Die Zehn Gebote

Die Zehn Gebote sind eine Reihe von Geboten und Verboten des Gottes JHWH. Sie werden auch Dekalog genannt.

Die Zehn Gebote
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Entstehungsgeschichte der Zehn Gebote

Die Bibel erzählt die Entstehungsgeschichte des Dekalogs wie folgt: „Nachdem der Herr zu Mose auf dem Berg Sinai alles gesagt hatte, übergab er ihm die beiden Tafeln der Bundesurkunde, steinerne Tafeln, auf die der Finger Gottes geschrieben hatte.“ (Ex 31,18) Die Stellung der Zehn Gebote innerhalb der fünf Bücher Mose bindet sie eng an die Befreiung Israels aus Ägypten.. Der Dekalog wird zum Gesetz, mit dessen Hilfe diese neue Freiheit bewahrt werden kann.

Wissenschaftlich konnte rekonstruiert werden, dass der Dekalog in einem jahrhundertelangen Prozess gewachsen ist, indem mehrere Redaktionen nacheinander daran gearbeitet hatten. Die ersten drei ausführlichen Gebote entstanden wohl spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. Die sieben darauf folgenden sozialen Gebote sind älter. Sie werden zurückdatiert bis in die Nomadenzeit des Volks Israel (1500 bis 1000 v. Chr.). Ihre heutige Fassung entstand wohl erst im ersten Jahrhundert n. Chr., die Wirkung des Dekalogs entfaltete sich allerdings lange vorher. Der Dekalog bildet den Kerntext des Bundes von JHWH und dem Volk Israel. Ein Verstoß gegen sein Gesetz kam dem Lösen dieses Bundes gleich.

Dekalog im Neuen Testament

Im Neuen Testament werden die Zehn Gebote nicht benannt, jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt. Sie werden verschärft und gipfeln im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Im Sinne dieses Liebesgebots können die Vorschriften des Dekalogs gebrochen werden, ohne dass sie dadurch ungültig würden. Dieses Gebot Jesu  jedoch als bloße Kurzfassung der Zehn Gebote anzusehen, greift zu kurz. Jörg Zink versucht, neue Weisungen im Sinne des Neuen Testaments zu formulieren – seine Präambel lautet in diesem Sinne: „Gott liebt dich. Nimm seine Liebe an und gib sie weiter.

Für den Apostel Paulus gehen die Zehn Gebote in der Nachfolge Christi sogar im Liebesgebot auf. Das entstehende Christentum beginnt, sich vom Judentum zu trennen: Die jüdischen Kult- und Opfergesetze, die an die ersten drei Gebote gebunden sind, verlieren ihre Bedeutsamkeit. Als gemeinsames Erbe verbinden und unterscheiden die Zehn Gebote gleichermaßen: Aus dem Bundesschluss, der als Rechtsvorschrift ein Volk in Gott zusammenhielt, wurde ein universaler Leitfaden für ein gottesfürchtiges und gerechtes Leben.

I

Ich bin Jahwe, dein Gott.

Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Der erste Satz gehört im Judentum zum ersten Gebot. Im Christentum gilt er auch als Präambel zu den folgenden Geboten. Der Wandel zur Vorstellung eines einzigen universalen Gottes (Monotheismus) heraus aus einem Umfeld, das sehr viele verschieden Götter kannte (Polytheismus), vollzieht sich in den Texten des Alten Testaments nicht geradlinig. Der Gedanke an „den einen“ Gott war in der antiken Welt so befremdlich, dass es mehrere Jahrhunderte lang dauern sollte, bis er sich durchsetzen konnte: Erst um das 6. Jh. v. Chr. werden monotheistische Tendenzen deutlicher. Der Vorteil von JHWH, dem Lokalgott der Israeliten: Er benötigte weder Priester noch Tempel oder teure Ebenbilder. Er war so persönlich mit den Menschen verbunden, dass er sogar eifersüchtig war. Das Alte Testament begreift Gott klar als Person. Es spricht vom Glauben an einen lebendigen Gott, der in das Leben seines Volkes eingreift, Ansprüche stellt, aber stets aus Sorge und Liebe am Menschen handelt.

