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kindergarten heute Bonustrack: Nora Imlau
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Intro: Kindergarten heute Bonustrack – Fachmagazin
Sofie Raff (kindergarten heute): Herzlich willkommen zu unserem Gespräch über gefühlsstarke Kinder in der Kita. Was ist Ihre Definition von gefühlsstarken Kindern? Wodurch zeichnen sie sich aus?
Nora Imlau: Gefühlsstarke Kinder sind Kinder, die von Geburt an ausgesprochen wach und aufmerksam sind, aber auch schnell überreizend, die unglaublich neugierig und hartnäckig sind, denen aber auch manchmal ist alles zu viel. Die ganz viel Ko-Regulation brauchen, gleichzeitig diese Regulation immer manchmal auch abwehren, weil sie auch so autonom sind und selbständig und alles selber machen wollen. Und das kann tatsächlich auch zu Problemen führen, weil dann Menschen oft denken: „Na, so ein kleiner Raudi, den kann man auch ein bisschen härter anpacken.“ Und in Wirklichkeit ist es aber so, dass gefühlsstarke Kinder ganz oft das Problem haben, dass ihr Nervensystem sehr, sehr schnell überreizt und sie dem wenig entgegenzusetzen haben, dass es ihnen sehr schwer fällt, in die Regulation zu finden und dass sie deswegen dann in aller möglichen Weise diese starken Gefühle und diese Überforderung nach außen tragen. Also, die sind auch sehr wütend, die können sehr laut sein, sehr impulsiv, können viel weinen, viel fordern, ja, und gleichzeitig steckt darin aber so ein ganz verletzlicher Kern, dass diese Kinder vor allem einfach sich nach ganz viel Halt und ganz viel Regulationshilfe und ganz viel auch Rückzug und Schutz sehnen.
Sofie Raff: Ja, was ich so schön finde an dem Begriff, ist, dass das tatsächlich einfach auch ein sehr positiver und wertschätzender Begriff ist, weil sich eben tatsächlich zum einen auf die starken Gefühle, aber zum anderen eben auch auf die Stärke eben der Kinder fokussiert. Aber natürlich ist es so, dass das auch sehr anstrengend klingt, was Sie beschrieben haben, sowohl für Eltern als auch für Fachkräfte. Und, wie würden Sie sagen, äußert sich jetzt speziell in der Kita bei Kindern, wenn sie so ein gefühlsstarkes Temperament haben?
Nora Imlau: Wir haben ja oft gesellschaftlich so ein Bild von dem Normkind im Kopf. Wir haben so eine innere Vorstellung von: „Wie ist ein Kind mit zwei oder wie ist ein Kind mit drei, was kann man von dem erwarten, wie soll sich das verhalten?“ Und gefühlsstarke Kinder sprengen diese Normen, die verhalten sich oft aus der Perspektive auch von Fachmenschen nicht altersgerecht. Und es passiert sehr schnell, dass man dann als Fachkraft, die eine bestimmte Erwartung hat, wie Kinder sich zu verhalten haben, in so eine Negativspirale rutscht bezüglich von gefühlsstarken Kindern, dass man dann schnell das Gefühl hat: „Mensch, es ist aber ein weinerliches Kind, die Eingewöhnung läuft so schleppend und schwer, das kann überhaupt nicht loslassen. Wahrscheinlich haben die Eltern das zu eng an sich gebunden. Warum meckert das immer so viel? Andere Kinder können das doch auch?“ Und dass man dann ständig reinkommt und dann das Gefühl hat im Vergleich zu Gleichaltrigen: „irgendwas stimmt nicht mit diesem Kind. Warum fordert das so viel mehr? Warum braucht das so viel mehr? Warum ist das so oft schlecht gelaunt?“ Und , es ist ganz wichtig, da die Perspektive zu weiten und sich klar zu machen, dass es total unfair ist, gefühlsstarke Kinder mit regulationsstarken Kindern oder Kindern, die da weniger herausgefordert sind, zu vergleichen und sich klarzumachen, dass gefühlsstarke Kinder sich wirklich so ein bisschen auf ihrer eigenen Timeline entwickeln und dass sie eben auch im Kita-Kontext andere Dinge brauchen als andere Kinder. Ich höre dann ganz oft von Erzieherinnen und Erziehern, dass sie sagen: „Oh, Himmels Willen, wir können doch nicht noch mehr die Regeln verändern, nur weil jetzt ein Kind halt besonders ist.