Ganzton oder Halbton? Vorher, nachher oder zwischendurch?Die musikalische Gestaltung des Halleluja-Psalms vor dem Evangelium in der Osternacht

Gerade an einem der liturgisch markantesten Punkte des Kirchenjahres teilen viele Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker die Frage der Frauen am Grab: „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“, oder anders formuliert: Wie sind die Hinweise im Messbuch zum Hallelujaruf und Halleluja-Psalm vor dem Evangelium in der Osternacht zu verstehen und konkret umzusetzen? Da das Messbuch Interpretationsspielraum lässt, sollen hier einige der Möglichkeiten skizziert werden.

A. Halleluja-Psalm ohne Erhöhung der Tonlage

Diese Art der Ausführung dürfte kaum Probleme bereiten: Der feierliche Hallelujaruf (im Messbuch der erste: GL 312,9/KG 429) oder der melodisch einfachere Hallelujaruf (im Messbuch der zweite: GL 175,2/KG 429,1) wird als Kehrvers zu Psalm 118 gesungen. Der Psalm selbst wird dann auf dem passenden Psalmton gesungen, also zu GL 312,9/KG 429 der VIII. Ton, zu GL 175,2/KG 429,1 der VI. Ton. Zu finden sind diese in den gängigen Kantorenbüchern oder in der Notenbeilage zu den Lektionarbänden. Möglich ist auch eine mehrstimmige Ausführung der Psalmverse durch den Chor. Der Wechsel von Psalmvortrag und Gemeindekehrvers (= Hallelujaruf) erfolgt wie beim „normalen“ Antwortpsalm. Durch das Wiederholen des Hallelujarufes nach jedem Psalmabschnitt kann sich so richtig die österliche Freude Bahn brechen – vor allem nach dem 40-tägigen Verstummen des Hallelujarufes.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Messbuch von der ansonsten im Kirchenjahr nicht vorgesehenen Option spricht, dass ausnahmsweise der Priester das österliche Halleluja anstimmt. Das sollte allerdings von den musikalischen Fähigkeiten des Zelebranten abhängig gemacht werden. Das Messbuch spricht – vermutlich lich ebenfalls singulär – gar von einer drohenden prekären Situation: „Notfalls stimmt der Psalmist oder Kantor das Halleluja an.“

B. Halleluja-Psalm mit Erhöhung der Tonlage

Wird er musikalisch sicher und schön „performt“, kann sich wohl niemand der grandiosen Wirkung des in jeweils höherer Tonlage gesungenen Hallelujarufes entziehen, vor allem, wenn der feierliche Ruf mit der kunstvollen gregorianischen Melodie (GL 312,9/KG 429) gesungen wird. Jedoch wirft die Erhöhung der Tonlage einige Fragen auf: In welchen Tonschritten und an welcher Stelle des Halleluja- Psalms erhöht sich die Tonlage? Was bedeutet das für die Tonhöhe der Psalmverse? Wird die Wiederholung des Hallelujarufes in der höheren Lage erst vorgesungen oder singt sofort die Gemeinde? Wird der Ruf nach jedem Psalmabschnitt gesungen? Auch auf diese Fragen gibt es nicht nur die eine Antwort. Zudem ist ausschlaggebend, welche dramaturgische Wirkung man erzielen möchte.

1. Möglichkeit: Erhöhung der Tonlage vor dem Halleluja-Psalm

Dramaturgische Wirkung: Feierliche Introduktion in den Psalm, Halleluja-Kulmination zum Beginn des Psalms hin.

a) Orgel (meint immer auch andere geeignete Instrumente) intoniert den Hallelujaruf in der im GL/KG abgedruckten Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf.

b) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage (Vorlagen für mögliche Überleitungen bzw. Notation der jeweils höheren Tonlage z. B. in: Schott-Kantorale, Freiburg 2019, S. 110–111, oder in den Bänden Lesejahr A bis C des Münchener Kantorale, München 2013 ff.) – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf oder singt ohne Vorsingen sofort den Hallelujaruf.

c) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf oder singt sofort. Durch die Steigerung der Tonhöhe erfährt der Gesang des Hallelujarufes eine Intensivierung. Das dreimalige Singen kann dadurch als Kulmination, als euphorische „Halleluja-Ekstase“ empfunden werden, gerade so, als ob man jemandem etwas Freudiges erzählen möchte und sich vor lauter Begeisterung beim Sprechen überschlägt – oder wie ein bekannter Kirchenmusiker sagte: „Das Halleluja muss anturnend gesungen werden“ (im Sinne von „erregend“). Diese Freude „entlädt“ und „kanalisiert“ sich dann anschließend im Gesang des Psalms 118 und erfährt dort einen weiteren Höhepunkt.

