Homo oeconomicusDas Problem an der Wurzel angehen

Die Corona-Pandemie führt deutlich vor Augen, welche wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen langfristig bewältigt werden müssen. Jörg Alt SJ ruft dazu auf, die Probleme an der Wurzel anzugehen, ausgehend von einem christlichen Menschenbild.

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Vor einigen Jahren stieß ich in der Philosophie-Bachelor Arbeit eines meiner Mitbrüder erstmals auf Serge Latouche, von dem der Ausspruch stammt: „Wir müssen das Denken dekolonisieren (und) den Kapitalismus aus unseren Köpfen bekommen“, wenn wir die Probleme von heute verstehen und lösen wollen. ‚Steile Behauptung‘, dachte ich, ‚Typische Verschwörungstheorie. So dumm sind wir doch nicht‘. Ich habe mich getäuscht. So dumm sind wir tatsächlich. Freilich ist ein Irrtum schwer zu entdecken, wenn ihn alle für eine unverrückbare Wahrheit halten – da hat dann auch der „gesunde Menschenverstand“ Probleme, die Dinge zu durchschauen. Aber das könnte sich, zumindest was das Menschenbild betrifft, welches maßgeblich die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft prägte, ändern:

Zunehmend gibt es hochkarätige und breit wahrgenommene Publikationen, die nachweisen, wie wir in den letzten Jahrzehnten Mythen aufgesessen sind die, wenn man sie eben nur oft genug und überzeugt genug wiederholt, irgendwann tatsächlich als verlässliche und unverrückbare Wahrheiten „über die menschliche Natur“ akzeptiert werden. Anders gesagt: Nach jahrzehntelanger neoliberaler Indoktrinierung glauben wir tatsächlich vieles als „alternativlos“ und „in der Natur der Sache liegend“, was nicht immer so war. Und was uns gegen die Wand zu fahren droht – wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Nehmen wir Yuval Hararis „Kleine Geschichte der Menschheit“ oder aktuell Rutger Bregmans „Im Grunde gut“: Sie legen dar, dass der Mensch eben kein Homo Oeconomicus ist, der als Individuum seine Entscheidungen in nüchternen Kalkulationen fällt, der Wettbewerbsorientiert ist, Leistungsbetont, für den ein höheres Gehalt soziale Wertschätzung bedeutet und vieles anderes mehr. Nein: Der Mensch ist von Natur aus sozial, mitfühlend, solidarisch und auf Kooperation angelegt: Nur dies verschaffte ihm einen Vorteil in der Evolution über stärkere, schnellere und aggressivere Lebewesen. Hat man dies einmal begriffen, fallen einem andere, weniger breitenwirksame und trockenere Publikationen ein, die genau dasselbe sagen: Papstenzykliken, „SuperCooperators“ (Martin Nowak), „The Case Against Competition“ (Alfie Kohn), „Doughnut Economics“ (Kate Raworth), „Die Wiederentdeckung des Menschen“ (Andreas v. Westphalen), Publikationen aus der „Glücksforschung“…

Mut zu einer zweiten Aufklärung

Oder nehmen wir Mariana Mazzucato, die in ihrem „Entrepreneurial State“ an vielen Beispielen ausführte, dass es eben nicht private Risikobereitschaft von wettbewerbsorientierten Unternehmern und Investoren ist, denen die Menschheit große Erfindungen und Innovationssprünge verdankt, sondern dass viel Bahnbrechendes ohne staatlich veranlasste, steuerfinanzierte Grundlagenforschung gar nicht existieren könnte: Google, das IPhone, medizinische Durchbrüche… Dass große Erfindungen weniger entstehen, weil Wissenschaftler von finanziellen Anreizen und Boni gelockt werden, sondern weil der Mensch von Natur aus neugierig ist, Lust am Erforschen, Basteln, Ausprobieren und Kooperieren hat. Liest man dieses Buch, fallen einem wiederum andere, weniger breitenwirksame und trockenere Publikationen ein, die genau dasselbe sagen: „The Zero Marginal Cost Society“ (Jeremy Rifkin) oder „Die Welt neu denken“ (Maja Göpel), Publikationen der Gemeinwohlökonomie….

Dies macht mir jedenfalls deutlich, wie dringend wir den Mut zu einer zweiten Aufklärung brauchen.

