FilmprojektKlappe, die erste

Filmen ist cool, fördert die Kreativität – und geht heutzutage auch ohne großes Budget und technischen Aufwand. Eine Berliner Erzieherin hat es mit ihren Hortkindern ausprobiert.

Klappe, die erste
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Es ist 7.30 Uhr morgens und alles wie immer in der Klasse 4/5a in der Grundschule am Senefelder Platz. Die Schüler trudeln ein, packen ihre Hefte aus, quatschen. Die Klassenlehrerin beginnt mit dem Unterricht. Doch plötzlich ertönt ein gellendes Signal – und der Tag nimmt eine komplett andere Wendung.
Das ist der Auftakt des 40-minütigen Films „Alarm in der Schule“, in dem es darum geht, dass die Kinder ihre Schule retten – und zwar ganz alleine, ohne die Erwachsenen. Polizei und Feuerwehr haben nämlich just an diesem Tag keine Zeit und auch die Lehrer und Erzieher sind verhindert.
Eine klassische Heldengeschichte also. Ausgedacht und niedergeschrieben haben die Viert- und Fünftklässler sie selbst. Aber die 9- bis 11-jährigen haben nicht nur das Drehbuch verfasst, sondern auch die Requisiten angefertigt, die Kamera bedient und als Schauspieler agiert. Einen Monat lang lief das Projekt. Herausgekommen ist ein Film, der sich durchaus an professionellen Ansprüchen messen lassen kann und dem man vor allem eines ansieht: Alle Beteiligten hatten einen Riesenspaß. Angestoßen und geleitet hat das Filmprojekt Katja Blume, die Erzieherin der Klasse. Ihr Arbeitgeber, die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbH, ist ein großer Jugendhilfe-Träger in Berlin und an vielen Schulen für den sozialpädagogischen Bereich zuständig. In Berlin ist die Beziehung zwischen Hort und Schule naturgemäß relativ eng, weil die Erzieher die Lehrkräfte auch im Unterricht unterstützen. Das habe die Realisierung des Projekts erleichtert, sagt Blume.
„Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Film, Regie und Theater“, erzählt die 23-jährige Jugend- und Heimerzieherin. Als Jugendliche hat Blume Praktika bei einer Filmproduktion gemacht, beim Offenen Kanal gearbeitet und Kamera- und Schnittkurse belegt. Diese Erfahrungen wollte sie gerne in ihre Arbeit mit Grundschülern einbringen. Aber auch aus pädagogischer Sicht ist ein Filmprojekt wertvoll, sagt Blume, weil man damit jedes Kind erreichen und einbinden kann. Das wiederum fördert den Zusammenhalt in der Klasse. „Als ich den Schülern vorgeschlagen habe, einen Film zu drehen, wollten alle sofort mitmachen, Mädchen wie Jungs“, erinnert sie sich. Die Kinder waren von Anfang motiviert – anders als bei einem Theaterprojekt, bei dem die Begeisterung erst im Lauf der Arbeit wächst, wie Blume aus Erfahrung weiß. „Bewegte Bilder zu produzieren, finden alle cool.“
Zudem bietet die Arbeit am Mini- Set eine Fülle an Aufgaben für unterschiedliche Talente und Temperamente – vom kreativen Drehbuchautor bis zum extrovertierten Schauspieler, vom handwerklich geschickten Bastler bis zum Aufpasser, der über geeignete Anschlüsse in den einzelnen Szenen wacht. Wer nicht vor die Kamera will, kann für die Klappe zuständig sein oder aufpassen, dass niemand beim Drehen vor die Kamera läuft. „Jedes Kind findet hier seine Nische“, sagt Katja Blume.
„Mir hat am besten gefallen, dass wir alles selber machen konnten“, erzählt Miron, der zusammen mit zwei anderen Freunden das Drehbuch verfasst hat. Immer wenn sie eine Szene fertig geschrieben hatten, wurde das Feedback der Mitschüler eingeholt. Der Schüler fand toll, wie das Projekt die Klasse zusammengeschweißt hat: „Danach kannten wir uns alle richtig gut.“
Natürlich macht so ein Filmprojekt auch viel Arbeit. Anfangs waren die Schüler so aufgeregt, dass sie vor lauter Nervosität viel herumalberten. Nicht immer fiel es der Erzieherin leicht, für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu sorgen. Manche Szenen mussten viele Male gedreht werden. Auch der Schnitt und die Nachbearbeitung haben viel Zeit gekostet. Die liebevollen Zwischentitel, die gegeneinander geschnittenen Szenen, die Musikauswahl – das alles war aufwendig. „Man kann es auch simpler machen, aber ich hatte eben hohe Ansprüche“, sagt Blume. „Allen Kollegen, die selbst so ein Filmprojekt realisieren wollten, möchte ich mitgeben: Es ist normal, wenn es anstrengend wird. Aber es lohnt sich.“
Denn am Ende zähle nicht nur die kreative Leistung, sondern das Gemeinschaftsgefühl, berichtet die Erzieherin. „Die Kinder haben zusammen etwas ganz Besonderes erschaffen, und jeder Einzelne hat dazu seinen Beitrag geleistet.“ Nach der Filmpremiere in der Aula hatten die Zuschauer, darunter auch Eltern, Mitschüler und Lehrer, Tränen in den Augen – vor Lachen und vor Rührung.