II

Du sollst dir kein Gottesbildnis machen.

Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.

Mit der Erzählung vom Goldenen Kalb im Buch Exodus (Ex 32) wird Bilderverehrung im biblischen Kontext erstmals als Sünde verstanden. Es handelt sich nicht um ein Kunstverbot, sondern nach Dtn 5 um ein Kultbildverbot, das in engem Zusammenhang mit dem Fremdgötterverbot steht: Bilder haben teil an der Konkurrenz zwischen Göttern. Grundsätzlich wird die Vorstellung der Gegenwart Gottes im Bild untersagt.

Das Namensmissbrauchsverbot beruht auf dem wesenhaften Zusammenhang, in dem Name und Sache in der Antike standen. Das Verbot sichert die Freiheit Gottes, indem es dem Menschen untersagt, den Namen Gottes in frommer Heuchelei für eigene Zwecke zu missbrauchen. JHWH ist für das Volk Israel gegenwärtig – nicht als einer von vielen, nicht im Kultbild, sondern im Namen. Der Missbrauch seines Namens geschieht auch und vor allem da, wo Menschliches vergöttert wird und der Mensch sich an Stelle Gottes setzt.

III

Beachte den Sabbat und halte ihn heilig.

Die ersten drei Gebote sind formal als direkte Gottesrede überliefert. Ein Alleinstellungsmerkmal für diese Botschaft des Dekalogs: Der Wille Gottes wird dem Volk Israel ohne Moses als Mittler offenbart.

Vor allem die Fassung des Sabbatgebots unterscheidet die Zehn Gebote im Deuteronomium. Nicht mit Gottes Ruhe nach der Schöpfung wird es begründet, sondern damit, dass Gott sein Volk Israel beim Auszug aus Ägypten befreit hat. Für das Volk Israel ist der Sabbat neben der Beschneidung und dem Regenbogen das dritte Zeichen für den Bund, den Gott mit ihm geschlossen hat.

Deutlich spürbar wird die Macht des Dekalogs an der Wirkung dieses Einzelnen, wenn auch heute noch Menschen weltweit, Millionenstädte oder die Börse am wöchentlichen Ruhetag innehalten: freitags im Islam, samstags im Judentum, sonntags im Christentum.

IV

Ehre deinen Vater und deine Mutter.

Das erste Sozialgebot richtete sich ursprünglich an die erwachsenen Kinder, denen so die Verantwortung und Pflege für die gealterten Eltern übertragen wurde. Dieser Generationenvertrag bedeutete eine überlebensnotwendige Altersvorsorge, wobei die Pflichten der Kinder im Vordergrund standen. Aus dem ehemals ökonomischen ist in der Gegenwart ein hauptsächlich soziales Gebot geworden, das die Familie stärkt, ein Altern in Würde meint und eine neue Gegenseitigkeit enthält.

V

Du sollst nicht morden.

Die objektlose Kürze des fünften Gebots verlangt eine unbedingte Ehrfurcht vor dem Leben. Das universal gültige Tötungsverbot beinhaltet alle Verhaltensweisen, die direkt oder indirekt den Tod eines anderen Menschen veranlassen. Ursprünglich war das Gebot hauptsächlich auf vorsätzlichen Mord und Totschlag im Affekt bezogen sowie auf Handlungen mit möglicher Todesfolge. Es kann für die Gegenwart bedeuten, Krieg zu bekämpfen und das Leben zu schützen.

VI

Du sollst nicht die Ehe brechen.

Im Alten Testament beruht die Ehe nicht auf Gegenseitigkeit: In einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur ist der Mann das handelnde Subjekt, Polygamie üblich, die Ehe keine Privatangelegenheit. Ehemals schützte das biblische Verbot die Familie vor illegalen Erbberechtigten, da das Überleben von Großfamilien von ihrem Grundbesitz abhing. Gemeint war ursprünglich also nicht eheliche Treue im moralischen Sinne. Aus der Institution zur gegenseitigen Versorgung und zum Großziehen der Kinder ist die Ehe heute in Europa zur Liebesbeziehung geworden, deren Verantwortungsverhältnisse nicht statisch sind und in der die Frau gleichberechtigte Partnerin ist.

