Völker aller Länder, verständigt euch! Ein neuer Lehrstuhl an der Hochschule für Philosophie in München

rstens nimmt sich besonders die Sozial- und politische Philosophie dieser Themen an. In dieser Perspektive werden zuerst Strukturen menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Praxis analysiert und diskutiert. Das Nachdenken über Gesellschaft, Staat, Ökonomie, Kultur und Normen steht dabei im Zentrum. Angesichts der vielfältigen dynamischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte sind diese Ansätze weiter zu entwickeln und auf die globale Ebene zu übertragen. Der Lehrstuhl will einen Beitrag dazu leisten.

Dabei geht es auch darum zu untersuchen, welche gelungenen Praktiken für eine global gerechte und friedliche Gestaltung der Weltgesellschaft bereits existieren und wie diese weiterentwickelt und theoretisch begründet werden können. Das Nachdenken über das Verhältnis von Universalismus und Partikularismus spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Denn einerseits ist die Weltgesellschaft auf der Suche nach einheitlichen normativen Standards. Anderseits werden Normen weltweit kulturell ausbuchstabiert. Eine überzeugende Verhältnisbestimmung dieser beiden Pole ist eine entscheidende Bedingung globaler Verständigung.

Ethik kann dazu beitragen, dieses Spannungsverhältnis zu klären. Darauf aufbauend muß diskutiert werden, welche Formen politischer Steuerung für globale Dynamiken am geeignetsten sind. Hierzu hat die Philosophie bereits eine große Bandbreite an Modellen entwickelt, die es weiterzuentwickeln gilt. Für ein an Verständigung orientiertes Zusammenleben der Völker ist es von zentraler Bedeutung, neue Formen politisch-rechtlicher Gestaltung zu entwerfen, welche den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechen. Fragen nach Demokratie, Toleranz, Menschenrechten oder Frieden stehen hierbei im Zentrum.

Kultur und Religion als Querschnittsfragen

Die Vielfalt von Kulturen und Religionen ist heute eine zentrale Erfahrung der Globalisierung und oft Ausgangspunkt von Konflikten. Sowohl in wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskussionen bleibt allerdings meist unklar, was unter Kultur bzw. Religion verstanden werden soll. Oftmals zeigt sich gerade die praktische Philosophie erschreckend kulturblind. Um diese Lücke zu schließen ist es wichtig, über eine alte philosophische Frage erneut nachzudenken, und zwar wie menschliches Sprechen und Handeln in interkulturellen Konstellationen zusammenhängen.

Menschliches Sprechen ist niemals losgelöst vom Handeln, darauf machte bereits Jürgen Habermas aufmerksam. Wie Menschen sprechen, ist immer auch eine Handlung. Sind sprachliche Äußerungen konstruktiv und kooperativ formuliert, dann ist dies zum Beispiel eine bestimmte Form des Handelns gegenüber den Mitmenschen. Und diese Form des Sprechens prägt auch die jeweiligen Perspektiven auf und die Erklärung von Welt. Deshalb ist es wichtig, sich Sprache und ihre soziale Funktion genauer anzuschauen. Nur wenn ein überzeugendes Verständnis des Verhältnisses von Sprache und Handeln entwickelt wird, kann auch ein Konzept von Verständigung gefunden werden. Die Analyse der Globalisierung zeigt nun, daß menschliches Sprechen immer verschiedene kulturelle Perspektiven auf Welt impliziert.

Diese Einsicht wurde schon in der Renaissance, einer frühen Phase der Globalisierung an der Schwelle zur Neuzeit thematisiert. Mitte des 15. Jahrhunderts befand sich der Philosoph, Theologe und Kirchenmann Nikolaus von Kues (1401-1464) auf einer Schiffsreise nach Konstantinopel. Beim Blick über das Meer kam ihm die Einsicht, daß menschliche Erkenntnis immer begrenzt ist. Dies gilt besonders für religiöse und kulturelle Fragen. Zugespitzt nannte er diese Einsicht ein "belehrtes Nichtwissens". Genau diese Einsicht half ihm, in einen konstruktiven Dialog mit anderen Religionen, beispielsweise den Islam, zu treten. Wenn alle Religionen Experten des belehrten Nichtwissens werden, dann neigen sie weniger zu Gewalt und sind bereit, kooperativ miteinander umzugehen - so die Schlußfolgerung des Bischofs.

