Der Islam als Newcomer im Pluralismus westlicher Zivilgesellschaften stellt die Gretchenfrage neu: Wie hält es die säkulare Zivilgesellschaft mit der Religion? Die erste Antwort scheint ein Abwehrreflex gegen den fremden Islam zu sein. Doch was sind die Alternativen? Soll der Staat, gleichsam von oben, eine Zivilreligion vorgeben, in die der Islam einzupassen wäre? Oder soll die Religion der zivilgesellschaftlichen Pluralität überlassen bleiben, so dass ein neues Arrangement von unten erwachsen kann? Im folgenden Beitrag wird die zweite Variante vertreten. Das jeweilige Verhältnis zur säkularen Zivilgesellschaft muss dabei jede Religion für sich, doch im Dialog mit den anderen klären. Die Geschichte des Katholizismus zeigt beispielhaft, dass der Weg der Auseinandersetzung mit der Moderne von einer prinzipiellen Gegnerschaft zu einem freundlich-kritischen Verhältnis führen kann. Wenn umgekehrt der demokratische Staat und die säkulare Gesellschaft die vorpolitischen Potentiale der Religionsgemeinschaften zu nutzen und zu wahren verstehen, kann sich eine postsäkulare Gesellschaft entwickeln. Sie zeichnet sich aus durch gegenseitige Lernbereitschaft säkularer und religiöser Bürger.
Amosinternational, Heft 1/2011, 26