Geht man von der im GL/KG abgedruckten Tonlage des Hallelujarufes jeweils einen Ganzton nach oben, erreicht man den Ton a‘ und damit einen für das Singen des Psalms und Hallelujarufes angenehmen Rezitationston. Im weiteren Verlauf des Psalms wird dann wie gewohnt nach jedem Psalmvers der Hallelujaruf von der Gemeinde wiederholt.

2. Möglichkeit: Erhöhung der Tonlage während des Halleluja- Psalms

Dramaturgische Wirkung: Kontinuierliche Steigerung während des ganzen Psalms zum Evangelium hin, Deutung/Intensivierung des Psalmtextes.

Dies ist sicherlich die anspruchsvollste Gestaltungsmöglichkeit des Halleluja-Psalms, denn nicht nur der Hallelujaruf, sondern der komplette Halleluja-Psalm wird kontinuierlich in der Tonlage gesteigert; dadurch erfahren die Schlüsselwörter eine musikalisch-dramaturgische Deutung: „Die Rechte des Herrn, sie erhöht (!). … Ich werde nicht sterben, sondern leben“ (Vers 16/17); und bei der letztmaligen Erhöhung: „er ist zum Eckstein geworden. … ein Wunder in unseren Augen“ (Vers 22/23).

a) Orgel intoniert den Hallelujaruf einen Ton tiefer als in der im GL/KG abgedruckten Tonlage, d. h. konkret: GL 312,9/KG 429 in Es mixolydisch (4 b) bzw. GL 175,2/KG 429,1 in „Es-Dur“ (3 b) – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf – Vortrag des ersten Psalmabschnitts.

b) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf; oder die Gemeinde singt sofort und ohne Vorsingen den Hallelujaruf – Vortrag des zweiten Psalmabschnitts.

c) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf oder singt sofort – Vortrag des letzten Psalmabschnitts.

d) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf oder singt sofort. Beim letztmaligen Singen des Hallelujarufes kann die Erhöhung der Tonlage entfallen. In diesem Fall sollte der Hallelujaruf beim ersten Singen in der im GL/KG abgedruckten Tonlage begonnen werden.

3. Möglichkeit: Erhöhung der Tonlage zum Abschluss des Halleluja- Psalms

Dramaturgische Wirkung: Feierlicher Abschluss des Psalms (passend zur vorhergehenden Epistel: Tod des „alten Menschen“ und „Übertritt vom Alten zum Neuen Bund“), Intensivierung unmittelbar vor dem Evangelium.

Diese Variante ist eine Vereinfachung zur vorhergehenden: Der Hallelujaruf fungiert wie gewohnt als Kehrvers zu Psalm 118 in der jeweils im GL/KG notierten Tonlage. Nach dem letzten Psalmvers geht es dann folgendermaßen weiter:

a) Gemeinde singt nochmals den Hallelujaruf,

b) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf; oder die Gemeinde singt sofort und ohne Vorsingen den Hallelujaruf,

c) Orgel transponiert in die nächsthöhere Tonlage – Hallelujaruf wird vorgesungen – Gemeinde wiederholt den Ruf oder singt sofort.

Die Erhöhung sollte bei allen beschriebenen Möglichkeiten (wie übrigens auch beim Ecce lignum crucis in der Karfreitagsliturgie) in Ganztonschritten erfolgen. Dadurch ist die dramaturgische Steigerung deutlicher als bei einer Erhöhung nur in Halbtonschritten; außerdem bleiben die Tonarten sich „verwandtschaftlich näher“ und wirken dadurch kohärenter. So verfahren auch die einschlägigen Kantoren- und Orgelbücher.

Eine letzte musikalische Steigerung kann eine vom Chor gesungene feierliche, mehrstimmige Halleluja-Coda sein. Diese sollte allerdings kurz und prägnant ausfallen; wird dadurch der gesamte Halleluja-Psalm-Ablauf ungebührlich in die Länge gezogen, könnte sich statt einer österlichen Halleluja-Trunkenheit schnell eine recht unösterliche Ernüchterung einstellen.

Gottesdienst-Hefte

Die Zeitschrift Gottesdienst im Abo

Unsere Zeitschrift bietet Ihnen Beiträge zu Grundfragen und neuen Entwicklungen im Bereich gottesdienstlicher Feiern, einen Praxisteil mit erprobten Textvorlagen und konkreten Modellen für den katholischen Gottesdienst sowie Hinweise auf aktuelle Vorgänge, Ereignisse und Tagungen. 

Zum Kennenlernen: 3 Heft gratis

Jetzt gratis testen