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Rahmenbedingungen klären

Wie viel Zeit steht zur Verfügung? Macht es Sinn, auch außerhalb der Schule zu drehen? Wo braucht man Drehgenehmigungen? Das sind Fragen, die vorab geklärt werden müssen. Außerdem wichtig: Sind die Eltern informiert und vor allem einverstanden, dass Ton- und Bildaufnahmen ihrer Kinder angefertigt werden? Wenn der Film auf der Website der Schule oder in den sozialen Medien veröffentlicht werden soll, muss dazu eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern vorliegen.

Mitstreiter suchen

„Man sollte sich Unterstützer suchen, insbesondere, wenn es sich um eine große Gruppe oder die ganze Klasse handelt“, empfiehlt Katja Blume. An ihrem Projekt waren auch die Klassenlehrerin und die Naturwissenschaftslehrerin beteiligt, die das Filmprojekt in ihren Unterricht einbezogen – und sich selbst im Film spielten. Auch mit ihren Hortkollegen hat sich Katja Blume abgestimmt. Sie haben an den Drehtagen den Teil der Klasse betreut, der keine Szenen hatte. Der Leiter des Horts hatte einen überraschenden Kurzauftritt als Polizist, was für große Heiterkeit sorgte.

Technik checken

Bewegte Bilder in guter Qualität liefern längst auch kleine digitale Fotokameras oder sogar Smartphones. Erzieherin Blume hat für die Aufnahmen den Filmmodus ihrer Digital-Spiegelreflexkamera aktiviert. Geeignete Modelle von Nikon, Canon oder anderen Herstellern gibt es ab etwa 350 Euro. Mit einem Stativ lassen sich Wackelbilder vermeiden. Ein externes Mikrofon ist nicht zwingend notwendig, verbessert aber die Tonqualität.

Schnittprogramme downloaden

Es gibt neben komplizierter Software für Profis viele einfache Videobearbeitungsprogramme kostenlos zum Download, mit denen sich Filme schneiden und optimieren lassen. „Informieren Sie sich, in welchem Format das Bildmaterial vorliegen muss, damit es mit dem Schnittprogramm kompatibel ist“, rät Blume. Idealerweise lädt man die Daten von der Kamera auf den Rechner und legt ohne aufwendiges Umformatieren los.

Lizenzfreie Musik verwenden

Musik und Geräusche sind wichtig und sorgen für Atmosphäre bei Filmen oder Clips. Medienpädagogen raten, ausschließlich GEMA- bzw. lizenzfreie Musik zu verwenden, denn die Rechtefrage beim Einsatz von urheberrechtlich geschützter Musik ist kompliziert und mit vielen Hürden versehen. Eine Übersicht über kosten- und rechtefreie Sound- und Musikbibliotheken im Netz gibt es unter www. medienpaedagogik-praxis.de/kostenlose-medien/.

Die Kinder machen lassen

Bei der Story-Entwicklung hatten die Kinder freie Hand. Katja Blume hat nur etwas gestrafft und verdichtet. Dabei achtete sie darauf, dass der rote Faden gewahrt wurde und das Ende schlüssig bleibt. Die Kinder haben auch keinen Text auswendig gelernt, sondern vor der Kamera improvisiert. Vor jeder Szene wurde kurz besprochen, was inhaltlich vorkommen sollte.

Drehplan erstellen

Gedreht wurden die Einstellungen nicht nach ihrer chronologischen Reihenfolge im Film, sondern nach Drehorten. Um den Überblick zu behalten, hat Blume einen Drehplan erstellt, der aufzeigt, wer wann und wo sein muss, sowie Hinweise zu Vertonung und Requisite gibt.

Auf die Länge achten

Weniger ist mehr: Auch ein Film von 15 Minuten kann schon zu einem Mammutprojekt werden. Daher sollte man genau überlegen, ob die zu erzählende Geschichte auch wirklich interessant genug ist.

Offen sein für Improvisation

Selbst wenn man alles akribisch plant, muss man sich darauf einstellen, dass es zu unvorhergesehenen Zwischenfällen kommt. Dann ist Improvisationstalent gefragt. Dass sich bei „Alarm in der Schule“ wie aus heiterem Himmel eine Schülergruppe im Gebäude verläuft und erst ein paar Szenen später wieder auftaucht, sorgte für Lacher beim Publikum – lag aber daran, dass die betreffenden Schüler am Drehtag krank waren. (us)

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