#2 KusstafelFriedensgruß zum Weiterreichen

Die Kusstafel aus dem Kloster Eberbach mit Agnus Dei als hochovales Wachsrelief mit Perlenumrundung ermöglichte eine besondere Form des Friedensgrußes.

Kusstafel aus dem Kloster Eberbach, 16. Jahrhundert, Diözesanmuseum Limburg an der Lahn, Inv. D34.
© Michael Benecke, Diözesanmuseum Limburg

Vielleicht braucht es in der grantigen Christenheit mehr Küsse. Nicht bloß diesen verklemmten Augenblick vor der heiligen Kommunion, da die Gläubigen erschrocken im Anorak umherschauen, verstohlen einander "Friede sei mit Dir" wünschen, links und rechts eine feuchte Hand dahinreichen oder jemandem zwei Kirchenbänke weiter angestrengt zuzwinkern. Der Apostel Paulus jedenfalls empfahl in seinen Depeschen an die Römer und die Korinther, sie sollten es bei der Zusammenkunft der Gemeinde zum Abendmahl nach jüdischer Tradition halten und unbedingt nicht verabsäumen, miteinander einen "heiligen Kuss" zu wechseln. Man erkennt einander, ist so.

Allerdings war bei der Messe – jedenfalls in ihrer historischen Entwicklung – der opportune Moment nicht unter allen Kirchenvätern, wie soll man sagen, konsensuell: Mal pflegte man den Friedensgruß direkt und ungestüm nach dem Einzug, mal bürokratisch nach Wortgottesdienst und vor der Gabenbereitung, heute pendelte er sich, nach dem Diktat des Heiligen Augustinus, unmittelbar vor dem Empfang der Kommunion ein.

Oft wird über die seltsamen Handlungen geschmunzelt, die die Heilige Messe in ihrer eifersüchtig gehüteten Ordnung ritualisiert: Etwa über das Waschen und Spülen der Messgeräte nach der Gabenbereitung noch am Altar durch den Priester, damit auch kein Krümel und Tröpfchen der gewandelten Gaben zu Schaden komme.

Doch durch den Friedensgruß tritt zur Eucharistie eine Gemeinde an den Altar, die sich gegenseitig wahrgenommen hat, die sich spürt, sich als geschwisterlich und gleichursprünglich versteht, die sich als raumgreifende Friedensgemeinschaft erlebt, mirakulös, und deshalb oder auf diese Weise sich ihrem Schöpfer einverleibt. Keine Messe ohne Kuss – beziehungsweise "ortsübliches Zeichen", wie es in den offiziellen Regieanweisungen heißt.

Diese Kusstafel aus dem Kloster Eberbach mit ihrem Kranz an macadamianussgroßen Bergkristallen ist im 16. Jahrhundert entstanden und gehört zu einer Reihe an Gegenständen, die als eine Art Vermittlungshilfe dienten, ein Scharnier zwischen mehreren Parteien, die einander Frieden wünschen, jenseits jeglicher Hygienevorschriften. Sie war ein Instrument zum Umherreichen, also ein Messgerät wie Kelch oder Weihrauchschiffchen. Der Gebrauch während der Messe wich im späten 18. Jahrhundert anderen stilisierten Gesten, wie etwa der Umarmung oder dem mehr oder weniger virtuos durchgeführten Handshake.

Die Kusstafel – auch Paxtafel genannt – stellt nicht nur ein Relikt ungebräuchlich gewordener Formen der Gottesdienstbewältigung dar, sondern eben auch ein Objekt, das eine Geste vorzieht gegenüber dem bloßen Wort.

Kusstafeln schickten, besonders in England, Brabant und Flandern, sich im Übrigen auch Familien oder Nachbarn zwischen ihren Wohnstätten hin und her, um sich ihrer friedlichen Eintracht zu vergewissern. Dies wäre ein weiteres Beispiel dafür, wie liturgische Formen, kultische Formen, als Vorbilder für zivile, nichtreligiöse Rituale dienten.

Die Kusstafel – auch Paxtafel genannt – stellt nicht nur ein Relikt ungebräuchlich gewordener Formen der Gottesdienstbewältigung dar, sondern eben auch ein Objekt, das eine Geste vorzieht gegenüber dem bloßen Wort. Wechselt miteinander den "heiligen Kuss!" Shalom!

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