Eines der Grundübel aktueller Miseren ist das Menschenbild, welches Neoliberalismus und Neoklassik zugrunde liegt: Der Homo Oeconomicus, der rational kalkuliert und deshalb auch berechenbar ist („behavioural economics“). Dabei ist der Mensch viel mehr und eigentlich ganz anders. Das gilt es wieder freizulegen, wenn wir uns aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (wieder) befreien wollen. Deshalb: Höchste Zeit für eine „Re-Lektüre“ von anthropologischer und sozialer Wissenschaft, um das eigentliche Wesen des Menschen wieder zu entdecken.

Denn wenn der Mensch wieder mehr „er und sie selbst“ sein kann, dann ist vieles möglich, was aktuell unmöglich, da undenkbar ist. Nur ein Beispiel: Kreativität, Solidarität und Kooperation könnte beispielsweise durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen einen Schub erfahren. Diese Diskussion steht ohnehin an, da Digitalisierung und Robotisierung Arbeitsplätze kosten und die Finanzierung unserer Sozialsysteme gefährden wird.

"Die Corona-Pandemie zeigt, dass plötzlich Dinge machbar sind"

Die Corona-Pandemie zeigt, dass plötzlich Dinge machbar sind, vor denen uns Ökonomen jahrelang gewarnt haben, etwa zu hören auf nicht-ökonomische Wissenschaft, staatliche Schulden und Regulierung und vieles mehr. Eben weil der Gesellschaft plötzlich andere Dinge wichtig sind und sie entsprechend ihr Zusammenleben entlang anderer Prioritäten organsiert. Und: die Einsicht wächst, dass die „Welt nach Corona“ keinesfalls ein Weg zurück in die „Normalität vor Corona“ sein darf, sondern dass wir den begonnenen Weg konsequent nach vorn, unter Berücksichtigung der vielen anderen Krisen, fortentwickeln müssen.

Eine andere Welt ist tatsächlich möglich. Eine Welt ohne Finanzkrisen, wachsende Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern, wachsenden Hunger wegen wachsender Lebensmittelknappheit, wachsende Migrationsbewegungen, Übernutzung und Verschmutzung natürlicher Ressourcen, Klimawandel, Artensterben, Wachstum von Konsum und Müll… Wenn es stimmt, dass der Mensch im Grunde gut und kooperativ ist, müssen viele wirtschaftliche, politische und soziale Programme neu geschrieben werden – und das Schöne ist, dass es erfolgreiche Beispiele gibt, in den oben erwähnten Büchern nachzulesen, die man einfach bekannter machen und – je nach lokalen Umständen – anderswo ausprobieren muss.

Schon immer gab es in der Menschheitsgeschichte Momente, in denen es zum Bruch mit dem Herkömmlichen kann. Genau das meint der Ausdruck der „Großen Transformation“, der vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen (WBGU) breit bekannt gemacht wurde: Und wieder befinden wir uns in einer solchen geschichtlichen Situation. Nur dass wir deutlich weniger Zeit zur Gestaltung der Transformation haben als je zuvor: Gehen wir nicht den Klimawandel schleunigst deutlich entschiedener an als bisher der Fall, kann es wegen der wachsenden Kipppunkten zu spät sein.

Oder denken wir an Thomas Kuhns Ausführungen zu wissenschaftlichen Revolutionen: Es ist zunächst normal, ein herrschendes Paradigma zu reformieren, um erkannte Mängel in den Griff zu bekommen. Es kann aber der Punkt kommen, wo man jenseits des herrschenden Paradigmas beginnt, Dinge neu zu sortieren und zu gruppieren, bis sich ein alternatives Paradigma etabliert, welches besser geeignet ist, Probleme zu lösen. Wo Ideen und Konzepte an einen neuen Platz fallen und wir plötzlich in einer anderen Welt leben.

Wir brauchen mehr Mut gegen die gepredigte "Alternativlosigkeit"

Wir brauchen mehr Mut, uns gegen die gepredigte „Alternativlosigkeit“ und die Appelle zum „Machbaren“ und „Realismus“ durchzusetzen. Oder, wie Bregman sagt, daran zu glauben, dass angesichts der globalen Probleme die Utopisten die eigentlichen Realisten sind, während die vorgeblichen „Realisten“ dazu bereit sind, unsere Welt gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis früher oder später an die Wand zu fahren. Diese Diskussion muss jetzt geführt werden, oder wir werden einen sehr hohen Preis zahlen müssen.