Ein Nachdenken über Sprache und Erkenntnis in globalen Kontexten will diese Begrenzungen ernst nehmen. Es geht um einen detailreichen Blick auf die daraus resultierende Vielfalt kultureller und religiöser Formen. Es gibt zum Beispiel nicht nur den Islam, sondern eine Vielfalt kulturell unterschiedlicher Formen des Islam. Mit einer solchen philosophisch informierten Perspektive können Vorurteile abgebaut und offene Begegnungen mit dem Fremden möglich werden. Eine erkenntnistheoretische Vorsicht kann also weitreichende Konsequenzen für die globale Praxis haben. Die Einsicht in die Grenzen menschlicher Erkenntnis und Sprache ist eine gute Strategie im Kampf gegen Fanatismus und im Einsatz für Toleranz sind.

Die praktische Philosophie kann in diesem Kontext einiges von der interkulturellen Philosophie lernen. Erst langsam rückt eine solche kulturwissenschaftlich informierte Sicht in den Fokus. Dabei erweisen sich Modelle, die Kulturen als homogene Blöcke interpretieren, als zu undifferenziert. Es geht vielmehr darum, die vielfältigen und sich ständig verändernden kulturellen Geflechte als solche in den Blick zu nehmen. Dies gilt auch für Religionsgemeinschaften, die noch immer häufig als einheitliche Gebilde beschrieben werden, womit ihre faktischen kulturellen Gestalten ausgeblendet werden. Außerdem ist auf Instrumentalisierungen von kulturellen und religiösen Überzeugungen für politische Zwecke zu achten. Die wechselseitige Überlagerung und teilweise vorherrschende Instrumentalisierung von politischen und kulturell-religiösen Fragen verdient innerhalb des Nachdenkens über Völkerverständigung eine besondere Aufmerksamkeit.

Philosophisches Orientierungswissen als gesellschaftlicher Impuls

Der neue Lehrstuhl will das Thema Völkerverständigung in der skizzierten Bandbreite in Forschung, Lehre und öffentlichen Diskussionen aufgreifen. Im Kontext der Einrichtung des Lehrstuhls im Oktober 2010 war dies beispielsweise die Debatte über die Integration und Verständigung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in Deutschland. Wie Menschen aus verschiedenen Kulturen in Deutschland zusammenleben können, bewegt die Menschen heute sehr. Auch hier geht es um Fragen der Verständigung.

Barbara Stamm, die Präsidentin des Bayerischen Landtages, schlug bei dem offiziellen Festakt am 26. Oktober 2010 einen Bogen von der Völkerverständigung hin zur Integrationsdebatte: "Für uns heißt das auch, daß wir lernen müssen, mit mehr kultureller Vielfalt zu leben, bei aller Verbindlichkeit der Verfassungswerte für das Zusammenleben aller."

Damit ist angezeigt, daß wir auf demokratische Spielregeln angewiesen sind, die Basis eines fairen und friedlichen Miteinanders sind. Innerhalb dieses demokratischen Rahmens kommt es dann darauf an, kulturelle Vielfalt als ein positives Merkmal von Gesellschaften erfahrbar zu machen. Derart angelegte Impulse für öffentliche Debatten sind wichtig und zeigen, daß die Philosophie nicht nur ein theoretisches Wissen hat, sondern dass dieses als Orientierungswissen für gesellschaftliche Fragen nutzbar gemacht werden kann. Dies ist ein zentrales Anliegen des neuen Lehrstuhls (vgl. dazu auch meinen Beitrag "Neue Spielregeln gesucht. Völkerverständigung als praktisch-philosophische Herausforderung", in: Herder Korrespondenz 65, 2011, 40-44).

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