“ Aber es ist tatsächlich so, dass es ganz viele Fallbeispiele aus dem Alltag, dass auch kleine Veränderungen im Kita-Alltag bewirken können, dass sich gefühlsstarke Kinder wohlfühlen, gut einbringen können und dass damit insgesamt die Stressbelastung sinkt für alle Beteiligten und ich will das ganz kurz vielleicht an dem Beispiel erklären. Also, gefühlsstarke Kinder haben auch eine sehr, sehr starke Fokussierung auf eine Bindungsperson. Die brauchen einen Menschen, der für sie der sichere Hafen ist, um sich regulieren zu können, weil ihnen das so schwer fällt. Und diese Kinder tun sich entsprechend dann auch oft bei der Eingewöhnung in der Kita echt schwer, weil sie von ihrer einen vertrauten Bindungsperson weg sollen. Und wenn man da als Fachkraft versteht, dass die Aufgabe primär ist, dass eine andere Person in der Kita dieser sichere Hafen wird, dass es wirklich ganz wichtig ist, die Bezugserzieherin oder den Bezugserzieher zu finden, gerne auch vom Kind mit ausgewählt, ja, wo so der Vibe praktisch stimmt, zwischen den beiden und wo diese Person auch für sich diese Rolle annimmt: „Ich werde für dieses Kind hier der sichere Hafen sein.“ Ist schon ganz viel gewonnen. Aber dann muss man natürlich auch als Kita sich überlegen: „Was machen wir an Tagen, wo die Person nicht da ist? Gibt’s noch einen zweiten sicheren Hafen, den wir Stück für Stück aufbauen können?“ Ist das der Unterschied auch, dass eben gefühlsstarke Kinder diesen Sprung nicht können, dass sie in ihrer Regulationsfähigkeit eben nicht so stark sind, dass sie in der Kita, wo andere Dinge von ihnen erwartet werden, wo sie sich auch anders fühlen als zu Hause, dass da gefühlsstarke Kinder eben rausfallen, weil sie diesen Sprung nicht schaffen.
Nora Imlau: Also, auch Gefühlstärke in sich selbst ist natürlich wieder ein Spektrum. Es gibt Eltern gefühlsstarker Kinder, die mir erzählen, dass ihre Kinder in der Kita sehr, sehr angepasst sind und sich tatsächlich unglaublich anstrengen, den sozialen Erwartungen zu genügen und ihre Überreizung nicht zu zeigen und das sind dann oft die Kinder, die praktisch beim Abholen in der Garderobe den völligen Kollaps hinlegen und dann wirklich diese ganze Anspannung des Tages zu entladen. Und die Eltern haben dann oft ihre liebe Not, die Kinder bis zum Abend wieder reguliert zu bekommen, weil die quasi alle ihre Kraft in einen guten Kita-Tag gesteckt haben, was ja ganz anrührend ist, ne? Also, was eine Kooperationsbereitschaft, aber die dann wirklich über mehrere Stunden ganz viel intensivste Ko-Regulation brauchen in Form von Bewegung, Kuscheln, Rückzug, alle möglichen Sachen, um dann irgendwie dieses überreizte Nervensystem wieder runterzufahren. Das gibt es, aber es gibt eben auch viele gefühlsstarke Kinder, die insbesondere beim jüngeren Kita-Alter, also wenn die mit ein, zwei, drei Jahren in die Kita kommen oder nicht sechs sind oder so, genau diesen Sprung eben nicht schaffen, die einfach so konsistent angewiesen sind auf Regulationshilfe, weil sie selber zu leicht überreizen, dass sie tatsächlich eben nicht diese Schere zwischen Elternhaus und Kita so meistern können, sondern auch in der Kita konsequente Ko-Regulation brauchen und das ist tatsächlich manchmal auch eine Haltungsfrage des pädagogischen Teams, ob ein Team gemeinsam sagt: „Wenn dieses Kind Regulation braucht und zwar mehr oder weniger konsistent, dann soll es die bekommen.“ Oder ob auch Erzieherinnen und Erzieher sagen: „das ist nicht unsere Aufgabe. Also, Kinder in dem Alter müssen Selbstregulation haben. Das muss es jetzt allein schaffen.“ So, und um das doch mal klarzumachen, Ko-Regulation bedeutet nicht, dass ich das Kind den ganzen Tag an meinem Körper tragen muss. Also, gerade Fachkräfte haben oft Sorge, weil sie bei Regulationshilfen sehr schnell an so ganz körperliche Dinge denken wie: „Ne, muss ich das Kind jetzt stillen? Muss ich das Kind jetzt kuscheln?“ Natürlich nicht, sondern es geht wirklich manchmal darum zu sagen: „Eine freundliche, zugewandte Präsenz, ein Auffangen von Emotion, ein sanftes Führen.“ „Brauchst du jetzt ein bisschen Rückzug? Musst du mal ein bisschen Bewegung? Musst du mal ein bisschen raus?“ Das Spiegeln, dass wenn ein Kind in ein ungünstiges Verhalten rutscht, dass man ihm sagt: „Was ist los? Was brauchst du jetzt? Was ist dein Problem?“ Und nicht sagt: „Das geht aber gar nicht.“ Ja. , und dann eben auch Ko-Regulation über Körperkontakte, der in dem Kita-Setting gut stattfinden kann. Also, das Kind mal über den Rücken streicheln, dem Kind mal die Hand auf die Schultern legen, also wirklich so beruhigende Gesten, die gleichzeitig nicht die ganze Zeit stattfinden müssen.
