Predigt zu LaetareDas kleine Osterfest

Jesaja 66,10-14, Laetare

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Gemeinde,

„Freuet Euch!“, ruft der Prophet. Ergreift Euer Leben. Lasst es nicht fahren. Stärkt euch und fangt an.

„Na, Du hast gut reden!“, denke ich. Wie denn? Und wie ich das denke, gehen meine Erinnerungen zurück.

Was für ein himmelweiter Unterschied: Es ist der Sonntag Laetare. Die Kirche füllt sich nach und nach. Junge und Alte. Große und Kleine. Strahlendes Wetter geht durch den Tag. Aber es liegt eine gewisse Anspannung über dem Raum. Viel Aufregung. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere. So war das nämlich genau vor einem Jahr. Ein neues Leben.

Da kamen die Christus-, die Luther-, und die Markusgemeinde hier in der Kirche zusammen und besiegelten ihren Zusammenschluss. Ja, die Kirche war voll, froh über den Weg, der bis dahin gegangen worden war, neugierig und abwartend bis skeptisch gespannt auf das, was in der nächsten Zeit kommen würde. Solches aber hatte niemand im Plan.

Heute nämlich ist es ganz anders. Ich stehe in derselben Kirche und vor mir liegt gähnende Leere. Kein Mensch ist gekommen. Kein Mensch konnte kommen. Es ist 10 Uhr am Morgen. Die Kirche ist geschlossen. Ja, Ihr Lieben daheim, die Zeit ist eine andere geworden.

Ich habe unter der Woche viel darüber nachgedacht, wann es wohl das letzte Mal war, dass Gottesdienste als öffentliche Versammlungen untersagt waren. Ich habe in meinen Büchern nichts dazu gefunden. Meine Vermutung geht in die Jahrhunderte.

Daran lässt sich ermessen, welch tiefer Einschnitt das ins Leben dieses Landes ist und eben nicht nur in unserer Gemeinde. Jedenfalls seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so hat es die Bundeskanzlerin diese Woche im Fernsehen gesagt, hat es das nicht gegeben.

Nun haben wir in diesen letzten Tagen aus der Not eine Tugend gemacht und versucht, das Leben dieser Gemeinde weiterzuführen. Nur, wie tut man das, wenn man als Kirche mit einem einzigen Grundprinzip auf Notlagen reagiert? Das Prinzip heißt ja Gemeinschaftsbildung. Gemeinschaft mit Gott aber eben auch untereinander. So hat das ein Kollege von mir dieser Tage sehr hellsichtig gesagt: „Die Kirche rückt in schwierigen Zeiten zusammen. Das liegt ihr von Anbeginn in der DNA. Aber das geht ja jetzt nicht.“ Eine riesige Herausforderung.

Ein Ergebnis der Überlegungen dieser Zeit ist der Gottesdienst hier, wie ihn ganz viele Gemeinde gerade feiern. Wir versuchen Vertrautheit zu erhalten, die bekannten Gesichter und Klänge nahe zu bringen und mit Ihnen auch über die Entfernung in Kontakt zu kommen. So wie es unserer Kirche eben entspricht.

Vielleicht sorgt das für ein bisschen Licht in der Dunkelheit dieser Woche. Vielleicht sorgt das sogar für Freude gegen die Unruhe und die Sorge dieser Zeit. Vielleicht blüht da etwas auf, von dem wir in den nächsten Jahren noch sehr profitieren werden.

Es ist Laetare. „Freuet Euch!“ Landläufig wird dieser Sonntag auch das kleine Osterfest genannt. Mitten in der Passion. Wir spüren, wie auch in der größten Not das Licht nicht vergeht, sondern scheint. Das Leiden Jesu schreitet voran. Das Licht des Lebens aber wird mit jedem Schritt heller und klarer. Das ist jedenfalls Gottes Zusage.

Nun sagen Sie aber vielleicht: „Pustekuchen. So ein Quatsch. Ich sitze hier zuhause. Ich bin allein. Oder: Meine Kinder turnen mir auf dem Kopf rum, weil die halt rausmüssen und Bewegung brauchen. Ich seh da überhaupt kein Licht. Ich sehe eher: Die Dunkelheit steigt weiter.

Stehen wir, liebe Gemeinde, vielleicht erst am Abend und der Morgen ist noch weit weg? Krähen die Raben vielleicht erst die Nacht herbei und der helle Morgengesang der Amsel ist mir kaum noch in Erinnerung?“

„Freuet Euch!“, ruft der Prophet in diesen Tag hinein. Gegen alle Wahrscheinlichkeit der Welt. Gegen alle Erfahrung. Für Israel war das nämlich auch so. Damals. Über 2500 Jahre her. Die einen saßen in Babylon, weg geführt aus dem vertrauten Leben. Die andern saßen in der alten Heimat unter dem Druck der Besatzer. Jedenfalls aber getrennt in wirklich heilloser Zeit. Keine Möglichkeit gemeinsamer Gottesdienste. Keine Möglichkeit wirklich gemeinsamen Lebens. Keine Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten. Kein Streaming ins Internet. Kein Telefon und keine E-Mail.

Was aber hält den Menschen in solcher Zeit? Trennung. Dunkelheit. Fragen. Was hält Sie und mich?

[Kerze entzünden]

Es ist Laetare. Das kleine Osterfest. Mitten in der Passion. Ein kleines Licht leuchtet. Schon jetzt. Gott ist da.

Uns hält die Hoffnung auf eine andere Welt. Uns hält der Glaube auf ein besseres Leben. Uns hält die Liebe, die Gott segnend schenkt. Unsichtbar in jedes einzelne Herz gepflanzt wie ein Weizenkorn. In die Seele gewachsen. So bringt sie Frucht.

Diese Liebe geben wir weiter. So hat es Israel erfahren. Damals. Am Ende steht der frohe Gesang des Propheten. Sein Aufbruch in die Zukunft. „Freuet Euch!“

Dieses kleine Licht sagt: Ostern kommt, auch wenn es jetzt noch weit weg ist. Gott lebt. Wir leben in ihm. Voller Hoffnung und Glauben. Voller Liebe. Mit seinem Segen bewahrt für Zeit und Ewigkeit.

So halten wir heute an diesem Tag und in dieser Zeit Gottes Liebe für uns gemeinsam fest, schreiben uns gegenseitig, telefonieren, beruhigen die Ängstlichen und vergessen die nicht, die unter dem Druck der Zeit ins Wanken geraten. Die Einsamen. Die Angeschlagenen. Die Inhaber geschlossener Geschäfte, Kinos und Gaststätten. Die Angestellten in Kurzarbeit. Diejenigen, die bangen um ihren Job, um ihre wirtschaftliche und finanzielle Sicherheit. Die vielen Kinder und ihre Familien zuhause. Die Kranken. Die Menschen, die in den Krankenhäusern ihre Arbeit tun. Unsere Sterbenden.

Ich habe gelernt in dieser Woche, wie kreativ wir sein können, wenn wir die angestammten Wege verlassen. Es geht. Wir tun es ja schon.

Freuet Euch! Ergreift Euer Leben. Lasst es nicht fahren. Stärkt euch und fangt an.

Es bringt viel Frucht. Denn Gott, der Herr, ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Amen.

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