CHRIST IN DER GEGENWART wird 70 Provokative Analysen zum Jubiläum

Mit einem "Heimspiel" in katholisch geprägtem Umfeld wollte die Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" ihr 70-jähriges Bestehen nicht feiern. Im mehrheitlich kirchenfernen Dresden gab es auch provokative Analysen.

Heinrich Timmerevers, der Bischof des Bistums Dresden-Meißen

Der Name ist Programm: Denn "Christ in der Gegenwart" will seit 70 Jahren in aktuellen Debatten von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft Orientierung geben. Zum Jubiläum lud die im badischen Freiburg erscheinende Wochenzeitschrift ihre Leser zu einem Kongress ins sächsische Dresden. Dort ging es am Wochenende um "Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft".

Das Leitwort der Tagung deutete an, dass sich die Lage der Kirche seit 1948 entscheidend geändert hat. Damals hatten Christen es in manchem leichter als heute. Zwar waren die Zeiten hart. Die Not der Nachkriegsjahre erforderte einen täglichen Kampf ums Überleben. Doch aus der Zeit des Nationalsozialismus kam die Kirche wegen ihrer widerständigen Haltung gestärkt hervor.

Bis in die 1960er Jahre war sie eine moralische Instanz, die viele Politiker auch heute in Anspruch nehmen möchten. So appellierte der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk (CDU), auf dem Kongress an seine 400 Zuhörer, sich "laut und deutlich" in den gegenwärtigen Streitthemen zu Wort zu melden. Dabei sollten sie "aus dem Glauben heraus argumentieren", riet der Staatsminister. Sie dürften ethische Fragen etwa der Zuwanderung und Digitalisierung nicht anderen überlassen.

Kirchliche Stimmen finden indes immer weniger Gehör, wie Michael Seewald darlegte. Früher hätten viele Menschen lehramtliche oder theologische Positionen zumindest als "möglicherweise relevant" beachtet, betonte der Münsteraner Dogmatiker. "Heute ist das nicht mehr der Fall."

Mitverantwortlich dafür machte er eine "katholische Lehrarchitektur", die alle Fragen des Lebens detailliert regelt. "Je fragwürdiger der Naturbegriff außerhalb kirchlicher Mauern geworden ist, desto genauer scheint die Kirche zu wissen, was die Natur des Menschen genau ausmacht, was ihr entspricht und vor allem, was ihr widerspricht - in sozialer, politischer, sexueller und religiöser Hinsicht".

Die Folge sei eine Auswanderungsbewegung, "der man in dogmatischer Hinsicht bisher völlig tatenlos, vielleicht auch hilflos zusieht", so Seewald. Er riet, es mehr "der Vernunft des Einzelnen zu überlassen", die christliche Botschaft in ihrem Lebensumfeld zu konkretisieren. Auch innerhalb der einen Kirche könne es "eine Vielfalt weltanschaulicher Positionen" geben. Seewald plädierte dafür, "sich auf das Wenige zu beschränken, was Daseinsberechtigung und Ziel kirchlichen Lebens ist: jene Hoffnung glaubwürdig zu vermitteln, die Christus gestiftet hat".

Auch Gotthard Fuchs konstatierte einen Epochenwandel. Die heutige Gestalt der Kirche müsse sterben, um neu geboren zu werden, erläuterte der Wiesbadener Theologe und Pädagoge in der Begrifflichkeit der Mystik. So sei die Botschaft von der Gegenwart Gottes aus einer "eng gewordenen Umklammerung der Kirche" zu befreien. Möglich werde dies jedoch nicht in Form einer "erlebnissüchtigen Spiritualität, die auf eine perfektionistische Selbstoptimierung ausgerichtet ist". Christliche Spiritualität müsse sich auch dem Leid stellen und dürfe es nicht "schönreden".

Eine Grundhaltung des Vertrauens auf die christliche Botschaft ohne Bedingungen falle heute besonders schwer, sagte Barbara Zehnpfennig. "Wir sind so darauf geeicht, im Grunde alles alleine erkämpfen zu müssen, uns auf niemanden hundertprozentig verlassen zu können, dass uns solch vorbehaltloses Vertrauen geradezu naiv erscheint", meinte die Passauer Politikwissenschaftlerin.