VII

Du sollst nicht stehlen.

Sich das Eigentum des Anderen nicht widerrechtlich anzueignen bedeutet die Achtung von Mein und Dein, dem Anderen seine Lebensgrundlage nicht zu nehmen, die Kategorien von Arm und Reich nicht auszunutzen und hinzunehmen. Das siebte Gebot schützt das Eigentum und betont die Eigenverantwortung des Einzelnen. Die katholische Soziallehre hat das zu einem ihrer Grundsätze gemacht und bereitete damit den Boden für den Sozialstaat der Bundesrepublik Deutschland.

VIII

Du sollst nichts Falsches gegen deinen Nächsten aussagen.

IX

Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen …

X

… und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.

Die letzten Gebote schützen die Lebensgrundlage des Menschen, vor Gericht und vor dem Neid der Anderen. Die Formulierung des achten Gebots sowie die Tatsache, dass keine allgemeine Verpflichtung auf die Wahrheit enthalten ist, zeigt an, dass es auf den öffentlichen Bereich des Gerichts zielt. Dort konnte ein lügender Zeuge leicht ein Todesurteil besiegeln.  Ein falsches Zeugnis von sich selbst und anderen im privaten Bereich ist schnell gegeben. Umso mehr Mut erfordert es, dieses Gebot zu halten und Ehrlichkeit walten zu  lassen. Das achte Gebot hält dazu an, sein Leben ohne Lügen zu gestalten.

Bedeutung des Dekalogs

Der Dekalog im Ganzen ist geprägt von einer intensiven und unauflöslichen Verbindung von Glauben und Ethik. Die Formulierung ist zwar allgemein, es handelt sich nicht um konkrete Rechtssätze mit Konsequenzen. Dennoch wird ein Ethos verfasst, das jeden Menschen in die Pflicht nimmt – im präventiven Sinne von Verhaltensregeln, die das menschliche Zusammenleben ordnen. Gott selbst autorisiert im Alten Testament dieses Gesetz. Die biblischen Gebote können keine exekutive Macht ausüben, sie bedürfen der freiwilligen Annahme. Damit bilden sie die Basis für ein Gemeinwesen, das auf dem Prinzip der Freiheit beruht. Fast 3000 Jahre nach Entstehung der Zehn Gebote und unzähligen Malen, in denen sie gebrochen wurden, bestehen sie noch immer, „in ihrer scheinbaren Ohnmacht, als Bollwerk der Menschlichkeit gegen ihre Zerstörer, als Anklage und Waffe der Machtlosen gegen die Tyrannen, als Instrument der Selbsterkenntnis für alle, die glauben, alles besser zu wissen und richtig zu machen.“ (Notker Wolf)

Die Zehn Gebote in der Gegenwart

Erst mit Martin Luthers Katechismus, der den Dekalog in seiner über Konfessionsgrenzen wirkmächtigen Sprache formuliert, beginnt die breite Rezeption der Zehn Gebote als ein Kerntext des Christentums.

Die Bedeutung der Gebote JHWHs hat die Zeit überdauert: Der Dekalog bildet Regeln jenseits aller Ideologien, gibt innere Orientierung, ist anti-diktatorisch, anti-egoistisch. Auch und gerade deswegen sind die Zehn Gebote ein Wegweiser, der alle christlichen Konfessionen und sogar die Weltreligionen verbindet. Als Grundlage im Gespräch mit dem Islam finden sich im Koran (Sure 6,151 und Sure 17) deutliche Parallelen zu den jüdisch-christlichen Sozialgeboten. So entsteht ein kleinster gemeinsamer Nenner für ein Leben in Achtung vor Gott, in Menschlichkeit und unbedingtem Respekt vor dem Anderen.

Was schließlich für die Gegenwart feststeht, ist die Verankerung der Zehn Gebote in den Menschenrechten. Die weltweite Verbreitung, die der Dekalog bis hierher erfahren hat, machte ihn in seiner faszinierenden Erfolgsgeschichte zu einem Maßstab für richtiges und falsches Verhalten über Jahrtausende.

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