Sofie Raff: Das heißt, das A und O ist wirklich, die Regulationsfähigkeit zu unterstützen. Die Gefühle werden nicht kleiner mit der Zeit, aber die Kinder lernen damit umzugehen. Sie haben schon ein paar Punkte angesprochen, einfach körperliche Einfach eine Hilfestellung. Gibt's noch so ein paar ja Methoden und Übungen, die Fachkräfte anwenden können, um die Regulationsfähigkeit zu unterstützen? Das kommt ja allen Kindern zugute in der Kita.
Nora Imlau: Absolut. Genau. Nicht nur gefühlsstarken Kindern. Genau. Also, es ist total wichtig, dass man Kindern ein möglichst gutes Vokabular in Bezug auf Gefühle und emotionale Zustände mit an die Hand gibt. Und dabei ist es aber wichtig, den Kindern nicht so eine Etikette aufzukleben: „Du bist jetzt wütend“, sondern wirklich so eher fragend sich anzunähern: „Was ist los? Wie geht's dir?“ Und je differenzierter Kinder über ihre Gefühle sprechen können, desto besser können wir mit ihnen arbeiten. Also gerade dieses Etikett „wütend“, das wird ja sehr oft vergeben, wenn Kinder kicken und treten und strampeln und das trifft aber auf gar nicht den eigentlichen Schmerz des Kindes, ne? Also, Wut ist ja, nennt man so ein bisschen so eine so eine so eine Türöffner-Emotion. Die öffnet eigentlich die Tür zu einer anderen Emotion, die drunter liegt und es ist wirklich wichtig, mit Kindern, die zwei, drei, vier Jahre alt sind, differenziert darüber zu sprechen: „Fühlst du dich überfordert? Fühlst du dich überreizt? Fühlst du dich eifersüchtig? Fühlst du dich allein? , fühlst du dich rückzugsbedürftig?“ Ja, also, wir können auch anders formulieren, aber das da steckt so viel drin, was wir sonst mit diesem Etikett „Du bist aber wütend“ so überkleben, und das ist sehr wichtig und da kann man toll auch über Kinderbücher oder über Rollenspiele, über verschiedene Übungen ins Gespräch kommen, wie fühlt sich jemand und dann auch darüber ins Gespräch kommen, dass man jemandem nicht immer ansieht, wie man sich fühlt, sondern man kann das auch falsch interpretieren und das macht dann die Person unverstanden und das ist kein schönes Gefühl. Es geht ja im Kita-Alltag auch immer darum, wirklich sich auf die Stärken zu fokussieren. Wie kann das denn in der Kita konkret funktionieren? Bei gefühlsstarken Kindern ist es so, dass sozusagen manchmal die Stärke und Schwäche zwei Seiten derselben Medaille sind. Also gefühlsstarke Kinder sind unglaublich perzeptiv. Die sind also ganz wahrnehmungsoffen. Die nehmen ganz viel wahr. Die sind sehr empathisch, haben sehr feine Antennen und das kann eine große Stärke sein und das kann manchmal auch eine große Bürde sein, immer alles wahrzunehmen. Gefühlsstarke Kinder nehmen z.B. auch oft Spannungen zwischen Erwachsenen sehr genau, spüren genau, wie es wem geht und benennen das dann auch. Und wenn jetzt etwa in der Kita Spannungen im Team sind, die man aber von den Kindern fernhalten will und dann ist da so ein Kind, sagt: „Na, du magst die Simone nicht“, ja, dann ist das natürlich für das Team nicht unbedingt angenehm und gleichzeitig ist da ja aber auch eine Kompetenz drin, also, Dinge einfach wahrzunehmen, ne? Und aber für die Kinder ist es dann schwierig, wenn sie rückgemeldet bekommen: „Das stimmt nicht“, und sie nehmen aber genau wahr, dass da was ist, sozusagen, ne? , also, große Stärken von gefühlsstarken Kindern sind, sie sind oft sehr empathiefähig und das heißt nicht, dass sie immer auf andere Rücksicht nehmen