Ganz praktische Empfehlungen gab Heinrich Timmerevers. Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen schlug vor, Menschen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, nicht mehr als bekenntnislos, sondern als bekenntnisoffen zu bezeichnen und auch so zu begegnen. Auch solle die Kirche ihre Kindertagesstätten, Schulen oder Pflegeheime stärker als Orte verstehen, in denen Nichtchristen mit gelebtem Glauben "in Berührung kommen" könnten. In dieser Hinsicht hat Timmerevers nach eigenem Bekunden auch selbst "im Osten" viel gelernt, als er vor zwei Jahren aus dem katholisch geprägten Oldenburger Land ins kirchenferne Sachsen kam.

Bücher zum Thema

Zurück Weiter
  • Alles in allem – was letztlich zählt im Leben.   . Über Glück, Sehnsucht und die Kraft der SpiritualitätGrün, Anselm

    Alles in allem – was letztlich zählt im Leben.

    Anselm Grün

    Gebundene Ausgabe

    22,00 €

    Erscheint am 11.11.2024, jetzt vorbestellen

  • Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen IndifferenzLoffeld, Jan

    Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt

    Jan Loffeld

    Gebundene Ausgabe

    22,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (PDF)

  • Gott. Mehr als eine Frage - Herder Korrespondenz SpezialBlume, Michael

    Gott

    Michael Blume, Godehard Brüntrup, Juliane Eckstein, Julia Enxing, Georg Essen, Mirijam Günter, Dominik Meiering, Theresia Heimerl, Reinhard Marx, Isabel Barragán, Hanns-Josef Ortheil, Sebastian Ostritsch, Katharina Peetz, Martina Roesner, Christoph Schult, Ursula Schumacher, Andreas Urs Sommer, Peter Strasser, Holm Tetens, Hakan Turan, Saskia Wendel, Helmut Hoping, Magnus Striet, Redaktion Herder Korrespondenz

    Broschur

    15,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (PDF)

  • Das denkende Herz der Baracke. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 - 1943Hillesum, Etty

    Das denkende Herz der Baracke

    Etty Hillesum, Jan G. Gaarlandt

    Gebundene Ausgabe

    20,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB)

  • Den ersten Schritt macht Gott. Über Erfüllung, Berufung und den Sinn des LebensOster, Stefan

    Den ersten Schritt macht Gott

    Stefan Oster, Rudolf Gehrig

    Klappenbroschur

    16,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB), eBook (PDF)

  • Ameise sucht Gott. Eine Parabel über die großen Fragen des LebensVatter, Sarah

    Ameise sucht Gott

    Sarah Vatter, Stefan Vatter

    Kartonierte Ausgabe

    12,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB)

  • Gott hat mir nie das Du angebotenFritz, Sophia

    Gott hat mir nie das Du angeboten

    Sophia Fritz

    Kartonierte Ausgabe

    12,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB)

  • Was sucht ihr? Frag-würdige Einsichten ins JohannesevangeliumEckert, Johannes

    Was sucht ihr?

    Johannes Eckert

    Gebundene Ausgabe

    20,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB)

  • Exploration Gott. Was unsere Gesellschaft jetzt brauchtVatter, Stefan

    Exploration Gott

    Stefan Vatter

    Gebundene Ausgabe

    24,00 €

    Lieferbar in 1-3 Werktagen

    auch erhältich als eBook (EPUB)

  • Gott? Die religiöse Frage heuteRöser, Johannes

    Gott?

    Johannes Röser

    eBook (EPUB)

    21,99 €

    Download sofort verfügbar

  • Kleine Gotteslehre im Dialog mit Papst FranziskusWerbick, Jürgen

    Kleine Gotteslehre im Dialog mit Papst Franziskus

    Jürgen Werbick

    eBook (PDF)

    18,00 €

    Download sofort verfügbar

Artikel zum Thema

Einen Augenblick ...
 

Wir haben diesen Titel auf dem Bestellformular für Sie eingetragen

Weitere Titel einkaufen

Zum Bestellformular

Ein Fehler ist aufgetreten.

Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.
 
Weiter shoppen Zum Warenkorb Sie haben einen Artikel in den Warenkorb gelegt. Weiter shoppen Zur Registrierung Sie müssen registriert sein, um die Merkliste nutzen zu können.

Artikel

Ausgabe

Einzelpreis

Menge

Gesamtpreis

Produktbild