Latouche hat Recht, denn auch Albert Einstein wusste: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Und das bedeutet zunächst und vor allem, eine Wirtschaftsweise, die mehr am Gemeinwohl orientiert ist und nicht an der Trickle-Down-Theorie, über die Papst Franziskus spöttelte: „Das Versprechen war, dass das Glas (der Reichen), wenn es voll ist, überfließt und dann die Armen profitieren. Was passiert ist, dass das Glas auf wundersame Weise immer größer wird.“ [Übersetzung aus dem Engl. JA, vgl. https://eu.usatoday.com/story/news/world/2013/12/15/pope-marxist-label/4030929]

Ähnlich sollte man auf Milton Friedmans Definition von Corporate Social Responsibility reagieren, der die soziale Verantwortung eines Unternehmens darin sieht, den Profit zu vergrößern. Was wir stattdessen brauchen ist Corporate Social Accountability: Verantwortlichkeit hinsichtlich der Einhaltung von menschenrechtlichen, sozialen und ökologischen Standards im Blick auf die Gesellschaft als Ganzes, innerhalb der die Wirtschaftstätigkeit stattfindet.

Damit es so weit kommt, dazu braucht es (hoffentlich) keine gewaltsame Revolution. Forschung an der Harvard Universität durch Erica Chenoweth und ihr Team belegt, dass der friedliche, aber entschiedene Protest, das hartnäckige Drängen eines kleinen Prozentsatzes der Bevölkerung in der Vergangenheit schon oft dazu führte, fest verankerte Gewissheiten zu kippen: Sklavenbefreiung, Wahlrecht und Gleichberechtigung von Frauen sind hierfür beliebte Beispiele. 

Diese Diskussionen müssen dringend geführt werden

Aus diesem Grund hat auch die Initiative „Bayernplan für eine soziale und ökologische Transformation“, die am 25. Juni 2020 mit der Übergabe ihres Anliegens an die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Ilse Aigner, an die Öffentlichkeit ging, gefordert, dass in dem von ihr geforderten Dialogprozess als erstes die Grundlagen unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation ins Bewusstsein gerufen werden sollen:

Kooperation und Wettbewerb, rechtes Maß und Wachstum, Wohlstand oder Wohlergehen, BIP oder Nationaler Wohlfahrtsindex, Gemeinwohl und Geldwert: Dies neu zu tarieren wird nicht einfach, er wird Konfrontationen und Konflikte beinhalten. Allein die Frage, wie die kapitalbasierten Elemente unseres Renten- und Fürsorgesystems zurück in ein solidarisches, steuern- und abgabefinanziertes Umlagesystem zurückgeführt werden können, ist von abschreckender Kompliziertheit, auch und gerade für alle, die wie ich kein Experte dafür sind. Dennoch ist es meiner Ansicht nach legitim und dringend, in einer breit angelegten Bewegung zu fordern, dass diese Diskussionen schnellstmöglich von kompetenten Experten in aller Breite und Sachlichkeit geführt werden wird.

Wie die Gesellschaft nach Corona und im Zeitalter von fortdauernden Finanzkrisen, wachsender Ungleichheit usw. aussehen wird, wissen wir nicht. Wir können es nur herausfinden, wenn wir das Grundproblem entschieden angehen: Das verengte Menschenbild, welches uns in den letzten Jahrzehnten eingeredet wurde. Und wenn wir den Mut neu entdecken, Neues auszuprobieren, auszuwerten und dann das Gute umzusetzen und zu behalten.

 Von Jörg Alt SJ

 

Vgl. ausführlicher auch: Jörg Alt: Handelt! Appell an Christen und Kirchen die Zukunft zu retten. Münsterschwarzach: Vier Türme 2020.

Informationen zum „Bayernplan für eine soziale und ökologische Transformation“, einer Initiative von BUND-Bayern, FridaysForFuture Bayern, Jesuitenmission Nürnberg und dem Landeskomitee der Katholiken siehe <www.wirtransformierenbayern.de>

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