können. Das ist ja der nächste Schritt, ne, sondern sie nehmen wahr, wie es anderen geht. Das heißt nicht, dass sie ihr Verhalten daran immer anpassen können und sie sind auch eben oft sehr, sehr clever und können sich sehr in komplexe Gedanken versenken, also wollen dann Dingen auch auf den Grund gehen, wollen verstehen, wie die funktionieren und warum. Stellen oft so große Fragen zu Gerechtigkeitsthemen. Ja, wieso gibt es arm und reich? Solche Sachen, die sind oft ausgesprochen kreativ, die sind oft ausgesprochen ausdauernd, wenn sie sich was in den Kopf gesetzt haben, selbstgestecktes Ziel haben, dann wollen sie es erreichen um jeden Preis und kommen dann völlig in Flow und vergessen Hunger und Durst und alles, weil sie unbedingt ihr Ziel erreichen müssen, die sind sehr leidenschaftlich und können sich sehr hinter was klemmen, wovon sie überzeugt sind, ja, wie auch sehr großen Gerechtigkeitssinn. Die werden oft in der Kita, wenn sie ein bisschen größer sind, so die Streitschlichter vom Dienst, die gehen dann immer dazwischen, sagen: „Du darfst nicht gemein sein.“ Und die haben oft unglaublich unkonventionelle Ideen und Lösungswege und wollen sich eigentlich ganz stark auch einbringen in das Gruppengeschehen und wollen es nach vorne bringen. Sie werden dabei oft als sehr dominant wahrgenommen und das hat aber einfach nur damit zu tun, dass sie von ihrer eigenen Leidenschaft so überwältigt werden, dass sie unbedingt ihren Plan jetzt allen erzählen müssen und nicht warten können, bis die anderen ausgeredet haben. Also, das ist so ihr Gefühl. Und Stärken, Stärken bei gefühlsstarken Kindern bedeutet ganz konkret ja, sie nicht auszubremsen, wenn sie mehr wissen wollen, als jetzt gerade in der Projektwoche eigentlich vorgesehen war, ihren Raum zu geben, ihre Leidenschaften auszuleben und dann wirkt es manchmal so, als würden sie sich nur noch für eine Sache interessieren. Dann haben manchmal Erzieherinnen das Gefühl, sie müssen dafür mehr Balance sorgen. Also, das Kind kann doch nicht jeden Tag in der Bauecke sein, das muss doch auch mal was anderes machen. Aber gefühlsstarke Kinder haben auch so Schübe, wo sie sich mit einem Thema ein halbes Jahr lang nur befassen wollen, bis sie ihre Challenge gelöst haben und dann werden die sich dem nächsten Thema zuwenden und das darf man zulassen. Das heißt nicht, dass die Kinder dadurch am Ende eine unausgewogene Förderung erfahren haben. , es ist gut, wenn man die Kinder eben auch einsetzt , durchaus manchmal auch als kleine Helfer und sozusagen, ne, also, die wollen nicht in die Erwachsenenrolle rutschen, aber fühlen sich oft sehr verantwortungsvoll, wenn sie auch eine Aufgabe übernehmen dürfen, Tischdecken, aufräumen helfen, eine Bastelarbeit vorbereiten. So, und oft hilft es ihnen einfach sehr, wenn man auch flexibel auf sie reagiert. Also, gefühlsstarke Kinder haben oft eine intuitive Aversion gegen alles, was zu stark vorgegeben und vorstrukturiert ist. Man darf es nicht persönlich nehmen, wenn gefühlsstarke Kinder auf Dinge keine Lust haben, die alle machen. Die haben das in ihrem Naturell, dass sie was anderes machen wollen als die anderen. Das ist okay.
Sofie Raff: Ja, sehr schön. Ja, zum Schluss würde ich doch noch mal gerne auf die Eltern eingehen, weil die spielen ja auch einfach eine große Rolle im Kita-Alltag. Was würden Sie denn Fachkräften empfehlen? Wie können die Eltern unterstützt werden von gefühlsstarken Kindern?
