Liturgiereform bezeichnet das Bemühen der Kirche, ihre Gottesdienste so zu gestalten, dass sie dem Auftrag Jesu Christi entsprechen und den Glauben der Kirche angemessen zum Ausdruck bringen. Dabei geht es nicht um eine Neuerfindung der Liturgie, sondern um ihre Erneuerung aus ihren biblischen und theologischen Quellen. Liturgie hat sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert und an neue kulturelle, sprachliche und pastorale Gegebenheiten angepasst. In diesem Sinn gilt der Grundsatz: „liturgia semper reformanda“ – Liturgie ist immer erneuerungsbedürftig.
Liturgiereformen gab es in allen Epochen der Kirchengeschichte. In der Karolingerzeit (8./9. Jh.) wurden die vielfältigen westeuropäischen Riten auf Initiative der fränkischen Könige gezielt an der stadtrömischen Liturgie ausgerichtet. Die Reformation des 16. Jahrhunderts legte besonderen Wert auf die Verkündigung der Heiligen Schrift und die Feier in der Volkssprache. Das Konzil von Trient (1545–1563) bestätigte dagegen die überlieferte römische Liturgie und führte mit dem Missale Romanum von 1570 zu einer weitgehenden Vereinheitlichung der Messfeier in der katholischen Kirche.
Die umfassendste Liturgiereform der Neuzeit erfolgte im 20. Jahrhundert durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965). Vorbereitet wurde sie durch die Liturgische Bewegung und die wissenschaftliche Erforschung der Quellen der frühen Kirche. Die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium wollte die Gläubigen zu einer „vollen, bewussten und tätigen Teilnahme“ an der Liturgie führen (SC 14) und zugleich die theologische Essenz vieler Feiern deutlicher hervortreten lassen (vgl. SC 50). Bereits unter Papst Pius XII. (1939–1958) waren wichtige Reformen erfolgt, etwa die Wiederherstellung der Osternacht als nächtliche Feier. Zu den Folgen des Konzils gehören unter anderem die Erlaubnis der Volkssprachen, eine erweiterte Leseordnung, die Neuordnung des Kirchenjahres und der liturgischen Bücher sowie eine stärkere Hervorhebung der gemeinsamen Feier der versammelten Gemeinde.
Liturgiereform ist deshalb kein einmal abgeschlossenes Ereignis, sondern eine bleibende Aufgabe der Kirche. Ihr Ziel besteht nicht darin, die Liturgie dem jeweiligen Zeitgeschmack anzupassen, sondern ihre Mitte – die Feier des Pascha-Mysteriums Jesu Christi – immer wieder neu zum Leuchten zu bringen und den Menschen den Zugang zu diesem Geheimnis zu eröffnen.
Manuel Uder, Trier