sinnvoll sind Begleitungen bei Übergängen im Tagesablauf: „Du machst jetzt Hausaufgaben bei meiner Kollegin, um 15 Uhr treffen wir uns wieder.“ So kann auch die Ausweitung der Sozialkontakte angebahnt werden. Offene Konzepte überfordern Kinder mit Bindungsunsicherheiten gerade beim Ankommen. Klar abgegrenzte Gruppen und Räume bieten dagegen Sicherheit. Vorteile hat außerdem ein altersgemischtes Konzept, in dem die älteren Kinder als Paten für die neuen agieren können.
Bei Forderungen nach Präsenz wird natürlich schnell der Ruf nach kleineren Gruppen und mehr Betreuern laut. Ja, das wäre schön. In erster Linie geht es aber um die eigene Einstellung und Motivation, ALLEN Kindern ein gutes Ankommen zu ermöglichen. Es lohnt sich!

Anna ist mittlerweile in der vierten Klasse und sehr gut integriert. Momentan unterstützt sie einen ängstlichen 6-jährigen Jungen beim Ankommen, indem sie diesen stolz in ihrem Hort herumführt.  

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