Nora Imlau: Also das Aller-, allerwichtigste ist, dass wir als, dass man als Fachkraft wirklich nicht in die Rolle rutschen sollte, den Eltern quasi Vorwürfe zu machen, dass ihr Kind so ist, wie es ist. Ganz viele Eltern gefühlsstarker Kinder kriegen an verschiedenen Stellen immer wieder gespiegelt, dass ihr Kind so sei, weil sie irgendwas falsch gemacht haben. „Wenn ihr von Anfang an das Grenzen gesetzt hättet, wenn ihr von Anfang an nicht so weich gewesen wärt, dann wäre euer Kind jetzt nicht so.“ Und das ist für Eltern gefühlsstarker Kinder ganz schlimm. Und dabei wird wirklich teilweise sozusagen was beobachtet und dann aber Ursache und Wirkung verkehrt. Also, Eltern gefühlsstarker Kinder gehen oft sehr vorsichtig mit ihren Kindern um und schauen, dass sie sich nicht zu sehr frustrieren und dann wird aus Fachkraftsicht manchmal gesagt: „Na ja, ist ja kein Wunder, wenn die Eltern jedem Konflikt aus dem Weg gehen, dann werden die Kinder so Grenze überschreiten.“ In Wirklichkeit ist es aber umgekehrt. Die Eltern haben mit diesen Kindern eben auch ein paar Jahre Erfahrung im Gepäck und wissen, dieses Kind hat nur eine begrenzte Frustrationstoleranz. Und wenn ich jetzt anfange in der Abholsituation durchzukämpfen, dass sich selber seine Jacke anziehen muss, dann sind die Reserven für den Nachmittag verbraucht und deswegen ist es ausgesprochen clever, die Entscheidung von Eltern gefühlsstarker Kinder zu sagen: „Diesen Kampf kämpfe ich jetzt nicht.“ Und das ist so wichtig, dass Eltern da auch dieser Respekt entgegengebracht wird. Nicht: „Sie haben ihr Kind kaputt gemacht oder sie haben ihr Kind verwöhnt“, sondern erstmal einfach zu sehen: „Sie haben hier eine ganz schöne Herausforderung und sie finden Wege damit umzugehen.“ Das ist schon mal großartig sehen und deswegen wäre mein Fokus immer darauf, erstmal die Eltern zu stärken und erstmal zu sagen: „Ein gefühlsstarkes Kind zu begleiten ist krass. Das ist eine krasse Nummer. Das kostet einfach unendlich viel mehr Energie als ein nicht gefühlsstarkes Kind zu begleiten und sie machen das toll.“ Erstmal so, ne? Und dann als nächstes würde ich immer auf die Ressourcen der Eltern abheben, sag: „Was tun Sie für sich? Wann haben Sie eigentlich auch mal Pausen? Was sind Momente, wo Sie Kraft schöpfen? Was sind Momente, wo Sie für sich selber mal zur Ruhe kommen, ne? Wenn sie die ganze Zeit ko-regulieren, wo finden sie ihre Regulation?“ Und dann kann man natürlich behutsam in so ein Gespräch darüber gehen, dass gefühlsstarke Kinder sehr sensibel sind, dass es gut ist, darauf Rücksicht zu nehmen, aber dass auch gefühlsstarke Kinder an gewissen Zumutungen wachsen, dass wir aufpassen müssen, die nicht zu sehr in Watte zu packen und von der Welt abzuschirmen, gefühlsstarke Kinder auch immer für ihren Entwicklungsstand passende Herausforderungen brauchen, wo sie auch mal eine unangenehme Situation schaffen müssen, weil man so wächst als Mensch, jeder Mensch, aber dass so eine unangenehme Situation vielleicht für ein gefühlsstarkes Kind eben ganz anders aussehen muss als für ein gleichaltriges Kind, das nicht gefühlsstark ist, ne? Und da kann man miteinander ins Gespräch gehen, aber erstmal muss die Vertrauensbasis da sein, dass Eltern nicht das Gefühl haben, ihnen wird die Schuld zugeschoben dafür, dass ihr Kind so ist, wie es ist. Und das ist sozusagen das große Trauma, das über dem Thema Gefühlstärke steht, dass da oft so viel Scham auf den Familien liegt, dass von ganz vielen Seiten Eltern das Gefühl vermittelt bekommen, sie würden es einfach nicht richtig hinkriegen mit der Erziehung.